Ausgelöst durch die revolutionäre Erfindung des neuartigen Sprengstoffs Dynamit durch Alfred Nobel (1833-1896) im Jahr 1866, entwickelten sich einige dieser handwerklichen Betriebe zu Produktionsstätten mit industrieller Fertigung weiter. Wenn auch gerne im Hintergrund agierend, stellt sein Unternehmen Alfred Nobel & Co. (später Dynamit AG bzw. DAG), das über seine vielfältigen Verflechtungen Einfluss auf viele Sprengstoffproduzenten hatte, einen zentralen Akteur im Rheinland dar.
Umfassende Recherchen des Leichlinger Experten Friedrich Trimborn, die der Angabe folgten, in Deutschland habe es bis 1918 „maximal 279“ Explosivstoff-Fabriken gegeben, erbrachten eine Gesamtzahl von mehr als 350, davon eine Vielzahl im Bereich von Köln, Leverkusen und dem Bergischen Land (Trimborn 2002; hier und nachfolgend grundlegend).
Im Bergischen Land nimmt sich ein Schwarzpulver-Museum in der Wipperfürther Villa Ohl, einst Wohnhaus der Sprengstoff-Fabrikanten Cramer & Buchholz, dem Thema der regionalen Pulverindustrie an. In der Chemiestadt Leverkusen, die einst mit sechs Dynamit-Fabriken ein führender Standort der Sprengstoffproduktion war, widmete sich 2024 eine Ausstellung „Leverkusen explosiv“ der Geschichte des Themas (stadteschichte-lev.de).
Schwarzpulver
Schießbaumwolle und Nitroglycerin
Sprengstoffproduktion nach der Erfindung von Dynamit 1866
Alfred Nobel, sein Dynamit und der Nobelpreis
Internet, Literatur
Schwarzpulver
Alle Sprengstoffe funktionieren nach dem gleichen chemisch-physikalischen Prinzip: Durch das Zünden verwandelt sich ein explosiver Stoff in Sekundenbruchteilen zu Gas und dehnt sich dabei tausendfach aus - die erwünschte Sprengwirkung.
Über 500 Jahre wurde dazu Schwarzpulver benutzt, eine auch als Schießpulver oder Büchsenpulver bezeichnete Mischung aus Salpeter (meist Kalisalpeter bzw. Kaliumnitrat, selten Natriumnitrat), gemahlener Holzkohle (Pulverholz) und Schwefel. Schwarzpulver war wohl bereits im 11. Jahrhundert im Kaiserreich China bekannt und gelangte im Mittelalter über Handelskontakte über den arabischen Raum nach Europa. Bis heute wird seine Entdeckung gerne einem Mönch namens Berthold Schwarz zugeschrieben, der es Mitte des 14. Jahrhunderts durch Zufall entdeckt haben soll. Inzwischen gilt Schwarz aber als fiktive Gestalt und die ihm zugeschriebene Erfindung als Legende. Urkundlich werden Schwarzpulvermühlen erstmals um 1405/35 im Raum Nürnberg fassbar.
Seit dem Aufkommen des Schwarzpulvers wurde mit diesem auch „Lustfeuerwerkerei“ betrieben, wobei es keine eigenständigen pyrotechnischen Fabriken mit alleiniger Herstellung von Raketen, Leucht- und Knallkörpern gab. Die Produktionsstandorte befanden sich gerne nahe Residenz- oder Badeorten, wo häufig Großfeuerwerke abgebrannt wurden, oder an der Küste, wo Signalmittel für die Schifffahrt benötigt wurden (Trimborn 2002, S. 7-10).
Davon, dass die Herstellung, der Transport, die Lagerung und nicht zuletzt natürlich auch die Anwendung des Schwarzpulvers alles andere als ungefährlich war, zeugen zahlreiche Explosionsunglücke, die meist auch Todesopfer zur Folge hatten:
- Im Jahr 1518 ereignete sich eine verheerende Explosion von Schwarzpulver auf der auch als Amts- und Gerichtsort genutzten Wolkenburg im Siebengebirge, infolge dessen diese unwohnbar wurde und schließlich ganz zur Ruine verfiel.
- Der Zoll- und Pulverturm der Rheinberger Stadtbefestigung wurde 1598 durch eine Explosion im Pulverlager zerstört. Eine erneute Explosion erfolgte 1639, ausgelöst durch Blitzeinschlag.
- In die 1608 für die Herstellung von Schwarzpulver errichtete Pulvermühle in Heinsberg schlug 1652 ein Blitz ein, der eine Explosion auslöste. Die wasserbetriebene Mühle wurde wieder aufgebaut, aber dann 1672 abgebrochen.
- Im Januar 1777 war in den Gebäuden der Kurfürstlichen Residenz Bonn ein Feuer ausgebrochen, das bald große Teile der Schlossanlage in Flammen setzte. Auch durch die Explosion der Pulverkammer bedingt, dauerte es schließlich fünf Tage, bis der Brand gelöscht werden konnte. Dem Brand fielen mindestens 15 Menschen zum Opfer.
- Eine Explosion zerstörte am Nachmittag des 2. März 1803 das Gut Schiff an der Strunde, in dem seit 1762 eine Pulvermühle betrieben wurde. Hierbei starben der 41-jährige Pulvermacher Johann Peter Szuppan und der 20-jährige Lehrbursche Christian Wilhelm Hagemann. Ein weiteres Explosionsunglück ereignete sich hier am 3. Juli 1842, als eine Pulvermühle vermutlich zunächst explodierte und dann abbrannte. Da sich das Unglück an einem arbeitsfreien Sonntag ereignete, waren zum Glück keine Personenschäden zu beklagen.
- Am 6./7. November 1815 ereignete sich in früheren Klostergebäuden der 1803 im Zuge der Säkularisation während der Franzosenzeit (1794-1814/15) aufgelösten Abtei Altenberg eine Explosion, bei der mehrere Gebäude und das Dach des Altenberger Doms zerstört wurden. Seinerzeit war es allgemein üblich, leer stehende Kloster als Werkstätten oder Fabriken zu nutzen. In Altenberg waren die Chemiker Johann Gottfried Wöllner aus Gummersbach und Friedrich Mannes aus Remscheid tätig, die hier den für preußische Uniformen verwendeten Textilfarbstoff „Berliner Blau“ produzierten. Über eine Zwischenstation in Gebäuden des ebenfalls aufgelösten Klosters Dünnwald ließ sich Mannes schließlich in der von dort nur etwa einen Kilometer entfernten Arbeitersiedlung Kunstfeld nieder (vgl. auch Sprengstoff-Fabrik Sternenberg).
- Auch auf einer (Schwarz-) Pulvermühle im Elisenthal bei Windeck kam es wiederholt zu Unfällen. Am 19. Juli 1913 explodierten mehrere Gebäude, wobei ein Arbeiter ums Leben kam. Am 9. Februar 1915 kam es erneut zu einer Explosion, wobei sechs Arbeiter starben, und wiederum am 31. Juli 1915 mit nun drei Toten.
Zu dieser Auswahl und den nachfolgenden Berichten zu Unglücken ist anzumerken, dass häufig wohl lediglich größere Unfälle Eingang in die historische Überlieferung gefunden haben. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, dass es daneben noch eine Vielzahl kleinerer Unfälle mit vielleicht „nur“ ein oder zwei Todesopfern gegeben hat.
Schießbaumwolle und Nitroglycerin
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann zwei neuartige Sprengstoffe bekannt, zum einen die ab 1846 hergestellte faserige Schießbaumwolle (auch Nitrocellulose, Zellulosenitrat oder „rauchloses Pulver“ genannt) und zum anderen das ab 1847 produzierte flüssige bzw. gelatinöse Nitroglycerin („Sprengöl“). Beide haben ein Vielfaches der Sprengkraft von Schwarzpulver und lösten dessen Verwendung bald in weiten Teilen ab. Das erste brauchbare, weil relativ stabile Nitrocellulose-Schießmittel war das von Eduard Schulze erfundene „gelbe Holzpulver“, das dieser ab 1864 in einer Potsdamer Fabrik produzierte, die aber mangels Abnehmern bald wieder schloss (Trimborn 2002, S. 10).
Jedoch kam es auch hier bei der Produktion und der Anwendung immer wieder zu verheerenden Unglücken, da z.B. Nitroglycerin bereits durch den kleinsten Schlag explodiert:
- Am 23. Mai 1914 ereigneten sich gleich mehrere Explosionen in der Dürener Schießwollfabrik, in deren Folge acht Personen starben und weitere verletzt wurden.
Zu der ebenfalls im Lauf des 19. Jahrhunderts fortschreitenden Entwicklung von Feuerwaffen und deren Zündmechanismen hin zur modernen Patrone mit Zündhütchen oder Zündkapsel, die den eigenen Typus der Zündhütchenfabriken zur Folge hatte, vgl. hier.
Sprengstoffproduktion nach der Erfindung von Dynamit 1866
Die Erfindung des Dynamits (von griechisch dýnamis für „Kraft“) durch Alfred Nobel im Jahr 1866 revolutionierte während der Epoche der Industrialisierung nicht nur die Anwendung von Sprengstoffen, sondern auch ganze Industrie- und Wirtschaftsbereiche, darunter auch die Montanindustrie im Bergischen Land und im Ruhrgebiet. Nobels Dynamit gilt bis heute als eine der Entdeckungen, die die Welt nachdrücklich veränderten.
Dynamit gilt mit Bezug auf seine Produktion, Transport und Anwendung als der erste halbwegs sicher zu verwendende Sprengstoff, der zudem durch seine enorme Stärke Sprengungen deutlich effizienter macht. Im Zuge der immens fortschreitenden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war Dynamit im wahrsten Sinne des Wortes bahnbrechend. Im Bergbau und in Steinbrüchen bestand weltweit ein sehr großer Bedarf an potenten Sprengstoffen, um den enormen Bedarf an Eisenerz und Kohle zu decken. Gleiches galt für den Bau von Verkehrswegen, Straßen und Kanälen sowie für den Ausbau von Gleistrassen und Tunneln für die Eisenbahnen.
Nur kurz nach der Erfindung des Dynamits setzte bereits in den ersten Jahren von dessen Siegeszug ab um 1870 eine Konzentrationswelle in der deutschen Spreng- und Munitionspulver-Industrie ein. Im Zuge der zahlreichen Fusionen wechselten auch häufig die Namen der Unternehmen, so dass die Eigentumsverhältnisse gerne unübersichtlich werden (vgl. Gartz 2007, Wilhelm 2008, de.wikipedia.org):
- Mit Hilfe von Kölner Banken entstand 1873 aus zuvor 19 Einzelfirmen die Vereinigten Rheinisch-Westfälischen Pulverfabriken, womit Köln ein wichtiger Standort dieses Industriezweiges wurde.
- Alfred Nobels 1865 gegründetes Unternehmen Alfred Nobel & Co. wurde 1876 in die Aktiengesellschaft Dynamit AG, vormals Alfred Nobel & Co. (DAG) umgewandelt und wandte sich in der Folge auch der Herstellung von Munition, Sprengstoff und Rüstungsgütern für das Militär zu. Die DAG, deren Leitung 1886 von Nobel an Gustav Aufschläger (1853-1934) übergegangen war, expandierte im Deutschen Reich rasch zum größten Pulver- und Munitionsproduzenten. Durch Neugründungen, Übernahmen und Beteiligungen auch in anderen europäischen Ländern wuchs die DAG bis 1918 zum größten europäischen Unternehmen.
- Die größten deutschen Produzenten schlossen sich 1884 unter maßgeblicher Beteiligung und Führung der DAG zu einem „Pulverkartell“ (auch „Pulvergruppe I“) zusammen, das durch Kooperationen und (Preis-) Absprachen den Wettbewerb untereinander unterband. Diesem Zusammenschluss folgten bis 1889 alle größeren deutschen Sprengstoffproduzenten. Das Kartell prägte bis zum Ersten Weltkrieg die Branche.
- Im Jahr 1886 gründete die Kölner Rheinisch Westfälische Sprengstoff AG (RWS) mit der Zündhütchenfabrik „Züfa“ eine Fabrikationsanlage für Sprengkapseln in Troisdorf.
- Über Zukäufe und Fusionen der Pulvermühle Duttenhofer und der Pulverfabrik Rottweil entstand 1890 die Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG (ab 1919 Köln-Rottweil AG mit Sitz im Baden-Württembergischen Rottweil), die ab 1926/31 vollständig in der 1925 gegründeten und später berüchtigten Interessengemeinschaft I.G. Farbenindustrie AG (IG-Farben mit Sitz in Frankfurt am Main) aufging und wiederum später (unter anderem mit dem Waffenhersteller Mauser) zur Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG wurde.
Ab 1900 wurde im Deutschen Reich der Einsatz von Schwarzpulver in Steinkohlebergwerken verboten, von nun an durften nur noch Dynamit oder andere Sicherheitssprengstoffe eingesetzt werden. Aber auch mit dem vermeintlich „sicheren“ Dynamit kam es immer wieder zu Explosionsunglücken, darunter auch in allen drei deutschen Fabriken der Dynamit AG von Alfred Nobel. Gegenüber Kritikern und drohenden Produktionsverboten argumentierte Nobel dabei stets, dass nicht das Dynamit, sondern der leichtsinnige Umgang damit zu den Unfällen geführt habe.
- Am 25. Januar 1870 ereignete sich in der ohne die notwendigen Konzessionen betriebenen Sprengstoff-Fabrik B & F Sternenberg in der Siedlung Kunstfeld in Dünnwald bei Köln eine Explosion, bei der 15 Arbeiter ums Leben kamen.
- Während eine Detonation in der Eiler Dynamitfabrik am 22. Juli 1885 noch ohne Tote oder Verletzte relativ glimpflich ausging, starben bei der Explosion zweier Schiffe bei Emmerich am Niederrhein mit im Porzer Dynamithafen „Polverletsch“ verladenem Sprengstoff am 19. März 1895 13 Personen, darunter fünf Porzer Schiffer. Bei einer Brandkatastrophe in der später von der Zündkapselfabrik Bartsch & Real gepachteten Eiler Fabrik waren 1912 zwei Kinder des Verwalters als Todesopfer zu beklagen.
- Für den Zeitraum zwischen 1884 und 1922 sind alleine für die Dynamitfabrik Wahn gleich 13 Explosionsunglücke mit Dutzenden Toten belegt, darunter eines unmittelbar vor Ende des Ersten Weltkriegs am 9. November 1918, als die Explosion in einem Geschossfüllraum 76 Tote und viele Verletzte forderte.
- 1888 kam es in einer „Patronenbude“ der Sprengstoff AG Carbonit in Schlebusch zu einem Unfall mit drei Toten. 1891 löste ein dortiges Gewitter erneut zwei Explosionen aus, bei dem vier Arbeiter ums Leben kamen. 1926 kam es hier erneut zu einer folgenschweren Explosion, bei der die Fabrik in die Luft flog und 13 Menschen starben.
- Im Jahr 1898 explodierte die Fabrik von Cramer & Buchholz in Marienheide-Gogarten im Bergischen Land, wobei mehrere Menschen getötet wurden.
- 1921 ereignete sich eine folgenschwere Explosion in der Leichlinger Zündwarenfirma Winter & Strunk, bei der die gesamte Fabrik in die Luft flog und 13 Todesopfer zu beklagen waren.
Bereits während des Ersten Weltkriegs hatte die Dynamit AG (DAG) in ihren Werken auch Kriegsgefangene für die Sprengstoffproduktion eingesetzt. Nach dem verlorenen Krieg organisierte das „Pulverkartell“ in veränderter Form eine Bereinigung des Sprengstoffmarktes und seine Demilitarisierung. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags wurden Teile der DAG-Produktionsanlagen demontiert und dem Unternehmen die Produktion von Rüstungsgütern untersagt, so dass man zwischenzeitig auf die Herstellung von Bergwerkssprengstoffen, Sprengkapseln, Zündhütchen sowie Jagd- und Sportmunition auswich.
Anfang 1931 erfolgte die Fusion von DAG, RWS, Dresdner Dynamitfabrik, Deutsche Sprengstoff-AG Hamburg, Rheinische Dynamitfabrik Opladen, Westdeutsche Sprengstoffwerke und Siegener Dynamit-Fabrik (die beiden letztgenannten jeweils mit Sitz Köln) zur neuen Dynamit AG mit Firmensitz in Troisdorf.
Diese nahm zusammen mit der I.G. Farben bereits während der Weimarer Republik erneut eine kartellartige Monopolstellung für die Sprengstoff- und Munitionsherstellung ein, die ab Beginn der NS-Zeit mit der Wiederbewaffnung der Reichswehr (ab 1935 Wehrmacht) und schließlich für die deutsche Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs eine bedeutende Rolle spielte.
Der Verbund der I.G. Farben wuchs in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs - nicht zuletzt auch durch Enteignungen und den massiven Einsatz von Zwangsarbeiter*innen - zum größten Unternehmen in Europa und zugleich zum weltweit größten Chemie- und Pharmakonzern.
Nach dem Krieg wurde die I.G. Farben entflechtet, während die DAG, begünstigt durch die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, recht bald wieder die Produktion von Wehrtechnik und Munition aufnahm. In den 1960er-Jahren hatte die Dynamit AG in der Pulverherstellung wieder die Marktführerschaft in Deutschland erreicht. Mit Bezug auf den allgemein positiv wahrgenommenen ursprünglichen Unternehmensgründer Alfred Nobel wurde die Dynamit-AG 1959 in Dynamit Nobel AG umbenannt. Diese verkaufte ihr Sprengmittelgeschäft ab 2001 und wurde 2004 aufgelöst. Im Werk in Troisdorf wurden noch bis 2008 Zünder produziert, bevor dieses 2008 geschlossen wurde.
Alfred Nobel, sein Dynamit und der Nobelpreis
Der aus einer schwedischen Industriellenfamilie stammende Chemiker Alfred Bernhard Nobel (1833-1896) experimentierte seit 1859 mit Nitroglycerin für Anwendungen im Bergbau, dabei war er zwischen 1860 und 1864 auch im Ruhrgebiet auf der Dortmunder Zeche Dorstfeld tätig. Sein Interesse galt seinerzeit vorrangig der besseren Kontrolle von Sprengungen, wozu er zum 15. Juli 1864 ein erfolgreiches Patent auf die von ihm entwickelten Zünder („Zündhütchen“) anmeldete.
Auch im Zuge von Nobels Experimenten mit Nitroglycerin kam es zu schweren Unfällen, die teils Todesopfer forderten. Bei einer Explosion von 125 Kilogramm Nitroglycerin in einem Laboratorium auf dem Familienanwesen Helenenborg in Stockholm-Södermalm kamen am 3. September 1864 Alfred Nobels Bruder Emil, der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Laufbursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman ums Leben (Alfred Nobel selbst war bei dem Unglück nicht zugegen).
In Hamburg gründete der Unternehmer am 21. Juni 1865 die Firma Alfred Nobel & Co. und baute elbaufwärts auf einem dazu erworbenen 42 Hektar großen Ufergrundstück „auf dem Krümmel“ - heute Krümmel (Geesthacht), Schleswig-Holstein - eine in hohe Erdwälle eingefasste Fabrik. In der ersten Nitroglycerinfabrik außerhalb von Schweden begannen 50 Mitarbeiter im April 1866 mit der Produktion von Sprengstoffen. Noch während der Erprobungsphase kam es 1866 zu einem schweren Explosionsunglück, bei dem das Werk fast vollständig zerstört wurde.
Die Entdeckung des Dynamits soll der Überlieferung nach durch einen Zufall erfolgt sein, als 1866 bei einem Transport eines der Gefäße undicht wurde. Zum Schrecken der Arbeiter tropfte dabei reines Nitroglycerin auf die Ladefläche des Transportwagens, die zum Schutz vor Schlägen mit dem Gesteinsmehl Kieselgur ausgepolstert war - es entstand eine breiige Masse, aber nichts explodierte.
Folgt man hingegen Alfred Nobels eigener Darstellung, sei seine Entdeckung, dass das hochporöse Kieselgur-Pulver mehr nur als ein Dämm- und Füllstoff war, durch gezielte Experimente auf einem Floß in der Elbe vor Tespe erfolgt. Wie auch immer: Nun gelang Nobel endlich die ersehnte Herstellung eines in seiner Handhabung sichereren Explosivstoffes, den er sich 1867 patentieren ließ. Der neue Sprengstoff konnte in großen Mengen produziert werden und war zudem billiger und deutlich stärker als die bisherigen Produkte.
Durch die mit der Industrialisierung einhergehende große Nachfrage nach seinen Sprengstoffen, verdoppelte sich die Produktion in Alfred Nobels Fabrik in Krümmel fast jährlich, 1874 produzierte das Werk erstmals mehr als 3.000 Tonnen Dynamit. Zwei neue Fabriken entstanden in Deutschland (in Berlin und bei Köln), zwei in Großbritannien, fünf weitere in Europa und zwei in den USA. Nobel besaß zeitweise über 90 Dynamit-Fabriken in aller Welt bzw. war maßgeblich an diesen beteiligt. Daneben errichteten Konkurrenten weitere Sprengstoff-Fabriken in Ländern, in denen Nobel seine Patente nicht rechtzeitig gesichert hatte.
Entgegen weit verbreiteter Ansicht waren Alfred Nobels Erfindungen - abgesehen von dem Pulver Ballistit, das für die Schusstechnik von Pistolen und Kanonen verwendbar war - kaum für militärische Zwecke und zur Kriegsführung geeignet. Gleichwohl wurde Nobel immer wieder als der „Kaufmann des Todes“ bezeichnet, der seinen enormen Reichtum damit erworben habe, dass er das Mittel gefunden habe, „mehr Menschen schneller als jemals zuvor zu töten“. Solche Darstellungen entsetzen ihn und er begann sich obsessiv mit der Frage zu beschäftigen, wie ihn die Nachwelt einmal sehen würde.
Mit der Pazifistin und Friedensforscherin Bertha von Suttner (1843-1914), die er seit 1876 über eine kurzzeitige Anstellung als seine Privatsekretärin kannte, diskutierte Nobel in Briefwechseln intensiv über Krieg und Frieden. Hier vertrat er eine Ansicht, die später während des Kalten Krieges als Maxime der Abschreckung prägend für diese Epoche internationaler Politik war:
„Vielleicht werden meine Fabriken die Kriege schneller beenden als deine Friedenskongresse, denn wenn sich zwei gleich starke Armeen gegenseitig in einer Sekunde vernichten können, werden alle zivilisierten Nationen davor zurückschrecken und ihre Truppen auflösen.“
In weiteren seiner vielen erhaltenen Briefe äußerte sich Alfred Nobel allerdings auch mit grob chauvinistischen und rassistischen Aussagen und brachte deutlich seinen Antisemitismus zum Ausdruck.
Alfred Nobel, der kinderlos verstarb, bestimmte schließlich testamentarisch die Gründung einer Stiftung aus seinem Vermögen. Diese hatte den Zweck, aus den Zinsen einen Geldpreis zu vergeben, der denen zugeteilt werden solle, „die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“.
Der seit 1901 vergebene Nobelpreis gilt bis heute in seinen Disziplinen als die höchste Auszeichnung überhaupt. Bertha von Suttner wurde 1905 als erster Frau für ihre Verdienste der Friedensnobelpreis verliehen.
(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)
Internet
geschichte-s-h.de: Dynamit, Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (abgerufen 06.01.2026)
leverkusen.rheinische-industriekultur.com: Dynamit Nobel Sprengstofffabrik (Text Alexander Kierdorf, abgerufen 27.01.2026)
stadtgeschichte-lev.de: „Leverkusen explosiv. Geschichte der Sprengstoffproduktion“, Gemeinschaftsausstellung des Bergischen Geschichtsvereins und der Stadtgeschichtlichen Vereinigung, 16. Juni bis 25. August 2024 (abgerufen 30.01.2026)
de.wikipedia.org: Dynamit Nobel (abgerufen 06.01.2026)
de.wikipedia.org: Alfred Nobel (abgerufen 06.01.2026)
porzerleben.de: Dynamitfabrik Lind (abgerufen 14.01.2026)