Dürener Schießwollfabrik

Schießwolle-Fabrik Petry & Fallenstein, später Werk der Deutsche Sprengstoff AG, Nobel-Film GmbH

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Archäologie
Gemeinde(n): Düren
Kreis(e): Düren
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 47′ 51,77″ N: 6° 27′ 51,19″ O 50,79771°N: 6,46422°O
Koordinate UTM 32.321.304,32 m: 5.630.395,36 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.532.772,36 m: 5.629.245,66 m
Die Dürener Schießwollfabrik wurde 1881 zur Versorgung der Montanindustrie mit Nitrozellulose-Schießwolle errichtet. 1914 forderten Explosionen in der später ergänzten Produktion von Zelluloidfilm acht Todesopfer und zahlreiche Verletzte.

Die Schießwollfabrik Düren
Die Fabrik wurde 1881 von der im Jahr zuvor in Düren gegründeten Firma Petry & Fallenstein zur Versorgung der Montanindustrie mit Schießwolle errichtet.
Der Begriff „Schießwolle“ bzw. „Schießbaumwolle“ wird umgangssprachlich für Nitrocellulose (NC, auch Nitrozellulose, Zellulosenitrat, Cellulosenitrat) verwendet, die seit 1846 hergestellt wird. Bei der Verbrennung der weißen, faserigen, geruch- und geschmacklosen Schießbaumwolle entsteht im Gegensatz zum Schwarzpulver kein Rauch, sodass diese auch „rauchloses Pulver“ genannt wurde (Hoppe 2019).

Der Leichlinger Sprengstoffexperte Friedrich Trimborn (2002) berichtet zu der Dürener Produktion: „Erzeugt wurde NC aller Art, neben Schießwolle zur Herstellung von Preßpatronen für Bergwerke auch Kollodiumwolle für die rheinischen Dynamitfabriken. Die Schießwollepatronen sollten 1884 durch den von H. Petry und O. Fallenstein erfundenen Sprengstoff 'Vindit' ersetzt werden, wozu eine eigene Sprenggealtinefertigung aufgenommen werden sollte.“
Auch weil das Werk eine Konkurrenz für die etablierten Dynamitfabriken war, wurde es vermutlich 1884 von der Hamburger Deutsche Sprengstoff AG (DSAG) aufgekauft. Unter dem alten Namen wurde die ebenfalls zur DSAG gehörende Dynamitfabrik Wahn versorgt, ab 1886 mit hier gepressten Pirkinsäureladungen (ebd.).
In Akten wurde das Werk auch unter dem Namen Hamburg-Schießwoll-Fabrik Gürzenich geführt (Hoppe 2019).

Im Auftrag des Kartellverbands unter Führung der Dynamit AG (zu diesem  „Pulverkartell“ vgl. hier) wurde überschüssige Nitrocellulose über eine 1908 gegründete Kino-Film Co. GmbH Düren verwertet. Die Nitrocellulose wurde für die Herstellung des damals gebräuchlichen und extrem brandgefährlichen Zelluloidfilms genutzt und das Werk wohl um 1910 noch um eine Kopieranstalt und ein Filmatelier erweitert (Trimborn 2002). In diesem Teil der Fabrik forderte am 23. Mai 1914 eine Reihe von Explosionen acht Todesopfer und zahlreiche Verletzte.
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Die Produktion von Schießwolle wurde vor allem während des Ersten Weltkriegs fortgesetzt, eine Erweiterung erfolgte noch 1917/18 (Hoppe 2019). Während des Ersten Weltkriegs waren in dem Werk vermutlich bis zu 1.500 Menschen beschäftigt, die Schießbaumwolle produzierten und aus von der Wahner Dynamitfabriken angelieferten TNT- und Pikrinsäure-Sprengstoffen militärische Sprengladungen pressten.
„Nach Kriegsende wurde die Fertigung von Collodiumwolle sowie von Kinofilmmaterial wieder aufgenommen, die Filmproduktion aber schon 1920 unter gleichzeitiger Umfirmierung in Nobel-Film GmbH, Jülich in die ehem. Kunstseidenfabrik Jülich verlegt.“ (Trimborn 2002)
Im Jahr 1926 ging das seit 1924 nur noch zeitweise tätige Dürener Werk in der 1925 gegründeten und später durch ihre Verstrickung in NS-Kriegsverbrechen berüchtigten Interessengemeinschaft I.G. Farbenindustrie AG (IG Farben) auf.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Düren fast völlig zerstört, darunter auch die früheren Fabrikanlagen der Schießwollfabrik.

Lage, Objektgeometrie
Auf den historischen Karten der zwischen 1891 und 1912 erarbeiteten Preußischen Neuaufnahme findet sich auf halber Strecke zwischen Düren und Gürzenich (seit 1972 Dürener Stadtteil) eine „Schiesswoll-Fbr.“ eingezeichnet. Die Preußische Uraufnahme (1836-1850) zeigt das Gelände zwischen der Aachener Landstraße (heute Valencienner Straße) und der Mariaweilerstraße noch unbebaut, während die topographischen Karten TK 1936-1945 hier lediglich noch ein „T“ zeigen (womöglich für einen verbliebenen Teich, vgl. Kartenansichten).
Das Areal grenzt unmittelbar an den Lendersdorfer Teich, einen der parallel zur Rur angelegten Gräben bzw. Mühlenteiche, die zum Antrieb von Mühlen bzw. Wasserrädern von Fabriken dienten und gleichzeitig Brauchwasser zur Verfügung stellten.

Die Gebäude der Fabrik sind heute nicht mehr erhalten, so dass sich obertägig keine Relikte der Fabrik erhalten haben (Hoppe 2019). An das Werk erinnert heute noch der Straßenname An der Pulvermühle.
Die hier eingezeichnete Objektgeometrie folgt der Preußischen Neuaufnahme, weitere Hinweise zur früheren Lage des Werks sind willkommen!

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026 / Vorarbeiten im Rahmen des Verbundprojekts „1914 - Mitten in Europa“ von Wiebke Hoppe, LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, 2019)

Internet
de.wikipedia.org: Cellulosenitrat (abgerufen 06.03.2026)
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Literatur

Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 77-78, Köln.

Dürener Schießwollfabrik

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Mariaweilerstraße / An der Pulvermühle
Ort
52349 Düren - Gürzenich
Fachsicht(en)
Archäologie
Erfassungsmaßstab
Keine Angabe
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1880 bis 1881, Ende nach 1926

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„Dürener Schießwollfabrik”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-106835-20141103-3 (Abgerufen: 14. März 2026)
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