Dynamitfabrik Wahn der Deutschen Sprengstoff AG

Excelsior-Fabrik, Dynamitfabrik Lind / Linder Höhe

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 51′ 4,65″ N: 7° 06′ 48,55″ O 50,85129°N: 7,11349°O
Koordinate UTM 32.367.206,16 m: 5.634.983,98 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.578.456,17 m: 5.635.694,67 m
  • Ein Wasserturm der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Ein Wasserturm der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Wohn- und Fabrikgebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Wohn- und Fabrikgebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Ein Wohngebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind, vermutlich eine frühere Fabrikantenvilla (2026).

    Ein Wohngebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind, vermutlich eine frühere Fabrikantenvilla (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Ein Wohngebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind, vermutlich eine frühere Fabrikantenvilla (2026).

    Ein Wohngebäude der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind, vermutlich eine frühere Fabrikantenvilla (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Wasserturm auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Wasserturm auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Wasserturm der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Wasserturm der ehemaligen Dynamitfabrik Wahn auf der Linder Höhe in Köln-Lind (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Lageplan "Camp Wahnheide": Kaserne und Schießplatz Wahn 1955 gegen Ende der Nutzung durch die britische Royal Air Force (2019). Rechts der Bildmitte liegt der Bereich der Scheuermühle und wiederum rechts davon das Areal der Dynamitfabrik Wahn.

    Lageplan "Camp Wahnheide": Kaserne und Schießplatz Wahn 1955 gegen Ende der Nutzung durch die britische Royal Air Force (2019). Rechts der Bildmitte liegt der Bereich der Scheuermühle und wiederum rechts davon das Areal der Dynamitfabrik Wahn.

    Copyright-Hinweis:
    Landschaftsverband Rheinland / Knöchel, Franz-Josef
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Die Dynamitfabrik wurde historisch nach dem seinerzeitigen Bürgermeistereiort Wahn benannt, ihr Areal befindet sich jedoch im Bereich des heutigen Stadtteils Köln-Lind, unmittelbar westlich des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zwischen 1883 und 1926 wurden hier Zünd- und Sprengstoffe produziert sowie während des Ersten Weltkriegs auch militärische Rüstungsgüter.
Vor Ort befinden sich als Spuren der Dynamitfabrik Wahn auf deren einstigem Gelände verteilt noch ein großer Wasserturm und vier Wohngebäude, von denen eines offenbar als Fabrikantenvilla des Direktors oder Geschäftsführers diente (Linder Höhe Nr. 4).

Frühe „explosive“ Aktivitäten auf der Linder Höhe, die „Excelsior-Fabrik“
Gründung der Dynamitfabrik und erste Betriebsjahre
Unfälle und Explosionsunglücke
Militärische Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
Lage, Objektgeometrie
Baudenkmale
Quelle, Internet, Literatur

Frühe „explosive“ Aktivitäten auf der Linder Höhe, die „Excelsior-Fabrik“
Der Darstellung des Porz-Wiki zufolge geht das dort später als Dynamitfabrik Lind geführte Werk auf die Brüder Gerhard und Alfred Carstens zurück, die um 1880 ein zuvor von der Mülheimer Drahtseilfabrik Felten & Guilleaume genutztes Grundstück auf der Linder Höhe kauften, um dort eine Fabrik zur Herstellung von Explosivstoffen zu errichten (porzerleben.de).

Die umfassenden und auch nachfolgend grundlegenden Recherchen des Leichlinger Sprengstoffexperten Friedrich Trimborn (2002) führen zu der demnach ungenauen Vorgeschichte an, dass 1879 ein Jean Schwarz aus Vochem (heute ein Stadtteil von Brühl) beabsichtigte, in Linderhöhe eine Zündsatzfabrik „Excelsior“ zu errichten (möglicherweise in der Seilerei von Felten & Guilleaume) und zum 5. Februar 1880 die Konzession zur Zündholzherstellung erhielt.
Daneben beantragte auch der Inhaber der bereits 1858 in Kalk begründeten Sprengmittelfabrik Josef Engels zum 4. April 1881 eine Genehmigung zum Betrieb einer Dynamitfabrik in der damaligen Bürgermeisterei Heumar — möglicherweise in Lind: „Was draus geworden ist, ist unbekannt. Doch könnte die Konzession womöglich für die Dynamitfabrik Linderhöhe genutzt worden sein, die von der Kölner Dynamitfabrik [gemeint ist offenbar die Dynamitfabrik Opladen, Verf.] aus geplant und vermutlich auch errichtet worden ist.“

Der Zeitpunkt dieser Aktivitäten liegt in der Phase eines regelrechten Dynamit-Booms, den Alfred Nobels Entdeckung 1866 ausgelöst hatte. Der revolutionäre Sprengstoff hatte während der Epoche der Industrialisierung weltweit ganze Industrie- und Wirtschaftsbereiche nachhaltig verändert. In den Jahrzehnten vor der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden (und verschwanden teils auch rasch wieder) zahlreiche Sprengstofffabriken, die an dem Boom teilhaben wollten.
Allgemein werden die jeweiligen Geschichten der Sprengstoffunternehmen und -fabriken meist unübersichtlich, da es zahlreiche Verflechtungen der Produzenten durch gegenseitige Beteiligungen, Fusionen, Übernahmen und damit einhergehende Umbennenungen gab. Die meisten der Unternehmen gingen in das 1884 begründete und von der Nobelschen Dynamit AG (DAG) dominierte „Pulverkartell“ ein (vgl. dazu ausführlicher hier).
nach oben

Gründung der Dynamitfabrik und erste Betriebsjahre
Das vor Ort auch weiterhin „Excelsior-Fabrik“ genannte Werk wurde von der 1882 gegründeten Hamburger Deutsche Sprengstoff-Actien-Gesellschaft (DSAG) übernommen, die zum 1. Juli 1883 die notwendigen Konzessionen für den Betrieb erhielt. Laut dem Porz-Wiki wurden die Gebrüder Carstens Aktionäre der DSAG: „Das Werk selber wurde durch Spezialisten der Kölner Dynamitfabrik errichtet und dann auch geleitet. Bereits in den Jahren 1884/85 vergrößerten weitere Gebäude die Fabrik erheblich. Die allgemein einfach Dynamitfabrik Wahn genannte Fabrik verfügte über ein eigenes Wasserwerk.“ (porzerleben.de)
Trimborn führt dazu an, dass das Wahner Werk unter der Leitung des DSAG-Direktors und Geschäftsführers Dr. Carl Max Hermann Bielefeldt (1854-1927) betrieben wurde. Der Sprengstoffchemiker und Industrielle war zuvor leitend in der Dynamitfabrik Gebr. Krebs & Cie. in Eil tätig gewesen und wirkte ab 1889 als Konzessionär des Werks der Deutsche Sprengkapselfabrik AG in Dellbrück.
Die das Wahner Werk führende DSAG ging 1886 im Kartell des Nobel Dynamite Trust auf.

Zunächst produzierte man in dem 1884/85 um Magazinbauten und weitere Fabrikationsstätten erheblich erweiterten Werk Wahn nur Dynamite. Nach der Einstellung der Produktion in der Fabrik in Eil wurde von dort wohl die Fertigung von Nitroglycerin-Ammonnitrat-Sprengstoffen (Ammongelite, Ammonite) übernommen.
Offenbar in Nachfolge der zuvor von einer Hamburger Sprengstoff-Gesellschaft Kosmos aufgekauften Schießwollfabrik Düren fertigte das Werk dann ab 1886 auch Pikrinsäure, welche die Eigenschaften von Sprengstoff aufweist. Dem Porz-Wiki zufolge gehörte die Dynamitfabrik Wahn dann ab 1892 ebenfalls zur Hamburger Kosmos (kein Hinweis dazu bei Trimborn; eventuell temporär im Rahmen des Kartells?).
Aus unbekannten Gründen wurde auch in Wahn zwischen Herbst 1903 und Anfang 1904 die Fertigung eingestellt. Ein geplanter Verkauf von 15 Hektar der Betriebsflächen an die Militärverwaltung zum Zweck der Produktion des damals neuen Explosivstoffs Trinitrotoluol (TNT), der später auch als Standardsprengstoff von Bomben verwendet wurde, kam um 1906/07 nicht zustande.

Dem Eisenbahnforum drehscheibe-online.de zufolge verkehrte auf dem Fabrikgelände eine 1911/12 erbaute Dampfspeicherlok Typ Esslinger 3654 B-fl auf einer Art werkseigener Feldbahn. Deren Gleise finden sich bereits auf Messtischblatt-Karten von 1907 dargestellt, während die Fabrik 1908 offenbar noch nicht über einen Gleisanschluss nach außen bzw. an die Rundstrecke der Militäreisenbahn des benachbarten Schießplatzes Wahn verfügte.
nach oben

Unfälle und Explosionsunglücke
Für die Zeitspanne zwischen 1884 und 1922 sind für die Wahner Dynamitfabrik gleich 13 schwere Explosionsunglücke mit Dutzenden Toten belegt. Obgleich ab Beginn des 20. Jahrhunderts viele Änderungen in den Produktionsverfahren die Sicherheit erheblich verbesserten, kam es dennoch immer wieder zu tragischen Unfällen.
Trimborn berichtet von zwei Explosionen mit Toten und Verletzten am 22. April 1900 und am 24. September 1900 sowie einer weiteren schweren Explosion ohne Personenschäden am 20. September 1907. Zu diesem Unglück berichtet die Kölnische Zeitung noch am gleichen Tag:
„Wahn b. Köln, 20. Sept. In der nahegelegenen Dynamitfabrik (Deutsche Sprengstoff-A.-G. zu Linderhöhe) ist heute morgen 7½ Uhr der Mischraum und die Wäscherei in die Luft geflogen. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen, weil die Gefahr rechtzeitig bemerkt wurde. In der Umgebung ist eine große Zahl Fensterscheiben zertrümmert. — Wie die Fabrik mitteilt, ist im Nitrierhaus eine Zersetzung eingetreten, worauf die Arbeiter flüchteten. Es erfolgte dann eine kleinere Explosion, der alsbald eine stärkere folgte. Das Nitrierhaus ist zerstört, die übrige Fabrik verschont geblieben.“

Das schlimmste Unglück ereignete sich unmittelbar vor dem Ende des Ersten Weltkriegs am Morgen des 9. November 1918 um 7.02 Uhr in einem Geschossfüllraum. Der Kölner Lokal-Anzeiger des Tages dazu:
„Eine schwere Explosion in Wahn. Man schreibt uns: Als heute morgen 7 Uhr die Arbeiterschaft zum Schichtwechsel zu den Werken in Wahn erschien und zum Teil noch auf dem Wege dorthin war, schoß plötzlich eine gewaltige Feuersäule in die Luft, gefolgt von stärkster Knallwirkung. Es stellte sich heraus, daß das Geschoßfüllwerk durch Entzündung der dort lagernden Stoffe vernichtet worden war. Die nahe um das Füllwerk herum gruppierten Speisesäle und Betriebe wurden mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. Viele Verwundete und zu Tode Erschreckte enteilten dem Orte des Grauens; man hat leider auch mit Toten zu rechnen, deren Zahl augenblicklich noch nicht festzustellen ist.“
Die Explosion während des Schichtwechsels soll knapp 200 Tote und hunderte Verletzte gefordert haben (Trimborn 2002). Die Webseite koelschgaenger.net nennt hingegen „über 100“ Todesopfer, während porzerleben.de anführt, dass erste Pressemeldungen von 200 Toten später auf 76 korrigiert wurden. Der Kölner Lokal-Anzeiger nennt am 24. November 1918 die Zahl 74.
Auf dem Wahner Friedhof wurden am 16. November 1918 im laut einer Lokalzeitung „letzten Massengrab des großen Weltkrieges“ 60 schwarze Holzsärge in zwei langen Reihen in die Erde gelassen (express.de). Eine Gedenkstätte an den Gräbern der Opfer existiert noch heute.
Große Teile der Fabrik und viele Betriebsanlagen wurden so erheblich zerstört, dass das Werk nicht mehr arbeitsfähig war. Ob die Ursache ein Unfall oder Sabotage war, ließ sich nicht ermitteln.
nach oben

Militärische Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg
Es mag kein Zufall sein, dass die Dynamitfabrik Wahn unweit der zahlreichen militärischen Anlagen im Bereich der Wahner Heide errichtet wurde — darunter insbesondere auch der unmittelbar benachbarte Schieß- und Truppenübungsplatz, der bereits seit 1817 durch das preußische Militär betrieben wurde. Da Sprengstoffe bekanntermaßen nicht nur im Bergbau und für industrielle Zwecke, sondern auch für die Kriegsführung Verwendung finden, produzierten viele der Dynamit-Unternehmen auch militärische Rüstungsgüter.

Während des Ersten Weltkriegs wurde die Betriebsfläche der Wahner Dynamitfabrik ungenehmigt (aber vom Militär geduldet) auf 6 Hektar erweitert. Hier entstanden eine Presserei und eine Füllstelle für Kampfmittel. Das Areal umfasste damals 340 Gebäude, darunter 170 Fabrikgebäude, in denen drei Dampfmaschinen der Maschinenbau-AG Marktredwitz vorm. Rockstroh installiert waren.
Der Sprengstoffexperte Trimborn führt eine ganze Reihe von explosiven Stoffen an, die nun teils über erst 1917 nachträglich erteilte „Kriegsgenehmigungen“ in dem nunmehrigen Rüstungswerk produziert oder weiterverarbeitet wurden, darunter Ammoniumnitrat, AN-Dieselöl („Andex“), Chlorat und Perchlorat, Dinitrobenzol, Dinitroaphtalin, Nitrocellulose, Phosphor, Pikrinsäure, Trinitroanisol (Trinol) und Trinitrotoluol (TNT).
Dem Porzer Heimatforscher Benno Krix zufolge versorgte die Dynamitfabrik Wahn damals „die ganze Westfront“ (express.de), während seinerzeit keine gewerblichen Sprengstoffe mehr hergestellt wurden.
„Gegen den Test der Kampfgase [darunter Gelbkreuzgas] in der Wahner Heide protestierten 1916 die Rösrather Bürger. Denn es gab Atemwegserkrankungen und Ernteausfälle.“ (porzerleben.de)
„Auf einem Lageplan von 1918 umfaßt die 'Munitionsanstalt' mehr als 125 der ca. 170 Fabrikgebäude. … Von den 9.500 Personen, die Ende 1917 bei der DASG insgesamt beschäftigt waren, arbeiteten über 7.000 in Wahn.“ (Trimborn 2002)
Tausende der Arbeiter*innen — zumeist junge Frauen, aber auch zwangsverpflichtete Männer, Straf- und Kriegsgefangene — waren in Wohnbaracken untergebracht, vermutlich im dem etwa einen Kilometer nördlich entfernten Barackenlager im Bereich der heutigen Wahnheider Magazinstraße.

Seit 1917 verband die vom Bahnhof Wahn nach Lind führende Wahner Straßenbahn mit ihrem regen Güter- und Personenverkehr nicht nur die Orte, sondern auch die hiesigen Militäranlagen und Betriebe. Die bis 1961 betriebene Bahn war dabei über eine Anbindung an die Kleinbahn Siegburg-Zündorf u.a. auch mit der Zündhütchenfabrik „Züfa“ bei Troisdorf verbunden.
nach oben

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
Nach Kriegsende wurde die ohnehin durch die schwere Explosion vom 9. November 1918 erschütterte Produktion zum Ende des Jahres im Rahmen der Entmilitarisierungsvorschriften des Versailler Friedensvertrages eingestellt. Das Porz-Wiki führt dazu an: „Der Betrieb wurde demontiert bzw. umgerüstet, die Belegschaft sank auf 1.500 Personen. Die DSAG verlegte sich nun auf die Beseitigung (Delaborierung) von militärischen Sprengstoffen und die Herstellung von Bergwerkssprengstoffen. Es entstand eine Munitionszerlegungsstelle, die bis 1924 im Betrieb war.“
Ab März 1919 umfasste die Delaborierung nicht ausgelieferte Handgranaten, ab Dezember auch großkalibrige Geschosse und weitere Munition. Zum 20. Juli 1920 erhielt das Werk die Erlaubnis, aus wiedergewonnenem TNT gewerbliche Ammonite zu produzieren, während nun wohl keine Dynamite mehr erzeugt wurden. Ab 1924 stand die Fabrik dann öfter still (Trimborn 2002).
Im Porz-Wiki wird berichtet, dass 1925 ein Kanal zum von hier rund 6 Kilometer entfernten Rhein gebaut wurde, um die Qualität des eingesetzten Frischwassers zu steigern.

Zum Jahresende 1926 wurde der Betrieb der einstigen Dynamitfabrik Wahn schließlich im Rahmen der Neuordnung der deutschen Explosivstoffindustrie endgültig eingestellt (dies betraf 80 % der bisherigen Fabriken, Trimborn 2002). Der größte Teil der noch existierenden Gebäude wurde 1929 abgerissen. Die zwischen 1926 und 1942 als Gelände einer der größten Schäfereien Westdeutschlands genutzten Betriebsflächen rund um den nach dem Wasserturm so genannten „Turmhof“ wurden 1935 von der Deutschen Reichswehr aufgekauft (porzerleben.de).

Noch lange nach dem Abriss der Betriebsanlagen bereiteten teils einfach nur auf dem Grundstück vergrabene Kampfstoffe und giftige Chemikalien massive Probleme bei ihrer Beseitigung und führten bei den daran beteiligten Arbeitern wie auch bei der Bevölkerung der angrenzenden Orte zu gesundheitlichen Schäden. Noch in den 1970er-Jahren waren Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes mit der Ortung und fachgerechten Beseitigung von kontaminiertem Material beschäftigt.
Teile des früheren Fabrikareals, darunter eine ehemals tiefe Grube, deren Kavernenwände später abgebrannt wurden und der Hohlraum mit Ton verfüllt, liegen auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und werden aktuell als Parkplatz genutzt (porzerleben.de).
nach oben

Lage, Objektgeometrie
Der Wasserturm und die aktuell noch erhaltenen Wohngebäude sind hier exemplarisch als Relikte der Sprengstofffabrik mit Objektgeometrien anhand der Denkmalkarte Köln und der Karten des Amtlichen Liegenschaftskatasters eingezeichnet (ALKIS, Stand 2026).
Die älteren Kartenwerke der Topographischen Aufnahme der Rheinlande (1801-1828) wie auch die der zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme zeigen das Areal noch gänzlich unbebaut.
Die Dynamitfabrik Wahn findet sich dann in der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) als „Dynamit-Fbr.“ mit mehreren größeren Bauten eingezeichnet, jedoch ohne eindeutig erkennbare Abgrenzung des Werks. Die Karte lässt einen Umfang der Wahner Betriebsflächen von annähernd 100 Hektar vermuten — die Fläche ist jedoch nur bedingt zu bestimmen, da viele Sprengstofffabriken auch den sie umgebenden Wald mitnutzten, wo aus Sicherheitsgründen die sogenannten „Patronenbuden“ in abgelegener Lage betrieben wurden. Die Neuaufnahme zeigt auch das vorab genannte Barackenlager mit einer Grundfläche von rund 20 Hektar.
Das Kartenbild der topographischen Karten TK 1936-1945 zeigt dann im Bereich der vormaligen Fabrik lediglich noch ein zentrales Areal „F.“ inmitten der genannten Wohnbauten (vgl. Kartenansichten).
nach oben

Baudenkmale
Die Gebäude „Wasserturm u. Wohngebäude (Ehem. Dynamitfabrik Wahn), Linder Höhe 4, 6, 7, 8, 9, 10, Baujahr ab 1900“ wurden mit ihrer Eintragung vom 29.08.2000 in die Kölner Denkmalliste als Baudenkmale geschützt (Denkmalnummer 8484 / DE_05315000_A_8484). Laut der Denkmalkarte Köln sind die Bauten „kirchliches Eigentum“.

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)

Quelle
Freundliche Hinweise von Herrn Werner Müller, Historisches Luftfahrtarchiv Köln, 2026.

Internet
porzerleben.de: Dynamitfabrik Lind (abgerufen 14.01.2026)
www.drehscheibe-online.de: Dynamitfabrik Wahn der Deutschen Sprengstoff-AG Hamburg (mit Karten und Abbildungen, abgerufen 14.01.2026)
koelschgaenger.net: Lind (Text Elisabeth von Langen, abgerufen 14.01.2026)
www.express.de: Kölner Geheimnisse - Das letzte Massengrab des Weltkrieges (Text Ayhan Demirci, Kölner Express vom 30.12.2025, abgerufen 25.01.2026)
zeitpunkt.nrw: Historische Zeitungen, hier: Kölnische Zeitung vom 20.09.1907, Kölner Lokal-Anzeiger vom 09.11.1918 und vom 24.11.1918 (abgerufen 23.03.2026)
de.wikipedia.org: Max Bielefeldt (abgerufen 06.01.2026)
de.wikipedia.org: Dynamit Nobel (abgerufen 06.01.2026)
de.wikipedia.org: Wahner Straßenbahn (abgerufen 06.01.2026)
de.wikipedia.org: Zünderfabrik Troisdorf (abgerufen 06.01.2026)
www.stadt-koeln.de: Stadtteilinformationen Lind (abgerufen 25.01.2026)
www.stadt-koeln.de: Interaktive Denkmalkarte Köln (abgerufen 25.01.2026)
nach oben

Literatur

Trimborn, Friedrich (2003)
Die Explosivstoffindustrie im rechtsrheinischen Köln. In: Rechtsrheinisches Köln 29, Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde, S. 41-72. Köln.
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 242-244, Köln.
Wilhelm, Jürgen (Hrsg.) (2008)
Das große Köln-Lexikon. S. 410, Köln (2. Auflage).

Dynamitfabrik Wahn der Deutschen Sprengstoff AG

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Linder Höhe 4-10
Ort
51147 Köln - Lind
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1880, Ende 1926 bis 1929

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt steht unter der freien Lizenz CC BY 4.0 (Namensnennung). Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Dynamitfabrik Wahn der Deutschen Sprengstoff AG”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356824 (Abgerufen: 22. April 2026)
Seitenanfang