Zündhütchenfabrik „Züfa“ bei Troisdorf

Munitions-, Schießwolle- und Pulverfabrik der Rheinisch Westfälischen Sprengstoff AG, später Dynamit Nobel AG

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Troisdorf
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
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Die Kölner Rheinisch Westfälische Sprengstoff AG gründete 1886 die Zündhütchenfabrik „Züfa“ in Troisdorf. Der Nachfolger, das Chemie- und Rüstungsunternehmen Dynamit Nobel AG, hatte bis 2004 seinen Hauptsitz im heutigen Oberlar.

Gründung und rasantes Wachstum
Weiterer Aufschwung im Ersten Weltkrieg
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
Vinylchlorid-Giftskandal
Lage und Objektgeometrie
Internet

Gründung und rasantes Wachstum
Die zum 1. November 1886 in Köln gegründete „Rheinisch Westfälische Sprengstoff AG“ (RWS) eröffnete noch im gleichen Jahr auf günstig erworbenen Heideflächen bei Troisdorf die Zündhütchenfabrik „Züfa“. Das Gelände befand sich strategisch günstig gleich neben der seinerzeit militärisch genutzten Wahner Heide mit ihren Truppenübungs- und Schießplätzen. Außerdem befand sich der Firmenstandort der „Züfa“ nahe der bereits erschlossenen rechtsrheinischen Eisenbahn, die bei Troisdorf zum Knotenpunkt ausgebaut wurde.

Es entstand ein zunächst kleines Werk mit etwa 30 Backstein- und Fachwerkhäusern für eine Belegschaft von 65 Mann. Bereits 1887/88 konnte die „Züfa“ durch den Zukauf von 38 Hektar und 12 Ar um eine neue Munitions-, Schießwolle- und Pulverfabrik der RWS erweitert werden. In den nachfolgenden Jahren wurden nochmals 14 Hektar und 95 Ar hinzu erworben.
In der kurzen Zeit bis zur Jahrhundertwende wuchs die Belegschaft der „Troisdorfer Pulver“ auf rund 500 Personen an, die in inzwischen über 108 Gebäuden arbeiteten. Inklusive Zweigstellen waren im Jahr 1900 insgesamt 1.610 Mitarbeiter für die RWS in Troisdorf tätig.
Als die Werksflächen 1903 auf Oberlar ausgeweitet wurden, führte dies zu einem nachhaltigen Streit zwischen den Gemeinden Troisdorf und Sieglar – Grund dafür waren die offenbar beträchtlichen Einnahmen aus der Gewerbesteuer.
Die vor allem durch die Werke der RWS AG bedingte Industrialisierung rund um Troisdorf ging mit teils beachtlichen Bevölkerungszuwächsen einher: Die Einwohnerzahl des kleinen Fleckens Oberlar soll sich innerhalb weniger Jahre mehr als verzehnfacht haben, 1906 zählte der Ort schließlich knapp 1.200 Bewohner. Sieglar als größerer Ort zählte 1871 gerade einmal 1.718 Einwohner – 1905 waren es bereits 3.277.
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Weiterer Aufschwung im Ersten Weltkrieg
Während des Ersten Weltkriegs musste für die Rüstungsproduktion der RWS eine eigene Kriegspulverfabrik errichtet werden – alleine hier waren bis zu 6.000 Menschen beschäftigt! –, während gleichzeitig aus Platzgründen ganze Produktionszweige ausgelagert werden mussten. 1916 erhielt das stetig wachsende Werk einen eigenen Bahnanschluss.
„Zur Versorgung der Arbeiter wurde der Sieglarer Schirmeshof mit 380 Morgen Land erworben und eine eigene Metzgerei und eine eigene Bäckerei eingerichtet.“ (de.wikipedia.org, Zünderfabrik)

Im Jahr 1931 fusionierte die RWS mit weiteren deutschen Sprengstoff- und Dynamitwerken zur „Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co.“ (kurz Dynamit AG bzw. DAG), deren Firmensitz 1938 nach Troisdorf verlegt wurde. Mit dem Vorgängerunternehmen „Alfred Nobel u. Co.“ hatte die „Troisdorfer Pulver“ bereits seit den 1920er Jahren zusammengearbeitet. Die Hamburger Firma ging noch unmittelbar auf den schwedischen Chemiker und Industriellen sowie Stifter und Namensgeber des Nobelpreises Alfred Nobel (1833-1896) zurück.
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Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
In den Kriegsjahren 1944 und 1945 wurden im Troisdorfer Werk etwa 1.300 Zwangsarbeiter versklavt. Diese gehörten einem Außenkommando des Zuchthauses Siegburg an (übergeordnetes Lager). In dem bewachten und gesichterten Lager für die Abteilung 'Züfa' wurden politische Häftlinge, Kriminelle und Juden eingesetzt (Kraus 1999 und de.wikipedia.org, Dynamit Nobel).
Ein Bombenangriff auf Troisdorf zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 28. und 29. Dezember 1944 forderte 250 Todesopfer und die Sprengstoffwerke erlitten große Schäden. Bei einem weiteren Luftangriff am 8. März 1945 wurde die DAG-Hauptverwaltung weitestgehend zerstört.
Mit Kriegsende wurde das Vermögen der Dynamit AG von den britischen Besatzungstruppen beschlagnahmt. Die Erzeugung von Kunststoffen – aber auch wieder von Wehrtechnik und Munition – konnte jedoch nur wenig später wieder aufgenommen werden. Bis 1953 stand die Produktion unter alliierter Kontrolle.

Nach einer von dem bereits seit Vorkriegszeiten im Aufsichtsrat der DAG sitzenden Großindustriellen Friedrich Flick (1883-1972) aggressiv geführten Übernahme gehörte das Unternehmen seit 1959 als nunmehrige „Dynamit Nobel AG“ vollständig zum Flick-Konzern.
Die Verantwortung für den Einsatz der Zwangsarbeiter wurde nach dem Krieg und der NS-Zeit von dem Konzernchef jedoch abgelehnt. Auch blockierte der u.a. wegen Betreibens von Sklavenarbeit, Verschleppung zur Sklavenarbeit und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilte Kriegsverbrecher Friedrich Flick die von den Opfern eingeforderten Entschädigungen rüde. Der im so genannten „Flick-Prozess“ 1947 verurteilte Flick war bereits im Frühjahr 1950 aus der Haft entlassen worden und in kürzester Zeit erneut zu einem der reichsten Männer Deutschlands aufgestiegen. Er sah bis zu seinem Tod in keinster Weise ein, „dass humanitäre oder moralische Gründe eine Auszahlung rechtfertigen könnten.“ (de.wikipedia.org, Dynamit Nobel)
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Vinylchlorid-Giftskandal
Um 1973/74 wurde bekannt, dass offenbar seit den 1940er Jahren bei der PVC-Produktion in den Werken der Dynamit Nobel AG bis zu 3.600 Beschäftigte in ungeschützten Kontakt mit gesundheitsschädlichen und krebserregenden Vinylchloriden gekommen waren (spiegel.de). Einige der kontaminierten Mitarbeiter starben später an den Folgen ihrer Erkrankungen.
Trotz Strafanzeigen wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen den DAG-Vorstand blieben sämtliche Entschädigungsforderungen erfolglos. Der Skandal wurde erfolgreich vertuscht. Einzig der PVC-Polymerisationsbetrieb wurde 1975 geschlossen, um eine teure Modernisierung zu vermeiden.

Seit den 1990er Jahren erfolgten zahlreiche Ausgliederungen, Zusammenschlüsse und Übernahmen innerhalb des Konzerns. Die zuletzt mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Euro tätige Dynamit Nobel AG (so die letzte Bilanz von 2003) wurde 2004 verkauft und aufgelöst. Nach dem Aus der Dynamit Nobel AG kaufte die Stadt Troisdorf das Werksgelände. Es wird heute von einer TroPark GmbH als IndustrieStadtpark vermarktet.
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Lage und Objektgeometrie
Die hier zwischen der heutigen Kölner Straße und dem historischen Mauspfad eingezeichnete Geometrie stellt eine Momentaufnahme zur Zeit von dem Ersten Weltkrieg dar, wie sie die Karte der Preußischen Neuaufnahme von 1891-1912 mit einer schon beachtlich großen Fläche der „Sprengstoff-Fbr.“ zeigt.
Nur wenige Jahrzehnte vorher zeigt die zwischen 1836 und 1850 erarbeitete Preußische Uraufnahme vor Ort noch nichts außer Heidefläche. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Gelände stetig erweitert, vor allem in Richtung Norden (vgl. die entsprechenden Kartenansichten).

(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2017)
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Internet
www.troisdorf.de: Stadtteil Oberlar (abgerufen 03.02.2017)
www.troisdorf.de: Statistik, Stand 31.12.2016 (abgerufen 23.01.2017)
www.industriestadtpark.de: IndustrieStadtpark TroPark GmbH (abgerufen 27.04.2017)
www.kunststoff-museum.de: Kunststoff Museum Troisdorf, Geschichte (abgerufen 02.0.2017)
de.wikipedia.org: Zünderfabrik Troisdorf (abgerufen 02.02.2017)
de.wikipedia.org: Dynamit Nobel (abgerufen 02.02.2017)
www.spiegel.de: „Tod im Plastik“ (Der Spiegel 50/1973 vom 01.07.1973, abgerufen 02.02.2017)
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Literatur

Berger, Dieter (1993)
Duden: Geographische Namen in Deutschland. Herkunft und Bedeutung der Namen von Ländern, Städten, Bergen und Gewässern. (Duden-Taschenbücher 25.) S. 162, Mannheim u.a..
Groten, Manfred; Johanek, Peter; Reininghaus, Wilfried; Wensky, Margret / Landschaftsverband Rheinland; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.) (2006)
Handbuch der Historischen Stätten Nordrhein-Westfalen. HbHistSt NRW, Kröners Taschenausgabe, Band 273, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. S. 1011-1012, Stuttgart.
Holdt, Ulrike (2008)
Die Entwicklung des Territoriums Berg. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, V.16.) S. 31, Bonn.
Kraus, Stefan (1999)
NS-Unrechtsstätten in Nordrhein-Westfalen: Ein Forschungsbeitrag zum System der Gewaltherrschaft 1933-1945, Lager und Deportationsstätten. (Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 4.) S. 78ff. u. 84, Essen.

Zündhütchenfabrik „Züfa“ bei Troisdorf

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Kronenstraße 3
Ort
53840 Troisdorf
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos
Historischer Zeitraum
Beginn 1886, Ende nach 2004
Koordinate WGS84
50° 49′ 10,37″ N, 7° 08′ 54,66″ O / 50.81955°, 7.14852°
Koordinate UTM
32U 369583.48 5631391.84
Koordinate Gauss/Krüger
2580978.01 5632201.11

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Empfohlene Zitierweise
„Zündhütchenfabrik „Züfa“ bei Troisdorf”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-264316 (Abgerufen: 21. Mai 2018)
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