Dynamitfabrik der Nobel AG in Schlebusch

Dynamitfabrik Kayser & Co., Werk Schlebusch

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Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Leverkusen
Kreis(e): Leverkusen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 01′ 21,58″ N: 7° 01′ 36,58″ O 51,02266°N: 7,02683°O
Koordinate UTM 32.361.616,38 m: 5.654.197,65 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.572.088,36 m: 5.654.669,67 m
  • Luftbild Dynamit AG Leverkusen (1960)

    Luftbild Dynamit AG Leverkusen (1960)

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    Pforte und Verwaltungsgebäude Dynamit AG (2021)

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Das spätere „Werk Schlebusch“ der Dynamit Nobel AG im heutigen Stadtteil Leverkusen-Manfort entstand 1874 aus einer ursprünglich 1870/71 als Dynamitfabrik Kayser & Co. begründeten Sprengstofffabrik. Diese wiederum hatte über ihren Gründer eine Vorgeschichte bei der 1870 durch eine Explosion zerstörten Sprengstofffabrik Sternenberg in der Dünnwalder Siedlung Kunstfeld.
Als einziges repräsentatives Gebäude am Werkseingang hat sich ein Verwaltungsgebäude der Zeit um 1914 erhalten.

Gründung und frühe Geschichte der Sprengstoff- und Dynamitfabrik
Weitere Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg
Beschreibung des Areals
Quellen, Internet, Literatur

Gründung und frühe Geschichte der Sprengstoff- und Dynamitfabrik
Der umtriebige bergische Schwarzpulverfabrikant Carl Wilhelm Kayser (1813-1883) gründete seine für das spätere „Werk Schlebusch“ ursprüngliche Sprengstofffabrik Kayser & Co. 1871 an einem Standort in ausreichendem Abstand von benachbarten Siedlungen, der zugleich verkehrsgünstig zwischen den Bahnlinien Köln-Opladen-Düsseldorf und Köln-Opladen-Wuppertal der Rheinischen Eisenbahngesellschaft lag. Kaysers Antrag auf Erteilung einer Konzession für sein Werk auf der Wiesdorfer Heide wurde zum 1. November 1870 genehmigt. Ursprünglich hatte Kayser den Bau seiner Fabrik etwa 300 Meter nördlich des Schlebuscher Bahnhofs geplant, dieses Gesuch wurde aber am 29. Juli 1870 ablehnt.

Der Betrieb der Fabrik mit Siebhaus, Wasch-/Nitrierhaus, Mischhaus, zwei Patronenhäusern und einem Packhaus startete mit zwei Meistern und 24 weiblichen „Patronenarbeiterinnen“ und 20 männlichen Beschäftigten (vermutlich im März) 1871. Im Jahr 1873 nahm das Werk etwa 3,25 Hektar Fläche ein, produziert wurden jährlich ca. 250 Tonnen Dynamit.
Trimborn (2002) konstatiert jedoch: „Die in Eile errichtete Fabrik entsprach weder technisch noch personell den Anforderungen.“ Nach zwei Explosionen in seinem Werk, bei denen glücklicherweise keine Menschen zu Schaden gekommen waren, wandte sich Kayser schließlich mit der Bitte um Hilfe an den Dynamit-Erfinder und Sprengstoffunternehmer Alfred Nobel (1833-1896, vgl. ausführlicher hier) persönlich - „was dann dazu führte, das dieser nicht nur half, sondern das Werk sehr bald 1874 übernahm.“ (Hinweise Montkowski 2026)
Nobel unterstützte Kayser ab 1872 und leitete hier zeitweise selbst die Produktion. Zum 18. April 1874 übernahm Alfred Nobel das Unternehmen als zweiten Standort seiner Firma in Deutschland. Das Werk in Schlebusch lag nahe seiner damaligen Hauptabnehmer, der Bergwerke im Ruhrgebiet; gefährliche Transporte konnte so verringert werden. Das Werk Schlebusch wurde gleichrangig zu Nobels Stammsitz in Krümmel nahe Hamburg ausgebaut:
„1875 wurden Patronenstopfmaschinen und 1878 Preßluftmischer für die Nitriergefäße eingeführt. Ab 1880 wurden ‚Gelatier-Dynamite' produziert … Um von der Zündhütchen-Industrie unabhängig zu werden, wurde ab 1876 von Schlebusch aus die Rheinische Sprengkapselfabrik F. Paulus in Küppersteg gegründet“ (Trimborn 2002)
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Nach der 1876 erfolgten Umwandlung der Firma Nobel in die Aktiengesellschaft Dynamit AG vorm. Alfred Nobel & Cie (DAG) führte diese das 1884 begründete sogenannte „Pulverkartell“ (vgl. zu diesem ausführlicher hier), unter dem dann einige der im „Sprengstoff-Boom“ zwischen 1850 und 1890 entstandenen Explosivstofffabriken zusammengelegt oder aufgelöst wurden. Dem Kartell angehörige Firmen wandten sich nun auch vermehrt der Herstellung von Munition und Sprengstoff für das Militär zu. Die DAG selbst expandierte bis 1918 zum größten europäischen Unternehmen überhaupt.

Das in den 1880er-Jahren Kollodiumwolle, Nitroglycerin, Spreng- und Dynamitgelatine produzierende Werk Schlebusch der DAG soll seinerzeit bereits 25 Hektar Fläche eingenommen haben (Kierdorf 2021); die mit „Dynamit-Fbr.“ benannte Fläche in den historischen Karten der zwischen 1891 und 1912 Preußischen Neuaufnahme umfasst hingegen lediglich knapp 9 Hektar (1891-1912; hier mit Stand 1893 zugleich die Grundlage der eingezeichneten Objektgeometrie), während die jüngeren topographischen Karten TK 1936-1945 deutlich mehr als 40 Hektar Fläche erahnen lassen.
Der Werksanschluss an die beiden Eisenbahnstrecken erfolgte 1888, wenngleich ein Großteil der Sprengstoffe bis zum Ende des Ersten Weltkriegs über eine werkseigene Verladestelle über Wiesdorf über den Rhein verschifft wurden.
Zwischen 1884 und 1910 steigerte sich die Jahresproduktion von Dynamit von 2.000 auf 15.000 Tonnen. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich die rheinische Sprengstoffindustrie zur bedeutendsten im Reich entwickelt. Grundlage dafür waren die Nähe zu wichtigen Bergbaugebieten einerseits, die verkehrsgünstige Lage an den Nord-Süd-Verbindungen andererseits. Auf die heutige Stadt Leverkusen alleine entfiel 1913 ein Drittel der deutschen Sprengstofferzeugung.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren im Werk Schlebusch knapp 450 Personen beschäftigt. Ihre Zahl stieg während des Krieges sprunghaft auf mehr als das Zehnfache an. Es kam in der Folge zu einer engen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung mit der Schlebuscher Carbonit AG und dem dortigen Maschinenbau- und Rüstungsunternehmen EUMUCO. Bei EUMUCO wurden die metallenen Hülsen für Munition jeglicher Größe hergestellt. Auch Kriegsgefangene wurden in größerer Zahl eingesetzt. Ein großmaßstäbliches Neubauprogramm zielte vor allem auf die Herstellung von chemischen Ausgangsstoffen. Die Endfertigung der Munition erfolgte weiterhin in ausgedehnten Arealen mit von Schutzwällen umgebenen „Buden“ (Kierdorf 2021).
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Weitere Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg
Die vorab beschriebene Konzentration der deutschen bzw. rheinischen Sprengstoffindustrie um Leverkusen musste nach dem Ersten Weltkrieg, der zu einer kurzfristigen Ausweitung und „Militarisierung“ der Produktion geführt hatte, zu einer massiven wirtschaftlichen Umstrukturierung und teilweisem Rückbau führen. Die Rheinlandbesatzung, von der Leverkusen als Teil des Kölner rechtsrheinischen Brückenkopfs betroffen war, und die Auflagen des Versailler Vertrages verstärkten diesen Prozess, den als einziges Unternehmen die Dynamit AG Schlebusch überlebte. Neben ihrem klassischen Einsatzgebiet, dem Berg- und Tunnelbau, wurden alle nur denkbaren weiteren Anwendungsgebiete für die erzeugten Grundstoffe erschlossen, darunter Zelluloid für die Filmherstellung, die Produktion von Lacken und Farben, aber auch Kunstfasern.

Die Aktienmehrheit der Dynamit AG kam danach zum Konzern der 1925 gegründeten und später durch ihre Verstrickung in NS-Kriegsverbrechen berüchtigten Interessengemeinschaft I.G. Farbenindustrie AG (IG Farben), das Unternehmen konnte aber weitgehend selbständig agieren.
Nach der im Zuge der Neuordnung der Sprengstoffwirtschaft zum Jahresende 1926 erfolgten Stilllegung der gerade einmal etwa 1,5 Kilometer östlich entfernten Carbonit AG verlegte die DAG deren Prodution in das Werk Schlebusch. „Die seit Kriegsende ruhende TNT-Anlage [der Carbonit AG] wurde ebenfalls ins DAG-Werk überführt und dort 1930 wieder inbetrieb gesetzt.“ (Trimborn 2002, S. 204)
Die Weltwirtschaftskrise führte dann zwischen 1929 und 1932 zu einer Halbierung der Mitarbeiterschaft auf gut 300 Köpfe. Die Wiederaufrüstung brachte hier den Umschwung, der im Zweiten Weltkrieg erneut zu einer Ausdehnung des Betriebes führte.

Die vorhandenen Produktionskapazitäten und die günstige Lage ermöglichten dem Betrieb auch in der Nachkriegszeit, ein Drittel der deutschen Sprengstoffherstellung abzudecken. Dies änderte sich unter anderem mit dem allgemeinen Rückgang einerseits, der Einführung anderer Abbauverfahren im Berg- und Tunnelbau andererseits. So führte 1999 eine Entscheidung der Ruhrkohle AG zum Wechsel des Sprengstofflieferanten zur Schließung des damals ältesten Betriebs der Deutschen Sprengstoffindustrie, dessen Jahresproduktion zuletzt bei 1.900 Tonnen Dynamit gelegen hatte. Mit den verbliebenen knapp 300 Beschäftigten wurde nun allein der Bereich der Spezialchemikalien-Produktion als Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff und Systemtechnik (DNES) weitergeführt, der nach Auflösung der Dynamit AG 2004 an das französische Unternehmen NOVASEP überging. Diese ist auf Chemikalien für die Medikamentenherstellung spezialisiert.

Entscheidend für die Ansiedlung der Sprengstoffindustrie im Raum Leverkusen war neben der schon erwähnten Lage an wichtigen Verkehrsachsen die Verfügbarkeit von preiswerten, unbewohnten Flächen. Die Heidegebiete der Mittelterrasse am rechten Rheinufer erfüllten diese Bedingungen in besonderem Maße. Sie eigneten sich wenig für landwirtschaftliche Zwecke und waren deshalb kaum besiedelt. Die geringe Humusdecke über einer dicken, aus Ablagerungen des Rheins gebildeten Lehm- und Kiesschicht ermöglichte zudem die leichte Anlage der gesetzlich vorgeschriebenen Schutzwälle. Das von der Dynamit AG eingenommene Gebiet der Wiesdorfer Heide war nur für den Lehm- und Kiesabbau genutzt worden. Fatalerweise boten sich die Kiesgruben als Deponien für Produktionsabfälle der Chemieindustrie an.
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Beschreibung des Areals
Zum Komplex des Werks Schlebusch der Dynamit AG gehört das ausgedehnte Produktionsareal, das über einen Zugangsbereich an der östlichen Seite, am Südende des Kalkwegs, erschlossen wird. Hier befand sich auch die heute aufgrund der Abstandsbestimmungen für Sprengstoff- und Chemiebetriebe vollständig verschwundene Werkssiedlung der Dynamit AG mit zahlreichen Beamten- und Arbeiterhäusern sowie Direktorenvillen.
Über historische Gebäude innerhalb des Werksareals liegen keine Erkenntnisse vor. Von besonderem Interesse sind die während des Ersten Weltkriegs erstellten massiven Produktionsgebäude, von denen eines 1984 trotz Erhaltungsbemühungen abgebrochen wurde.
In den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden innerhalb des Werks auch neue Sozialgebäude in zeittypischen Formen.
Als einziges repräsentatives Gebäude am Werkseingang hat sich ein Verwaltungsgebäude der Zeit um 1914 erhalten, an dem der Schriftzug des seit 1959 gültigen Firmennamens „Dynamit Nobel AG“ mit der etwas kleineren Ergänzung „Werk Schlebusch“ angebracht ist. Der Bau bildet mit einem historischen Pförtnergebäude sowie einer kleinen Parkanlage mit der Büste Alfred Nobels ein Ensemble.

(Alexander Kierdorf, Institut. Industrie-Kultur-Geschichte-Landschaft, 2021 / Ergänzungen von Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2025/26)

Quellen
  • Freundliche Hinweise von Herrn Walter Montkowski aus Arbeiten der Geschichtswerkstatt Köln-Brück und zu einer Ausstellung der Stadtgeschichtlichen Vereinigung Leverkusen, 2024 und 2026.
  • Stadt Leverkusen, Stadtarchiv, Hausakten Kalkweg 218.

Internet
de.wikipedia.org: Dynamit Nobel (abgerufen 24.02.2022)
geschichte-s-h.de: Dynamit (abgerufen 24.02.2022)
www.novasep.com: Our Locations (abgerufen 24.02.2022)
www.albert-gieseler.de: Dynamit Akt.-Ges. vorm Alf. Nobel & Co., Werk Leverkusen (abgerufen 21.01.2026)
leverkusen.rheinische-industriekultur.com: Dynamit Nobel Sprengstofffabrik (Text Alexander Kierdorf, abgerufen 27.01.2026)
stadtgeschichte-lev.de: „Leverkusen explosiv. Geschichte der Sprengstoffproduktion“, Gemeinschaftsausstellung des Bergischen Geschichtsvereins und der Stadtgeschichtlichen Vereinigung, 16. Juni bis 25. August 2024 (abgerufen 30.01.2026)
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Literatur

Bergengren, Erik (1965)
Alfred Nobel: eine Biographie. München.
Martin, Gustav (1909)
Geschichtliche Entwicklung der Kartellbildung in der deutschen Sprengstoff-Industrie. Heidelberg.
Olofsson, Rune Pär (1993)
Der Dynamitkönig Alfred Nobel. Leipzig.
Soenius, Ulrich S. (2018)
Leverkusener Wirtschaftsgeschichte. S. 28, 97 u. 102/103, Neustadt an der Aisch.
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 200-204, Köln.
von Rziha, Franz Karl August / Dynamit Nobel AG (Hrsg.) (1896)
Das Dynamit und seine culturhistorische und technische Bedeutung. Eine Denkschrift anlässlich der Ungarischen Millenniums-Ausstellung 1896. Wien.

Dynamitfabrik der Nobel AG in Schlebusch

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Kalkstraße 218
Ort
51377 Leverkusen - Manfort / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1870 bis 1874, Ende 1999 bis 2004

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Empfohlene Zitierweise
„Dynamitfabrik der Nobel AG in Schlebusch”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360003 (Abgerufen: 14. März 2026)
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