Historische Aufnahme der Patronenhütten im Schutzwall der Sprengstoff AG Carbonit in Schlebusch (um 1900).
Copyright-Hinweis:
Sprengstoff AG Carbonit
Fotograf/Urheber:
Sprengstoff AG Carbonit
Medientyp:
Bild
Die Sprengstofffabrik auf der Schlebuscher Heide wurde im Jahr 1887 von Christian Emil Bichel gegründet. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Werk unter Führung der Dynamit Nobel AG für Zwecke der Rüstungsproduktion ausgebaut. Nach einer folgenschweren Explosion mit 13 Todesopfern im Jahr 1926 wurde die zerstörte Fabrik dann nicht wieder aufgebaut. Auf dem Gelände entstand ab 1934 die heutige Waldsiedlung Schlebusch.
Gründung und frühe Unternehmensgeschichte Die Sprengstofffabrik auf der Schlebuscher Heide östlich der Mülheimer Straße wurde im Jahr 1887 von Dr. hc. Christian Emil Bichel (+1914) gegründet. Dessen in Hamburg ansässiges Unternehmen Schmidt & Bichel GmbH produzierte Explosivstoffe auf Basis des 1866 von Alfred Nobel (1833-1896) erfundenen Dynamits. 1890 wurde das Hamburger Unternehmen in die Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft Carbonit umgewandelt. Die als größte Firma der „Sicherheitssprengstoffe“ bzw . „Wettersprengstoffe“ produzierenden Unternehmen geltende Carbonit AG stellte an mehreren Standorten „Carbonite“, „Ammon-Carbonite“ und „Donarit“ her (1904 2.500 Tonnen). Später kamen Nitroglycerin- und Ammonsalpetersprengstoffe sowie ab 1915 Chlorat- und Perchloratsprengstoffe dazu, ferner Spreng- und Zündzubehör (Trimborn 2002).
Die Fabrik in Schlebusch war zunächst auf Sprengstoffe für den Untertagebau spezialisiert. Der deutschsprachigen Wikipedia zufolge umfasste das zeitweise über die Schlebuscher Kleinbahn an den Bahnhof Morsbroich angeschlossene Gelände eine Fläche von 84 Hektar, auf dem rund 450 Gebäude und Anlagen entstanden. Die abweichenden Größenangaben zu den Betriebsflächen beruhen bei vielen Sprengstofffabriken darauf, dass auch der umgebende Wald mit genutzt wurde. Aus Sicherheitsgründen wurden hier die sogenannten „Patronenbuden“ in abgelegener Lage betrieben. Die Gefährlichkeit der Arbeit zeigte sich in Schlebusch bereits 1888, als es in einer „Patronenbude“ zu einem Unfall mit drei Toten kam. 1891 löste ein Gewitter zwei Explosionen aus, bei dem vier Arbeiter ums Leben kamen.
Betrug die Anzahl der Mitarbeiter 1895 etwa 50, so wuchs diese noch in den Friedenszeiten bis 1914 auf 490 an, womit die Firma der größte Arbeitgeber in Schlebusch war. Die Sprengstofffabrik verfügte über eine Werkskleinbahn, die von 1903 bis 1922 zugleich als Straßenbahn den damaligen Bahnhof Schlebusch (heute Leverkusen-Manfort) mit dem Werksgelände verband. Als Straßenbahn im Personenverkehr befuhr sie zudem die Schlebuscher Hauptstraße nach Norden bis zum Binnersten Hof.
Produktion von Roburit und TNT Um 1900 wird das Schlebuscher Werk in den Karten der Preußischen Neuaufnahme als „Roburit-Fbr.“ bezeichnet. Das in den 1870ern entwickelte Roburit ist ein „sprengölfreier“ pulverförmiger Sicherheitssprengstoff auf Basis von Ammonnitrat, der in Bergbaubetrieben gezielt durch Initialzündung zur Explosion gebracht wurde. Roburit bot dabei eine „gewisse Schlagwettersicherheit für den untertägigen Einsatz im Steinkohlebergbau“ (Trimborn 2002, S. 12). Als „Schlagwetter“ wird im Bergbau die gefährlich-explosive Mischung aus Luft und aus dem Berg einströmendes Methangas bezeichnet. Eine erste Roburit-Sicherheitssprengstofffabrik entstand 1886 In Witten (damaliger Kreis Bochum, heute Ennepe-Ruhr-Kreis) und durfte wegen der vorgeblichen Sicherheit der Produkte unter erleichterten Bedingungen arbeiten. Nachdem ein offenbar glimpflich verlaufener Brand in der Fabrik dies zunächst noch zu bestätigen schien, explodierte das Werk am 28. November 1906 wobei ein ca. 20 Meter tiefer Krater entstand - „kein Gebäude und keine Wand blieben stehen“, 42 Menschen kamen zu Tode und weitere 50 wurden teils schwer verletzt (Trimborn 2002, S. 248-249; de.wikipedia.org nennt abweichend 41 Todesopfer und mehrere hundert Verletzte).
In den Jahren zwischen 1895 und 1914 war dem Werk auf der Schlebuscher Heide unter der Leitung des „genialen“ (so Trimborn 2002) Dr. hc. Christian Emil Bichel und seines Mitarbeiters Dr. Hans Mettegang ein „Forschungs- und Entwicklungslaboratorium“ (FEL) angegliedert. Dieses erlangte Weltgeltung bei der Entwicklung und Prüfung von Sicherheitssprengstoffen und insbesondere auch zur Herstellung und Verfüllung des damals neuen Explosivstoffs Trinitrotoluol (TNT), der später auch als Standardsprengstoff von Bomben zur Verwendung kam. Wohl nach dem Tod Bichels 1914 und dem Weggang von Dr. Mettegang wurde das FEL spätestens 1919 Teil des „WIssenschaftlichen Laboratoriums“ der DAG (Trimborn 2002). TNT wurde erstmals 1863 von Julius Wilbrand (1839–1906) synthetisiert, im Jahr 1889 entdeckte dann der Stuttgarter Chemiker und Hochschullehrer Carl Friedrich Haeußermann (1853-1918) TNT als Explosivstoff. Ab 1900 wurde im Deutschen Reich der Einsatz von Schwarzpulver in Steinkohlebergwerken verboten, so dass von nun an nur noch Dynamit oder andere Sicherheitssprengstoffe eingesetzt werden durften. Nachdem der Dynamit AG im Werk Schlebusch erstmals die großtechnische Produktion gelungen war, begann man 1901 im Deutschen Reich mit der Großproduktion von TNT. Ab 1904 wurde dann auch in der Schlebuscher Sprengstofffabrik die Produktion von TNT aufgenommen.
Munitions- und Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Produktion in Schlebusch unter der Geschäfts- und Betriebsführung der bereits vor 1914 bei der Carbonit AG eingestiegenen Dynamit Nobel AG (DAG) und des von der DAG dominierten „Pulverkartells“ massiv ausgebaut (zu diesem Kartell vgl. hier). Die Schlebuscher Belegschaftszahl stieg von über 2.600 laut der Bilanz des Jahres 1917 bis auf womöglich gut 4.000 zum Kriegsende 1918 (laut Trimborn 2002 ist unklar, ob hier eine Kieler Füllstelle mit einberechnet wurde), davon etwa die Hälfte Frauen. In etwa 300 Gebäuden wurden unter anderem „Carbonit“-Fliegerbomben in vier Standardgrößen produziert.
Nach Kriegsende musste die Herstellung militärischer Sprengstoffe eingestellt werden, doch wurde das Werk - noch nicht einmal die TNT-Fabrik! - trotz der der strengen Rüstungsbeschränkungen im Friedensvertrag von Versailles nicht demontiert. Trimborn vermutet den Grund dafür in den vormals guten Beziehungen Christian Emil Bichels nach England. Die Produktion wurde nach 1920 auf Kunstharzlacke umgestellt, darunter Öllack, Rostschutzfarbe, Weißlack und Dekorationslacke. 1922 wird ein „Laboratorium der Lackfabrik“ erwähnt. Die noch verbliebene Sprengstoffproduktion wurde in den hinteren Bereich des Werks verlagert. Auch nach 1919 kam es noch mehrfach zu Unglücken. Im Jahr 1926 kamen bei einer folgenschweren Explosion 13 Menschen ums Leben. Die dabei zerstörte Sprengstofffabrik wurde nachfolgend nicht wieder aufgebaut. Übrig blieb nach der Explosion einzig die 1889 erbaute Direktorenvilla an der Kreuzung Saarstraße / Mülheimer Straße übrig, die heute als Schlebuscher Wahrzeichen gilt. Eine dreischiffige Halle in Stahlkonstruktion wurde 1927 nach Bergisch Gladbach-Schildgen versetzt und dort zur Notkirche ausgebaut. Heute dient sie als Gemeindesaal.
Bereits zum Jahresbeginn 1926 hatte die Dynamit Nobel AG die Carbonit AG vollständig übernommen. Wohl auch infolge der Explosionskatastrophe legte die DAG den Standort bis zum Jahresende im Zuge der Neuordnung der Sprengstoffwirtschaft still und verlagerte die Produktion in ihr nur etwa 1,5 Kilometer westlich entferntes Werk Schlebusch. „Die seit Kriegsende ruhende TNT-Anlage wurde ebenfalls ins DAG-Werk überführt und dort 1930 wieder inbetrieb gesetzt. Die Liegenschaften und das (sonstige) Produktionsprogramm wurden von der IG Farben … übernommen.“ (Trimborn 2002)
Später wurde das Werksgelände mit seiner ausgezeichneten Infrastruktur an eine Berliner Baugesellschaft verkauft, die 1934 auf dem abgeräumten und eingeebneten Gelände mit dem Bau der „Waldsiedlung Schlebusch“ begann. Trotz seiner industriellen Vorgeschichte verwandelte sich das Areal in ein adrettes Wohngebiet, das bereits in den 1950ern über 600 „schlüsselfertige Bürgerhäuser“ umfasste und in dem heute mehr als 3.200 Menschen leben. Gleichwohl wurden immer wieder (und noch in den 1990er-Jahren) umfangreiche Altlasten in Form von gesundheitsschädlichen Chemikalien wie Säuren, Blei, Arsen oder Quecksilber im Boden der Waldsiedlung festgestellt, ferner krebserregende und erbgutschädigende Nitroaromate. Wiederholt wurde vom Verzehr des hier angebauten Gemüses und Obsts abgeraten. „Eine Bodensanierung wurde erst Jahre später zum Thema, so dass Stadt und Land von 1998 bis 2001 den Austausch samt Erneuerung einer Fläche von 12.000 Quadratmetern auf 53 Grundstücken finanzierten. ... Die ursprünglich geplante Grundwassersanierung wurde nicht realisiert, sondern als 'unverhältnismäßig' bewertet, wird jedoch über ein Grundwassermonitoring überwacht.“ (Knops-Feiler 2020, rp-online.de)
Lage, historische Karten und Objektgeometrie Die Werksanlagen der Carbonit AG erstreckten sich nicht zuletzt auch aus Sicherheitsgründen über eine weite Fläche der Schlebuscher Heide im Bereich der heutigen Waldsiedlung. Der Werkseingang lag an der Einmündung der heutigen Saarstraße, wo sich die Direktorenvilla und das frühere Wohnhaus für den Technischen Leiter als einzige Relikte des Werks erhalten haben. Auf der zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme zeigt sich das Areal der hier ab 1887 entstandenen Fabrik der Carbonit AG in dem auf 1843 datierten Blatt noch völlig unbebaut. In der Preußischen Neuaufnahme von 1891-1912 ist das im Kartenbild (hier 1893) nicht eindeutig abgrenzbare Werk als „Roburit-Fbr.“ bezeichnet (hier zugleich Grundlage der Objektgeometrie mit eine Fläche von knapp 9 Hektar; vgl. Kartenansicht). In den topographischen Karten TK 1936-1945 ist dann bereits einzig die neue Waldsiedlung verzeichnet.
(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026 / Vorarbeiten zu der Direktorenvilla von Alexander Kierdorf, Institut. Industrie-Kultur-Geschichte-Landschaft, 2021)
Internet rp-online.de: Waldsiedlung mit explosiver Vergangenheit (Text Gabi Knops-Feiler, Rheinische Post vom 31.07.2020, abgerufen 04.02.2026) stadtgeschichte-lev.de: „Leverkusen explosiv. Geschichte der Sprengstoffproduktion“, Gemeinschaftsausstellung des Bergischen Geschichtsvereins und der Stadtgeschichtlichen Vereinigung, 16. Juni bis 25. August 2024 (abgerufen 04.02.2026) de.wikipedia.org: Waldsiedlung Leverkusen (abgerufen 04.02.2026) de.wikipedia.org: Wettersprengstoffe (abgerufen 04.02.2026) de.wikipedia.org: Trinitrotoluol (TNT) (abgerufen 04.02.2026 und 10.03.2026) www.lwl.org: „Sprengstoff!“ im Westfälischen Industriemuseum Zeche Nachtigall: Ausstellung erinnert an Explosion der Roburit-Fabrik vor 100 Jahren (Pressemitteilung vom 22.09.2006, abgerufen 04.02.2026) stefan-nies.de: „Sprengstoff! Explosionskatastrophe in der Wittener Roburit-Fabrik 1906“ - Ausstellung vom 24.09.2006 bis 27.01.2007, Westfälisches Industriemuseum Zeche Nachtigall, Witten (abgerufen 04.02.2026) koerber-stiftung.de: Die Explosion der Roburit-Fabrik in Witten-Annen (Beitrag zu einem Wettbewerb „Umwelt hat Geschichte“, 1987, abgerufen 04.02.2026)
Sprengstoff! Die Explosion der Wittener Roburit-Fabrik 1906 (eine Ausstellung in Annen vom 24. 9. 2006 bis zum 28. 1. 2007). Essen.
Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. (Hrsg.) (1925)
Dynamit Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co., Hamburg 1865-1925. Hamburg.
Junkers, Günter (2017)
Brisante Sprengstoffe aus Leverkusen. In: Niederwupper 28, S. 133-140. o. O.
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 203-204, Köln.
Der hier präsentierte Inhalt steht unter der freien Lizenz CC BY 4.0 (Namensnennung). Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Möchten Sie dieses Objekt in der Kuladig-App öffnen?
Wir verwenden Cookies
Dies sind zum einen technisch notwendige Cookies,
um die Funktionsfähigkeit der Seiten sicherzustellen. Diesen können Sie nicht widersprechen, wenn
Sie die Seite nutzen möchten. Darüber hinaus verwenden wir Cookies für eine Webanalyse, um die
Nutzbarkeit unserer Seiten zu optimieren, sofern Sie einverstanden sind. Mit Anklicken des Buttons
erklären Sie Ihr Einverständnis. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Datenschutzseite.