Sprengstofffabrik B & F Sternenberg in der Siedlung Kunstfeld

Dynamitfabrik Benjamin Sternenberg in Dünnwald

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 00′ 33,07″ N: 7° 02′ 7,2″ O 51,00919°N: 7,03533°O
Koordinate UTM 32.362.172,86 m: 5.652.683,47 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.572.706,13 m: 5.653.179,06 m
  • Blick über die Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), die älteste erhaltene Arbeitersiedlung im Rheinland und bis zu deren verheerender Explosion 1870 Standort der Sprengstofffabrik Sternenberg.

    Blick über die Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), die älteste erhaltene Arbeitersiedlung im Rheinland und bis zu deren verheerender Explosion 1870 Standort der Sprengstofffabrik Sternenberg.

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef, Landschaftsverband Rheinland / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Straßennamensschild "Hornpott" in der Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), der Name geht auf eine gleichnamige Horn- und Knochenmühle zurück, die hier einst Rinderhörner zu Kämmen verarbeitete.

    Straßennamensschild "Hornpott" in der Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), der Name geht auf eine gleichnamige Horn- und Knochenmühle zurück, die hier einst Rinderhörner zu Kämmen verarbeitete.

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef, Landschaftsverband Rheinland / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Wohngebäude in der ältesten erhaltenen Arbeitersiedlung im Rheinland, der Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), auch Standort der Sprengstofffabrik Sternenberg bis zu deren verheerender Explosion 1870.

    Wohngebäude in der ältesten erhaltenen Arbeitersiedlung im Rheinland, der Siedlung Kunstfeld in Köln-Dünnwald (2026), auch Standort der Sprengstofffabrik Sternenberg bis zu deren verheerender Explosion 1870.

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef, Landschaftsverband Rheinland / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Franz-Josef Knöchel
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Fabrikantenwohnhaus und Arbeiterwohnhäsuer (2014)

    Fabrikantenwohnhaus und Arbeiterwohnhäsuer (2014)

    Copyright-Hinweis:
    Gelhar, Martina / LVR-Abteilung Landschaftliche Kulturpflege
    Fotograf/Urheber:
    Gelhar, Martina
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Die Sprengstofffabrik der Brüder Benjamin und Friedrich Sternenberg war eines der Unternehmen, die im Bereich der Arbeitersiedlung Kunstfeld in Dünnwald ihren Sitz hatten. Zunächst wurde dort eine chemische Produktion unterhalten, bevor man um 1869 ohne die notwendigen Konzessionen die Herstellung von Sprengstoff aufnahm - mit katastrophalen Folgen …

Chemieproduktion in der Arbeitersiedlung Kunstfeld
Sprengstoff- und Dynamitherstellung Sternenberg
Das Explosionsunglück 1870
Anmerkung zur Objektgeometrie
Diergardt-Dynamitfabrik in Dünnwald
Quelle, Internet, Literatur

Chemieproduktion in der Arbeitersiedlung Kunstfeld
Die ab 1820 eigens für die Arbeiter der chemischen Produktion in isolierter Lage im Wald bei Dünnwald gebaute Siedlung gilt als die älteste erhaltene Arbeitersiedlung im Rheinland.
Nachdem die Chemiker Johann Gottfried Wöllner aus Gummersbach und Friedrich Mannes aus Remscheid zunächst in früheren Klostergebäuden der 1803 im Zuge der Säkularisation während der Franzosenzeit (1794-1814/15) aufgelösten Abtei Altenberg den für preußische Uniformen verwendeten Textilfarbstoff „Berliner Blau“ produziert hatten, siedelten sie über eine Zwischenstation in Gebäuden des ebenfalls aufgelösten Klosters Dünnwald in die von dort nur etwa einen Kilometer entfernte Arbeitersiedlung Kunstfeld über (Brandt 1988).

Die umfassenden Recherchen des Leichlinger Sprengstoffexperten Friedrich Trimborn (2002) weichen hiervon etwas ab. Demnach habe der Gummersbacher Branntweinfabrikant Godfried Wöllner in seinem Betrieb im vormaligen Kloster Altenberg ab 1813 „chemische Erzeugnisse (u.a. auf Salpeterbasis)“ und auch Kölnisch Wasser hergestellt, bevor er wegen Beschwerden der Nachbarn und aus Platzgründen in Kunstfeld ein 20 Morgen (5 Hektar) großes Grundstück erstand und dort 1817 eine chemische Fabrik in Betrieb nahm.
„1820 gründeten der Remscheider Unternehmer Christian Woellner und Friedrich Mannes auf dem Kunstfeld einen (weiteren?) Betrieb mit etwas anderem Produktionsprogramm. Nach dem Tod von Godfried Woellner ging dessen Firma auf seinen Schwiegersohn Benjamin Sternenberg über.“
Hergestellt wurden seinerzeit noch keine Explosivstoffe, sondern u.a. Farben, Cyankali und Eau de Cologne; 1835 firmierte man in B & F Sternenberg um (ebd.).

Doppelfeld und Kellenbenz (Kölner Wirtschaft 1975, S. 195) führen weitere Beteiligte an. Demnach gab es hier nicht alleine die zwischen 1820 und 1840 betriebene Firma Buntfarben der Gebrüder Mannes (ein Unternehmen von Johann Gottfried Wöllner und dessen Sohn Christian), sondern ferner eine Firma von Ed. Halbach aus Wald bei Solingen. Um die 1830er ließen sich dann die Brüder Benjamin und Friedrich Sternenberg hier nieder, die Farben und andere chemische Produkte wie Salmiak herstellen.
Und schließlich zu den verwandtschaftlichen Verbindungen noch die deutschsprachige Wikipedia: „Benjamin Sternenberg war ein Schwager von Christian Wöllner, Ehemann von dessen Schwester Helena. Friedrich Sternenberg (* 1798) war mutmaßlich der drei Jahre jüngere Bruder von Benjamin. Ein Hermann Sternenberg, mutmaßlich ein Sohn von Benjamin Sternenberg, war in den 1850er Jahren 2. Beigeordneter in der Gemeinde Merheim, zu der auch Dünnwald gehörte. Friedrich Mannes, dessen Mutter aus der Remscheider Kaufmannsfamilie Hasenclever stammte, war in zweiter Ehe verheiratet mit Augusta Zanders, Schwester des Papierfabrikanten Johann Wilhelm Zanders.“

Sprengstoff- und Dynamitherstellung Sternenberg
Ausgelöst durch die 1866 erfolgte Entdeckung des revolutionären Explosivstoffs Dynamit durch Alfred Nobel (1833-1896), hatte in den 1870/80ern weltweit ein regelrechter Dynamit-Boom eingesetzt, der in der Zeit der Industrialisierung weltweit ganze Industrie- und Wirtschaftsbereiche nachhaltig veränderte. Auch im Rheinland trug dies seine Früchte über zahlreiche neu entstandene Zündstoff- und Sprengstofffabriken.

Offenbar wollten auch die Brüder Benjamin und Friedrich Sternenberg mit ihrem Unternehmen an dem wirtschaftlichen Erfolg des Dynamits teilhaben und so begann man in Kunstfeld mit der Herstellung von Glycerin, Salpetersäure und Nitroglycerin - letzteres ist ein Grundstoff von Dynamit (Brandt 1988, S. 195, Trimborn 2002 und Hinweise Montkowski 2024).
Die Produktion von Dynamit erfolgte ab Oktober 1869 in einer dazu gegründeten Fabrik B & F Sternenberg - allerdings ohne die notwendigen Konzessionen und trotz eines behördlichen Verbots. Gleich dreimal waren Konzessionsanträge für eine Dynamitproduktion abgelehnt worden, weil B & F Sternenberg die geforderten Sicherheitsvorkehrungen nicht erfüllte. 1869 fanden mehrere Visitationen durch die kommunalen Behörden statt, die prüfen sollten, ob sich Sternenberg an das Verbot hielt. Das Unternehmen gab an, die Herstellung der explosiven Stoffe diene einzig der Vorbereitung auf die sicher zu erwartende Konzessionsvergabe (Brandt 1988, S. 196 und Trimborn 2002).
Spätestens ab Oktober 1869 wurde schließlich in einer Dynamitfabrik Benjamin Sternenberg offenbar illegal Dynamit produziert - mit katastrophalen Folgen …
nach oben

Das Explosionsunglück 1870
Es kam, wie es wohl fast zwangsläufig kommen musste: In der Nacht vom 25. Januar 1870 ereignete sich in der Sprengstofffabrik Sternenberg eine gewaltige Explosion, bei der die Fabrik fast völlig zerstört wurde und alle Häuser der Siedlung Kunstfeld beschädigt wurden.
„Alle Fenster waren zersplittert und die Gefache aus den Fachwerkhäusern herausgerissen. Sogar im benachbarten Dünnwald zersprangen die Fensterscheiben.“ (Hinweise Montkowski 2024)
Bei dem Unglück kamen 15 Arbeiter gräßlich verstümmelt ums Leben. Dies war fast die gesamte Nachtschicht, bis auf zwei Beschäftigte, die hinter dem Werkschornstein die Explosion überlebten. Viele weitere Menschen wurden teils schwer verwundet.

Trimborn (2002) führt hingegen zur Schwere und zur Ursache des Unglücks an, dass wohl fast die gesamte Belegschaft bereits wegen eines anderen Vorkommnisses vor Ort war (es habe keine Nachtschicht gegeben), ferner Helfer und einige Schaulustige. „Über die Unfallursache schweigen die Quellen. ... Möglicherweise war das seit Monaten gelagerte Dynamit instabil geworden oder es hatte einen Brand gegeben, der auf das Lager übergriff.“

Nach dem tragischen Unglück wurde das Unternehmen Sternenberg von der 1869 von dem (Köln-) Mülheimer Pulverfabrikanten und Salpeterhändler Carl Wilhelm Kayser (1813-1883) gegründeten Firma C. Kayser & Co. übernommen, die jedoch wegen des Widerstands vor Ort keinen Neuaufbau in Kunstfeld unternahm.
Angeführt vom örtlichen Pfarrer Bertram hatte sich eine breite Bewegung in der Dünnwalder Bevölkerung gebildet, die über die Sammlung von Unterschriften und Protestschreiben an Behörden und Unternehmer erfolgreich die zunächst geplante Neuerrichtung einer Pulverfabrik und damit eine Wiederaufnahme der Herstellung von Sprengstoff blockierten (Montkowski 2026).
Die Firma Sternenberg verschwand in Dünnwald, einzig der Schornstein der Fabrik blieb noch viele Jahre als Mahnmal für die Toten stehen, ist heute aber nicht mehr erhalten.

Die Firma Kayser plante hingegen in der Schlebuscher Heide neu und die dortige Dynamitfabrik Kayser & Co. ging Anfang 1871 an einem Standort in ausreichendem Abstand zu Siedlungen in Betrieb; später ging das Unternehmen C. Kayser & Co. in der Dynamit Nobel AG auf.

Montkowski weist darauf hin, dass es keinen zeitgenössischen Quellennachweis zu einem immer wieder (u.a. unter de.wikipedia.org) angeführten Firmennamen Kayser & Edelmann gibt. Ferner lassen die Angaben unter leverkusen.rheinische-industriekultur.com die Interpretation zu, der Standort in Dünnwald habe bereits zum Zeitpunkt der Explosion 1870 zu Kayser gehört, was jedoch nicht der Fall ist.
nach oben

Anmerkung zur Objektgeometrie
Mangels eines präzisen Ausweises der Dynamitfabrik in den historischen Karten orientiert sich die hier lediglich symbolisch eingezeichnete Objektgeometrie an der Darstellung der gesamten Siedlung Kunstfeld in der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912). Die Größe der Betriebsflächen ist - so wie bei anderen Werken auch - nur bedingt zu bestimmen, da Sprengstofffabriken üblicherweise auch den sie umgebenden Wald mitnutzten, wo aus Sicherheitsgründen Teile der Anlagen in abgelegener Lage betrieben wurden.

Diergardt-Dynamitfabrik in Dünnwald
Eine historische Aufnahme unter Greven Archiv Digital verweist mit Datierung August 1956 auf eine „Kiesgrube der Diergardt-Dynamitfabrik“ in Dünnwald, zu der allerdings keine präziseren Nachrichten vorliegen (Hinweise sind willkommen!).
Möglicherweise war dies eine weitere und womöglich nur kurzlebige Sprengstoffabrik in dem Areal zwischen Opladen/Leverkusen, Schlebusch und Dünnwald. Dem Namen nach bietet sich eine Verbindung zur Familie des rheinischen Industriellen und Seidenfabrikanten Friedrich Freiherr von Diergardt (1795-1869) an. Dieser besaß seit 1857 als standesgemäßen Wohnsitz das Schloss Morsbroich im heutigen Leverkusen.

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)

Quelle
Freundliche Hinweise von Herrn Walter Montkowski aus Arbeiten der Geschichtswerkstatt Köln-Brück und zu einer Ausstellung der Stadtgeschichtlichen Vereinigung Leverkusen, 2024 und 2026.

Internet
de.wikipedia.org: Siedlung Kunstfeld (abgerufen 23.03.2026)
stadtgeschichte-lev.de: „Leverkusen explosiv. Geschichte der Sprengstoffproduktion“, Gemeinschaftsausstellung des Bergischen Geschichtsvereins und der Stadtgeschichtlichen Vereinigung, 16. Juni bis 25. August 2024 (abgerufen 30.01.2026)
leverkusen.rheinische-industriekultur.com: Dynamit Nobel Sprengstofffabrik (Text Alexander Kierdorf, abgerufen 27.01.2026)
greven-archiv-digital.de: Köln-Dünnwald: Dynamitfabrik (abgerufen 27.01.2026)
nach oben

Literatur

Brandt, August / St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Köln-Dünnwald (Hrsg.) (1988)
Dünnwald. Die Säkularisation des Kloster (1803). Dorf und Pfarrei im 19. Jahrhundert. Köln.
Doppelfeld, Otto; Kellenbenz, Hermann (Hrsg.) (1975)
Zwei Jahrtausende Kölner Wirtschaft. Band 2: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Köln.
Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. (Hrsg.) (1925)
Dynamit Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co., Hamburg 1865-1925. Hamburg.
Köhler, Jürgen (1989)
Ein Ort der Ruhe und Erholung - Kunstfeld. Eine noch erhaltene Arbeitersiedlung am Stadtrand von Köln. o. O. Online verfügbar: www.ig-hornpott.de, Kunstfeldheft (PDF), abgerufen am 30.03.2026
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 77, Köln.

Sprengstofffabrik B & F Sternenberg in der Siedlung Kunstfeld

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Siedlung Kunstfeld / Am Kunstfeld
Ort
51069 Köln - Dünnwald / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1869, Ende 1871 bis 1873

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt steht unter der freien Lizenz CC BY 4.0 (Namensnennung). Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Sprengstofffabrik B & F Sternenberg in der Siedlung Kunstfeld”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356850 (Abgerufen: 24. April 2026)
Seitenanfang