Kopfbäume im Kreis Kleve

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Naturschutz
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Kopfbäume in der Landschaft
Die Landschaft am Unteren Niederrhein ist geprägt durch weiträumige Grünlandbereiche. In dieser offenen Kulisse bleibt der Blick oft an markanten Baumgestalten hängen – den Kopfbäumen. Sie sind das Wahrzeichen dieser Region und stehen häufig in Reihen entlang der vielen Gräben im Gebiet.
Ihre charakteristische Form verdanken die Kopfbäume einem regelmäßigen Schnitt in einer bestimmten Höhe. Bis in die 1960er Jahre wurde das Schnittgut auf vielfältige Weise genutzt und zu wirtschaftlichen Zwecken verwendet, heute haben Kopfbäume ihre wirtschaftliche Funktion verloren. Dennoch sind sie ein unverzichtbares Element unserer heutigen Kulturlandschaft, da sie wichtige ökologische Funktionen erfüllen und als kulturhistorische Strukturen von einer jahrhundertealten Nutzungsgeschichte zeugen.

Projekt „Typisch Niederrhein – Kopfbäume – Baumgestalten“
In dem vom LVR geförderten Projekt „Typisch Niederrhein – Kopfbäume – Baumgestalten“ wurde in den Jahren 2013 bis 2016 anhand einer Kartierung ermittelt, wie sich der Bestand der Kopfbäume im Projektgebiet zwischen Rees, Emmerich, Kleve und Kalkar in den letzten ca. 17 Jahren entwickelt hat. Außerdem wurde in Zusammenarbeit mit Herrn Drs. Peter Burggraaff von der Universität Koblenz-Landau die umfangreiche Geschichte der Kopfbäume am Unteren Niederrhein erforscht und die enge Wechselwirkung zwischen Mensch und Landschaft aufgezeigt. Mit einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit, die unter anderem einen Fotowettbewerb und Exkursionen beinhaltete, wurde und wird auf den Wert des Kopfbaums als Element unserer Kulturlandschaft aufmerksam gemacht.
In Kooperation mit dem Theodor-Brauer-Haus Berufsbildungszentrum Kleve e.V. werden Produkte entwickelt, die dem Kopfbaum auch wieder einen wirtschaftlichen Wert geben sollen.

Kopfbaumsituation aktuell
Von massiven Veränderungen in der Landschaft, zum Beispiel im Zuge von Flurbereinigungen und Umstrukturierungen sind auch Kopfbäume betroffen. Von 1998 bis 2015 ist die Anzahl der Kopfbäume im Projektgebiet um ca. 400 Exemplare zurückgegangen. Die Ursachen hierfür liegen, zusätzlich zu den oben genannten, auch in der aufwändigen Pflege. Die Bäume müssen ca. alle fünf Jahre geschnitten werden um ihre Form und ihre Funktionen zu erhalten. Viele Landwirte pflegen die Kopfbäume auf ihren Flächen selbst, häufig sind auch Naturschützer und engagierte Bürger für die Pflege im Einsatz. Obwohl eine finanzielle Unterstützung über die Unteren Landschaftsbehörden möglich ist, bleibt der Aufwand sehr hoch und führt dann oft zu einer Aufgabe der Kopfbaumpflege.
Erfreulicherweise ist die Gesamtzahl der Kopfbäume im Projektgebiet aber immer noch sehr hoch. 12.553 Kopfbäume wurden in der Projektlaufzeit erfasst und beschrieben. Mehr als 80 % davon sind Weiden, mit ca. 10 % sind Eschen vertreten. Pappeln, Eichen und Erlen sind gelegentlich auch als Kopfbäume anzutreffen. Der Pflegezustand der Kopfbäume im Projektgebiet ist seit der letzten Erfassung 1998 weitgehend unverändert geblieben. Circa 20 % der erfassten Kopfbäume haben einen Astdurchmesser von mehr als 20 cm und müssen daher zeitnah gepflegt werden, damit sie nicht auseinanderbrechen.

Kulturgeschichte
Im Rahmen des Projektes wurden verschiedene Altkarten ausgewertet, um historische Kopfbaumbestände zu ermitteln. Dazu gehören die Karten des Klevischen Katasters (1731-1740), die Tranchotkarte (1803-1813), die preußische Uraufnahme (1842-1846) und die preußische Neuaufnahme (1890-1896). Leider lässt sich der heutige Kopfbaumbestand auch nach intensiver Prüfung nicht exakt mit historischen Karten vergleichen, da in den genannten Karten weder Baumart, noch Bewirtschaftungsform abzulesen sind. Aus den Karten lassen sich allerdings lineare Gehölzstrukturen allgemein erkennen. Diese linearen Strukturen wurden deshalb mit der aktuellen Kopfbaumkartierung verglichen und das Ergebnis zeigt: Viele der heute vorhandenen Kopfbaumreihen sind an der gleichen Stelle in der historischen Karte als lineare Gehölzstruktur verzeichnet. Es liegt also die Vermutung nahe, dass diese Kopfbaumreihen auch damals schon vorhanden waren.
Kulturhistorisch ebenfalls besonders interessant sind die verschiedenen Nutzungsformen von Kopfbäumen. Schon in der Bronzezeit (1100 v. Chr.) gibt es erste Belege für Kopfweidenkulturen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte nahmen die Bedeutung und die Verwendungsmöglichkeiten der Kopfbäume stetig zu. Auch im Wasser- und Deichbau waren sie sehr wichtig. Anhand alter Gesetzestexte (aus dem Jahr 1805) lässt sich belegen, dass Kopfweiden entlang des Deichfußes und der Böschung gepflanzt werden mussten, um den Deich vor Wellenschlag und Eis zu schützen.
Die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten der Kopfbäume lassen sich chronologisch einordnen:

seit 800 v. Chr.: Binden (z.B. im Weinberg)
seit ca. 1500: Zäune und Pfähle
seit ca. 1510: Arznei und Schnittware (zum Beispiel Holzschuhe und Teller)
seit ca. 1650: Brennholz und Wasserbau
seit ca. 1690: Gerberlohe und Faschinen
seit ca. 1700: Korbflechten und Stangenherstellung
seit ca. 1720: Laubfutter
seit ca. 1730: Kohle
seit ca. 1750: Gerätestiele
Seit den 1960er Jahren haben die wirtschaftlichen Nutzungen sehr stark abgenommen. Heute haben die Kopfbäume keine wirtschaftliche Bedeutung mehr.

Lebensraum Kopfbaum
Ein Kopfbaum besteht aus zahlreichen Kleinlebensräumen mit unterschiedlichen Bedingungen. So bietet zum Beispiel vor allem die Kopfweide mit ihrer Neigung zur Höhlenbildung sowohl dem Steinkauz einen Brutplatz, als auch verschiedenen Insekten Nahrung und Lebensraum. Von der Baumkrone bis zur Wurzel stellen zum Beispiel Blätter, Blüten, Totholz, Rinde und Wurzelholz eine Fülle an Strukturen dar. Dabei ist die Diversität der Kopfbaumarten von großer Bedeutung, denn einzelne Tierarten sind an ganz spezielle Holzarten und Bedingungen gebunden. so zum Beispiel der Balkenschröter (Dorcus parallelopipedus), dessen Larven 2-3 Jahre im morschen Holz von Hartholz-Laubbäumen leben. Dieser Käfer ist eigentlich eine Waldart. Sein Vorkommen an Kopfbäumen zeigt, dass Kopfbäume wichtige Vernetzungselemente, sogenannte „Trittsteinbiotope“ zwischen Waldgebieten sind. Aufgrund ihrer ökologischen und landschaftsbildprägenden Funktionen ist die Pflege und Erhaltung der Kopfbäume sehr wichtig.

(Johanna Amende, Naturschutzzentrum im Kreis Kleve e.V. und Peter Burggraaff, Universität Koblenz-Landau, 2015)

Internet
www.nz-kleve.de: Naturschutzzentrum Kleve (abgerufen 02.08.2016)

Kopfbäume im Kreis Kleve

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„Kopfbäume im Kreis Kleve”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-245979 (Abgerufen: 23. Mai 2018)
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