Arresthaus Bonn, später Justizvollzugsanstalt Bonn

preußisches Gerichts-, Haft-, Polizei- und Untersuchungsgefängnis

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 44′ 16,46″ N: 7° 05′ 48,2″ O / 50,73791°N: 7,09672°O
Koordinate UTM 32.365.701,57 m: 5.622.407,07 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.577.462,86 m: 5.623.063,93 m
  • Historische Aufnahme des Arresthauses Bonn von 1879.

    Historische Aufnahme des Arresthauses Bonn von 1879.

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  • "Landgericht zu Bonn, Situationsplan", erstellt von "Ernst & Korn, Berlin" (aus: Zeitschrift für Bauwesen, 1863).

    "Landgericht zu Bonn, Situationsplan", erstellt von "Ernst & Korn, Berlin" (aus: Zeitschrift für Bauwesen, 1863).

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  • Blick auf die Justizvollzugsanstalt Bonn (das vormalige preußische Arresthaus), davor Gleise und eine Bahn der Bonner Stadtbahn-Linie 61 (1992).

    Blick auf die Justizvollzugsanstalt Bonn (das vormalige preußische Arresthaus), davor Gleise und eine Bahn der Bonner Stadtbahn-Linie 61 (1992).

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  • Lageplan zur baulichen Entwicklung und zur Chronologie der Gebäude der Bonner Justizvollzugsanstalt (Stand 1995, aus Notarius 1996).

    Lageplan zur baulichen Entwicklung und zur Chronologie der Gebäude der Bonner Justizvollzugsanstalt (Stand 1995, aus Notarius 1996).

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Das Arresthaus Bonn – zunächst preußisches Gefängnis, dann Justizvollzugsanstalt – verschwand mit seinem Abriss 1995 nach über 130 Jahren ganz aus dem Bonner Stadtbild. Bis dahin war die hinter dem heutigen Amts- und Landgericht gelegene und seinerzeit auch denkmalgeschützte JVA Bonn „das letzte fast vollkommen erhaltene historische Untersuchungsgefängnis im Rheinland“ (Notarius 1996).
Zudem sah das Arresthaus als erstes neuzeitliches Gefängnis als modernes Grundprinzip auch die Erziehung der Straftäter und -täterinnen und deren Besserung während des Strafvollzugs vor.

Baugeschichte
Frühe Erweiterungen
Hinrichtungen in Bonn
Weitere Haftanstalten des ausgehenden 18. bis 19. Jahrhunderts in Bonn
Berühmte Gefangene der JVA Bonn
Jüngere Geschichte und Modernisierungen
Lage und Objektgeometrie
Quelle, Internet, Literatur

Baugeschichte
Die Geschichte der Haftanstalt ist eng mit der Planungsgeschichte des Bonner Land- und Amtsgerichts verknüpft. Maßgeblichen Einfluss hatte der Besuch des Berliner Architekten und Geheimen Oberbaurats Carl Ferdinand Busse (1802-1868) im Oktober 1852 in Bonn. Busses Werk umfasste vornehmlich Gefängnisse, Gerichts-, Amts- und Postgebäude und auch das 1857-1859 erbaute Landgericht in Bonn geht auf seine Planungen zurück. Busse machte den Vorschlag, mit dem Neubau des Landgerichts den eines notwendigen Untersuchungsgefängnisses zu verbinden. Das dafür geeignete Areal fand sich auf dem angebotenen Mackeldeyschen Grundstück zwischen der Wilhelmstraße und dem Annagraben.
Das Gerichtsgebäude konnte 1859 fertiggestellt und übergeben werden. Das Gefängnis für Männer und Frauen, das als Gerichts-, Haft-, Polizei- und Untersuchungsgefängnis konzipiert war, wurde zwischen 1862 und 1864 erbaut. Anfangs verfügte das Gefängnis über 103 Haftplätze. Das Gebäude erhob sich auf der Bastion „St. Marien“ der alten Stadtbefestigung.
Der ursprüngliche Gefängnisbau aus rotem Ziegelmauerwerk war von einer Bastionsmauer mit Wachtürmen umgeben. Im zwischen 4,20 und 5,80 Meter breiten Zwischenraum von Zellentrakt und Mauer befand sich der sogenannte „Bewegungshof“ für die Insassen.
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Frühe Erweiterungen
Eine Zellenaufstockung mit einer ersten Erweiterung um 20 Zellen erfolgte 1879 und im Jahr 1897 wurden weitere Gefängnisanbauten sowie ein freistehendes Vorsteherhaus ergänzt.
Im Jahr 1894 wurde die Frauenabteilung mit 40 Haftplätzen in das Bonner Weibergefängnis in der Heerstraße verlegt (das sogenannte „Hotel Viktoria“ und heutige Óscar-Romero-Haus). Nach dessen Schließung kehrte die Frauenabteilung 1930 in die Wilhelmstraße zurück.
Aus der NS-Zeit liegen keine Berichte zu besonderen Ereignissen vor.
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Hinrichtungen in Bonn
Auch noch nach dem Ende des Alten Reiches 1815 fanden in Bonn Hinrichtungen statt. Aufgrund einer Änderung des preußischen Strafgesetzbuchs von 1851 durften Exekutionen von nun an nur noch im umwehrten Bereich von Strafanstalten erfolgen, davor wurden diese üblicherweise auf öffentlichen Plätzen vollzogen.
Fälle aus dem damaligen Kreis Bonn wurden von 1815 bis 1852 aufgrund der gerichtlichen Zuständigkeit im Kölner Assisenhof (Landgericht / Geschworenengericht) verhandelt und die dabei verurteilten Mörder dann auch auf öffentlichen Plätzen der Domstadt hingerichtet (Rick 2020, S. 395ff.). Darunter zu nennen sind beispielsweise der Vierfachmörder Adolph Moll aus Beuel, dessen Hinrichtung 1824 offenbar gleich mehrfach wissenschaftliches Interesse weckte (Schmitz 1825 und Ennemoser 1825) oder der als „Würger von Alfter“ zu traurig-schauriger Berühmtheit gekommene Mörder Johann Fasbender, der 1831 auf dem Kölner Eselsmarkt durch die Guillotine hingerichtet wurde (Müller 1994).

Für die Folgejahre sind dann als Hinrichtungen in Bonn belegt (Zusammenstellung nach Rick 2020, S. 394):

  • 12. Dezember 1851, Delinquent Cajetan, Hinrichtung mit Guillotine im Arresthaus Bonn, Henker nicht bekannt.
  • 20. August 1885, Delinquent Dahlhausen, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Lersch.
  • 27. November 1894, Delinquent Lethen, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Reindel.
  • 2. April 1908, Delinquenten Baic, Beslac und Kantar, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
  • 22. Januar 1916, Delinquentin Höfer, Hinrichtung durch Erschießung am Schießstand Venusberg durch ein Erschießungskommando.
  • 17. August 1918, Delinquent Bayer, Hinrichtung durch Erschießung am Schießstand Venusberg durch ein Erschießungskommando.
  • 31. Juli 1935, Delinquent Pryzibilla, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
  • 15. Februar 1936, Delinquent Eupen, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
  • 12. August 1936, Delinquent Giese, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
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Weitere Haftanstalten des ausgehenden 18. bis 19. Jahrhunderts in Bonn
Das in der vorgenannten Liste für die Hinrichtung im Jahr 1851 angeführte „Arresthaus Bonn“ war eines der Gefängnisse, die zeitgleich oder zeitnah zum hier behandelten,1862/64 entstandenen Gefängnis in der Wilhelmstraße existierten.
Eine besondere Stellung nahmen dabei die Kantonsgefängnisse der Rheinprovinz ein. Von der Französischen Zeit her ausgehend waren die Gemeinden im Bezirk des vormaligen Appellationsgerichtshofes Köln verpflichtet, diese Gefängnisse zu unterhalten, in denen kleinere Freiheitsstrafen (contravention de simple police) von höchstens 5 Tagen verbüßt wurden. Erst durch ein Gesetz vom 30. Juni 1887 gingen die Kantonsgefängnisse wieder in die Verwaltung des Staates über (Rick 2020, S. 101ff.).

Durch häufiger wechselnde Bezeichnungen der Kantonsgefängnisse in Bonn sind diese zum Teil nur schwierig voneinander zu unterscheiden (Zusammenstellung nach Rick 2020, S. 101-102):

  • 1794-1798, Kurfürstliches Schloss, in dem zur Zeit der französischen Besetzung vorübergehend auch ein Arresthaus eingerichtet war.
  • 1794-1807, Zucht- und Arbeitshaus Jacobstraße (heutige Kesselgasse in Bonn-Zentrum),
  • 1807-1864, Civil-Arresthaus Jacobstraße, nach langen Überlegungen kam es 1807 zum Bau eines neuen Arresthauses in der Jacobstraße. 1864 wurde es in das neu errichtete Gefängnis in der Wilhelmstraße verlegt.
  • 1854-ca. 1870, Cantongefängnis an der Theaterstraße unweit von der Windmühle (Bonn-Zentrum). Auf Kosten des Landkreises Bonn für Polizeigefangene, die früher im Arresthaus an der Jacobstraße Aufnahme gefunden hatten, in einem alten und düsteren Haus eingerichtet, dessen Fenster mit Eisenstäben versehen waren. Zwischen 1867 und 1870 in das nachfolgend genannte neue Gefängnisgebäude verlegt.
  • 1867/70-1895, Cantongefängnis an der damaligen Victoriastraße (Ecke Weststraße, heutige Heerstraße 205, nachfolgend u.a. Frauen- und NS-Gefängnis, vgl. dort).
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Berühmte Gefangene der JVA Bonn
Unter den prominenten Inhaftierten der JVA Bonn ist wohl vor allem der als „Kanzleramtsspion“ bekannte Günther Guillaume (1927-1995) zu nennen. Der damalige Referent im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt wurde im April 1974 zusammen mit seiner ebenfalls als Agentin des Ministeriums für Staatssicherheit tätigen Ehefrau als DDR-Spion enttarnt und saß zeitweise in der JVA Bonn ein. Im Rahmen eines Agentenaustauschs gingen beide 1981 zurück in die DDR.
Alfons Lappas (*1929), Finanzexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), saß 1986 in der Bonner JVA in Erzwingungshaft, weil er nicht vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum zwischen 1982 und 1986 erfolgten spektakulären Zusammenbruch des DGB-eigenen Bau- und Wohnungsunternehmen Neue Heimat aussagen wollte, deren letzter Vorstandschef er war.
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Jüngere Geschichte und Modernisierungen
Die Höchstbelegung der Bonner JVA wurde zwischen 1956 und 1964 mit 352 Plätzen erreicht. In diesen Jahren erfolgten auch umfangreiche haustechnische Modernisierungen u.a. der Sanitäranlagen, der Heizung und der Elektroinstallationen (Notarius 1996, S. 174).
Ein moderner Großküchen-Neubau, Bade- und Duschräume sowie neue Gemeinschaftszellen entstanden von 1962 bis 1964. Zuletzt wurden 1976/1977 eine Eingangsschleuse sowie ein separater Besuchertrakt erbaut. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Anstalt über 244 Plätze, die Zahl sank dann bis 1991 auf 206.

Nach fast 13 Jahren Auseinandersetzung um die Erhaltung des Arresthauses, fiel schließlich im Oktober 1995 die Entscheidung, den „Schandfleck“ abzutragen. Auf dem gewonnenen Areal wurden die Gebäude von Amts- und Landgericht erweitert.
Die zum Zeitpunkt der Schließung 1995 in der JVA Bonn Inhaftierten wurden von den Justizvollzugsanstalten Rheinbach und Siegburg sowie einer Anstalt des offenen Vollzuges in Euskirchen übernommen. In diese Einrichtungen wechselten gleichzeitig auch zahlreiche Bedienstete.
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Lage und Objektgeometrie
Die hiesige Objektgeometrie orientiert sich unter Einbeziehung der mit der Haftanstalt verbundenen historischen Gerichtsgebäude an den vorliegenden Grundrissen (vgl. Abbildungen), die sich so auch im Bild der historischen Karten der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) bzw. der Topographischen Karte von 1936-1945 aufzeigt (vgl. Kartenansicht).

(Klaus Rick, ehemaliger Leiter der Wirtschaftsverwaltung der JVA Bonn, 2020)

Quelle
Klaus Rick: Strafvollzug in Bonn im Wandel der Zeiten (anlässlich der 2000-Jahr-Feier der Stadt Bonn und dem 125-jährigen Bestehen der JVA Bonn erstellte Broschüre), erste Auflage mit 229 Seiten 1989, erweiterte Auflage mit 384 Seiten 2015, überarbeitete Fassung mit nunmehr 800 Seiten 2020 (Eigenverlag, einsehbar u.a. im Stadtarchiv Bonn).

Internet
deu.archinform.net: Carl Ferdinand Busse, Architekt (abgerufen 09.09.2020)
www.lg-bonn.nrw.de: Justiz-online, Landgericht Bonn (abgerufen 10.09.2020)
de.wikipedia.org: Landgericht Bonn (abgerufen 09.09.2020)
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Literatur

Ennemoser, Joseph (1825)
Ueber die nähere Wechselwirkung des Leibes und der Seele, mit anthropologischen Untersuchungen über den Mörder Adolph Moll. Bonn.
Müller, Franz (1994)
Die spektakuläre Mordserie des "Würgers von Alfter" in den Jahren 1823-1827. In: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 1995, S. 134-143. Siegburg.
Notarius, Christine (1996)
Das letzte, ehemals preußische Gefängnis im Rheinland. In: Denkmalpflege im Rheinland, 18. Jahrgang Nr. 4, S. 171-174. o. O.
Schmitz, J. (1825)
Beobachtungen bei der Hinrichtung zweier Verbrecher nebst den Sektionsberichten. In: Zeitschrift für die Anthropologie, Heft 3, hrsg. von Friedrich Nasse, S. 81-88. Leipzig. Online verfügbar: heikos.bplaced.net, Schmitz 1825
Signon, Helmut (2006)
Alle Straßen führen durch Köln. 3. von Klaus Schmidt überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. Köln.

Arresthaus Bonn, später Justizvollzugsanstalt Bonn

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Wilhelmstraße / Annagraben
Ort
53111 Bonn - Zentrum
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos
Historischer Zeitraum
Beginn 1862 bis 1864, Ende 1995

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
Klaus Rick, „Arresthaus Bonn, später Justizvollzugsanstalt Bonn”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-322012 (Abgerufen: 1. Dezember 2020)
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