Zudem sah das Arresthaus als erstes neuzeitliches Gefängnis als modernes Grundprinzip auch die Erziehung der Straftäter und -täterinnen und deren Besserung während des Strafvollzugs vor.
Baugeschichte und Beschreibung
Frühe Erweiterungen
Hinrichtungen in Bonn
Weitere Haftanstalten des ausgehenden 18. bis 19. Jahrhunderts in Bonn
Berühmte Gefangene der JVA Bonn
Jüngere Geschichte und Modernisierungen bis zum Abbruch 1995
Baudenkmal
Lage und Objektgeometrie
Quellen, Internet, Literatur
Baugeschichte und Beschreibung
Die Geschichte der Haftanstalt ist eng mit der Planungsgeschichte des Bonner Land- und Amtsgerichts verknüpft. Maßgeblichen Einfluss hatte der Besuch des Berliner Architekten und Geheimen Oberbaurats Carl Ferdinand Busse (1802-1868) im Oktober 1852 in Bonn. Busses Werk umfasste vornehmlich Gefängnisse, Gerichts-, Amts- und Postgebäude und auch das 1857-1859 erbaute Landgericht in Bonn geht auf seine Planungen zurück. Busse machte den Vorschlag, mit dem Neubau des Landgerichts den eines notwendigen Untersuchungsgefängnisses zu verbinden. Das dafür geeignete Areal fand sich auf dem angebotenen, circa 1 ½ Morgen großen Mackeldeyschen Grundstück zwischen der Wilhelmstraße und dem Annagraben.
Das Gerichtsgebäude konnte 1859 fertiggestellt und übergeben werden. Das Gefängnis für Männer und Frauen, das als Gerichts-, Haft-, Polizei- und Untersuchungsgefängnis konzipiert war, wurde zwischen 1862 und 1864 erbaut. Anfangs verfügte das Gefängnis über 103 Haftplätze. Das Gebäude erhob sich auf der Bastion „St. Marien“ der alten Stadtbefestigung.
Der ursprüngliche Gefängnisbau aus rotem Ziegelmauerwerk war von einer Bastionsmauer mit Wachtürmen umgeben. Im zwischen 4,20 und 5,80 Meter breiten Zwischenraum von Zellentrakt und Mauer befand sich der sogenannte „Bewegungshof“ für die Insassen.
Die Bonner Zeitung berichtete im September 1862 über das „hierorts neu erbaute Untersuchungsgefängnis“, um einem größeren Publikum „interessante Details mitzuteilen und ... nähere Bekanntschaft mit dieser komfortablen Örtlichkeit“ (sic!) zu machen:
„Die Lage des Gebäudes ist so angeordnet, dass die Achse des Landgerichts ziemlich genau den Haupteingang des Arresthauses trifft. Die Verbindung der beiden Gebäude ist eine direkte durch eine an der Hinterfront des Landgerichts befindliche Tür; im Übrigen hat das Arresthaus 2 Eingänge von der Wilhelmstraße her, die symmetrisch neben den Eingängen zu den Höfen des Landgerichts liegen. Das Gebäude, zur Aufnahme der Untersuchungsgefangenen und der zu kürzeren Gefängnisstrafen Verurteilten bestimmt, ist in drei Hauptteile, einen Männerflügel, einen Weiberflügel und einen Mittelbau gesondert, die sämtlich in einem Souterrain und 3 Stockwerken ausgeführt sind. Der Mittelbau enthält im Erdgeschoss die Wohnung und das Büro des Verwalters, Pförtnerzimmer etc.; in der ersten Etage den Krankensaal für Männer und einige größere gemeinschaftliche Zimmer für Verurteilte; neben solcher Zimmer liegen mehrere mit einer Strafzelle und einem geräumigen Betsaales in der zweiten Etage des Mittelbaues. Der Männerflügel enthält in seinen 3 Stockwerken 36 Zellen für in Einzelhaft zu haltende Untersuchungsgefangene und 3 größere Zimmer für Gefangene; im Weiberflügel 5 Einzelzellen und 7 größere gemeinschaftliche Zimmer, wie eine Wohnung für die Aufseherin. Die Räume im Souterrain sind teils zur Küche, Waschküche, Vorratskammer, Badezellen etc. verwendet, im Übrigen dienen dieselben als Arbeitsstätten für die mit verschiedenen Handarbeiten zu beschäftigenden Detinirten.
Der geräumige und luftige Speicher dient zu ökonomischen Zwecken, namentlich soll die Kleiderkammer etc. dort Platz finden. Im Ganzen sind die Räume in jeder Etage so geordnet, dass ein langer gewölbter Korridor die drei Gebäudeteile in der Mitte durchschneidet und auf jeder Seite dieses Korridors die Räume liegen. Die im rechten Winkel sich schneidenden Korridore des Männerflügels und Weiberflügels können an dem Mittelpunkte der ganzen Anlage, dem Vestibül des Mittelbaues überschritten werden.
Die Verbindung zwischen den Etagen vermitteln zwei vom Keller bis zum Speicher hinaufführende Treppen im Männer- und Weiberflügel, und eine vom Erdgeschoss bis zum zweiten Stock reichende Treppe im Mittelbau; sämtliche Treppen sind massiv in Niedermendiger Werkstein und freitragend konstruiert. Eine besondere Beachtung hat lobenswerterweise die Ventilation der größeren Räume, namentlich die mit Appartements versehenen Einzelzellen gefunden; die Dünste werden aus jedem Raum gesondert bis auf den Speicher hinauf geführt, wo sie sich in einem geräumigen Kanale sammeln und dann durch das Dach aufsteigen. Wer den schädlichen Einfluss kennt, welchen der Mangel an solchen Einrichtungen in älteren Gefängnissen auf die Gesundheit der Detinirten ausgeübt hat, der wird diese Verbesserung nicht genug zu schätzen wissen.
Sämtliche Räume werden mit Gas beleuchtet.
Im Übrigen charakterisiert sich das Gebäude sofort mit seinen kleinen, vergitterten Fenstern als das, was es wirklich ist; die ästhetischen Ansprüche haben jedoch auch ihre volle Beachtung gefunden, und bietet die ganze Gruppierung wie das Arrangement der einzelnen Fassaden in sauber ausgeführtem Rohbau einen durchaus harmonischen und, soweit es beim Zwecke des Baues möglich ist, angenehmen Eindruck. Die ganze Anlage wird augenblicklich mit einer kräftig profilierten Schutzmauer umgeben, die, auf der hohen Bastion gelegen, ihren Eindruck nicht verfehlen wird.
Die Baukosten sollen ziemlich 60.000 Thaler betragen, und hofft man, die Anlage im künftigen Frühsommer dem Gebrauch übergeben zu können.“
Während der den Bau erweiternden Arbeiten kam in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1862 zu einem offenbar durch Funken aus einem Lötofen ausgelösten Brand im Bereich des Dachs, der zum Glück rechtzeitig „an einzelnem Funkensprühen bemerkt“ wurde und mit einem nur „höchst unerheblichen Schaden ... sofort im Entstehen erstickt“ werden konnte: Das Feuer wurde rasch von zwei Schornsteinfegermeistern „mit Sachkenntnis und energischem Handanlegen“ mittels vier Eimern Wasser gelöscht und „eine zur Stelle gekommene Brandspritze kam nicht einmal zur Verwendung“.
Der glimpflich ausgegangene Brand wurde als „Zeugnis für die Bewährung“ der gleichzeitig betriebenen Einrichtung einer ständigen Feuerwache in der Stadt gewertet, der man „eine leicht transportable Handspritze zu übergeben“ habe und die für nächtliche Einsätze auch „mit einer entsprechenden Anzahl Laternen und Fackeln zu versehen“ sei (Bonner Zeitung, 21. und 26.10.1862).
Zu einem weiteren Großbrand kam es 60 Jahre später am Abend des 20. Dezember 1922 - vermutlich ausgelöst durch einen Kurzschluss in der Beleuchtungsanlage - im Dachgeschoss des Amtsgerichts:
„Der angestrengten Arbeit der wackeren Wehrleute gelang es nach mehrstündiger Tätigkeit, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken, indes ist der Sachschaden sehr beträchtlich, da außer dem Dachstuhl und dem Bodenbelag des Aktenraumes und der nebenan liegenden Räumlichkeiten auch der Eckturm dem Feuer zum Opfer gefallen ist. Zum ersten Mal konnte die Wehr die neue mechanische Riesenleiter nutzbringend anwenden, da diese es ermöglichte, an die einzelnen Brandherde heranzukommen. Auch die neue Motorspritze leistete vorzügliche Dienste.“ (Godesberger Volksblatt 1922)
Frühe Erweiterungen
Eine Zellenaufstockung mit einer ersten Erweiterung um 20 Zellen erfolgte im Jahr 1879 und 1897 wurden weitere Gefängnisanbauten sowie ein freistehendes Vorsteherhaus ergänzt.
Im Jahr 1894 wurde die Frauenabteilung mit 40 Haftplätzen in das Bonner Weibergefängnis in der Heerstraße verlegt (das sogenannte „Hotel Viktoria“ und heutige Óscar-Romero-Haus). Nach dessen Schließung kehrte die Frauenabteilung 1930 in die Wilhelmstraße zurück.
Der General-Anzeiger berichtete anlässlich der Rückverlegung der Frauenabteilung, dass die weiblichen Gefangenen nach „recht schwierigen“ Umbauten an dem vor 68 Jahren erbauten Gefängnis nun in „strenger Trennung der Frauen- und Männerabteilung“ untergebracht würden. Über die elf jeweils 9,5 Quadratmeter bzw. 28 Kubikmeter großen Zellen wurde zudem berichtet, „daß die in den Strafanstalten bisher allgemein übliche graue Anstaltsfarbe einem angenehmen rot-bläulichen Anstrich hat weichen müssen“ und andere Annehmlichkeiten die „geräumigen Zellen fast wohnlich“ gemacht hätten: „Überall hängen Bilder an den Wänden, auf den weißgedeckten Tischen stehen Blumen.“
Aus der NS-Zeit liegen keine Berichte zu besonderen Ereignissen vor.
Hinrichtungen in Bonn
Auch noch nach dem Ende des Alten Reiches 1815 fanden in Bonn Hinrichtungen statt. Aufgrund einer Änderung des preußischen Strafgesetzbuchs von 1851 durften Exekutionen von nun an nur noch im umwehrten Bereich von Strafanstalten erfolgen, davor wurden diese üblicherweise auf öffentlichen Plätzen vollzogen.
Fälle aus dem damaligen Kreis Bonn wurden von 1815 bis 1852 aufgrund der gerichtlichen Zuständigkeit im Kölner Assisenhof (Landgericht / Geschworenengericht) verhandelt und die dabei verurteilten Mörder dann auch auf öffentlichen Plätzen der Domstadt hingerichtet (Rick 2020, S. 395ff.). Darunter zu nennen sind beispielsweise der Vierfachmörder Adolph Moll aus Beuel, dessen Hinrichtung 1824 offenbar gleich mehrfach wissenschaftliches Interesse weckte (Schmitz 1825 und Ennemoser 1825) oder der als „Würger von Alfter“ zu traurig-schauriger Berühmtheit gekommene Mörder Johann Fasbender, der 1831 auf dem Kölner Eselsmarkt durch die Guillotine hingerichtet wurde (Müller 1994).
Für die Folgejahre sind dann als Hinrichtungen in Bonn belegt (Zusammenstellung nach Rick 2020, S. 394):
- 12. Dezember 1851, Delinquent Cajetan, Hinrichtung mit Guillotine im Arresthaus Bonn, Henker nicht bekannt.
- 20. August 1885, Delinquent Dahlhausen, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Lersch.
- 27. November 1894, Delinquent Lethen, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Reindel.
- 2. April 1908, Delinquenten Baic, Beslac und Kantar, Hinrichtung mit Guillotine im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
- 22. Januar 1916, Delinquentin Agnes Höfer, Hinrichtung der wegen Raubmords überführten „bettelarmen Witwe“ durch Erschießung am Schießstand Venusberg durch ein Erschießungskommando.
- 17. August 1918, Delinquent Bayer, Hinrichtung durch Erschießung am Schießstand Venusberg durch ein Erschießungskommando.
- 31. Juli 1935, Delinquent Pryzibilla, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
- 15. Februar 1936, Delinquent Eupen, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
- 12. August 1936, Delinquent Giese, Hinrichtung durch das Handbeil im Gefängnis Bonn durch Henker Gröpler.
Von 1936 bis 1945 ließen die Nationalsozialisten dann im Kölner Gefängnis Klingelpütz töten.
Weitere Haftanstalten des ausgehenden 18. bis 19. Jahrhunderts in Bonn
Das in der vorgenannten Liste für die Hinrichtung im Jahr 1851 angeführte „Arresthaus Bonn“ war eines der Gefängnisse, die zeitgleich oder zeitnah zum hier behandelten,1862/64 entstandenen Gefängnis in der Wilhelmstraße existierten.
Eine besondere Stellung nahmen dabei die Kantonsgefängnisse der Rheinprovinz ein. Von der Französischen Zeit her ausgehend waren die Gemeinden im Bezirk des vormaligen Appellationsgerichtshofes Köln verpflichtet, diese Gefängnisse zu unterhalten, in denen kleinere Freiheitsstrafen (contravention de simple police) von höchstens 5 Tagen verbüßt wurden. Erst durch ein Gesetz vom 30. Juni 1887 gingen die Kantonsgefängnisse wieder in die Verwaltung des Staates über (Rick 2020, S. 101ff.).
Durch häufiger wechselnde Bezeichnungen der Kantonsgefängnisse in Bonn sind diese zum Teil nur schwierig voneinander zu unterscheiden (Zusammenstellung nach Rick 2020, S. 101-102):
- 1794-1798, Kurfürstliches Schloss, in dem zur Zeit der französischen Besetzung vorübergehend auch ein Arresthaus eingerichtet war.
- 1794-1807, Zucht- und Arbeitshaus Jacobstraße (heutige Kesselgasse in Bonn-Zentrum),
- 1807-1864, Civil-Arresthaus Jacobstraße, nach langen Überlegungen kam es 1807 zum Bau eines neuen Arresthauses in der Jacobstraße. 1864 wurde es in das neu errichtete Gefängnis in der Wilhelmstraße verlegt.
- 1854-ca. 1870, Cantongefängnis an der Theaterstraße unweit von der Windmühle (Bonn-Zentrum). Auf Kosten des Landkreises Bonn für Polizeigefangene, die früher im Arresthaus an der Jacobstraße Aufnahme gefunden hatten, in einem alten und düsteren Haus eingerichtet, dessen Fenster mit Eisenstäben versehen waren. Zwischen 1867 und 1870 in das nachfolgend genannte neue Gefängnisgebäude verlegt.
- 1867/70-1895, Cantongefängnis an der damaligen Victoriastraße (Ecke Weststraße, heutige Heerstraße 205, nachfolgend u.a. Frauen- und NS-Gefängnis, vgl. dort).
Berühmte Gefangene der JVA Bonn
- Im Jahr 1903 wurde der Schriftsteller und Übersetzer Felix Paul Greve (1879-1948) wegen Betrugs zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, die er im Bonner Gefängnis verbüßte. Erst 1973 wurde aufgedeckt, dass Greve ab 1909 nach einem vorgetäuschten Suizid unter einer neuen Identität als Frederick Philip Grove als preisgekrönter Schriftsteller in Kanada lebte (ga.de, 22.11.2021).
- 1936 wurde der Hochstapler Adolf Bunse (1876-1943) in Bonn inhaftiert. Der gelernte Bäcker mit zahlreichen Vorstrafen hatte sich bei einer Godesberger Familie einquartiert und von dieser Geld erschwindelt - als „intimer Bekannter“ des zwischen 1926 und 1940 regelmäßig im Rheinhotel Dreesen residierenden NS-Diktators Adolf Hitler, für den er regelmäßig „in geheimer Mission“ unterwegs sei, könne er bei einem Gnadengesuch der Familie weiterhelfen. Der Schwindel flog auf und Bunse wurde zu eineinhalb Jahren Zuchthaus und 300 Reichsmark Geldstrafe verurteilt, ferner wurden ihm die Ehrenrechte für 5 Jahre aberkannt. Der als ehemaliges KPD-Mitglied bekannte Adolf Bunse starb später im KZ Buchenwald (ga.de, 31.12.2022).
- Der heute als Schriftsteller und Drehbuchautor bekannte Peter Zingler (*1944) verbrachte seine jungen Jahre als professioneller Einbrecher. Als er 1959 - im Alter von gerade einmal 15 Jahren! - zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, verbüßte er diese im Bonner Gefängnis. Der spätere Grimme-Preisträger (1993) und Drehbuchautor von u.a. bislang 16 „Tatort“-Krimis erinnert sich in seinem 2015 veröffentlichten autobiographischen Roman „Im Tunnel“: „Vier- bis fünfmal die Woche gab es Eintopf, und die guten Steckrüben waren auch noch nicht vom Speiseplan verschwunden. Der Ton und der Umgang waren militärisch, wie die Rangordnung der Bediensteten. Diese waren neben zwei anderen Dingen das Einzige, was sich seit 1871 dort verändert hatte.“
- Unter den prominenten Inhaftierten der JVA Bonn ist wohl vor allem der als „Kanzleramtsspion“ bekannte Günther Guillaume (1927-1995) zu nennen. Der damalige Referent im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt wurde im April 1974 zusammen mit seiner ebenfalls als Agentin des Ministeriums für Staatssicherheit tätigen Ehefrau Christel Guillaume (1927-2004) als DDR-Spion enttarnt und in Bonn unter Spionageverdacht verhaftet. Im Rahmen der Untersuchungshaft saß er zeitweise in der JVA Bonn ein, später in den Justizvollzugsanstalten Köln-Ossendorf und Rheinbach. Im Rahmen eines Agentenaustauschs ging das Agentenpaar 1981 zurück in die DDR.
- Alfons Lappas (*1929), Finanzexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), saß 1986 in der Bonner JVA in Erzwingungshaft, weil er nicht vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zum zwischen 1982 und 1986 erfolgten spektakulären Zusammenbruch des DGB-eigenen Bau- und Wohnungsunternehmen Neue Heimat aussagen wollte, deren letzter Vorstandschef er war.
Jüngere Geschichte und Modernisierungen bis zum Abbruch 1995
Die Höchstbelegung der Bonner JVA wurde zwischen 1956 und 1964 mit 352 Plätzen erreicht. In diesen Jahren erfolgten auch umfangreiche haustechnische Modernisierungen u.a. der Sanitäranlagen, der Heizung und der Elektroinstallationen (Notarius 1996, S. 174).
Ein moderner Großküchen-Neubau, Bade- und Duschräume sowie neue Gemeinschaftszellen entstanden von 1962 bis 1964. Zuletzt wurden 1976/1977 eine Eingangsschleuse sowie ein separater Besuchertrakt erbaut. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Anstalt über 244 Plätze, die Zahl sank dann bis 1991 auf 206.
In der Nacht zum 2. September 1974 kam es aus eher nichtigem Anlass - als Grund für die Meuterei wurde das Anstaltsessen vorgeschoben - zu den größten Ausschreitungen seit Bestehen der Bonner JVA: „Rund 100 Gefangene probten den Aufstand, fingen plötzlich an, laut zu schreien, zündeten alles Brennbare an und warfen Decken, Bettbezüge, Arbeitsmaterial sowie Wasch- und Toilettenbecken durch die zerschlagenen Zellenfenster auf Hof und Mauern.“ Erst nach Stunden konnten Polizei und Feuerwehr die nächtliche Meuterei unter Kontrolle bringen, der Schaden wurde auf 10.000 DM geschätzt.
Im Zuge einer Diskussion um die Instandsetzung des äußeren Baukörpers der JVA wurden um 1988/89 insbesondere die Erneuerung der Umfassungsmauer und der südlichen Bastionsmauer sowie der äußeren Fassaden und Gesimse angesprochen. Auch sollte eine in der Bastionsmauer an der Ecke Annagraben / Alexanderstraße eingelassene barocke Kartusche mit kurfürstlichem Wappen unbedingt gesichert werden. Über dieser sprang in der Gefängnismauerzone ein Wachttürmchen mit modernem Aufbau als Eckrisalit hervor (Gutachten 1983, Schriftverkehr 1988/1989 und Abb.). Die Kartusche wurde nach dem Abbruch der JVA in den Neubau des Landgerichts integriert.
Nach fast 13 Jahren Auseinandersetzung um die Erhaltung des Arresthauses, fiel schließlich im Oktober 1995 die Entscheidung, den „Schandfleck“ abzutragen. Auf dem gewonnenen Areal wurden die Gebäude von Amts- und Landgericht erweitert.
Die zum Zeitpunkt der Schließung 1995 in der JVA Bonn Inhaftierten wurden von den Justizvollzugsanstalten Rheinbach und Siegburg sowie einer Anstalt des offenen Vollzuges in Euskirchen übernommen. In diese Einrichtungen wechselten gleichzeitig auch zahlreiche Bedienstete. Der Abbruch der Haftanstalt, die als ältestes preußisches Gefängnis der Rheinprovinz galt, wurde als „Verlust eines einzigartigen Zeugnisses des Strafvollzugs seit Mitte des 19. Jahrhunderts“ bewertet (Landeskonservator 2004, S. 222).
Bevor endgültig die Bagger anrückten, wurde die ausgediente JVA noch als Kulisse für den deutschen Kino-Spielfilm „Nur aus Liebe“ (Regie: Dennis Satin) mit den prominenten Hauptdarstellern Katja Riemann, Hannes Jaenicke und Heinz Hoenig genutzt.
Baudenkmal
In einem 1983 erstellten Gutachten zur JVA Bonn hatte der Denkmalpfleger Dr. Ralph Quadflieg ausgeführt:
„Die Justizvollzugsanstalt Bonn ist als das älteste im Rheinland noch existierende preußische Gefängnis in seiner originalen baulichen Geschlossenheit ein seltenes Beispiel für die preußische Gerichtsgefängnisarchitektur vor den grundlegenden und verbindlichen Bauvorschriften des preußischen Staates von 1885.
Mit der barocken Stadtbastion ‚St. Marin' eine bauliche Einheit bildend, dokumentiert das Bauwerk zwei wichtige historische Epochen der Bonner Stadtgeschichte und gilt als Zeugnis der Bonner Stadtentwicklung. Zudem bildet das Gerichtsgefängnis mit dem Land- und Amtsgericht eine historische wirtschaftliche Einheit.
Die Justizvollzugsanstalt Bonn ist aus architekturgeschichtlichen, historischen und sozialgeschichtlichen Gründen als Denkmal zu bewerten.“
Der Komplex „Wilhelmstr. 19, Bonn“ wurde mit Eintragung vom 27.06.1985 als Baudenkmal unter Schutz gestellt (Denkmalliste Bonn, Nr. A 872, später gelöscht / LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland Nr. 35752). Nach dem Abbruch der Haftanstalt stehen vor Ort noch die Gebäude des Landgerichts (Wilhelmstraße 21) und des Amtsgerichts (Wilhelmstraße 23) unter Denkmalschutz (Denkmalliste Bonn, Nrn. A 867 und A 871 / LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland Nr. 35751 und 357582).
Lage und Objektgeometrie
Die hiesige Objektgeometrie orientiert sich unter Einbeziehung der mit der Haftanstalt verbundenen historischen Gerichtsgebäude an den vorliegenden Grundrissen (vgl. Abbildungen), die sich so auch im Bild der historischen Karten der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) bzw. der Topographischen Karte von 1936-1945 aufzeigt (vgl. Kartenansicht).
(Klaus Rick, ehemaliger Vize-Verwaltungsleiter und Leiter der Wirtschaftsverwaltung der JVA Bonn, 2020/2023)
Quellen
Aus der Sammlung Klaus Rick:
- „Bericht über das im Bau befindliche neue Untersuchungsgefängnis von Bonn“, in: Bonner Zeitung vom 28.09.1862.
- „Bericht über einen Brand des im Bau befindlichen Untersuchungsgefängnisses in Bonn“ und Leserbrief zu dem vorstehenden Bericht, in: Bonner Zeitung vom 21.10.1862 und 26.10.1862.
- Bericht im Godesberger Volksblatt vom 21.12.1922.
- „Neuerungen im Bonner Gefängnis. Verlegung der Frauenabteilung“, in: General-Anzeiger vom 31.10.1930.
- Gutachten von Dr. Ralph Quadflieg, „Justizvollzugsanstalt Bonn, Wilhelmstraße 19“, 01.09.1983.
- Auszug aus dem Schriftverkehr zwischen dem Leiter der JVA Bonn, dem Bereich Denkmalpflege der Bezirksregierung Köln und dem Staatshochbauamt Bonn, 1988/1989.
Internet
deu.archinform.net: Carl Ferdinand Busse, Architekt (abgerufen 09.09.2020)
www.bonn.de: Denkmalliste (PDF-Datei, 2,18 MB, Stand März 2021, abgerufen 26.04.2022)
www.lg-bonn.nrw.de: Justiz-online, Landgericht Bonn (abgerufen 10.09.2020)
de.wikipedia.org: Landgericht Bonn (abgerufen 09.09.2020)
ga.de: Fluchten, Filmkulisse, Spione - Diese Geschichten ereigneten sich in der alten JVA Bonn (General-Anzeiger Bonn vom 06.07.2021, abgerufen 17.11.2021)
ga.de: Autor Felix Paul Greve. Vom Knastbruder in Bonn zum Erfolgsschriftsteller in Kanada (General-Anzeiger Bonn vom 22.11.2021, abgerufen 05.09.2022)
ga.de: Angeblicher Treffpunkt war das Hotel Dreesen: Dreister Hochstapler genießt in Bad Godesberg das Leben (General-Anzeiger Bonn vom 31.12.2022, abgerufen 04.01.2023)