Justizvollzugsanstalt Siegburg

JVA Siegburg, zuvor königlich-preußische Strafanstalt

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Siegburg
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
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Die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Siegburg ist eine in ihrem Ursprung zwischen 1893 und 1896 erbaute Haftanstalt, die derzeit 544 Haftplätze bereit hält und mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Berufssparten beschäftigt (jva-siegburg.nrw.de). Die Siegburger Benediktinerabtei auf dem Michaelsberg diente seit dem Jahr 1803 als Vorgänger der heutigen Haftanstalt.

Die Siegburger Abtei St. Michael als Vorgänger des Gefängnisses
Nationalsozialistische Zeit
Gedenken an 1944 erschossene luxemburgische Gefangene
Die Haftanstalt nach 1945
Kartenbild / Baudenkmal
Internet

Die Siegburger Abtei St. Michael als Vorgänger des Gefängnisses
Nach der durch die Säkularisation bedingten Auflösung der Benediktinerabtei St. Michael im Jahr 1803 dienten deren zweckentfremdete Gebäude den verschiedensten Nutzungen, u.a. als Kaserne und als Lateinschule. Von 1825 bis 1878 wurden die vormaligen Abteigebäude als Irrenheilanstalt genutzt und seit 1879 als Gefängnis bzw. Zuchthaus.
Der erste Gefängniskomplex der 1886 eröffneten königlich-preußischen Strafanstalt in Siegburg wurde in umgebauten Klostergebäuden auf dem Abteiberg eingerichtet und zwischen 1889 und 1891 um einen Zellentrakt erweitert. Erst ab 1896 konnten die seit 1893 auf dem heutigen JVA-Gelände neu erbauten Gefängnisbauten bezogen werden.
Die Nutzung des ehrwürdigen Michaelsbergs als Strafanstalt endete erst im Jahr 1914, als wieder Mönche in die frühere Abtei einzogen um diese erneut als geistliche Institution zu nutzen.
Die neue Anstalt bot seinerzeit in zwei getrennten Gebäudekomplexen Platz für 521 Männer und 204 Frauen.
„Während des Ersten Weltkriegs wurden zusätzlich Festungsgefangene, sowie von Kriegsgerichten Verurteilte aus Belgien und Frankreich aufgenommen. Nach Ende des Krieges wurde die Anstalt von den Briten beschlagnahmt und geräumt. Von 1921 bis 1926 verbüßten in Siegburg Männer, die an der Ruhraktion beteiligt waren, ihre Strafe. Die Befehlsgewalt unterlag während dieser Zeit Frankreich.“ (de.wikipedia.org, JVA)
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Nationalsozialistische Zeit
Nach 1933 nutzte das NS-Regime die Anstalt als Zuchthaus und Strafgefängnis, zunächst vornehmlich für politische Gefangene, später auch als Straflager für Zwangsarbeiter-Außenkommandos der damals kriegswichtigen Troisdorfer Dynamit AG und der Siegburger Rheinischen Zellwolle AG.

Zahlreiche Gefangene wurden ab 1941/42 in Vernichtungslager im Osten deportiert, darunter auch die jüdischen Insassen. Erkrankungen und Epidemien forderten zahlreiche Todesopfer vor Ort, alleine Ende 1944 starben etwa 200 an endemischem Fleckfieber erkrankte Insassen. Auf dem Siegburger Nordfriedhof sind 623 Tote des Zuchthauses Siegburg beigesetzt (Kraus 1999).
In den letzten Kriegsmonaten wurden Gefangene auch zum Einsatz an der Kriegsfront gezwungen.
Ende 1944 wurde die Hinrichtungsstätte des Oberlandesgerichtsbezirks Köln aus dem zerbombten Kölner Gefängnis Klingelpütz nach Siegburg verlegt. Hier kam es jedoch nicht zu regulären Hinrichtungen, sieht man von Straf- und Vergeltungsaktionen ab (vgl. nachfolgend).

In den ersten Jahren der NS-Herrschaft war die Siegburger Anstalt mit rund 850 Personen noch halbwegs normal belegt, ab spätestens 1942 wurden die Bedingungen durch die Überbelegung mit mehr als 2.000-2.500 Insassen allerdings immer prekärer. 1944 war die Anstalt mit der Höchstzahl von 3.500 Gefangenen belegt, insgesamt waren hier von 1933-1945 6.982 Menschen inhaftiert.
Die Befreiung der mit 2.600 Häftlingen immer noch völlig überbelegten Anstalt erfolgte am 12. April 1945 durch Sanitätsoffiziere der amerikanischen Armee.
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Gedenken an 1944 erschossene luxemburgische Gefangene
In der Siedlung neben der Justizvollzugsanstalt wurden die drei Straßen Camille-Koerner-Straße, Jean-Bück-Straße und Marcel-Charpantier-Straße nach luxemburgischen Kriegsgefangenen benannt, die während der NS-Zeit im damaligen Zuchthaus Siegburg einsaßen: der Friseur Camille Körner, der Bankangestellte Jean Bück und der Student Marcel Charpantier.
Die drei jungen Männer wurden am 23. August 1944 in einer „Vergeltungsaktion“ am unweit des Gefängnisses gelegenen früheren Ulrather Hof erschossen, dort erinnert heute eine Gedenktafel an die NS-Mordtat (www.floerken.de, vgl. den Objekteintrag Ulrather Hof).
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Die Haftanstalt nach 1945
Ab 1946 waren die Kriegsschäden an der Haftanstalt beseitigt und es konnten wieder männliche Erwachsene und jugendliche Straftäter aufgenommen werden.
Nach einem bundesweit Aufsehen erregenden Mordfall unter jugendlichen Straftätern im November 2006 („Siegburger Foltermord“) geriet die JVA Siegburg stellvertretend für den Strafvollzug an Jugendlichen in die Kritik. Seit 2011/12 werden nur noch erwachsenen Gefangene in Siegburg aufgenommen und jugendliche Insassen vornehmlich in anderen, den heutigen Maßstäben des Jugendstrafvollzugs entsprechenden Justizvollzugsanstalten inhaftiert – etwa in der 2011 eröffneten modernen JVA Wuppertal-Ronsdorf (www.rundschau-online.de).
Neben dem Vollzug der Haftstrafen gibt es weitere programmatische Schwerpunkte in der Arbeit der JVA Siegburg, darunter vor allem eine „sinnvolle Beschäftigung, wozu auch schulische und berufliche Bildungsmaßnahmen gehören“. Die JVA verfügt dazu über mehr als 100 Ausbildungsplätze. Ein besonderes Augenmerk gilt ferner der Suchtberatung und -therapie sowie einer arbeitsmarktgerechten Entlassungsvorbereitung (jva-siegburg.nrw.de).
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Kartenbild
Die hiesige Objektgeometrie zeigt das ummauert-gesicherte Areal der JVA Siegburg entsprechend der modernen Deutschen Grundkarte DGK 5.
Die historischen Karten der Topographischen Aufnahme der Rheinlande (Tranchot / von Müffling 1801-1828) zeigen diesen Bereich noch unbebaut als „Dresch“; ebenso die zwischen 1836 und 1850 erarbeitete Preußische Uraufnahme – hier nun als „Driesch“.
Die Preußische Neuaufnahme (1891-1912) weist dann fast lagegenau zum heutigen Gefängnis eine „Straf-Anst.“ aus (vgl. die historischen Karten in der Kartenansicht).

Baudenkmal
Die neben der eigentlichen JVA errichteten Bedienstetenwohnungen sind als „Beamtenkolonie der JVA Siegburg, Luisenstraße 90“ eingetragenes Baudenkmal (Denkmalliste Siegburg, Nr. 215).

(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2017)
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Internet
www.jva-siegburg.nrw.de: Justizvollzugsanstalt Siegburg (abgerufen 21.03.2017)
www.siegburg.de: Denkmalliste der Stadt Siegburg (PDF-Datei, 20 KB, Stand April 2013, abgerufen 21.03.2017)
de.wikipedia.org: Justizvollzugsanstalt Siegburg (abgerufen 21.03.2017)
de.wikipedia.org: Ulrather Hof (abgerufen 28.03.2017)
www.floerken.de: Erinnerung an einen Geiselmord (veränderte Fassung eines Artikels im General-Anzeiger Bonn, Ausgabe Siegburg vom 23.08.2004, abgerufen 28.03.2017)
www.rundschau-online.de: JVA Siegburg – Gefängnis wird komplett leer geräumt (Kölnische Rundschau vom 18.08.2011, abgerufen 29.03.2017)
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Literatur

Kraus, Stefan (1999)
NS-Unrechtsstätten in Nordrhein-Westfalen: Ein Forschungsbeitrag zum System der Gewaltherrschaft 1933-1945, Lager und Deportationsstätten. (Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 4.) S. 78-82, Essen.

Justizvollzugsanstalt Siegburg

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Luisenstraße 90
Ort
53721 Siegburg
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1893 bis 1896
Koordinate WGS84
50° 48′ 19,7″ N, 7° 11′ 36,67″ O / 50.80547°, 7.19352°
Koordinate UTM
32U 372714.84 5629748.29
Koordinate Gauss/Krüger
2584174.37 5630685.58

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Justizvollzugsanstalt Siegburg”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-265516 (Abgerufen: 21. Mai 2018)
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