Óscar-Romero-Haus

ehemaliges Frauengefängnis „Hotel Viktoria“

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Oscar-Romero Haus

    Oscar-Romero Haus

    Copyright-Hinweis:
    © Honcza, Aurelia
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  • Oscar-Romero Haus aus nordwestlicher Richtung

    Oscar-Romero Haus aus nordwestlicher Richtung

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An der südlichen Grenze der Bonner Nordstadt in der Heerstraße 205 befindet sich ein Gebäude, das kaum auffällt und doch vieles zu berichten hat. Es liegt an der Viktoriabrücke neben den Bahngleisen und in der Nähe des Alten Friedhofes. An der nach Westen ausgerichteten Fassade sieht man ein farbenfrohes Gemälde, welches jedoch zur Geschichte des Hauses konträr ist. Das Bauwerk erhielt seinen Namen nach dem ermordeten Erzbischof von San Salvador, Óscar Arnulfo Romero (1917-1980).

Die Errichtung des Hauses 1869
Das „Hotel Viktoria“
Die „Folterkammer“
Die Nutzung des Hauses nach 1945 bis heute
Quellen / Internet

Die Errichtung des Hauses 1869
Da das alte Kantongefängnis in der Jakobstraße zu klein wurde und der Zustand des Gebäudes schlecht war, wurde ein neues Gefängnis auf Kosten des damaligen Landkreises Bonn erbaut. Nach langer Suche eines geeigneten Grundstückes, wurde schließlich eine Fläche „am hohlen Weg“ (Binner u.a. 1989, S. 20) 1867 erworben. Am 12. Januar 1869, nach zweijähriger Bauphase, konnte das Gefängnis bezogen werden. Es sollten lediglich kurze Zeitstrafen, die bis zu fünf Tage dauerten, von den Gefangenen abgesessen werden. In den folgenden Jahren fanden ständig Erneuerungen oder Erweiterungen statt. So wurde das Objekt 1878 vergrößert und erhielt die noch heute bestehende Form. Außerdem wollte man für die Inhaftierten eine Kapelle anlegen. Erst nach weiteren 14 Jahren konnte das Gefängnis an die Kanalisation der Stadt Bonn angeschlossen werden.
Im Arresthaus selbst herrschten strenge Regeln für die Gefangenen, die in einer Hausordnung festgehalten wurden. So gab es eine feste Tagesordnung mit vorgesehenen Zeiten für das Aufstehen und Schlafengehen. Typische Delikte der Gefängnisinsassen waren Bettelei, Holzdiebstahl, Ruhestörung oder Tierquälerei.
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Das „Hotel Viktoria“
Seit dem 1. April 1894 wurde aus dem Männer- ein Weibergefängnis. Es folgte die Straßenumbenennung in „Viktioria Straße“ und im Volksmund sprach man von dieser Strafanstalt als „Hotel Viktoria“. Die Verbrechen waren beispielsweise Eigentums- und Vermögensdelikte, insbesondere Diebstahl. Des Weiteren hatten viele Frauen ihre Ehegatten oder Kinder getötet.
Die zu verrichtenden Arbeiten der Insassinnen waren sowohl ihre Wäsche als auch die des Männergefängnisses zu waschen. Zusätzlich fielen Schneiderarbeiten an, wie Flicken, Stopfen und Nähen. Diese Maßnahmen dienten der Resozialisierung und hatten gleichzeitig erzieherische Funktionen. Die Frauen sollten an regelmäßige Arbeit herangeführt werden. Das Gefängnis hatte insgesamt 40 Plätze zur Verfügung, die sich auf zwei Etagen und den Keller verteilten. Es gab neun Einzelzellen und drei Gemeinschaftszellen, die für drei Personen bestimmt waren. Diese hatten eine Größe von 12 bis 14 Quadratmeter, die Einzelzellen waren hingegen nur 5 bis 11 Quadratmeter groß. Der Alltag der Frauen war sehr monoton. Neuzugänge und Abgänge waren Abwechslungen für sie. Laut einer Statistik von 1923 gab es in dieser Anstalt 275 Zugänge und 278 Entlassungen. Durchschnittlich dauerte ein Gefängnisaufenthalt etwas über einen Monat. Längere Strafen wurden in anderen Gefängnissen abgesessen.
Nach 36 Jahren folgte nun auch eine Verlagerung des Frauengefängnisses in die Wilhelmstraße, wo sich das Männergefängnis befand, da das Frauengefängnis als veraltet galt.
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Die „Folterkammer“
Nach der Schließung der Strafanstalt am 31. Oktober 1930 sollte das Haus als Obdachlosenasyl genutzt werden. Doch am 1. April 1933 wurde es an die Schutzstaffel (SS) der NSDAP verpachtet, die daraufhin das Gebäude als SS-Heim und Gefängnis nutzte. Das Gefängnis befand sich im Keller und diente dazu, Bürger in die so genannte „Schutzhaft“ nehmen zu können – eine für die NS-Zeit typische Inhaftierung ohne richterliche Kontrolle, angeblich zum „Schutz der Bevölkerung“. Dies erwies jedoch sich rasch als NS-Propaganda, denn in Wahrheit war das Gefängnis ein „Instrument der Ausschaltung politischer Gegner“ (Binner u.a. 1989, S. 51), wie z.B. Kommunisten. Unter anderem wurde der Kommunist Josef Messinger im Sommer 1933 in den Keller des Hauses gebracht und den heftigen Folterungen ausgesetzt, bis er am 11. Juli 1933 an den Folgen umkam.
Beliebte Methoden der Folter waren das Bespritzen mittels eines Hydrantenschlauches mit Wasser auf nackte Haut, das Schlagen mit einer Reitpeitsche oder einem Gummiknüppel oder andere Arten der Misshandlung. Diese Prozeduren beliefen sich zwischen 20 und 30 Minuten Dauer (Binner u.a. 1989, S. 54 f). Ab 1938 wurde aus der Folterstätte ein Luftschutzkeller.
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Die Nutzung des Hauses nach 1945 bis heute
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Stadt Bonn das Haus als Ausweichquartier in Anspruch, welches nach einem Umbau 1962 als Notunterkunft für sozial schwache Familien diente. Das Haus verkam mit den Jahren und stand kurz vor dem Abriss.
Doch am 28. März 1973 wohnte ein neuer Mieter in dem Objekt. Pfarrer Martin Huthmann ergriff mit einigen Studenten zusammen die Initiative und machte aus der „Ruine“ ein Wohnheim. Es wurde zu einem Treffpunkt von Gruppen, für die der damalige Erzbischof von San Salvador, der 1917 geborene Befreiungstheologe Óscar Romero, Leitfigur wurde – daher der Name des Hauses. Der Namensgeber setzte sich stark für die Armen und die Unterdrückten ein. Er kämpfte um die Rechte der Menschen in seinem Land und wollte den Frieden bewahren. Doch am 24. März 1980 wurde Óscar Romero während eines Gottesdienstes ermordet – die Drahtzieher und der offenbar politische Hintergrund der Tat sind bis heute nicht abschließend ermittelt.
Da die Bewohner des Hauses Romero als ihr Vorbild ansahen, kam es am 7. Februar 1982 zur Gründung des Förderkreises Oscar-Romero-Haus e.V., der schließlich durch Spenden das Haus kaufte. Der Förderkreis ist noch heute in dem Haus ansässig und realisiert viele Projekte nach Vorbild des Namensgebers.
1983 wurde die Kopffassade, die zu den Bahngleisen gelegen ist, von einer Kunststudentin farbig bemalt. Es soll ein Netz, ein christliches Motiv, darstellen und ist konträr zur Geschichte des Hauses.
Der Grundriss der alten Strafanstalt im Keller ist weiterhin sichtbar und die alten Holztüren sind noch immer vorhanden. Heute hängt ein grober Plan des Hauses an der Eingangstür. Während aus den damaligen Zellen des ersten und zweiten Geschosses Zimmer für Studenten wurden, sind im Erdgeschoss Initiativen und Gruppen ansässig, wie z.B. die Initiative Kirche von unten (IKvu), die Informationsstelle Lateinamerika e.V. (ila) oder die Rosa-Luxemburg-Bibliothek.

Das Objekt „Óscar-Romero Haus“, Heerstraße 205 (ehemaliges Frauengefängnis) ist ein eingetragenes Baudenkmal (Denkmalliste Bonn, Stand 13. April 2012, Lfd. Nr. A 3169).

(Aurelia Honcza, Geographisches Institut der Universität Bonn, 2013)
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Quellen
Stadtarchiv Bonn, Tageszeitungsausschnitte:
  • Bonner Rundschau: „Studenten kaufen ehemaliges Frauengefängnis“ (12.02.1983), Signatur 135/555
  • Rhein-Sieg-Anzeiger: „Examensarbeit an die Hausfassade gepinselt“ (05.10.1983), Signatur 135/555
  • General-Anzeiger: „Wer erinntert sich an das “Hotel Viktoria„ (20.12.1988), Signatur 140/95
Internet
www.oscar-romero-haus.de: Homepage des Förderkreises Oscar-Romero-Haus e.V. (Abgerufen 05.12.2012)
de.wikipedia.org: Óscar Romero (Abgerufen 08.01.2013)
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Literatur

Binner, Roland (u.a.) (1989)
Geschichte des Oscar-Romero-Hauses in Bonn, Kantongefängnis - Frauengefängnis - SS-Dienststelle, Folterkeller - heute Treffpunkt von Initiativ- und Basisgruppen. Bonn.
Förderverein Oscar-Romero-Haus e.V. / Informationsstelle Lateinamerika (ila) (Hrsg.) (1998)
Wo Spinner bunte Netze knüpfen - 25 Jahre Oscar-Romero-Haus Bonn. Bonn.
Stadt Bonn, Amt 61-02, Untere Denkmalbehörde (Hrsg.) (2012)
Liste der gem. § 3 DSchG NW in die Denkmalliste eingetragenen Baudenkmäler, Bodendenkmäler, beweglichen Denkmäler und Denkmalbereiche der Stadt Bonn (Stand: 01.01.2012). S. 24, Bonn.

Óscar-Romero-Haus

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Heerstraße 205
Ort
53111 Bonn
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1867
Koordinate WGS84
50° 44′ 8,02″ N, 7° 05′ 13,5″ O / 50.73556°, 7.08708°
Koordinate UTM
32U 365014.75 5622163.81
Koordinate Gauss/Krüger
2576786.31 5622792.96

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Empfohlene Zitierweise
„Óscar-Romero-Haus”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-56520-20121107-2 (Abgerufen: 19. August 2018)
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