Industriegeschichte Maikammer

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Fachsicht(en): Landeskunde, Architekturgeschichte
  • Industriegeschichte Maikammer (2020)

    Industriegeschichte Maikammer (2020)

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    Industriegeschichte Maikammer (ca. 1915)

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    Wohnhaus Hartmannstraße 44 in Maikammer (2020)

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Industriegeschichte Maikammer beschreibt einen kurzen Abschnitt in der erstmals im Jahre 1264 urkundlich erwähnten Weinbaugemeinde. Im Zeitraum 1868 bis 1928 erlangten die Emaillierwerke Ullrich Weltruhm. Die in Maikammer ansässige Fabrik brachte erhebliche Umbrüche in einer bis dahin von Landwirtschaft und Handwerk geprägten katholischen Gemeinde. Die Industriegeschichte ist mit dem Familiennamen Ullrich, dem Klappmeter und den Emaillierwerken verbunden. Neben deren Hauptsitz in Maikammer entstanden Zweigwerke in Kirrweiler und Schifferstadt. Verkaufsniederlassungen gab es in ganz Europa, so auch in Paris.

Multimedia-Geschichte für einen Überblick (0'55 Min, 32 MB)
Die Familie Ullrich kommt nach Maikammer (1818-1839)
Historischer Hintergrund (1816-1848)
„Maßstäbe und Striegel“ - die frühen Jahre (1850-1877)
Fabrik Gebrüder Ullrich (1870-1928)
Herstellung emaillierter Blechgeschirre
Gesellschaftlicher Wandel
Städtebauliche Umbrüche
Auszug aus der Chronik von Johannes Leonhardt (1928)
Notstandsmaßnahme wegen Arbeitslosigkeit nach dem Ende der Fabrik (1931-1937)

Im Jahre 1818 kommt die Familie Ullrich nach Maikammer. Sie beginnt mit einem kleinen Unternehmen im Anwesen in der Hartmannstraße 5. Der Betrieb firmiert als Kolonialwarenladen, später Landhandel mit Bezug zu Landwirtschaft und Weinbau und liefert nach ganz Deutschland aus. Im Jahre 1851 beginnt die Industriegeschichte um die Fertigung von Maßstäben. Der Durchbruch gelingt dann mit der Fertigung von Schwarzgeschirr und Emaillierversuchen im Jahre 1870. Es folgt der Bau der Emaillierwerke, die im Jahre 1880 in Betrieb genommen werden. Nach wenigen Jahren waren 31 Beamte und 506 Arbeiter beschäftigt (Leonhardt 1928, S. 200). „Die Emaillier- und Stanzwerke A.-G. vormals Gebr. Ullrich, hier mitten im Weinbaugebiet[...], fertigt Geschirre, die dem allgemeinen Gebrauch dienen. Sie ist auf sonderbare Art entstanden und hat sich wie viele derartige Unternehmen aus fast nichts zu ihrer heutigen Größe emporgeschwungen.“ (Leonhardt 1928, S. 199).

Die Industriegeschichte Maikammer endet mit dem Konkurs der Firma und der Schließung der Werke im Jahre 1928. Ein Ableger, das Werk von Gustav Ullrich (1860-1938) in der Stadt Annweiler ist noch heute in Betrieb und firmiert unter der Bezeichnung STABILA.

Ein neuer Gesellschaftsstand entsteht (1818-1839) - Kaufmannsfamilie im Biedermeier
Im Jahr 1818 heiratet der 1793 geborene und aus Diedesfeld stammende Schneider, Leonhard Ullrich, die aus Maikammer stammende Regina Damm (1789-1865). Leonhard Ullrich bezieht mit seiner jungen Frau das Haus der Schwiegereltern in der damals Habergasse genannten heutigen Hartmannstraße Nr. 5. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor, von denen nur drei die Kindheit überleben. Unter ihnen, der im Jahre 1826 geborene Anton Ullrich und der im Jahr 1830 geborene Franz Ullrich (Schäfer/Stöckl 2015).

Durch die französischen Revolutionskriege ist die Pfalz seit dem Jahre 1790 von den Franzosen besetzt und gehört seit dem Reichsdeputationshauptschluß des Jahres 1803 offiziell zur Republik Frankreich. Dies bedingt für die männlichen Einwohner in Maikammer und Alsterweiler den Militärdienst in der französischen Armee. Im Jahr 1813 taucht der damals zwanzigjährige Leonhard in einer Konskribiertenliste (die Liste der zum Wehrdienst einzuberufenden Personen), des Kantons Neustadt mit der Nummer 159 auf. Er soll der „Grande Armee“ eingegliedert werden. Aufgrund seiner geringen Körpergröße (unter 154 cm) wird er ausgemustert. Dieser Umstand, der in der damaligen Zeit von den betroffenen Personen als Schmach empfunden wurde, erweist sich als Glücksfall für Leonhard. Es gelingt dem jungen Mann, mit einem „Landhandel“ den Grundstock für den eigenen Erfolg und Wohlstand zu legen.

Ein erhaltenes Kassenbuch, die sogenannte „Porto-Cassa“ aus den Jahren 1837 bis 1839, legt Zeugnis ab, über den regen Handel mit Landprodukten, Kellereiartikeln, Kolonialwaren und Textilien. Leonhard Ullrich hat außer einer geschickten Hand in Handelssachen auch immer wieder Ideen zur Rationalisierung der Arbeitsabläufe in seinem Unternehmen in der Hartmannstraße. So ist beispielsweise überliefert, daß er in seinem Geschäftshaus eine Verladerampe anbringen ließ, um den Fuhrmännern und Angestellten das Beladen und Entladen der Pferdefuhrwerke zu erleichtern. Nebenbei widmet sich die Familie dem Weinbau, in welchem zu dieser Zeit immer auch Ackerbau und Viehzucht mit inbegriffen sind. Die „Porto-Cassa“ zeichnet das Bild einer bürgerlichen, vermögenden Kaufmannsfamilie im Biedermeier: Man leistet sich Literatur („Schillers sämtliche Werke für 27 Kreuzer“), unterhält eine Chaise (zweispänniger Wagen), besucht den „Club Harmonie“ (Vereinigung „Bessergestellter“ in Maikammer) und findet Gefallen an der Haltung eines Vogels im Käfig (Es fallen wiederkehrend Ausgaben für Vogelfutter an). Monat für Monat wird an die Armen gespendet. Briefträger, Polizeidiener und Nachtwächter erhalten kleine Geldzuwendungen.

Im Jahre 1838 stirbt Leonhard Ullrich. Seine Witwe Regina, geborene Damm, führt das Geschäft bis etwa 1839 weiter und gibt dann den Geschäftsbetrieb auf. Der letzte Eintrag im Kassenbuch belegt: „Für Glorkalk 4 Kreuzer“. Fortan lebt die Familie von den Erträgen des Wein- und Ackerbaus, den die Familie zusätzlich betreibt.

Historischer Hintergrund - Wiener Kongress bis zur Revolution (1816-1848)
Im Jahr 1816 wird durch die Folgen des Wiener Kongresses und durch die Abtretung Österreichs im „Münchner Vertrag“ desselben Jahres die Pfalz Bayern zugeschlagen. Die neue Annexe auf der linken Rheinseite, die als Rheinbayern oder Rheinkreis und ab 1837 offiziell als Rheinpfalz betitelt wird, behält zwar zunächst seine ursprünglichen Verwaltungseinheiten in Kantone, aber schon bald weht ein neuer Wind durch die Region. Die Pfälzer, ein freiheitsliebendes Volk, werden nicht nur in ihren ursprünglichen Rechten wie der Waldnutzung beschränkt. Für den bayerischen Staat gilt es unter anderem steuerlich abzuschöpfen, was möglich ist. Die bayerischen Verwaltungsbeamten, die oft aufgrund einer Strafversetzung in die Pfalz kommen und die scherzhaft als „Zwockel“ betitelt werden, haben es mit den aufmüpfigen Pfälzern nicht leicht. Vermessungsingenieure entwickeln in den Jahren ab etwa 1825 die ersten Kataster, um der Besteuerung von Gebäuden und Flächen eine rechtliche Grundlage zu geben. Die Waldungen der Haingeraide, ursprünglich Allmende unter den Dörfern, werden vermessen und unter den Ortschaften aufgeteilt. Holzfrevel, die Entnahme von Brennholz im Wald, wird stringent geahndet und alte Freiheiten werden beschränkt. Dennoch beherrschen zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem Weinbau und kleinwirtschaftliche ländliche Familienbetriebe die Region.
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In der industriellen Entwicklung hinkt die Pfalz anderen Regionen in Deutschland hinterher. Größere eisen- und stahlverarbeitende Betriebe finden sich vor den Jahren um 1850 nur in Eisenberg mit den Gienanthschen Werken und in Zweibrücken mit den Dinglerschen Mechanischen Werkstätten ab 1827. Vor allem der Mangel am Energieträger Kohle behindert den industriellen Aufschwung in der Pfalz. Erst mit dem Bau der „Ludwigsbahn“ ab dem Jahre 1847 (vom heutigen Ludwigshafen am Rhein nach Bexbach/Saar - Inbetriebnahme im Jahre 1849) können auf dem Schienenweg große Mengen saarländischer Kohle in die neu aufstrebenden Industriebetriebe gebracht werden. In der ländlich geprägten Region am Haardtrand erfolgt der Warenverkehr hingegen ausschließlich über pferde- und viehgezogene Fuhrwerke und Wagen. Im Jahr 1855 erhält aber auch dieser abgelegene Landstrich durch die Eröffnung der „Maximiliansbahn“ von Neustadt an der Haardt nach Weißenburg im Elsaß einen ersten Anschluß an das reichsweite Bahnverkehrsnetz. In der Folge siedeln sich an der Haardt zahlreiche Manufakturbetriebe an, der nationale und internationale Weinhandel weitet sich aus und wenn auch in den eher ländlichen Gebieten der Pfalz nicht von einer industriellen Revolution gesprochen werden kann, so doch von einem sozialen Wandel: Zum Stand der Bauern und Winzer und dem der Kaufleute gesellt sich erstmals der Fabrikarbeiter, der nun nicht mehr alleine als Tagelöhner in der Landwirtschaft für einen Hungerlohn schuften muß, sondern oft in den Fabriken ein besseres Auskommen erwarten kann.
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„Maßstäbe und Striegel“ (1850-1877)
In diese Zeit voller Unwägbarkeiten und auch politischer Unruhen hinein gründet Anton Ullrich, der älteste Sohn Leonhard Ullrichs, im Jahre 1851 sein Geschäft. Er lässt zwölf Jahre nach dem Tod des Vaters, den Landhandel wiederaufleben. Dieses Ladenlokal ist der Ausgangspunkt für den späteren industriellen Erfolg der Brüder Anton und Franz Ullrich. Kurz zuvor hatten er und sein Bruder Franz zwei Schwestern geheiratet: Anton ehelichte Margareta Schmitt (1829-1904) und Franz die jüngere Schwester Eva Katharina Schmitt (1831-1906) (Schäfer/Stöckl 2014). Die Familie hatte zu dieser Zeit schon mehrere Häuser in Eigentum. Der erste Landhandel war sehr wahrscheinlich im Elternhaus eingerichtet, heute Hartmannstraße 5. Das Anwesen Sankt-Martiner-Straße 6 gehört in den Jahren 1858 bis 1871 ebenfalls Anton Ullrich. Aus der zeitlichen Abfolge, die sich aus den Umschreibekatastern ergibt, ist anzunehmen, dass hier das Geschäft des Anton Ullrich ab dem Jahre 1858 zu finden ist.

Ab dem Jahre 1869 sind die Gebrüder laut Umschreibekataster im Anwesen Hartmannstraße 7 nachzuweisen. Hier entsteht in den Folgejahren die erste Manufaktur für Maßstäbe, verzinnte Eisenwaren und Emaillegeschirr (Das Wort Emaille stammt aus dem Französischen émail, das wiederum aus dem Altfranzösischen esmal hervorgeht, das aus dem Germanischen stammt und verwandt ist mit dem Verb schmelzen.).

Anton Ullrich versucht in den Jahren nach dem Jahr 1851 neben dem Handel auch ein weiteres Standbein in seinem Unternehmen auszubauen: die Fertigung von Maßstäben (Vorgänger bzw. frühe Form des Zollstocks). Schon 1855 erwirbt Ullrich auf der Pariser Weltausstellung eine „Teilmaschine zur Graduierung von Meßlatten“. Sicher hatte die Firma auch damals schon Gelenkmaßstäbe im Programm. Diese waren zwar schon seit Jahrhunderten bekannt, allerdings technisch nicht ausgereift. Die Federsperre war die Erfinderleistung von Anton Ullrich an der er wohl seit 1865 experimentierte. Die Idee wurde am 10. September 1886 durch das Kaiserliche Patentamt unter der Nummer (No.) 41417 - „Neuerung an Gelenkmaßstäben mit Federsperrungen.“ patentiert.

Die gute Geschäftslage, aber auch der mangelnde Platz zur Erzeugung der Verkaufswaren muss Anton Ullrich bewogen haben, seinem Bruder Franz eine Teilhaberschaft am Unternehmen anzutragen. Vielleicht waren auch finanzielle Aspekte ausschlaggebend: Franz Ullrich war jahrelang erfolgreich bei einer Neustadter Privatbank tätig gewesen und dürfte sich in betriebswirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten bestens ausgekannt haben. 1858 tritt jedenfalls Franz Ullrich als Teilhaber in das Unternehmen ein.
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Fabrik Gebrüder Ullrich - Emaillier- und Stanzwerke (1870-1928)
Die Brüder erkennen recht schnell die Bedürfnisse am Markt: Neben der Maßstabsfertigung werden Kuh- und Pferdestriegel fabriziert und allerlei Utensilien, die in landwirtschaftlichen Betrieben benötigt werden. Ab dem Jahr 1868 widmet sich die Firma auch zunehmend der Fertigung von verzinntem Blechgeschirr, welches in den einfachen Haushalten teures Kupfer- und Messinggeschirr sowie Zinn und irdene Ware langsam verdrängt. Das neue Geschirr ist hygienisch zu handhaben und ist preiswerter zu erwerben. Mittlerweile hat man die Fabrikation in das Haus Ecke Habergasse/Hintergasse, heute Hartmannstraße 7 verlegt.
Ein „Situationsplan“ aus dem Jahr 1872 weist schon die Aufstellung einer dampfbetriebenen Lokomobile aus und es ist davon auszugehen, dass die Geschäfte der Brüder Ullrich florierten. In den 1870er Jahren scheinen die Gebrüder Ullrich auch die ersten Emaillierversuche gestartet zu haben. Durch neue Rezepturen in der Emailleherstellung und die Möglichkeit, außer gusseisernen Geschirren nun auch Blechgeschirre emaillieren zu können, bereitet sich wiederum ein neuer Markt für die Firma.

Geschäftsbeziehungen werden in ganz Deutschland aufgenommen und der Handel weitet sich über Europa nach England aus. So sind Lieferungen von und nach Manchester, London und vielen anderen Städten des British Empire belegt und es besteht außerdem eine französische Handelsvertretung in Paris. Innerhalb Deutschlands gehen die Geschäftsbeziehungen außer zu den wachsenden Industriemetropolen im Rheinland auch in die schlesische Bergbauregion und es sind geschäftliche Kontakte unter anderem in die schlesische Metropole Breslau belegt.

Herstellung emaillierter Blechgeschirre
In den Ullrichschen Werken galt hier wie andernorts auch zu dieser Zeit eine strikte Geschlechtertrennung: Rohwaren wurden nur von Männern gefertigt. Die Arbeit am Auftragtisch sowie am Brennofen wurde ebenfalls nur von Männern verrichtet. Auch in der Dekorabteilung waren ausschließlich Männer beschäftigt.

Frauen waren indes zum Rändern der Gefäße, zum Stempeln, sowie an den Stanzen oder als Packerinnen eingesetzt. Kinder ergänzten die Arbeiten der Frauen, Buben ab 13 Jahren waren den Männern unterstellt und arbeiteten in allen Bereichen mit.
Die Arbeitsschritte beim Emaillieren können in die beiden Bereiche „Fertigung der Rohware“ und „Emaillieren“ eingeteilt werden.
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Fertigung der Rohware
1. Ausformen der Geschirre
Im 19. Jahrhundert konzentriert man sich fast ausschließlich auf die manuelle Herstellung der Rohware. Bleche werden von Hand zugeschnitten, geformt und mittels Falzen und Nieten zusammengefügt.
Erst das Bessemer-Verfahren 1856 und schließlich das Siemens-Martin-Verfahren, das in der Eisenhüttenindustrie 1863 entwickelt wurde, sorgten für Stahlblech, das auch maschinell gezogen werden konnte. Infolge dieser Errungenschaft entwickelt die Maschinenindustrie ab den 1880er Jahren Pressen und Stanzen, sowie Ziehpressen für die fabrikmäßige Herstellung von Blechgeschirren. Das maschinelle Vorformen erforderte dann nur noch das manuelle Zusammenfügen der einzelnen Blechteile mittels Nieten und Falzen.
Erst um 1900 war die Schweißtechnik so weit fortgeschritten, daß diese in den Emaillierfabriken Einzug halten konnte. Die Arbeiten wurden in der Stanzerei, der Blechnerei und der Schlosserei durchgeführt.
Aufgrund der Fertigungstechnik können die einzelnen historischen Geschirre auch in ihrer Entstehungszeit eingegrenzt werden. So werden in der Anfangszeit Henkel aus etwa 5 bis 8 Millimeter starkem Metalldraht gebogen oder aus einem einzigen Metallstreifen geformt. Nach 1900 werden die Henkel der Gefäße oft hohl ausgeführt. Auch bei Deckelknäufen findet man in der Frühzeit vermehrt gußeiserne Bauteile, mitunter auch Holzknäufe.
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2. Entfetten und Ausglühen
Die gefertigte Rohware muß entfettet werden, was durch Ausglühen im Glühofen geschieht. Fettrückstände werden entfernt und Spannungen gelöst, die durch das Walzen, Stanzen und Ziehen der Blechteile entstanden sind. Sind die Rohwaren nach dem Ausglühen abgekühlt, werden sie mittels Drahtbürsten von den gröbsten Zunderanhaftungen gereinigt.

3. Beizen
Der nächste Schritt ist das Beizen. In einem Tauchbad in Säure (meist Salzsäure) werden die letzten Zunderreste, sowie eventuelle Roststellen gelöst. Die Beizbäder müssen konstante Temperaturen um 25° Celsius aufweisen. Die Geschirre werden manuell im Beizbad hin- und herbewegt.
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4. Neutralisationsbad
Nach dem Beizen müssen die Geschirre gewässert werden, um anhaftende Säure zu entfernen. Anschließend werden sie in einem auf Siedetemperatur gehaltenen Bad mit Boraxzusatz neutralisiert. Nach der Entnahme der Geschirre aus dem Neutralisationsbad müssen diese umgehend getrocknet werden, um neuen Rostansatz zu vermeiden, was in sogenannten Trockenkammern geschieht.

Emaillieren und Brennen
1. Herstellung von Emaille
Im 19. Jahrhundert wurden die Rezepte zur Herstellung der Emaille streng gehütet. Die einzelnen Bestandteile wurden in den Fabriken selbst zusammengefügt. Erst ab den 1920er Jahren ging man dazu über, vorgefertigte Emaillefritten zu verwenden, die im Emaillierwerk nur noch gemahlen werden mussten. Die Emaillegrundstoffe wurden von der rheinischen Firma Megerle geliefert, in die eine Tochter von Direktor August Ullrich einheiratete.
Da die Geschirre zuerst einen Auftrag mit Grundemail erhalten und schließlich mit Deckemail, unterscheiden sich auch diese beiden Emailarten in der Zusammensetzung. Für die Herstellung der einzelnen Emailarten hatte der Emailliermeister etwa 25 bis 30 verschiedene chemische Mittel zur Auswahl. Dazu zählten unter anderem Pottasche, Quarz, Feldspat, Borax und Soda.
In den Emaillierwerken der Gebrüder Ullrich kennt man folgende farbige Deckemail:
Granit emailliert / Wolkig grau / Kupferrot / Blau / Neublau / Weiß / Marmoriert / Tiger-Email (Braun-hellbraun) / Schwarz (ab den 1920er Jahren für Töpfe)
Die haltbarsten Deckemaille waren kupferrot und wolkig-grau, gefolgt von tigerfarben. Weiße und neublaue Geschirre waren eher stoßempfindlich, ebenso „Wabenmuster“ und kobaltblau. Die günstigste Variante war granit emailliert, wolkig-grau, gefolgt von kupferrot.
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2. Mischen und Schmelzen
Die einzelnen Zusätze werden entsprechend der fabrikeigenen Rezeptur trocken zusammengemischt und sodann in Öfen zum Schmelzen gebracht.

3. Granulieren
Sind die Zusätze geschmolzen, wird das flüssige Email in mit kaltem Wasser gefüllte Bottiche abgelassen. Ein spezielles Verfahren sorgte dafür, daß sich das Email in kleine Granulate bindet. Anschließend wird das so entstandene Granulat getrocknet.

4. Mahlen
Ist das Emailgranulat getrocknet, kann es in Emailmühlen gemahlen werden und erhält somit eine puderartige Konsistenz. Das Email wird noch in den Mühlen mit Wasser versetzt.

5. Stellen des Emailleschlickers
Die so erhaltene Email-Wasser-Suspension wird nun mit Säuren, Basen oder Salzen vermengt. Diese Zusätze gewährleisten eine Haftung am Blech und eine gleichmäßige Benetzung. Das so erhaltene Auftragsemail geht nun zur Weiterverarbeitung in die Aufträgerei.

6. Das Emaillieren - Auftragen des Grundemails
Die vorbehandelten Rohblechgeschirre werden nun mit Zangen gegriffen und in den vorhandenen Emailleschlicker getaucht. Durch ständige Schüttel- und Drehbewegungen des ausführenden Arbeiters wird die Emailmasse gleichmäßig verteilt und überschüssige Emailmasse entfernt. Der Tauchauftrag erfordert hier viel Geschick, Übung und Kraft. Zuerst wird das sogenannte kobalthaltige Grundemail in einer dünnen Schicht aufgetragen.
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7. Das erste Trocknen
Nach dem ersten Emailauftrag werden die Geschirre in Trockenkammern mindestens 24 Stunden getrocknet.

8. Das erste Brennen
Ist der Emailleüberzug auf den Geschirren ausreichend getrocknet, werden diese auf sogenannte Ofenschlitten gesetzt und im 750-900° Celsius heißen Muffelofen das erste Mal gebrannt. Dieser Vorgang erfordert vom Beschicker höchste Aufmerksamkeit. Er muß durch ständige Sichtprüfung der Geschirre rechtzeitig erkennen, wann der Brennvorgang abgebrochen werden muß. Dies geschieht beim Brennen des Grundemails bei einem Farbumschlag von blau nach schmutzig-grün.
Sind die Geschirre fertig gebrannt, werden die Schlitten aus dem Ofen gefahren, mittels Haken und Zangen vom Brennrost genommen und auf Verziehungen hin geprüft. Durch die Hitze verzogene Geschirre werden manuell in noch heißem Zustand wieder ausgerichtet.
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9. Der zweite Emailauftrag – Auftragen des Deckemails
Die abgekühlten Geschirre werden nun ein zweites Mal im Tauchbad mit einem Emailauftrag versehen. Beim Deckauftrag erhalten die Geschirre ihr späteres Aussehen. Ist das Geschirr zweifarbig, also z.B. außen blau und innen weiß, muß nach dem jeweiligen Auftrag des Farbemailles ein Trocknungsprozeß stattfinden, eventuell auch ein weiterer Brand, wenn die Emaillefarben unterschiedliche Hitzestabilitäten aufweisen.
Nach dem zweiten Deckauftrag werden die Ränder mit dem Finger „gerändert“. Überschüssiges Emaille am Gefäßrand wird mit dem Finger abgetragen und zum Beispiel ein blaues Emaille aufgetragen. An weißen Schüsseln mit blauem Rand ist dies gut zu erkennen.
Die Geschirre erhalten nun auch nach dem Trocknen den Stempel mit dem Firmenzeichen und müssen dann nochmals trocknen.

10. Das zweite Brennen
Nach dem Deckauftrag erfolgt der zweite Brennvorgang, nach dem die Geschirre nochmals auskühlen müssen. Die Geschirre sind nun fertig emailliert. Es erfolgt eine Qualitätsprüfung. Geschirre mit Fehlstellen, Blasen, Poren werden aussortiert und gegebenenfalls nachemailliert. Sind Schäden nicht ausbesserbar werden diese Geschirre als zweite oder dritte Wahl eingestuft.
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11. Dekorieren
Zum Dekorieren kommen die Geschirre dem zweiten Brand in die Dekorabteilung. Es gibt zwei Arten der Dekoration, Abziehbilder und Handauftrag.
Mithilfe von vorgedruckten Emailledekoren, die auf ein spezielles Papier aufgebracht sind, kann das Geschirr sehr einfach dekoriert werden. Die Firma Ziegler, eine Lithographieanstalt aus Neustadt an der Haardt stellt derartige Abziehbilder her. Sie gibt folgende Anweisungen:
„1)Die für das Dekor vorgesehene Stelle muß mit Abziehlack bestrichen werden.
2) Wenn der Lack beinahe getrocknet ist, muß das Bild fest an der Stelle festgedrückt werden, anschließend in ein Wasserbad gelegt werden, bis sich das Papier vom Abziehbild löst.
3) Vor dem Brennen das dekorierte Geschirr 24 Stunden antrocknen lassen.“
Geschirre, die von Hand bemalt werden, benötigen für die verschiedenen Farbaufträge jeweils einzelne Brennvorgänge. Ein Goldauftrag wird zuallerletzt bei niedriger Temperatur gebrannt.
Für den Handauftrag wurden die Dekore in den Ullrichschen Werken in drei Dekorgruppen geführt. Sie waren nach Preisen gestaffelt. Auf Dekortafeln konnte der Kunde das jeweilige Dekor wählen. Die teuersten Dekore waren handbemalte Dekore mit Golddekor. Ein typisches und sehr oft verwendetes Dekor sind Kirschblüten auf neublauem Grund mit Golddekor.
Der Katalog der Firma Ullrich aus dem Jahre 1909 gibt über die Preise Auskunft. Auch Auftragsarbeiten konnten erledigt werden. Dies zeigt ein Sektkühler aus den Jahren um 1910.
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Gesellschaftlicher Wandel
Der Zuzug von Arbeitern, die zu einer großen Zahl Protestanten waren, veränderte das bisherige Zusammenspiel der Bürger im Ort. Eine evangelische Kirche wurde gebaut, eine Mietskaserne und eine „städtische“ Fabrik wurden errichtet. Das Leben der Arbeiter war auf die Bedürfnisse der Ullrich-Werke ausgerichtet. Viele Arbeiter betrieben zwar auch im Nebenerwerb weiterhin Landwirtschaft und Weinbau. Allerdings war ihre Abhängigkeit von „Grund und Boden“ nun der Lohn-Abhängigkeit gegenüber einem Unternehmen gewichen.

Maikammer mit Alsterweiler und dem untergegangenen Ortsteil Weinsweiler gehörten seit dem Mittelalter zum Hochstift Speyer. Der dort regierende Fürstbischof war geistlicher und weltlicher Herr des Gebietes. Insofern war der katholische Glaube für seine Leibeigenen niemals in Frage gestellt.
Diese Selbstverständlichkeit änderte sich mit dem Aufkommen der Lehren von Martin Luther und den reformierten Predigern. Die Landesherren waren gezwungen, auf die neue Lehre zu reagieren. Im Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde das Rechtsprinzip beschlossen, das mit der lateinischen Redewendung „cuius regio, eius religio“ belegt ist, auf deutsch: „wessen Gebiet, dessen Religion“. Es bestimmte also wieder allein der Landesherr, in Maikammer der Fürstbischof von Speyer, die jeweilige Religion seiner Untertanen.

Vor diesem Hintergrund waren in unserem Dorf Maikammer vor und auch noch nach dem 30-jährigen Krieg überwiegend Katholiken zu finden. Auch als die Kurpfalz für kurze Zeit einen protestantischen Pfarrer in Maikammer einsetzte, änderte sich daran nicht viel.
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Johannes Leonhardt schreibt in seiner „Geschichte von Maikammer-Alsterweiler, (Neuausgabe 1984, S. 167 ff.), daß um 1602 nur 5 Lutheraner und 1 Wiedertäufer hier wohnhaft waren. Und weiter heißt es:
• “1718 sind bei 204 Haushaltungen 3 Judenfamilien und 1 Nichtkatholik
• 1747 waren 2 Judenfamilien hier.
• 1823 sind keine Protestanten hier, 1836 3 und 27 Juden.
• Als die Emaillierfabrik fremde Arbeiter einstellte und die Freizügigkeit kam, vermehrten sich die Protestanten.„
Mit der französischen Revolution (1789) und der kurzen französischen Zeit zog die Religionsfreiheit ein. Auch die Übernahme der Pfalz durch das bayerische Königreich änderte daran nichts mehr. Die Zeiten des “cuius regio, eius religio„ waren endgültig vorbei.
Interessanterweise sollte es aber bis zum Aufbau der Emaillierwerke Ullrich dauern, bis Protestanten in Maikammer einzogen. Noch 1823 gab es keine und im Jahre 1839 erst drei an der Zahl. Dann aber ging es schnell. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war aus einem “rein katholischen„ Winzerdorf ein “gemischt-gläubiges„ Winzer- und Arbeiterdorf geworden. Bereits am 25. August 1890 stellte die Gemeinde Maikammer einen Schulsaal zur Erteilung protestantischen Religionsunterrichts zur Verfügung (Leonhardt 1928, S.85). Im Jahre 1914 wurde die protestantische Johanneskirche erbaut und eingeweiht.

Städtebauliche Umbrüche
Die Gemeinde Maikammer war bis ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts ein von der Landwirtschaft geprägtes Dorf. Neben der Sonderkultur Weinbau spielten Ackerbau und Kleinvieh, ein wenig Waldwirtschaft die dominierende Rolle. Industrielle Fertigung war auf wenige Standorte konzentriert. Im Grunde waren dies vorindustrielle Techniken, die sich in Mühlen, Ziegeleien und kleineren Gewerbebetrieben (Rohstoffgewinnung) abspielten.

Handwerksbetriebe, wie Wagner, Küfer, die mit der landwirtschaftlichen Produktion einhergingen, hatten keine wesentlichen Auswirkungen auf den Städtebau oder das Siedlungsgefüge. Im Grunde unterschied sich das Wohnhaus mit Nebengebäuden für den Weinbau oder die Landwirtschaft des einfachen Weinbauers nur wenig von dem des Handwerksbetriebes. Dies zeigt sich anschaulich am Katasterplan aus den Jahren 1820 bis 1845. Es gibt außer der katholischen Kirche keine den Ort dominierenden Gebäudestrukturen. Die größten Gebäude waren Hartmannstraße 7, Marktstraße 5, Markstraße 4, Friedhofstraße 1. Es handelte sich um Metzgereien, Gastwirtschaften oder landwirtschaftliche Betriebe mit ausgenommen großem Grundbesitz. Somit bildete das Ortsbild eine sehr homogene und geschlossene Struktur. Diese ursprüngliche ortsbauliche Struktur lässt sich heute am besten im Ortsteil Alsterweiler erkennen.
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Mit dem Einzug industrieller Produktion veränderte sich das Ortsbild sehr stark. Interessanterweise geht mit dieser Veränderung auch der Aufstieg der großen Weinhandelsgüter einher. Die großen Gutshäuser und die Fabrikantenvillen stellen somit einen fast homogenen siedlungsstrukturellen Ausbau dar. Insbesondere an der Weinstraße Nord, der Bahnhofstraße und der Marktstraße im östlichen Teil. Zwar fügen sich diese Gebäude nach heutigem Verständnis gut in die Ortstruktur ein. Dies hängt aber im Wesentlichen an den sehr aufwändigen Fassaden und der reichhaltigen Ornamentik, der ästhetischen Wirkung der Gebäude. Die Größe der Bauten und die dazugehörigen großzügig bemessenen Grundstücke (offene Bauweise) – bis hin zu parkähnlichen Anwesen – unterscheiden sich sehr deutlich von dem geschlossen und teilweise gedrungenen Baustil des alten Ortskerns. Die Ausdehnung der besiedelten Ortslage erreichte erst wieder in den 60er und 70er Jahren eine ähnliche Größenordnung.
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Eine bauliche Besonderheit spielt die Hartmannstraße. Mit dem Beginn des industriellen Bauens (vorgefertigte Teile und standardisierte Bauverfahren) konnte die Verbindung zwischen Maikammer und dem Ortsteil Alsterweiler hergestellt werden. Der sogenannte Plattenweg (Hartmannstraße zwischen Schloßstraße und Mühlstraße) wurde beidseits mit Anwesen bebaut, die über mit einer normierten Schalungsbauweise errichtete Keller verfügen.

Einen unscheinbaren Bestandteil und bis heute vergessenen Teil des ortsbildprägenden Bauens übernimmt der Typus des kleinbäuerlichen Anwesens. Die ältesten Teile der Nebenstraßen, Hintergasse, Neugasse, Weiherstraße, Weideweg, Brunnenstraße werden von diesen Bauformen bestimmt. Ein Wohnhaus mit einem kleinen Anbau für den kleinbäuerlichen Erwerbsbetrieb liegt auf kleinen Parzellen meist um einen schmalen Hof (Innenhof).

In der Zeit der industriellen Umwälzung tauchen neue, bestenfalls aus den Städten bekannte Bauformen auf. Es entstehen in wenigen Jahren eine groß angelegte Industriefabrik und industrienahe Wohnungsbauten, eine Art Vorgänger des heutigen sozialen Wohnungsbaus. Es waren nicht von staatlicher Fürsorge angeregte Baumaßnahmen, sondern unternehmerischer Investitionswille und unternehmerische Fürsorge für die in der Fabrik Gebrüder Ullrich beschäftigten Arbeiter und Familien. Die sogenannte “Mietskaserne„ ist ein Relikt aus dieser Zeit. Auch diese für die damalige Zeit fortschrittliche Handlungsweise war nur aus den größeren Städten bekannt. Unweit davon wurde in wenigen Jahren eine neuzeitliche Fabrik mit hohen Schornsteinen, ausladenden Werkshallen mitten in einem bäuerlichen Umfeld errichtet (Eröffnung 1880). Es tauchten Probleme auf, die bisher keiner im dörflichen Umfeld kannte. Umgang mit gefährlichen Stoffen, Abgase, belastete Abwässer waren zwar nicht ganz unbekannt, aber in der jetzt auftretenden Dichte für ein dörfliches Umfeld unvorstellbar. Und nach dem Konkurs des Werkes entstand ein bisher nicht gekanntes Problem, die Arbeitslosigkeit von Fabrikarbeitern und die Not der Familien. In einer Notstandsmaßnahme, dem Bau der Kalmitstraße, versuchte die Gemeinde die größe Not zu lindern.
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Auszug aus der Chronik von Johannes Leonhardt (1928)
Auf der Grundlage von Mitteilungen des Kommerzienrates August Ullrich (1856-1925) verfasste Johannes Leonhardt (1878-1935) den folgenden Beitrag und veröffentlichte ihn in der Geschichte von Maikammer-Alsterweiler:
9. Die Fabrik.
Die Emaillier- und Stanzwerke A. - G. vormals Gebr. Ullrich, hier mitten im Weinbaugebiet, fand keine Rohstoffe, keine Kohlen und keine Verkehrsstraße und fertigt Geschirre, die dem allgemeinen Gebrauch dienen. Sie ist auf sonderbare Art entstanden und hat sich wie viele derartige Unternehmen aus fast nichts zu ihrer heutigen Größe emporgeschwungen. Anton Ullrich und seine Ehefrau Margarete geb. Schmitt fingen im Jahre 1851, direkt nach ihrer Verheiratung, in ihrem Hause, Ecke der Haber- und Hintergasse, ein Kolonialwarengeschäft an. Die schlechten Jahre 1851 bis 1856 brachten dem Geschäft wenig Einkommen, und oft mußte sich Ullrich mit 1 fl. (Anm.: Gulden) in der Woche begnügen. Einige Jahre nachher traten sein jüngerer Bruder Franz und dessen Ehefrau Katharina geb. Schmitt als Teilhaber ein. Das kleine Geschäft schwang sich unter der tüchtigen Leitung und Umsicht der beiden Brüder, ihrem großen Fleiße und ihrer unermüdlichen Tätigkeit bald zu einem ausgedehnten Betriebe auf.
Der rege Geist des Anton Ullrich grübelte nebenbei beständig an der Erfindung bzw. Herstellung einer Maschine, um Meter verfertigen zu können. Mit den denkbar einfachsten Mitteln, in kleinen, engen Räumen, ohne alle heutigen technischen Hilfsmittel, mit Handbetrieb wurde dieser Betrieb dann eröffnet, der erste in ganz Deutschland. Nur langsam wurde er vergrößert und später unter Zuhilfenahme der neuesten Maschinen nach und nach zum Großbetrieb eingerichtet.
Die beiden Brüder Anton und Franz waren aber damit nicht zufrieden. Durch ihren Unternehmungsgeist und Fleiß fingen sie bald an, noch weitere Artikel zu fabrizieren. Auf diese Art entstand Anfang der 60er Jahre die Fabrikation von Kuh- und Pferdestriegeln. Sie beschäftigten jetzt schon gegen 40 Arbeiter.
Gegen das Jahr 1868 wurde die Herstellung von Schwarzblechgeschirr aller Art unternommen, das nachher verzinnt wurde. Damit wurde der Grund gelegt zu der Verzinnerei. Jetzt waren es schon 60 Arbeiter.
Da der Absatz verzinnter Kochgeschirre immer größer wurde, schaffte man Maschinen an.
Anfang der 70er Jahre erlitt die Fabrikation verzinnter Gegenstände einen großen Rückschlag durch die neue Erfindung, Schwarzblech zu emaillieren, was seither nur mit Gußgeschirr möglich war.
1877 wurden die ersten Emaillierversuche gemacht mit gutem Erfolg. Darum beschlossen die Brüder den Bau einer Emaillefabrik auf den Dieterwiesen, welche schon 1880 in Betrieb genommen werden konnte.
Der zunehmende Absatz erforderte bereits im Jahre 1884 eine Erweiterung der Gebäude für Emaillierzwecke und die Einrichtung einer mit den neuesten Errungenschaften ausgestatteten Stanzerei. Dazu benötigte man u. a. eine Dampfmaschine mit 60 Pferdekräften. Das Unternehmen, das jetzt etwa 200 Arbeiter beschäftigte, stand in seiner Blütezeit.Im Jahre 1890 trennten sich die Brüder und das Geschäft wurde in eine Aktiengesellschaft mit einem Aktienkapital von 1,7 Millionen Mark umgewandelt.
Franz Ullrich wandte sich nach Annweiler und gründete dort eine gleiche Fabrik. Anton Ullrich blieb Hauptaktionär und technischer Direktor der nunmehrigen Emaillier- und Stanzwerke vorm. Gebr. Ullrich, Maikammer.
Im Jahre 1894 richtete das Werk das elektrische Licht in seinem ganzen Betriebe ein, wozu eine Lokomobile mit 60 Pferdekräften nötig war.
1897 wurde in Schifferstadt ein Filialwerk für Emailliererei gegründet. Die hier hergestellten Artikel wurden in einen großen Möbelwagen verpackt, dorthin verbracht, emailliert und versandfertig gemacht.
Die Bordmühle oberhalb der Bahnlinie war in den 70er Jahren zu einer Spinnerei umgewandelt worden. 1888 wurde daraus eine Emaillier- und Blechwarenfabrik. AIs diese Fabrik 1904 in Konkurs geriet, übernahm sie die hiesige Fabrik um 150 000 Mark.
Im ganzen Betrieb des Werkes waren vor dem Krieg 31 Beamte und 506 Arbeiter beschäftigt. Die Waren gingen nach ganz Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
Im Weltkrieg wurde der Betrieb umgestellt und es wurden Granathülsen verfertigt. Zwei Fliegerbomben, eine im Nordwesten und eine im Südosten des Dorfes geworfen, galten dieser Beschäftigung.
Nach dem Weltkrieg teilte die Fabrik das Los aller derartigen Unternehmen, Absatzmangel, Konkurrenz und daraus hervorgegangen Arbeiterentlassung und gekürzte Arbeitszeit. Die Fabrikation von Nieten wurde ganz aufgegeben. Jetzt gehen die Waren wieder in viele fremde Länder.
Die nach und nach eintretende Gesundung der Wirtschaft wird gewiß auch dem hiesigen Werke den früheren Stand und eine bessere Entwicklung bringen.
(Nach Mitteilungen des T Herrn Kommerzienrats August Ullrich.)
(Leonhardt 1928, S. 199 bis 201).

Notstandsmaßnahme wegen Arbeitslosigkeit nach dem Ende der Fabrik (1931-1937)
Nach der Schließung der Fabrik waren viele Arbeiter ohne Brot und Lohn. Im Rahmen einer Notstandsmaßnahme wurde durch die Ortsgemeinde Maikammer die Kalmitstraße gebaut. Die Planung begann im Jahre 1931, die Eröffnung und Einweihung fand am 06. Juni 1937 statt. Beim Bau der Straße wurden arbeitslose Arbeiter der in Konkurs gegangenen Emailfabrik Gebrüder Ullrich eingesetzt.

(Markus Hener und Matthias C.S. Dreyer, Club Sellemols (Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler) 2019 und 2020)

Internet
www.club-sellemols.de: Die Fabrik der Gebrüder Franz und Anton Ullrich (abgerufen 11.11.2019)
gallica.bnf.fr: Haus der Emaillierwerke in Paris (abgerufen 06.06.2020)
stabila.com: Geschichte der Firma Gustav Ullrich, Annweiler (abgerufen 06.06.2020)
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Literatur

Berthold, Franz (1990)
Die Ullrich'schen Werke. Ein Beitrag zur Industriegeschichte der Pfalz. Annweiler.
Leonhardt, Johannes (1928)
Geschichte von Maikammer=Alsterweiler. Maikammer.
Ofer, Erwin (1999)
Volkszählung im Hochstift Speyer 1530. (Pfälzisch-rheinische Familienkunde e.V., Ludwigshafen am Rhein, Folge 19.) S. 195. Ludwigshafen am Rhein.
Schäfer, Günter; Stöckl, Martina (2015)
Ortsfamilienbuch Maikammer-Alsterweiler. Band 1 und Band 2 (OFB 2015). Neustadt an der Weinstraße.
Wittmer, Richard (2000)
Die Flur von Maikammer-Alsterweiler: Ihre Namen und steinernen Zeugen in Geschichte und Geschichten. Maikammer.

Industriegeschichte Maikammer

Schlagwörter
Fachsichten
Landeskunde, Architekturgeschichte

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„Industriegeschichte Maikammer”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-305422 (Abgerufen: 23. Oktober 2020)
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