Weinkultur in Deidesheim

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Fachsicht(en): Landeskunde
  • Blick auf die Weinberge und die Stadt Deidesheim (2009)

    Blick auf die Weinberge und die Stadt Deidesheim (2009)

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  • Luftaufnahme der Weinberge bei Deidesheim (2009)

    Luftaufnahme der Weinberge bei Deidesheim (2009)

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Deutschland blickt auf eine lange Geschichte des Weinanbaus. In der Pfalz sind erste Spuren der Weinreben bereits 500 Jahre vor Christus belegt.

Mit den Reben und der Produktion des Weines ist eine vielfältige Weinkultur verbunden. Der Weinanbau in Deidesheim hat die Tradition mit und um den Wein wesentlich mitgestaltet. Weinbaupolitik, Qualitätsweinbau und Brauchtum prägen die Deidesheimer Weinkultur. Sie weist alle Facetten einer Kulturlandschaft auf und wirkt weit über die Stadt hinaus. Kaum ein Wirtschaftszweig der Stadt ist nicht mit dem Weinbau verbunden. Deidesheim wurde deshalb mit der Bezeichnung „Höhepunkte der Weinkultur“ ausgezeichnet.

Weinkultur in Deutschland – mehr als nur das Produkt
Weinkultur in Deidesheim
Kulturlandschaft in Deidesheim
Landschaftliche Prägung durch den Weinbau
Regionale Weinsorten in Deidesheim
Wie alles anfing – Deidesheimer Weinbaugeschichte
Die Einführung des Qualitätsweinbaus
Politik im Sinne des Weinbaus
Die Gründung des Genossenschaftswesens in Deidesheim
Internet

Weinkultur in Deutschland – mehr als nur das Produkt
Wein wird wie fast kein anderes landwirtschaftliches Produkt vom Zusammenspiel vieler Faktoren bestimmt: das Klima, der Boden sowie das Wirken vom Menschen im Weinberg und im Keller. Sie alle sind dafür verantwortlich, dass jeder Jahrgang seinen eigenen Charakter entwickeln kann. Die deutschen Weine sind generell eher die Gewinner der sich ändernden klimatischen Bedingungen. Daneben sind Wetterextreme wie Niederschlagsmangel, Starkregen, Hagel und Frost Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Zusammensetzung des Bodens, auf dem der Wein angebaut wird. Unterschiedliche Gesteinsformationen prägen den Geschmack des Weines. Während an Mittelrhein und Mosel eher Schiefer vorkommt, ist es in Franken der Keuper. Am Kaiserstuhl ist vermehrt Vulkangestein zu finden. Ein weiteres typisches Merkmal des deutschen Weinanbaus sind die Steillagen in den Flusstälern wie beispielsweise an Rhein, Mosel oder Neckar, die zugleich besondere Sehenswürdigkeiten der deutschen Kulturlandschaft darstellen.
Für die Besonderheit der deutschen Weinkultur spricht zudem auch die Rebsortenvielfalt. So werden in der Pfalz, Rheinhessen oder Württemberg jeweils bis zu 100 verschiedene Sorten angepflanzt. Dazu zählen viele international etablierte Züchtungen wie Cabernet, Sauvignon, Merlot oder Chardonnay. Zu den Markenzeichen der deutschen Winzer zählen die schlanken, eleganten Weißweine. Deutsche Winzer zeichnen sich neben vielen Traditionen auch durch Innovation in der Erforschung und Züchtung neuer Rebsorten aus. Zu den bekanntesten deutschen Züchtungen zählen der Müller-Thurgau sowie junge pilzwiderstandsfähige Sorten. Neben der Wahrung von Traditionen und den fortschrittlichen Anbaumethoden soll zukünftig das nachhaltige Wirtschaften im Weinanbau verstärkt in den Fokus treten.

Weinkultur umfasst viel mehr, als nur das Produkt selbst. So vereint die deutsche Weinkultur neben Rebsortenvielfalt, Anbau und Produktion des Weines auch Brauchtum, Feste und Tourismus in besonderer Weise. Weinkultur wird auch mit Genusskultur und Lebensstil in Verbindung gebracht. Dabei unterscheidet sich Deutschland von anderen Ländern, in denen der Wein meistens „nur“ Speisebegleiter ist. In der Pfalz wird Wein traditionell auch ohne Speise konsumiert. Diese Art des Weingenusses stellt ein typisches Kennzeichen der Genusskultur dar, die sich besonders in den Weinstuben, bzw. den typisch deutschen Strauß- und Besenwirtschaften etabliert hat, die sich auf den Ausschank von Wein beschränken.

Die Wahl einer Weinhoheit ist in vielen Weinbaugemeinden Brauch. Das Highlight ist die Wahl der deutschen Weinkönigin und zweier Weinprinzessinnen, traditionell alljährlich in Neustadt an der Weinstraße durchgeführt. Im Jahr 2018 wurde bereits die 70. Deutsche Weinkönigin gewählt. Heutzutage werden diese als Botschafterinnen gesehen, die den deutschen Wein und die Weinkultur weltweit repräsentieren.

Dem Wein wird auch ein symbolisch-sakraler Charakter zugeschrieben. Stellvertretend für das Blut Christi ist der Wein in der christlichen Symbolik und im Ritus tief verwurzelt. Wein besitzt auch eine gemeinschaftsstiftende Eigenschaft. Er war das Getränk, das seit jeher genutzt wurde, um Verträge und Bündnisse zu besiegeln. Sogar Trinkrituale und Bräuche wurden mit Wein durchgeführt – kurz gesagt: durch das gemeinsame Trinken von Wein wurden soziale Bande gefestigt. Auch heute ist der gemeinschaftsstiftende Charakter des Weines beispielsweise auf Weinfesten, die unabhängig vom Anbaugebiet und bundesweit gefeiert werden, allgegenwärtig. Weinproben, Kellerführungen, Wein- und Musikfestivals, Weinkrimis, Weintheaterstücke, Weinwanderwege und Weinlehrpfade, Weinbotschafter oder Weingästeführer – all diese Angebote sind geeignet, einen tieferen Einblick in die deutsche Weinkultur zu vermitteln.

Landschaft, historische Bausubstanz, Brauchtum, Weinfeste und Veranstaltungen bieten viel Gestaltungsspielraum für die Tourismusbranche. Urlaub mit und um den Wein, beim Winzer oder auf dem Weinfest ist modern geworden. Regionen die als „Höhepunkte der Weinkultur“ ausgezeichnet werden, wie die Stadt Deidesheim, präsentieren das moderne, fortschrittliche, dynamische und qualitätsorientierte „Weinland Deutschland“ und zeigen auf individuelle Art und Weise den eigenen Einsatz für die Pflege des Kulturguts Wein.
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Weinkultur in Deidesheim
Der Weinbau in Deidesheim ist tief in der Kultur Deidesheims verankert.
Die zahlreichen, überwiegend privat geführten Weingüter sowie der Winzerverein, der derzeit über 500 Mitglieder umfasst, bieten Weinproben, Weinkellerführungen und Unterkünfte an. Die meisten Winzer in Deidesheim betreiben hochwertigen Qualitätsweinbau und werden dafür regelmäßig national und international ausgezeichnet. Die Straußwirtschaften, die saisonal in Deidesheim betrieben werden, eröffnen den Winzern zusätzlich die Möglichkeit, ihre Produkte direkt zu vermarkten.

Den Höhepunkt im Jahr erlebt die Deidesheimer Weinkultur durch eine besondere Festlichkeit. Seit dem Jahr 1972 findet an zwei Wochenenden im August die Weinkerwe auf den Deidesheimer Straßen statt, bei der ortsansässige Winzer ihren Wein verkaufen und ihre Höfe für die zahlreichen Gäste öffnen. Begleitet wird das Weinfest durch ein vielfältiges Programm, unter anderem durch die Krönung der Weinprinzessin. Im Vordergrund steht der vielfältige Genuss rund um den Wein. Auch bei anderen Weinfesten aus der Umgebung, die in ähnlicher Form gefeiert werden, wird der Wein aus den Deidesheimer Lagen verkostet.

Eine Besonderheit in Deidesheim ist der Prominenten-Weinberg. In der Weinlage Paradiesgarten, die eine Fläche von 1300 Quadratmeter umfasst, wurden einzelne Rebstöcke an prominente Persönlichkeiten verpachtet. Mittlerweile wurden mehr als 160 dieser Rebstöcke verpachtet. Darunter fallen Persönlichkeiten wie Margret Thatcher, John Major, Michail Gorbatschow, Boris Jelzin sowie Helmut Kohl. Als Geschenk erhalten diese eine Weinflasche ihres persönlichen Rebstocks sowie eine Einladung zur Weinlese mit anschließender Vesper im folgenden Herbst.

Mit dem Titel „Höhepunkt der Weinkultur“ wurde die Stadt im Jahr 2010 vom Deutschen Weininstitut ausgezeichnet. In der Bewertung des Deutschen Weininstitut heißt es: „(...) hier wurde der erste Qualitätswein der Pfalz hergestellt, von hier aus die deutsche Weinpolitik maßgeblich mitgestaltet – kaum eine andere Stadt darf sich so sehr zu Recht ‘Hüter der Weinkultur‘ nennen wie das pfälzische Deidesheim“. (https://www.deutscheweine.de/tourismus/hoehepunkte-der-weinkultur/hoehepunkte-der-weinkultur-detailseite/highlight/weinstadt-deidesheim-hort-deutscher-qualitaetsweinkultur/, abgerufen 27.08.2019).

Die Weinbaugeschichte wird im „Museum für “Weinkultur„ im historischen Rathaus festgehalten, während die Deidesheimer Winzer und Jungwinzer den Weinbau mit Erfolg weiterentwickeln.
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Kulturlandschaft in Deidesheim
Die Kulturlandschaft in Deidesheim ist vielfältig und historisch geprägt. Das vom Wein geprägte Landschaftsbild umfasst terrassierte Weinberge, Streuobstwiesen, landwirtschaftliche Flächen sowie Siedlungsstrukturen auf.

Der Weinanbau trägt einen wesentlichen Teil bei der Ausgestaltung sowie der Veränderung dieser Kulturlandschaft bei und wird insbesondere in Hanglage am Haardtrand betrieben. Insgesamt werden in Deidesheim 540 Hektar Wein angebaut. Der Haardtrand weist ein günstiges Klima auf, das sich durch einen sehr frühen Frühlingsbeginn, einer langen Vegetationsperiode, einem relativ hohen Besonnungsgrad, Temperaturinversionen sowie einer höheren Niederschlagsquote äußert. Dort befinden sich tertiäre und pleistozäne Ablagerungen, die den Boden wasserdurchlässig und fruchtbar machen und den Weinbau zusätzlich begünstigen und diesen auch an nur schwach geneigten oder fast ebenen Flächen möglich macht.

In den 1970er Jahren wurden die über 100 Weinlagen in der Gemarkung zu den elf Großlagen, Grainhügel, Herrgottsacker, Hohenmorgen, Kalkofen, Kieselberg, Langenmorgen, Leinhöhe, Letten, Mäushöhle, Nonnenstück und Paradiesgarten zusammengefasst. Die nach dem Jahr 1970 durchgeführten Rebflurbereinigungen verbesserten und vereinfachten die maschinelle Bewirtschaftung der Weinberge und vergrößerten die Weinbauflächen. Dabei wurden sehr hohe Trockenmauern, Steinhaufen, Bäume, Gehölzgruppen sowie Hohlwege beseitigt.
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Landschaftliche Prägung durch den Weinbau
Die Siedlungsentwicklung von Deidesheim wird durch die angrenzenden Weinberge begrenzt. Die neuere bauliche Entwicklung der Gemeinde verlief in Richtung Rheinebene. Weitere prägende Landschaftsmerkmale sind die Weingüter mit ihren villenartigen Herrenhäusern, Park- und Gartenanlagen mit einer Auswahl an exotischen Pflanzenarten, die Deutsche Weinstraße, eine ehemalige Bundesstraße, die die Weinorte der Region von Schweigen an der französischen Grenze bis Bockenheim miteinander verbindet sowie die Bahnverbindung von Neustadt an der Weinstraße bis Bad Dürkheim. Die Deidesheimer Kulturlandschaft wird durch Loogfelsen, welche die Waldgrenze in Deidesheim markieren, Grenzsteine sowie religiöse Flurdenkmale geprägt, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.
Die unmittelbare Lage am Vorderpfälzer Tiefland sowie dem angrenzenden Haardtrand und dem Biosphärenreservat Pfälzer Wald im Westen, eröffnet Deidesheim zusätzlich eine Vielzahl an Naherholungsmöglichkeiten.
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Regionale Weinsorten in Deidesheim
Begünstigt durch die längeren Vegetationsperioden finden sich unter den angebauten Rebsorten immer mehr “exotische„ Arten. Dennoch bleibt der Riesling die dominierende Sorte. Insgesamt werden neben dem Riesling folgende Weißwein-Sorten auf Deidesheimer Gemarkung angebaut: Weiß- und Grauburgunder, Silvaner, Gewürztraminer, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Auxerrois sowie die Neuzüchtungen Müller-Thurgau, Rieslaner, Morio-Muskat und Kerner. Zu den angebauten Rotweinsorten zählen Spätburgunder, Portugieser, Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah sowie die Züchtung Dornfelder.
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Wie alles anfing – Deidesheimer Weinbaugeschichte
Weinbau in der Deidesheimer Gemarkung wird im Jahr 770 erstmals erwähnt. Archäologische Funde belegen, dass die Römer schon um das Jahr 100 vor Christus in Deidesheim weilten. Bei Ausgrabungen wurden Weinflaschen, Weinamphoren sowie Münzen, die auf das Jahr 200 n. Chr. datiert waren, entdeckt. Die wirtschaftliche Erschließung durch den Bau von Gutshöfen lässt sich in der Gegend um Wachenheim und Ungstein bis in die Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14-37 n. Chr.) zurückverfolgen, der Weinbau in Ungstein bis ins 3. und 4. Jahrhundert. Die dort gefundenen Traubenkerne erinnern an die heutigen Sorten Riesling, Traminer und Burgunder. Zeugen des Weingenusses sind die Trinkgefäße, die 1808 bei Ruppertsberg ausgegraben wurden.

Zur Zeit der ersten Erwähnungen des Weinbaus in Deidesheim waren nur die ebeneren Flächen gerodet. Die auf der Vorhügelzone der Haardt gelegenen Wingerte, die heute den Ruhm des Deidesheimer Weines ausmachen, rodete man dagegen erst nach der ersten Jahrtausendwende. Die heutigen Spitzenlagen “Kieselberg„ und “Leinhöhle„ werden im Jahr 1234 beziehungsweise im Jahr 1310 erstmals genannt. Dagegen stammt der Lagenname “Paradiesgarten„ erst aus den 1950er Jahren.

Ein Schuldbrief aus dem Jahre 1339 an das Zisterzienserkloster Otterberg bei Kaiserslautern, das in der Heumarktstraße einen großen Hof besaß, belegt den Anbau weißer und roter Trauben in der Deidesheimer Gemarkung und die Unterscheidung zwischen dem einfachen “huntschen„ Wein und dem besseren “fränkischen„ Wein. Die allgemeine Bezeichnung wurde um das Jahr 1500 durch die Angabe der Rebsorte und der Herkunftsbezeichnung abgelöst, nachdem seit dem Jahr 1487 die Verwendung verbrannten Schwefels in der Kellerwirtschaft erlaubt worden war. Der Wein verlor durch die Alterung keine Qualität mehr, sondern blieb duftig und frisch.

Die frühste Nennung einer Rebsorte in Deidesheim erfolgte im Jahr 1504 im Zusammenhang mit der Huldigung an Bischof Philipp von Rosenberg (1460-1513, Bischof von Speyer ab 1504). Ihm widmeten die Bürger der Stadt ein halbes Fuder (circa 500 Liter) roten Gänsfüßer. Diese im 16. Jahrhundert berühmteste pfälzische Rebsorte findet heute nur noch als Hausrebe Verwendung. Ihren Namen trägt sie von den tief eingeschnittenen Blättern, die an die Füße einer Gans erinnern.

In Kriegen, wie dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) und dem ersten Koalitionskrieg (1792-1797) hatten es die Truppen der kriegsführenden Parteien immer auch auf den Deidesheimer Wein abgesehen. Der Bevölkerung blieb dabei die Wahl, den Wein aus dem Ort zu transportieren, Weinkellereien zuzumauern oder bei der Konsumierung des Weins tatenlos zuzusehen.
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Die Einführung des Qualitätsweinbaus
Auch die Einführung des Qualitätsweinbaus in der Pfalz lässt sich mit einem kriegerischen Ereignis, der Besetzung des linken Rheinufers durch die Französische Republik in den Jahren zwischen 1792 und 1797 in Verbindung bringen. Andreas Jordan (1775-1848), Sohn von Johann Peter Jordan (1753-1795), der durch Heirat mit Apollonia Reichard (Lebensdaten unbekannt), in den Besitz der besten Weinlagen in Forst gelangt war, hatte an der Universität in Mainz studiert und dabei die fortschrittliche Weinerzeugung der beiden Rheingauklöster Eberbach und St. Johannisberg kennengelernt. Diese Erfahrung nutzte er als es darum ging, trotz des französischen Rheinzolls, Weine in das rechtsrheinische Gebiet zu exportieren. Innerhalb des französischen Staatsgebiets gab es zu der Zeit für Pfälzer Wein keine Absatzmöglichkeit. Sein Ziel erreichte Andreas Jordan mit dem Qualitätsweinbau durch Beachtung von Lage und Traubensorte bei der Lese, dem Anbau hochwertiger Rebsorten, Verbesserung der Kellerwirtschaft, Bezeichnung des Weins nach Ort, Lage, Sorte und Jahrgang sowie die Anlage von Südhängen durch Erdaufschüttung. Aufgrund der Erdaufschüttung konnte die Sonneneinstrahlung besser genutzt werden. Durch die so erzielte Qualitätssteigerung seiner Weine konnte Jordan hohe Gewinne erzielen. Bis zum Jahr 1830 hatte sich der Qualitätsweinbau in Deidesheim und in der Umgebung durchgesetzt.

Nach dem Tod von Andreas Jordan im Jahre 1848 wurde sein Besitz und der seines bereits 1830 verstorbenen Bruders Peter Heinrich (Geburtsdatum unbekannt-1830) in Forst auf seine drei Kinder Ludwig Andreas (1811-1883), Josephine (1813-1872) und Auguste Margarete (1816-1889) aufgeteilt. Es entstanden durch die Erbteilung die drei selbstständigen Weingüter Jordan und Buhl, mit damals etwa 62 Hektar Weinbergen und Friedrich Deinhard mit 6,25 Hektar Weinbergen.
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Politik im Sinne des Weinbaus
Die Deidesheimer Weingutsbesitzer waren im 19. Jahrhundert politisch tätig und gehörten als Abgeordnete liberaler Parteien dem badischen beziehungsweise bayerischen Landtag und Reichstag an. Dadurch war es ihnen möglich, nicht nur für den Deidesheimer und Pfälzer Wein zu werben, sondern durch eine entsprechende Gesetzgebung, den gesamten deutschen Weinbau zu fördern.

Franz Armand Buhl (1837-1896) und Andreas Friedrich Deinhard (1845-1907) waren wesentlich am Zustandekommen der beiden Reblausgesetze von 1883 und 1904 beteiligt. Sie verhinderten durch die darin festgelegten Maßnahmen den drohenden Zusammenbruch des deutschen Weinbaus mit all seinen katastrophalen Folgen. Franz Armand Buhl (1837-1896) und Ludwig Bassermann-Jordan (1869-1914) wirkten an den Weingesetzen von 1882 und 1909 entscheidend mit, welche die schlimmsten Auswüchse der Weinverfälschung, wie Kunstweine und übermäßig gezuckerte Weine, beseitigten. Ludwig Bassermann-Jordan gelang es, durch die Förderung des Naturweins das Ansehen des Pfälzer Weines entscheidend zu verbessern. So beteiligte er sich auch an der Gründung des pfälzischen und deutschen Verbandes der Naturweinversteigerer. Als Bürgermeister von Deidesheim erreichte er, dass in allen Gasthäusern innerhalb der Stadt nur Naturwein ausgeschenkt wurde. Für die Neuordnung des deutschen Weinbauverbandes setzte sich Leopold von Winning (1837-1917) als Erbe des Deinhardschen Weinguts ein. Franz Peter Buhl (1809-1862) erfand den zweigeteilten Kübel für die freie, selektive Lese. Dr. Friedrich Bassermann-Jordan (1872-1959) verfasste das Standardwerk “Geschichte des Weinbaus unter besonderer Berücksichtigung der bayerischen Rheinpfalz„, das 1907 in erster Auflage erschien.
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Die Gründung des Genossenschaftswesens in Deidesheim
Die Lage der Kleinwinzer in Deidesheim war Ende des 19. Jahrhunderts äußerst schwierig. Sie besaßen wegen des geringen Weinbergbesitzes keine eigenen Lagerräume und Keller. Deshalb konnten sie ihre Weine nicht zu Qualitätsweinen ausbauen und waren gezwungen, den Most sofort nach der Lese den größeren Weingütern zu verkaufen. Diese konnten aber über den Preis bestimmen, da viele Kleinwinzer bei ihnen arbeiteten und nicht selten Geld von ihnen geliehen hatten. Die Gründungen des Winzervereins 1898 als auch der Winzergenossenschaft 1912, beendeten dieses Abhängigkeitsverhältnis und verbesserten die soziale Lage ihrer Mitglieder entscheidend.
Diese Winzergenossenschaften stellen eine Säule dar, die die Einzigartigkeit der deutschen Weinkultur betont. Da es sich für die vielen kleinen Betriebe nicht mehr lohnt, einen eigenen Weinkeller zu betreiben, ist eine Kooperation mit Winzergenossenschaften unumgänglich, in denen professionelle Kellermeister aus den Trauben der Mitglieder die Weine herstellen.
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(Sarah Krieger und Larissa Ragg, Universität Koblenz-Landau, 2019 / Mit freundlichen Hinweisen von Berthold Schnabel)


Internet
www.deidesheim.de: Wein trifft Wald (abgerufen 05.11.2019)
www.frankenwein-aktuell.de: Hintergrundinformationen zur Online-Petition für die Aufnahme der“Deutschen Weinkultur„ in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes (PDF-Datei, 405 KB, abgerufen 05.05.2020)
www.deutscheweine.de: Weinstadt Deidesheim: Hort deutscher Qualitätsweinkultur (abgerufen 05.11.2019)
statistik.rlp.de: Mein Dorf, meine Stadt: Stadt Deidesheim (abgerufen 22.11.2019)
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Literatur

Andermann, Kurt (Hrsg.) (1995)
Deidesheim. Beiträge zu Geschichte und Kultur einer Stadt im Weinland. S. 299-324, Sigmaringen.
Schmitt, Heinz (2000)
Geissbock, Wein und Staatsbesuche. Deidesheim in den letzten 150 Jahren. S. 11-78, Landau i. d. Pfalz.
Türk, Henning (2016)
Ludwig Andreas Jordan und das Pfälzer Weinbürgertum. Bürgerliche Lebenswelt und liberale Politik im 19. Jahrhundert. (Bürgertum. Neue Folge v.12.) o. O.

Weinkultur in Deidesheim

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„Weinkultur in Deidesheim”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-299105 (Abgerufen: 26. September 2020)
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