Planungen zum Bau einer zweiten katholischen Kirche in Frechen
Die Severinkirche von 1913-1957
Die Severinkirche ab 1957
Ausstattung
Bezug zur Frechener (Steinzeug-) Industrie / kulturhistorische Bedeutung
Hinweise und Quellen
Planungen zum Bau einer zweiten katholischen Kirche in Frechen
Obwohl die Pfarrkirche St. Audomar schon Mitte des 19. Jahrhunderts wegen zunehmender Bevölkerungszahlen erweitert worden war, stellte der Kirchenvorstand bereits im Jahr 1904 erste Überlegungen an, eine zweite Kirche im Frechener Oberdorf zu errichten. Gläubige aus den westlich gelegenen Ortsteilen hatten bis zur Pfarrkirche im Unterdorf teils sehr weite Wege, die bei Wind und Wetter unter Umständen mehrmals am Tag bewältigt werden mussten (FGV / Frechener Geschichtsverein 2013, S. 11).
1905 konnte der Audomarer Kirchenvorstand ein Grundstück an der Dürener Straße, gegenüber der Ceelen'schen Mühle von Franz Hohenschutz (Burg Benzelrath) kaufen. „Zeitzeugen berichteten, dass es sich bei dem Grundstück um ein mit Müll gefülltes Schlammloch gehandelt habe“ (Kiegelmann 2005, S. 21). Der Kölner Regierungsbaumeister Heinrich Krings wurde mit der Entwurfsplanung samt einer Standortexpertise beauftragt (FGV 2013, S. 11). Krings zeigte sich mit dem Standort jedoch sehr zufrieden, war die Kirche doch an dieser Stelle aus allen Ortsteilen gut erreichbar und räumlich benachbart zur 1904 neu errichteten Volksschule (Severinschule, später Lindenschule). Als funktionale Einheit war für das Frechener Oberdorf mit diesen beiden Gebäuden ein Mittelpunkt oder Kristallisationspunkt für zeitlich nachfolgende gesellschaftliche Aktivitäten geschaffen. Einzig der Grundstückszuschnitt bereitete Sorgen, da dieser nur eine Nord-Südausrichtung anstelle der für katholische Kirchen üblichen Ost-Westausrichtung zuließ (FGV 203, S. 12). Der Steinzeugfabrikant Heinrich Geusgen (Steinzeugfabrik H. und J. Geusgen) setzte sich als Mitglied des Kirchenvorstands von Sankt Audomar wesentlich für den Bau der projektierten zweiten Kirche ein (Schulte 2014, S. 82).
„Die Baukosten für die neue Kirche wurden mit 47.500 Mark veranschlagt, für die damalige Zeit eine beträchtliche Summe“ (FGV 2013, S. 13), die möglichst aus freiwilligen Spenden finanziert werden sollte (Kiegelmann 2005, S. 22). Somit gründete die Kirchengemeinde St. Audomar 1907 den St. Marien-Kirchenbauverein (Heeg 1984, S. 44), denn ursprünglich sollte die neue Kirche eine Marien-Kirche werden. Der Kölner Erzbischof bestimmte jedoch den Hl. Severin als Patron. Die Grundsteinlegung erfolgte am 29.10.1911: „(...) der Grundstein wurde mit einem Stein aus den Katakomben Roms verschlossen, den Pfarrer Koch von einer Romreise mitgebracht hatte“ (FGV 2013, S. 13). Nach nur zwei Jahren Bauzeit konnte die Severinkirche am 13.09.1913 durch den Kölner Erzbischof Dr. Felix von Hartmann und Pfarrer Koch konsekriert werden. Erster Rektor wurde Werner Erkens, Kaplan an St. Audomar. Am 01.09.1923 wurde die Rektoratskirche St. Severin zur selbstständigen Pfarrgemeinde mit eigenem Kirchenvorstand unter Pfarrer Werner Erkens erhoben. Erster Küster wurde Johann Lövenich, Töpfermeister und Topffabrikant in der Norkstraße.
Den Kirchenbau ergänzten benachbart funktional das Pfarrhaus mit Madonna (1927) (1925/1927), An St. Severin 11, sowie ein Pfarrsaal (1929) (FGV 2013, S. 14 / Heeg 1984, S. 42). Der zur Kirche gehörende Pfarrbezirk umfasste neben dem „Oberdorf“ die Frechener Ortsteile Benzelrath, Wachtberg (ab 1933), Herbertskaul, den Rosmarhof und den Magdalenenhof (Kiegelmann 2005, S. 24).
Die Severinkirche von 1913-1957
Wie Regierungsbaumeister Krings geplant hatte, wurde Sankt Severin als neugotischer Kirchenbau mit zwei kleineren Seitenschiffen, zwei kleinen Türmen und in Nord-Südausrichtung (Chor im Norden und Portal im Süden) errichtet. Den Chor zierten drei Fenster aus der Kölner Glasmalerwerkstatt Jakob Melchior (FGV 2013, S. 14); eines davon ist heute noch vorhanden. Die ursprüngliche Ausstattung bestand aus einem geschnitzten neugotischen Hauptaltar, einem Seitenalter zu Ehren der Mutter Gottes und einem Seitenaltar zu Ehren des heiligen Josephs. Die Hauptgewerke wurden überwiegend von Frechener Firmen übernommen. „Die Mauerer- und Zimmerarbeiten wurden durch die Frechener Firma Tillmann Statz ausgeführt, wobei diese verpflichtet wurde, Ringofensteine aus Frechen und deutsches, geflößtes, vollwertiges Bauholz zu verwenden“ (Kiegelmann 2005, S. 24).
Artilleriebeschüsse in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 fügten der Kirche erhebliche Schäden zu (FGV 2013, S. 16). Gottesdienste konnten hier eine zeitlang nicht stattfinden. Nach Kriegsende richteten Gläubige die Severinkirche so her, dass wieder Gottesdienste stattfinden konnten (FGV 2013, S. 16).
Frechen wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zuzug evakuierter oder ausgebombter Menschen sowie Heimatvertriebener und Flüchtlinge sehr stark an. So entstanden im Pfarrbezirk von St. Severin beispielsweise in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die Siedlungen 'Grube Carl' und 'Am Stadion'. Derart viele zugezogene Katholiken passten nicht in die nun zu klein gewordene Severinskirche und der Severiner Kirchenvorstand beschloss den Bau einer größeren Kirche (FGV 2013, S. 17). Der letzte Gottesdienst im alten Kirchengebäude fand im Juli des Jahres 1956 statt.
Die Severinkirche ab 1957
Mit dem Entwurf und der Bauleitung für den neuen Kirchenbau wurde 1954 der Kölner Regierungsbaumeister Karl Band beauftragt, 1955 erfolgte die Gründung eines Kirchenbauvereins (Schmitz 1990, S. 262) . Für den Neubau wünschte sich der Kirchenvorstand eine Weiternutzung der neugotischen Gewölbevierung und des Chores. Um diesen Altbestand plante Karl Band einen zentralisierenden zeltartigen Rundbau aus geschlossenem Mauerwerk, dessen einzige natürliche Lichtquelle ein durchgehender Fensterring unterhalb des kegelförmigen Daches bildet. „Die alte Gewölbevierung statisch ohne Stützpfeiler zu stabilisieren, war eine besondere bautechnische Herausforderung“ (FGV 2013, S. 18). An den Eingangsbereich an der Südseite wurde eine konchenförmige Taufkapelle angefügt, deren Gesamtgestaltung ein Maßwerk aus Betonwerksteinen (Schmitz 1990, S. 262) mit einer farbigen Fenstergestaltung von Hans Lünenborg, Köln, stammt. Der Altarraum wurde aus dem alten Chor in den Vierungsbereich vorgezogen. „Äußerlich ragt der alte Chor aus der Rundung hervor, im Südwesten flankiert durch den neuen Anbau der Sakristei. Diese Konzeption läßt eine Verbindung zwischen bisher traditionellem und modernem Kirchenbau entstehen, dessen kreisrunder Grundriß auch eine veränderte Anschauung der Liturgie dokumentiert. Der Altar, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem abgesonderten Raum oder erhöht auf einem Podest errichtet, rückt nun fast in den Mittelpunkt des Kirchenraumes, um den die Gemeinde sich versammelt“ (Schmitz 1990, S. 262). Hierzu bot die Kirche nun 400 Sitz- sowie 300 Stehplätze, wobei die Bänke in 6 Reihen halbkreisförmig um den Altar angeordnet wurden. „Beinahe sieben Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962, das die Neuordnung der Liturgie erwirkte, wurde hier der zentrale Kirchenraum schon vorgegeben“ (Schmitz 1990, S. 262). Die nun umgestaltete und vergrößerte Kirche Sankt Severin wurde am 13.10.1957 durch Erzbischof Kardinal Josef Frings konsekriert.
Auf dem Kirchengrundstück war während des Zweiten Weltkrieges ein Luftschutzstollen gebaut worden. Er beginnt in etwa an der nordwestlichen Ecke der Pfarrer-Moll-Stube und verläuft in einer Tiefe von 12 Metern in nordöstliche Richtung. Er bot Platz für 160 Menschen und wurde nach dem Krieg verfüllt. Als der neue freistehende, 32 Meter hohe Glockenturm mit integrierter Bücherei errichtet werden sollte, musste der Stollenverlauf bei der Fundamentierung berücksichtigt werden (FGV 2013, S. 16). Das Vorbild des im Oktober 1959 fertiggestellten Turmes ist der Campanile der byzantinischen Basilika Sant' Apollinare in Classe (Ravenna, 6. Jahrhundert). Im Dezember 1959 wurde der Turm mit einem neuen Geläut aus fünf Bronzeglocken aus der Glockengießerei Petit & Gebrüder Edelbrock (Gescher) ausgestattet, die am 13.12.1959 feierlich eingeweiht wurden und zum Weihnachtsfest 1959 zum ersten Mal erklangen (FGV 2013, S. 18). Sie tragen die Namen Johannes & Joseph, Severinus, Angelus, Barbara und Schutzengel (Stens 2011, S. 171).
Im Jahr 1982 wurde der Innenraum umgestaltet und erhielt ein neues Farbkonzept (FGV 2013, S. 19).
Ausstattung (Liste nicht abschließend):
- Chorfenster aus der Kölner Glasmalerwerkstatt Jakob Melchior (FGV 2013, S. 14), Stiftung Frechener Bürger (Kiegelmann 2005, S. 24); nach dem Umbau ist nur noch das Fenster mit der Darstellung des hl. Franziskus und der hl. Helena erhalten (Kiegelmann 2005, S. 26)
- Seitenaltar zu Ehren der Mutter Gottes, um 1923 (Stiftung Familie Tillman Vogt, Steinzeugfabrikant)
- Seitenaltar zu Ehren des heiligen Josephs, um 1923 (Stiftung Familie Tillman Vogt, Steinzeugfabrikant)
- Schnitzaltar aus Lindenholz des Kölner Bildhauers Rautzenberg als Ersatz für den neugotischen Hochaltar, 1939; Bilder aus dem Altar befinden sich heute links und rechts des Einganges (FGV 2013, S. 15)
- Vollplastische Kreuzigungsgruppe an der Chorwand, 1939 (FGV 2013, S. 15)
- Totenbuch für die Opfer des Zweiten Weltkrieges (?) am Severinus-Altar (FGV 2013, S. 16)
- Neue Orgel, 1959 (FGV 2013, S. 18)
- Kreuzweg des Kölner Künstlers K. Kiesgen, 1951 (FGV 2013, S. 18) (gebrannt in der Steinzeugfabrik Rhenania, Info erhalten auf Kirchenführung 2024)
- Holzstatue Konrad von Parzham (Stiftung von Pfarrer Erkens) (FGV 2013, S. 18)
- Holzstatue des Heiligen Judas Thaddäus (Werkstatt Rautzenberg Köln) (FGV 2013, S. 18)
- Holzstatue des Heiligen Severinus, 1963 (anlässlich des Goldenen Kirchweihjubiläums) (FGV 2013, S. 19)
- Severinusstatue aus gehärtetem Sandstein in der Taufkapelle (FGV 2013, S. 19)
- Arbeiten des Frechener Künstlers Atilla Kirilowicz: Ambo, Stele für Tabernakel, Severinusstatue, Pietà, Türgriffe zum Eingang in den Kirchenraum, Minora (FGV 2013, S. 19)
- Durchreiche-Tabernakel, Altar aus grünem Dolomit und Taufbecken aus der Kunstwerkstatt Eduard Schnitzler, Köln (FGV 2013, S. 18)
- Weihwasserbecken an den Eingängen wurden hergestellt und gestiftet vom Steinmetz Heller, Frechen (FGV 2013, S. 18)
Bezug zur Frechener (Steinzeug-) Industrie / kulturhistorische Bedeutung
Einheimische des Oberdorfes bezeichnen „ihre“ Severinkirche auch als „Arbeiterkirche“ und verweisen damit bereits auf den Zusammenhang zwischen der Industrialisierung Frechens und der Existenz des Kirchengebäudes hin. Ihr Bau wurde notwendig, da die Bevölkerungszahl Frechens im Zuge der tiefgreifenden Industrialisierung sehr stark angestiegen war und der Platz in der Pfarrkirche Sankt Audomar nicht mehr ausreichte. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Frechener Oberdorfes arbeiteten zum überwiegenden Teil in Handwerksberufen oder in den benachbarten Fabriken der Steinzeug- und Braunkohlenindustrie - entstammten also dem einfachen, ärmlichen Milieu, deren Einkommen kärglich war. Dennoch beteiligten auch sie sich aus ihrer tiefen Religiösität heraus finanziell am Bau „ihrer“ zukünftigen Kirche.
Auch Fabrikanten waren durch Stiftungen, Spenden oder in anderer Form an der Ausstattung oder dem (Um-) Bau der Kirche im Oberdorf beteiligt:
- Stiftung des Marienaltars und des Josephsaltars 1923 durch Familie Tillman Vogt, Steinzeugfabrik Tillmann Vogt (FGV 2013, S. 14);
- Stiftung der größten, 2.450 Kilogramm schweren Glocke „Johannes & Joseph“ laut Glockeninschrift 1959 von Peter Joseph und Heinrich Wolf („Krune Buck“), Steinzeugfabrikanten des Werkes Rhenania an der Dürener Straße (Stens 2011, S. 172), vgl. Unternehmensgruppe Wolf;
- Stiftung der Glocke „Barbara“ 1959 durch die Rheinische AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation Frechen Wachtberg, 1959 (Stens 2011, S. 174);
- Ziegelsteine des ursprünglichen Kirchenbaus sowie für die Kirchenerweiterung stamm(t)en aus den Frechener Ziegeleien der Unternehmensgruppe Wolf (Ziegelei Wolf / Ziegelei Baumann);
- Kreuzwegstationen aus Ton (Halbreliefs) im Innenraum gestaltet von K. Kiesgen 1951 (Kiegelmann 2005, S. 28); sie wurden laut Aussage Ortskundiger im Steinzeugwerk Rhenania gebrannt.
Hinweise
Das Objekt „Katholische Pfarrkirche Sankt Severin in Frechen“ ist ein eingetragenes Baudenkmal (Untere Denkmalbehörde der Stadt Frechen lfd. Nr. A 011) und Element des historischen Kulturlandschaftsbereiches Töpfereisiedlung Frechen(Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 474).
(Nicole Schmitz, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege, 2025)
Internet
rheinische-geschichte.lvr.de: Severin Heiliger und Bischof von Köln (397) (abgerufen am 07.01.2025)
rheinische-geschichte.lvr.de: Josef Frings Erzbischof von Köln (1887-1978) (abgerufen am 15.09.2026)