Urgeschichtliche Spuren
Kelten - Römer - Frankenzeit
Der Ortsname
Römische Siedlungsspuren
Übergang zur fränkischen Herrschaft: Spätantike/Frühmittelalter
Moselkern im Hoch- und Spätmittelalter
Verkehrsgeographische Lage
Das 17. und 18. Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert
Die Entwicklung des Ortsbildes vom Mittelalter bis in die Neuzeit
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit
Moselkern im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg
Strukturwandel seit der Nachkriegszeit
Internet
Urgeschichtliche Spuren
Urgeschichtliche Funde sind vom Gebiet der eigentlichen Ortslage Moselkern bislang nicht bekannt. Jedoch wurden in der Gemarkung Moselkerns, die sich bis auf die Höhenlage am Rande des Maifelds erstreckt, Siedlungsgruben der Urnenfelderzeit entdeckt, einer Epoche der Bronzezeit (ca. 1200 - 750 v. Chr.). (Ortsgemeinde Moselkern 2000, S. 13) Obwohl nicht zur Gemarkung gehörig, spielt für die Identität Moselkerns der auf der rechten Moselseite gelegene Druidenstein eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich um eine markante Kalkschiefer-Formation, einzigartig an der Mosel, auf der in der Eisenzeit eine befestigte Siedlung angelegt war. Der Felsen, der in der Frühen Neuzeit noch „Zuckerhut“ genannt wurde, kam zu seinem Namen erst am Ende des 19. Jahrhunderts, als man auf seiner Spitze ein Kreuz aufstellte. Dabei wurden die archäologischen Befunde entdeckt, die die Fantasie beflügelten. (Ortsgemeinde Moselkern 2000, S. 14) Unter den archäologischen Befunden ist besonders der mächtige Abschnittswall markant, also das Relikt einer Befestigung aus Holz und Erde, die das Plateau zum Hinterland schützte. Auf dem schmalen Felsplateau waren Wohngebäude errichtet. Eine kultische Bedeutung des Druidensteins lässt sich gegenwärtig nicht nachweisen. Der Wall ist noch bis 15 m hoch, vorgelagert ist ein Graben. Die Anlage wird von Archäologen der sog. Hunsrück-Eifel-Kultur zugeordnet (um 650-250 v. Chr.). (Infotafel der GDKE am Objekt )
Kelten - Römer - Frankenzeit
In der jüngeren Eisenzeit gehörte Moselkern zum Siedlungsgebiet der Treverer. Ob es an der Elzmündung eine treversiche Siedlung gegeben hat, als die Römer ins Land kamen, wissen wir nicht, ist aber anzunehmen, denn nicht nur der Ortsname leitet sich aus dem Keltischen ab, sondern auch einige Flurnamen. Dafür sprechen Flurnamen wie Olk, von gallisch „olca“, pflügbares Land, Falotter, evtl. von gallisch „grava“, Kies, sicher vom Gallischen „grava/gravos“ ist abzuleiten Graffels Kädert.
Der Ortsname
Moselkern hieß ursprünglich nur „Kern“, im einheimischen Dialekt wird es „Käa“ genannt. Die bislang plausibelste Deutung hat 2012 Doris Castor vorgelegt, die davon ausgeht, dass der Ortsname sich von dem Wort für einen bestimmten Straßentyp ableitet: kurzen, steilen Verbindungswegen zwischen Orten oder vom Ort zum Bach oder zur Mosel. Die in den Flurnamen als „Kehr“ oder „Kern“ bezeichneten Straßen vermieden bewusst scharfe Kurven, um den Transport von Waren mit einem Karren besser bewerkstelligen zu können. Sie verbanden schon in römischer Zeit den Wasserweg der Mosel mit den Römerstraßen im Hinterland. Der Name für diesen Wegetyp leitet sich aus keltischen bzw. gallorömischen Wortschatz ab, entweder von „carn“ (Felsen, Felsspitze), was Bezug nähme auf den felsigen Untergrund der Moselabhänge und die Stickung dieser Wege - Stickung meinst eine Befestigung des Wegs durch Schotter oder Steine aber keinen regelrechten Straßenbau oder -ausbau - oder von „carrus“, Transportwagen mit starren Achsen, die einen Wendekreis von mindestens 5,6 m benötigten, was die möglichst gerade Wegeführung erklärt. In Moselkern lässt sich durch Auswertung der Straßenverläufe und der Flurnamen erschließen, dass die Straße nach Münstermaifeld ein solcher „Kern“-Weg war, der im Ort begann, bevor er auf die Höhe führte. (Castor 2012, S. 31-37, insbes. S. 32, 36.) Diese Wegverbindung ist für die Verkehrsgeographie Moselkerns bis heute von Bedeutung (s. u.).
Römische Siedlungsspuren
In römischer Zeit erstreckte sich eine ausgedehnte villa rustica, ein landwirtschaftlicher Betrieb mit repräsentativem Wohnhaus, entlang der heutigen Oberstraße, in etwa im Bereich zwischen Großgasse und Binngasse. Beim Bau der Bahn im 19. Jahrhundert wurden solide Mauerreste angeschnitten, die zum Teil bemalten Putz trugen, sowie Lagen von Estrich. Leider wurden damals alle Mauerreste zerstört. 1908 wurden dann noch Reste einer Badeanlage entdeckt, außerdem das Bruchstück eines Kapitells aus Kalkstein, also der geschmückte Abschluss einer Säule. Am oberen Ortsausgang wurden zwei Mal römische Grabreste aufgedeckt. Im unteren Ortsbereich, der sog. Mark, vermutet man ebenfalls römische Baureste, der Bereich wird im Volksmund „Heidenkeller“ genannt. (Ortsgemeinde Moselkern 2000, S. 10-12, mit Nachweisen. Genaue Datierungen der römischen Funde und Befunde Moselkerns sind nicht bekannt.) Analog zu anderen Moselorten könnte man eventuell hier eine Kelteranlage vermuten.
Übergang zur fränkischen Herrschaft: Spätantike/Frühmittelalter
Bis zur ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts funktionierte die römische Militärverwaltung und die zunehmenden Einfälle germanischer Stämme konnten immer wieder abgewehrt werden. Es wurden aber auch bereits fränkische Siedler bewusst in der Region angesiedelt. Am Ende der Römerzeit gab es ein - für uns heute - verwirrendes Nebeneinander von verlassenen Siedlungen und Enklaven romanischer Restbevölkerung, Christentum und germanischer Religion. In aufgegebene römische Siedlungen wurden fränkische Reihengräberfelder gelegt. (Wegner 2005, S. 50 f.) Das geschah auch in Moselkern. (Schunck 1963, S. 90-93) Andererseits sprechen Flurnamen romanischen Ursprungs auch für eine gewisse Kontinuität. Das betrifft die Flurnamen Brater, Falotter, Graffels, Junckt, Kampesberg, Kawen, Kees, Kunn, Lai, Olk, Palert, Pillings, Pütz, Scharlin, Schart, Stübel und Tholast. (Pier 1989) Reich ausgestattete fränkische Gräber des 6. bis beginnenden 8. Jahrhunderts in Münstermaifeld lassen vermuten, dass dort ein fränkischer Herrschaftssitz war. In dessen Einfluss geriet offensichtlich auch Moselkern, denn der Ort wurde eine Filiale des großen Pfarrbezirks von Münstermaifeld. In dieser Zeit entstand das sog. Merowingerkreuz von Moselkern, das seinen Namen an die fränkische Königsfamilie der Merowinger erinnert, obwohl kein direkter Zusammenhang nachweisbar ist. Das korrekt „Stele von Moselkern“ benannte Steindenkmal ist in seiner frühen Datierung und Deutung nicht unumstritten, doch sehr wahrscheinlich ein ganz eigenständiges Zeugnis für den christlichen Glauben an der fränkisch geprägten Untermosel. (Looz-Corswarem 2015, S. 166; Ristow 2007, S. 176 f.)
Moselkern im Hoch- und Spätmittelalter
Wie auch schon in seiner kirchlichen Zugehörigkeit war Moselkern auch in weltlichen Angelegenheiten Münstermaifeld zugeordnet, indem es zum Münstermaifelder Hochgericht gehörte. Ob Moselkern im Frühmittelalter einmal einem Grundherren alleine unterstand, und wenn ja welchem, ist unklar. Jedenfalls begann im Frühmittelalter begann ein Prozess, in dem Herrschafts- und Besitzrechte zunehmend zersplitterten. Die Moselkerner hatten im Hochmittelalter unzählige Herren über sich. Denn die Grund-, Landes- und Gerichtsherrschaft wurde immer wieder geteilt und in andere Hände gelegt - wortwörtlich „in die Hände gelegt“, wenn sie als Lehen mit der Zeremonie des Handgangs von einem höherrangigen Herrn an einen niederen Adeligen übertragen wurden.
Für das tägliche Leben der Familien bedeutete das: sie mussten ihre Landwirtschaft gut führen und für gedeihliches Wetter beten. Denn die Abgaben in Form von Wein, Korn, Hühnern, Eiern usw. mussten pünktlich entrichtet werden. Und die Bauern mussten genug für sich behalten, um leben zu können. Es bedeutete auch, dass es viele Gemeinschaftseinrichtungen gab und feste, vorgegebene Termine im Jahreslauf, zu denen gesät und geerntet wurde. Zur Weinlese kam ein Vertreter des Grundherrn und sorgte dafür, dass die Arbeiten ordentlich ausgeführt wurden, er sorgte aber auch für einen Imbiss mit Käse und Brot. Gekeltert wurde gemeinsam im Kelterhaus des Grundherrn.
Davon zu unterscheiden ist die Landesherrschaft, die die Trierer Erzbischöfe im Lauf des späten Mittelalters fast am gesamten Mosellauf zwischen Koblenz und Trier in ihre Hand bekamen und planmäßig ausbauten (Wandel vom Personenverbands- zum Territorialstatt). Der oberste Landesherr der Moselkerner war damit bis zum Ende des Alten Reichs 1792/94 der Erzbischof und Kurfürst von Trier. Der trierische Amtmann in Münstermaifeld übte die Verwaltung aus, der sog. Kellner war dafür zuständig, die dem Landesherrn zustehenden Abgaben einzuziehen.
Da es viele Herren gab, und der attraktive Weinbaubesitz durch Kauf oder Erbgänge häufiger den Besitzer wechselte, hatten die Bürger gewisse Freiräume, um ihr Gemeinwesen selbst zu organisieren. Die männlichen, alteingesessenen Haushaltsvorstände bildeten eine Versammlung, aus deren Mitte der Bürgermeister und die Beigeordneten gewählt wurden. Sie vertraten den Ort selbstbewusst vor der Obrigkeit, mussten aber auch die Gemeindekasse gewissenhaft führen und jährlich prüfen lassen. Ihren sichtbaren Ausdruck fand diese kommunale Eigenständigkeit im Bau des Rathauses von Moselkern, einem stattlichen Fachwerkbau. Es wird auf das Jahr 1535 datiert. Diese Jahreszahl steht allerdings auf etwas wackeligen Beinen. Angeblich war sie in einen Türsturz im ersten Obergeschoss eingeschnitzt, ist bei Renovierungsarbeiten aber verloren gegangen. Sicher ist jedoch, dass das Haus von der Fachwerkbauweise her in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts einzuordnen ist. Das Rathaus in Ellenz von 1541 hat eine ganz ähnliche Fachwerkkonstruktion. Vielleicht stammen beide Häuser vom selben Baumeister. Ein Zeichen dafür, dass die Gemeinde die niedere Gerichtsbarkeit ausüben durfte, ist der noch am Rathaus befindliche Pranger, ein Eisenring, an dem Übeltäter dem Spott preisgegeben wurden. Die hohe Gerichtsbarkeit wurde in Münstermaifeld ausgeübt, Moselkern sandte einen Schöffen an das dortige Gericht. Das Rathaus diente auch als Fest- und Gemeinschaftshaus, Schule und vorübergehende Behelfskirche.
Verkehrsgeographische Lage
Verkehrsgeographisch hat Moselkern bis heute eine Bedeutung, da von Oberstrom kommend hier der erste direkte Weg ins fruchtbare Maifeld mit seinem alten Zentrum Münstermaifeld führt (und von dort weiter nach Mayen). Im Mittelalter wurde hier offenbar ein Geleitgeld erhoben. (Petzold, 1999, S. 13) In der napoleonischen Zeit wurde in Moselkern für einige Jahre (sicher nachweisbar 1808 - 1813) eine Zollstelle eingerichtet. Hier taten französische Zollbeamte Dienst und überwachten zusammen mit den Beamten des Cochemer Moselzolls den Warenverkehr.
Auf der gegenüberliegenden Moselseite liegen auch der Moselkerner Gemeindewald und das Kerner Werth, eine ehemalige Flussinsel. Bis zur Moselkanalisierung in den 1960er Jahren verkehrte regelmäßig eine Fähre, die beide Flussufer miteinander verband. Der Elzbach, der in Moselkern mündet, mit seinem weiten Einzugsgebiet, stellt verkehrsgeographisch eher ein Hindernis dar. Ein direkter überörtlicher Weg führe nicht durch dieses Tal. Allerdings markierte der Elzbach die Grenze zwischen dem Ober- und Niedererzstift Trier, also den Verwaltungseinheiten des weltlichen Herrschaftsbereichs des Trierer Kurfürsten. Auch grenzte die Elz die Einflusssphären der Stifte St. Kastor, Karden und St. Martin und St. Severus, Münstermaifeld, mit ihren Pfarrbezirken gegeneinander ab. (Looz-Corswarem 2015, S. 168)
Das 17. und 18. Jahrhundert
Von den Katastrophen des 17. Jahrhunderts war auch Moselkern betroffen: die sog. Kleine Eiszeit bewirkte Missernten und Hochwasser. Dann kam der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), der auch im Moseltal wütete, und weitere Soldatenüberfälle und -einquartierungen. Verwaltungstechnisch gehörte Moselkern damals zum kurtrierischen Amt Münstermaifeld.
Vier verschiedene Regimenter quartierten sich zwischen 1632 und 1638 in Moselkern ein, viermal wurde das Dorf geplündert. (Scholz 2008, S. 367-429) Zwanzig Familienoberhäupter mussten ihr Leben lassen. 156 Stück Rindvieh ließen die Söldner mitgehen oder aßen sie an Ort und Stelle auf. Der kurtrierische Stadt- und Hochgerichtsschreiber in Münstermaifeld, in dessen Zuständigkeitsbereich Moselkern lag, meldete einen Schaden von 10.674 Reichstalern durch die Einquartierungen und 4.000 Talern durch Plünderungen. Dazu musste die Gemeinde Moselkern 2.000 Taler Schulden machen. An Einquartierungen in diesem Zeitraum in Moselkern notiert Schreiber Saneck für 1636 die Golten oder pappenheimer Inquartierungen bzw. Goltische Inquartierungskosten, ebenso die Götzische Inquartierungh und Kontribution. 1637 kam die Bliestettische Einquartierungh und Durchzugh, 1638 Werthische Dragoner. Die Bevölkerungsverluste betrugen im Amt Münstermaifeld in der Regel etwa die Hälfte, teilweise jedoch auch mehr als zwei Drittel der erfassten „Bürger“ (also der männlichen Haushaltungsvorstände, die das Bürgerrecht besaßen).
Über die Verheerungen durch das Mansfeldische Militär, die Söldnertruppe des protestantischen Grafen Ernst II. von Mansfeld (+ bereits 1626), trug der Moselkerner Pfarrer Stephan Noll am 14. November 1634 ins Kirchenbuch ein: Man hat in dausent [Jahr] nit gehört und gesehen, waß in dieser Wochen Octava Martini geschehen mit Plünderung. 1640 folgte Johannes Losen Pfarrer Noll im Amte. In den nächsten zehn Jahren erlebte Moselkern zwei Einfälle Lothringer Soldaten, zunächst im Winter 1644/45,7 dann 1650. Hunger, Erpressung, Folter und Brandschatzung waren das Los der Dorfbewohner. Die Beschlagnahmung von Nahrungsmitteln und Ernteverluste führte zu Hungersnöten. Zusätzlich waren die vom Hunger geschwächten Menschen Seuchen ausgesetzt.
Von der Zerstörungswelle des Jahres 1689 (Pfälzischer Erbfolgekrieg) scheint Moselkern nicht direkt betroffen gewesen zu sein, konzentrierte sich die planvolle Destruktion doch auf die befestigten Städte und Burgen. Jedoch wurden über mehrere Monate hinweg Flüchtlinge aufgenommen, wie zwei Einträge im Kirchenbuch zeigen: es handelt sich um die Taufen der Kinder Maria Katharina am 9. März 1690, Eltern Peter und Katharina Artz, und Johannes Adam am 3. Dezember 1690, Eltern Nikolaus und Elisabeth Wirtz, „sich hier aufhaltend nach der Zerstörung Cochems“.
Ein letzter Soldateneinfall nach Moselkern ereignete sich 1673. Diese neuerliche Leidenszeit scheint mit der französischen Besetzung des Trierer Obererzstifts und der Stadt Trier durch französische Soldaten zusammenzuhängen, die das schließlich 1670 eroberte Lothringen sichern sollte. Zwar gehörte Moselkern zum Niedererzstift, doch liegt der Ort direkt an der Mündung des Elzbaches in die Mosel, somit an der Grenze zwischen Ober- und Niedererzstift. Die Schäden für den Ort gehen aus einer Bittschrift der Moselkerner Bürger an den Trierer Kurfürsten hervor: Demnach wurden 16 Kelterhäuser, 19 Ställe und 20 Wohnhäuser mitsamt Mobiliar, auch die in den Scheunen eingelagerte Ernte verbrannt. Der Schaden wurde in der Bittschrift auf 14.000 Gulden beziffert. Hinzu kam eine Kette von Überschwemmungen und Missernten. Im Januar 1651 stieg die Flut bis zur hoch gelegenen Kirche Sieben Jahre später, im Winter 1658 herrschte im Januar ein so starker Frost, dass fast alle Weinreben zerstört wurden. Die Mosel war überall zugefroren. Dazu kamen immense Schneemassen, die wiederum ein Hochwasser verursachten, als sie schmolzen. Die Weinlese fiel in diesem Jahr praktisch aus. Weitere Missernten folgten.
Im 18. Jahrhundert erholte sich die Bevölkerung langsam von den Katastrophen der vorangegangenen Epoche: die Bevölkerungszahl stieg wieder an, und der Frieden ermöglichte ein Wachsen des materiellen Wohlstands. In Moselkern wurden neue Häuser gebaut, wie die Fachwerkhäuser Seilerstr. 1 und Moselstr. 5. 1789 wurde sogar ein Neubau der Pfarrkirche in Angriff genommen, nur der alte romanische Turm blieb vom alten Bauwerk erhalten. 1790 wurde der Bau fertiggestellt. Den Entwurf hatte der kurtrierische Baumeister Michael Wirth geliefert. Stilistisch ist die Moselkerner Kirche als rein frühklassizistischer Kirchenbau einzuschätzen, dem nur ganz wenige vergleichbare Bauten an die Seite gestellt werden können. Diese Singularität ist in erster Linie den Zeitläuften geschuldet, die mit den Krisenerscheinungen um Revolution und Napoleonische Kriege zu einem Abbruch einer erst neu entstandenen Stilrichtung geführt haben. (Gibbert 2015, S. 4-81)
Das 19. Jahrhundert
Obwohl ein gewisser Unmut über die herrschenden Verhältnisse in der Bevölkerung verschiedentlich berichtet wurde, gab es im Kurtrierischen beim Einzug der französischen Revolutionstruppen keine allgemeine Begeisterung über den Wechsel der Verhältnisse. 1792-1794 herrschte wieder Krieg im Moselland, und der letzte Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der Koblenz zu einer für damalige Begriffe modernen Residenzstadt umgebaut hatte, war kein unbeliebter Herrscher gewesen. Doch er flüchtete nach Augsburg ins Exil und die Franzosen eroberten das Land. Sie errichteten eine Verwaltung mit der neuen Einteilung in Departements, Arrondissements und Mairien. Moselkern gehörte nun zur Mairie Karden - Ende der jahrhundertlangen Zugehörigkeit zu Münstermaifeld. Die Mairie Karden wiederum war Teil des Arrondissements Münstermaifeld, und dieses wiederum Teil des Départements Rhin-et-Moselle (Rhein-Mosel). Auch der französische Revolutionskalender wurde eingeführt. Au0ßerdem endete die alte Grundherrschaft, und es kam zu einem jahrelangen Prozess, in dem die Grundbesitzverhältnisse neu geordnet wurden. Statt unterschiedliche Abgaben in Geld und Naturalien an adelige und kirchliche Besitzer zu leisten, mussten die Bürger nun bei sich verschlechternden wirtschaftlichen Verhältnissen Steuern und Kontributionen zahlen. Insbesondere die Versteigerung der sog. Nationalgüter, d.h. der enteigneten Kirchengüter, setzte einen für das gesamte Rheinland epochalen Wandel in Gang. Neue Käuferschichten erwarben Grundbesitz, teilweise nur als Kapitalanlage, und verkauften ihn weiter. Aus altem Feudaleigentum wurde neues Privateigentum. Das betraf in Moselkern den Ringelsteiner Hof im Elztal und den alten Zehnthof in der Ortsmitte. Die spätere Einführung des neuen Gesetzbuchs, der Code Civil (auch Code Napoleon) bewirkte in allen Kriegsläufen und weiteren Umbrüchen, die noch folgen sollten, Rechtssicherheit. Moselkern wurde attraktiv für weitere Investoren: der Trierer Kaufmann Michael Marx heiratete in den Ort ein, übernahm den Getreidehandel seines Schwiegervaters Leonhard Schwenzer, betrieb den Kalkofen und baute eine Werft am Moselufer auf. Die Familie Haan aus Koblenz begann in den 1820er Jahren, das für die Textilproduktion geeignete Wasser und die Wasserkraft der Elz zu nutzen und baute eine der frühesten Fabrikanlagen im Moseltal.
Ab den 1860er Jahren entwickelte sich auch der Moselweinbau wieder zu einer neuen Höhe. Das 18. Jahrhundert hatte nur auf Massenerzeugung gesetzt, und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu katastrophalen Einbrüchen im Weinabsatz, die mit schlechter Qualität und unbarmherziger preußischer Zoll- und Steuerpolitik begründet waren. Ein günstigeres Klima, verbunden mit Weiterentwicklungen der Anbau- und Kellertechnik sowie besserer landwirtschaftlicher Bildung der Winzer führten zu einer bemerkenswerten Qualitätssteigerung, die den Moselwein zu einem berühmten und gefragten Wein machten. Dazu trug namentlich der konsequente Anbau der Rieslingtraube bei, die sich als ideale Rebsorte für die Steilhänge der Mosel erwies. Auch wenn Moselkern nicht zu den berühmten Weinorten der Mosel gehörte, so konnten die Winzer doch optimistisch ihre Rebfläche immer weiter ausdehnen und gute Verkäufe erzielen.
Neben Gewerbe und Weinbau brachte auch der Bau der Moseleisenbahn nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 wirtschaftliche Weiterentwicklung in den Ort. Eine Wasserversorgung bekam Moselkern um 1908/09.
Die Entwicklung des Ortsbildes vom Mittelalter bis in die Neuzeit
Besonders plastisch lässt sich die Geschichte anhand der Baustruktur und einzelnen Häusern erzählen: Während der Ort verkehrsmäßig heute über die am Moselufer verlaufende Bundesstraße erschlossen wird, liefen in den vergangenen Jahrhunderten zwei Verkehrsstränge parallel zum Tal: zum einen der Treidelverkehr direkt am Flussufer, zum anderen der Verkehr mit Fuhrwerken und Kutschen durch die enge Oberstraße. Der Ort selbst war befestigt, nicht mit einer durchgängigen Mauer, aber mit Mauerabschnitten, Toren und Schranken. Die untere Pforte moselabwärts lag in der Oberstraße vor dem heutigen Haus Oberstr. 7 (an der Rückseite von Moselstr. 5, in den 1960er Jahren abgerissen). Die obere Pforte moselaufwärts lag nahe am Elzbach in Verlängerung der Oberstraße - dieser Bereich ist heute durch den Bau der Bahn stark verändert. Als dritte Pforte ist die Bergpforte oberhalb der Kirche an der Stichstraße von der K33 ins Elztal zu nennen. Diese Pforte führte auf den Weg nach Münstermaifeld. In der Umgebung der Pfarrkirche ist noch heute ein Hinweis auf den alten Verlauf des Bergwegs zu finden: an Haus Oberstr. 61 zeichnet sich das ehemalige Straßenniveau an der dem Kirchhof gegenüberliegenden Hausmauer ab (vgl. im aktuellen Kataster die Eintragung eines Straßenrests). Dieser Verlauf des Bergwegs um die Kirche herum spielte in der damaligen Verkehrsführung eine wichtige Rolle, während der Verkehr auf das Maifeld heute über die Kreuzung B416/K33 läuft. Das Terrain zwischen Oberer- und Bergpforte bietet durch seine unzugänglichen Felsen dem Ort einen natürlichen Schutz. Entlang der Mosel waren Schranken und Palisaden angebracht, um den Dorfbereich abzugrenzen.
Das Dorf gruppierte sich mit zwei Verdichtungszonen bandartig rechts und links der Dorfstraße - heute „Oberstraße“ in Abgrenzung zur einseitig bebauten „Moselstraße“. Diese Moselfront wurde erst spät geschlossen bebaut. Hier entstanden im 19. Jahrhundert das Ortsbild prägende Bauten, so die Baugruppe des ehem. „Hotel Burg Eltz“ (Moselstr. 13 und Fährstr. 1-2), das ehem. Schulhaus 1846 (Moselstr. 14) und das Hotel „Anker“ (Moselstr. 15-16). Das Schulhaus, entstanden 1846, hat seine stattliche doppelläufige Freitreppe in den 1960er Jahren eingebüßt, wodurch die ästhetische Wirkung der Fassade stark gelitten hat. Das Hotel „Anker“ wurde in den 1980er Jahren durch einen Neubau ersetzt, der zwar mühsam einem regionalen Baustil angeglichen wurde (schiefergedeckte Zwerchgiebel, kleinteilig gestaltete Fassade), überwiegend jedoch mit den Worten von Fröhlich/Jakobs als „ortsbildstörender Hotelkomplex“ zu bezeichnen ist. Im 19. Jahrhundert kam es zu weiteren Entwicklungsschüben im Baubestand. (Scholz 2008, S. 184-190)
1. der Bau der Eisenbahn ab 1875 bis 1879. Die Folge waren zum einen zahlreiche Abrisse von Häusern, um im engen Tal Platz für den Bahnkörper zu schaffen, andererseits brachten die damit einhergehenden Grundstücksverkaufe Privateigentümern Geld, das für Neubauten verwendet wurde. Direkt auf den Bahnbau gehen das Haus Bergweg 3 „Am alten Bahnhof“, Bergweg 1 und die Villa Schunck (Oberstr. 62) zurück, die 1902 von Geheimrat Franz Schunck (1845-1921) errichtet wurde, dem Baumeister der Moselbahn.
2. Bauboom der Gründerzeit. Der steigende Wohlstand nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wirkte sich auch auf die Mosel aus, denn zum Lebensstil des gehobenen Bürgertums gehörten auch das Reisen und der Genuss von Wein. Für Moselkern wurde es die goldene Epoche des „Fremdenverkehrs“, in dem Hotels wie der „Goldene Anker“ der Familie Deiß (heute Oberstr. 21) und natürlich das „Hotel Burg Eltz“ ihre Blüte erlebten. Zwei letzte Gebäude, die zu dieser Epoche gehören, sind das Haus Oberstr. 7, das ehemalige „Bahnhofshotel“ oder „Hotel Weckbecker“ sowie Moselstr. 7, das ehemalige Gasthaus „Moselgruß“, beide 1925 errichtet. Haus Oberstr. 7 eindeutig im Formenrepertoire des Heimatschutzstils, Haus Moselstr. 7 mit Anklängen an Expressionismus und Neue Sachlichkeit.
3. Zweiter Weltkrieg. Moselkern erlitt durch die Bombardierung eines Munitionszuges mehrere Bombentreffer. Die Apsis der Kirche erlitt Schäden und büßte dabei auch Fenster des 17. Jahrhunderts ein, außerdem entstanden Schäden an der Substanz beiderseits der Oberstraße. Diese Schäden waren teilweise so gravierend, dass komplett wieder aufgebaut wurde: hier sind die Häuser Oberstr. 28 (ehem. Weinhaus Pfeil), Oberstr. 30 (ehem. Gasthaus „Rebstock“) und die Häuser Oberstr. 29 und 31 zu nennen.
4. Wirtschaftswunder. Nach dem Krieg folgten zahlreiche Abrisse aus unterschiedlichen Gründen: weil Bauten den Verkehr behinderten, unrettbar heruntergewirtschaftet waren oder einfach aus Lust am Neuen, Modernen, Pflegeleichten. Viele dieser Abrisse werden heute bedauert. Der größte Verlust ist wohl der 1951 erfolgte Abriss des ehem. Hofhauses der Jesuiten.
Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit
Über die Situation von Moselkern während des Ersten Weltkriegs berichtet der damalige Pfarrer Conrady. Besonders machten den Bewohnern offenbar der eklatante Mangel an Arbeitskräften zu schaffen, weil die Arbeit in der Landwirtschaft ohne die zum Militär eingezogenen Männer nicht zu bewältigen war. Während 1915 eine gefährliche Dürre herrschte, erbrachte 1917 eine überreiche Ernte an Wein, Kartoffeln und Äpfeln. Doch gab es auch in dieser Zeit schon große Preissteigerungen. Vom dem, was die Menschen in diesem Jahr der Fülle „auf die Sparkasse tragen“ konnten, hatten sie in Anbetracht der nach Kriegsende einsetzenden galoppierenden Inflation wenig. Immerhin konnten viele Moselkerner mit dem guten Erlös ihre Schulden bezahlen.
Mit dem Ende des Kaiserreichs und der Ausrufung der Republik nahm auch die Demokratie in Moselkern einen Anlauf. In der Pfarrchronik heißt es zum 13. Februar 1921: „Politische Versammlung im Saale bei Geschw. Heidger, wo Seminardirektor Krentz u. Amtsgerichtsrat Vaccino [vom katholischen Zentrum] sprachen. Einige Tage später hielten die Sozialdemokraten bei Adam Stuntz eine Gegenversammlung. Bei der Landtagswahl am 20. Febr. 1921 erhielt das Zentrum ca. 200, die Christliche Volkspartei ca. 50, die Sozialdemokratie ca. 40 Stimmen.“ (Scholz 2000, S. 87-118) Um 1920/22 herum erhielt Moselkern elektrischen Strom. Schon vor der 1930 einsetzenden Weltwirtschaftskrise hatte die Moselregion mit einer gravierenden Weinabsatzkrise zu tun. Dadurch kam es zu Protest und Unmutsäußerungen in der Bevölkerung, wie ein Bericht des Regierungspräsidenten von Koblenz an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz vom 3. und 24. Dezember 1929 über die Stimmung der Winzer zeigt. „Auch im Kreise Cochem ist aus mancherlei Anzeichen zu beobachten, daß die wirtschaftliche Notlage bei der Winzerschaft Unzufriedenheit und Erregung hervorgerufen hat, obgleich es bisher zu öffentlichen Kundgebungen nicht gekommen ist. Die Zunahme der Erregung [er]gibt sich nach dem Berichte des Landrats aus dem Ergebnis der Wahlen zum Kreistag und Provinziallandtag. Für die NSDAP wurden hauptsächlich in den Weinorten Moselkern, Treis und Clotten 524 Stimmen abgegeben und damit ein Sitz dieser Partei im Kreistag errichtet. Ähnlich war die Zahl der abgegebenen Stimmen zum Provinziallandtag.“
Schon 1927 (nach anderen Quellen 1928) gab es in Moselkern durch die Agitation eines aus Köln stammenden Schreinergesellen eine erste nationalsozialistische Veranstaltung, die im Saal eines Gasthauses abgehalten wurde. Entsprechend mündlichen Quellen gründete sich die Ortsgruppe Moselkern der NSDAP bereits 1929. Neben den Nationalsozialisten gewannen auch die Deutschnationalen immer mehr Anhänger, vor allem durch das Engagement des gräflich-Eltz'schen Oberrentmeisters Schreckenberg, der die örtliche „Stahlhelm“-Organisation leitete. Der „Stahlhelm“ - auch „Bund der Frontsoldaten“ - war ein 1918 gegen sozialistische und kommunistische Aufstände gegründeter Soldatenbund. Die Mitglieder waren gegen die Weimarer Republik, antisemitisch und gegen den politischen Katholizismus eingestellt. Der Moselkerner Pfarrer versuchte, mit politischer Bildung entgegenzuwirken: „Vom 20.-23. Januar 1930 hielt der Landessekretär des Kath. Volksvereins, Dr. Funke - Koblenz, in Moselkern einen lehrreichen sozialen Kursus für die Männer und Jungmänner, der sehr gut besucht war. Im Februar 1931 hielt Pfarrer Bengert einen gleichfalls gut besuchten staatsbürgerlichen Kursus für die Jungmänner.“ (Pfarrchronik) Die rechten Kräfte waren auf dem Vormarsch und nutzen jede Gelegenheit, Einfluss zu gewinnen, auch die Moselkerner Kirchenvorstandswahlen von 1931: „Während sonst die Kirchenvorstandswahlen immer sehr ruhig verliefen und außer dem Kirchenvorstande nur sehr wenige zur Wahl kamen, zeigte die Kirchenvorstandswahl am 13.9.1931 ein anderes Bild. Die Wahlzeit war von nachm. 4-5 Uhr angesetzt. Etwa 5 Minuten vor 5 Uhr erschienen im Wahllokale die Stahlhelm-Mitglieder bzw. Freunde: [11 Namen] und die Nationalsozialisten [6 Namen]. Der von ihnen gemeinsam abgegebene Stimmzettel enthielt als erstem: [Name], einen von Köln zugezogenen von seiner Frau geschiedenen und mit einer Protestantin in Zivilehe lebenden Katholiken. Da jedoch außer 7 Kirchenvorstandsmitgliedern noch 12 Jungmänner und 5 eilig herbeigerufene Personen zur Wahl erschienen, so wurde die Liste des bisherigen Kirchenvorstandes mit einer Mehrheit von 7 Stimmen gewählt.“ (Pfarrchronik)
Moselkern im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg
Von Zeitzeugen wurde Ende der 1990er Jahren berichtet: „In Moselkern waren die ersten Nazis!“ Es ging auch ein Spottvers über das „braune“ Moselkern um, der im sog. „Cochemer Käsblättchen“ abgedruckt wurde: „Es klingt wie leere Dosen/und dennoch hört man's gern,/kommt Hitler einst an's Ruder/wird Reichshauptstadt Moselkern!“.
Es ist ein trauriges und selten erzähltes Kapitel nationalsozialistischer Herrschaft, wie auch auf der kommunalen Ebene die Demokratie zerstört wurde. Das Protokollbuch der Gemeinde zeigt offen, wie die demokratisch gewählten Volksvertreter durch Leute der „Partei“ aus dem Amt gedrängt wurden. Im Protokollbuch lassen sich die verschiedenen Stationen nachvollziehen: In der Sitzung vom 12. Februar 1933 sind nur der Gemeindevorsteher und ein Gemeinderatsmitglied anwesend. Vermerk: „Gde.Rat ist durch Verfügung aufgelöst“. Am 12. März `33 finden Neuwahlen statt: Der Bürgermeister wird wiedergewählt, zwei neue, als Nazis bekannte Mitglieder kommen in den Gemeinderat. Die NSDAP stellt im Gemeinderat einen ersten Antrag: betreffend Einsetzung einer Kommission zur Prüfung der vorhandenen Schulden in der Gemeinde. Sie wird auf der Sitzung vom 7. Mai 1933 gebildet.
Am 16. Mai 33 wird dann „gemäß Verfügung des Herrn Landrats und Vorsitzenden des Kreisausschusses in Cochem vom 6. Mai d.J.“ ein kommissarischer Gemeindevorsteher bestellt. Der gewählte Bürgermeister ist damit seines Amtes enthoben. Am 21. Juni wird beschlossen: „Die Gemeindevertretung nahm Kenntnis von dem Antrag der N.S.D.A.P den Herrn Reichskanzler Hitler zum Ehrenbürger von Moselkern zu ernennen. Der Antrag wurde angenommen. Desgleichen wird die jetzige Moselstraße in Adolf Hitler-Straße umbenannt. Ebenso wird der Schulplatz in Adolf Hitlerplatz umbenannt.“ Ansonsten tat der Gemeinderat seine Arbeit wie gewohnt.
Im November 1933 berief der kommissarische Gemeindevorsteher für ein ausscheidendes Gemeinderatsmitglied den Ersatzmann „auf Anweisung der Kreisleitung der N.S.D.A.P“. Wie selbstverständlich wurde also im herrschenden Einparteiensystem des Dritten Reichs der Gemeinderat aus „der Partei“ ergänzt, so auch 1939, als für ein zum Krieg eingezogenes Gemeinderatsmitglied, zugleich Ortsgruppenleiter der NSDAP, der stellvertretende Ortsgruppenleiter in den Gemeinderat berufen wurde. 1940 kamen drei weitere Ersatzleute für zum Kriegsdienst einberufene Gemeinderäte wieder auf Vorschlag der NSDAP. Und wie schnell die neuen Institutionen sich etablieren, zeigt die Weiterleitung eines Wohlfahrtsantrages, dessen sich der Gemeinderat am 17. Juni 1934 nicht annehmen wollte, an N.S. Frauenschaft und Volkswohlfahrt. Einen Monat später berät der Gemeinderat über ein Schreiben des Vorsitzenden des Kreisausschusses, betreffend einen laufenden Zuschuss für die Ausrüstung der SS, was die Gemeinde in Anbetracht ihrer schlechten Finanzlage ablehnt. In der gleichen Sitzung stimmen die Gemeinderäte jedoch gerne einer einmaligen Zuwendung an die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) Kreisamtsleitung in Höhe von 5 RM zu.
Am 7. Juli 1935 kommt der Gemeinderat zum Erlass einer Hauptsatzung gemäß §3 der deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 zusammen. Die Hauptsatzung wird „mit Zustimmung des Beauftragten der N.S.D.A.P.“ erlassen. Nachdem der Gemeindevorsteher im Protokollbuch 1934 vorübergehend als „Gemeindeschulze“ bezeichnet worden war, was dem Amt wohl urdeutsche Färbung verleihen sollte, heißt er ab Oktober 1934 „Gemeindeleiter“ - was die Funktion als „Führer“ der Gemeinde betonte.
Im Zweiten Weltkrieg erlebte Moselkern Bomben- und Fliegerangriffe. Neben einigen Wohnhäusern wurde auch die Pfarrkirche schwer beschädigt. Wer Beziehungen hatte, konnte auf der Burg Eltz Zuflucht finden, andere brachten sich auf der Ringelsteiner Mühle in Sicherheit. Im Dezember 1944 rückte die Front in Nähe. Es wird erzählt, dass bei Kriegsende US-amerikanische Truppen das Elztal und den Berg hinunterkamen. Sie setzten über die Mosel und zerstörten dabei eine Panzersperre, die auf dem gegenüberliegenden Moselufer errichtet worden war. Abends wurden Sperrzeiten verhängt. Altnazis wurden festgenommen und etwa ein halbes Jahr lang inhaftiert. Pfarrer Freichel trug in die Pfarrchronik ein: „Die Erlösung aus der Kriegsnot. Am 9.3.1945 rückten die Amerikaner ein. Die Amerikaner selbst benahmen sich gesittet, aber was ihnen vorausging, war ein plündernder Mob. Später folgten die Franzosen als Besatzung.
Am 20.6.1948 Geldentwertung. Andere nennen es Währungsreform. Schwarzhandel u. Schwarzpreise verschwinden langsam. Die Backen beginnen sich zu runden, die Schränke füllen sich freilich auch nur langsam. Häuser, die zerbombt waren, wurden wieder aufgebaut. Goebbels hat ein wenig recht behalten: Alles wird schöner. Die Nationalsozialisten von ehedem sind zum Teil getarnt ihren ‚Idealen' treu geblieben. Es sieht aus, als ob man auf günstigen Wind wartete. Hoffentlich warten sie vergebens.“ 42 Moselkerner Männer waren als Soldaten gefallen oder in Gefangenschaft an Krankheiten verstorben.
Strukturwandel seit der Nachkriegszeit
1961 hatte Moselkern 790 Einwohner. Noch in den 1960/70er Jahren gab es Moselkern zahlreiche Geschäfte: drei Bäckereien, zwei Metzger, drei Lebensmittelgeschäfte, eine Drogerie mit Fotogeschäft, ein Haushaltswarengeschäft. Dazu kamen viele Gaststätten, Hotels, Pensionen, ein Café im Elztal und eine Bahnhofsgaststätte. Eine Post und eine Raiffeisenkasse. Moselkern war eine eigenständige Pfarrei mit einem eigenen Pfarrer. Es gab die Wollindustrie und zeitweise einen zweiten Industriebetrieb im Elztal (zunächst Textilproduktion, später Herstellung von Lederwaren). Dazu zahlreiche Handwerker und Winzerbetriebe (noch oft Mischbetriebe mit Ackerbau). Es wurden Kühe, Schweine und Hühner gehalten.
Was der dann einsetzende Strukturwandel für eine Gemeinde bedeutet, können wohl nur die ermessen, die ihn selbst miterlebt, auch unfreiwillig selbst angestoßen und bewusst mitgestaltet haben. Sucht man nach den Gründen, so gibt es zunächst handfeste wirtschaftliche Faktoren: im Dienstleistungszentrum Koblenz, in den Industriebetrieben im nahe gelegenen Neuwieder Becken gab es gut bezahlte Arbeitsplätze. Der Steillagen-Weinbau war mühsam und wenig ertragreich, zumal die Ansprüche an die Lebenshaltung wuchsen. Statt der engen und feuchten Altbauten mit kleinen verwinkelten Zimmern träumten die Menschen von Neubauten mit Platz und Licht. Autos wurden angeschafft, mittels deren man auch regelmäßig im Supermarkt einkaufen konnte. Der kostenintensive Service kleiner Bank- und Postfilialen war nicht mehr rentabel. Es wurden immer weniger Kinder geboren, der Zuzug in kleine Dörfer ist gering. So kamen viele Faktoren zusammen, die die Infrastruktur der Dörfer grundlegend veränderten. Ein gewandeltes Konsumverhalten seit den 2000er Jahren versetzte dieser Entwicklung einen weiteren Schlag: Rückgang von ehrenamtlichem Engagement in Vereinen, Kneipensterben.
Moselkern ist heute vorwiegend eine Pendlerwohngemeinde mit einem touristischen Angebot, das in erster Linie die Vermietung von Ferienwohnungen beinhaltet. Die Ortsgemeinde bemüht sich trotz angespannter Finanzlage sehr, das Ortsbild für Einheimische und Touristen ansprechend zu gestalten. Es gibt sehr engagierte Vereine (Sportverein, Junggesellenverein, Heimat- und Kulturverein) und eine aktive Freiwillige Feuerwehr. Sie halten das Dorfleben aufrecht. Die zukünftige Entwicklung wird davon abhängen, wie viele junge Menschen den Ort weiterhin zum Wohnen und Leben als attraktiv empfinden, und welche Spielräume die kommunale Selbstverwaltung auf der Ebene der Ortsgemeinden behalten wird.
(Ingeborg Scholz, Moselkern, 2026)
Internet
moselkern.de (abgerufen am 21.01.2026)