Streuobstwiesen im Rhein-Erft-Kreis

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Naturschutz
Viele alte, lokale oder regionale Obst-, vor allem Apfel-Sorten finden sich nur noch auf sogenannten „Streuobstwiesen“. Im Rhein-Erft-Kreis existieren 233 solcher Flächen mit insgesamt ca. 4.800 Obstbäumen.

Durch die Biologische Station Bonn/Rhein-Erft e.V. wurde 2017 eine umfassende Streuobstwiesenerfassung im kompletten Rhein-Erft-Kreis sowie im linksrheinischen Teil von Bonn durchgeführt - dies im Rahmen des Projekts „Obstwiesenrenaissance rund um die Ville“. Es wurde vom Landschaftsverband Rheinland gefördert (www.biostation-bonn-rheinerft.de).

Bedeutung von Streuobstwiesen
Viele alte, lokale oder regionale Obst-, vor allem Apfel-Sorten finden sich nur noch auf Streuobstwiesen. Die regionaltypischen Sorten gelten als „obstbauliche Spezialität“. Mit ihrer historisch engen Bindung ans Rheinland sind auch sie Teil der Kulturgeschichte sowie des kulturellen Erbes und somit schützenswert.

Die in den Supermärkten erhältlichen Apfelsorten sind, bis auf Boskoop und Granny Smith, alle genetisch eng miteinander verwandt. Durch diese Inzucht in der Obstzüchtung findet man kaum noch genetische Vielfalt unter den Sorten. Das hat zur Folge, dass die Bäume mit Vitalitätsproblemen und Krankheitsanfälligkeit zu kämpfen haben und die Äpfel sich im Geschmack teilweise sehr ähneln. Alte Sorten besitzen im Gegensatz dazu oft (polygene) Resistenzen, bei denen mehrere Gene zusammenspielen. Sie sind somit weniger anfällig gegen Krankheiten und Schädlinge. Auch die Anbauweise mit hochstämmigen Bäumen hat viele Vorteile. Die Bäume sind robuster und werden älter als die Bäume der modernen Niederstammplantagen.

Die Vielfalt der alten Sorten findet sich in deren Verwendungszweck wieder. So wurden die verschiedenen Sorten, je nach ihren Eigenschaften, zum Beispiel als Dörr-, Trocken-, oder Kochfrüchte verwendet. Aus ihnen wurde Saft oder Marmelade hergestellt oder sie wurden als Tafeläpfel gegessen. Gerade im Rheinland wurde aus Äpfeln und Birnen zu ihrer Konservierung oft Apfel- beziehungsweise Birnenkraut gekocht. Durch ein vielfältiges Sortenangebot und die zum Teil hohe Lagerfähigkeit konnten Ernteausfälle einzelner Sorten kompensiert werden.

Zum Erhalt dieser Sorten ist die Nachpflanzung sowie die Pflege und Erhaltung bereits vorhandener Streuobstwiesen notwendig. Deren Erhaltung kann nur durch regelmäßigen Baumschnitt, Nutzung und Ernte, sowie durch eine geeignete Unternutzung der Wiese gewährleistet werden.
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Kulturhistorische Dimension der Streuobstwiesen
Streuobstwiesen werden in Deutschland bereits seit dem Mittelalter genutzt. Damals wurden sie als Grüngürtel um Höfe und Siedlungen angelegt. Erst ab dem 16. Jahrhundert wurden Obstbäume auch auf freien Ackerflächen gepflanzt.

Im 19. Jahrhundert erhielt der Obstbau einen Aufschwung, der im 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Es wurden Baumschulen angelegt, öffentliche Flächen und Straßen bepflanzt und auch der Staat investierte in den Obstbau.

Die Förderung durch den Adel und Klöster führte zur weiteren Ausdehnung des Obstbaus. Er war bis 1945 die landwirtschaftliche Basis der Obsterzeugung, diente der Selbstversorgung der Bevölkerung und lieferte das Obst für die örtlichen Märkte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die wirtschaftliche Bedeutung von Streuobstwiesen mit hochstämmigen Bäumen jedoch massiv zurück, da der Obstbau sich nun auf die effizientere Anbauweise der Niederstammplantagen konzentrierte.
Die Folge war der Verlust der Sortenvielfalt aufgrund von angezüchteten Eigenschaften, die zu einer besseren Lagerung und maschinellen Verarbeitung erforderlich waren. Die Pflege der traditionellen Streuobstwiesen wurde für die Obstbauern auf Dauer zu teuer.
Der Wunsch nach „makellosem“ Obst führte Mitte der fünfziger Jahre tragischerweise sogar zur prämierten Rodung der Streuobstwiesen. Auch Bebauung, Überalterung, Nutzungsaufgabe, unterlassene Pflege, fehlende Neuanlage und Krankheiten sorgten für einen immer größeren Verlust von Obstwiesen.

So wurde seit den 1960er Jahren ein Rückgang der Streuobstwiesen in NRW um 65 Prozent festgestellt, was in etwa 2,5 Millionen Bäumen entspricht. Dadurch steht der Lebensraum „Streuobstwiese“ inzwischen auf der „Roten Liste der gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Biotoptypen“.

Die Bedeutung der Streuobstwiesen hat sich im letzten Jahrhundert also grundlegend verändert. Als Obstwiesen am Ortsrand gehören sie jedoch auch heute noch zu den landschaftsprägenden Elementen. Die Streuobstwiesen sind eine historische Nutzungsform der Landwirtschaft und gehören zur schützenswerten Kulturlandschaft unserer Region. Der ehemalige Umweltminister Nordrhein-Westfalens, Johannes Remmel (*1962), sprach Streuobstwiesen nicht nur als Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren (s. u.) eine bedeutende Rolle zu, sondern auch dem regional gewachsenem Obst und den daraus hergestellten Produkten, eine Rolle als Vermittlern von Heimatgefühl und Identität.
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Bedeutung als Lebensraum
Die extensive Bewirtschaftung und Pflege von Streuobstwiesen, mit geringem Eingriff des Menschen und dem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und Dünger, führt dazu, dass sich auf einer Obstwiese eine große Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten wohl fühlt.
Auf einer Wiese mit optimalen Bedingungen finden sich so bis zu 5.000 verschiedene Arten. Eigenschaften einer guten Streuobstwiese sind eine durchmischte Altersstruktur der Bäume, sowie eine geeignete Unternutzung der Wiese. Denn neben der Pflege der Bäume ist auch die Pflege der Wiese nicht zu vernachlässigen.

Geeignete Nutzungsmöglichkeiten sind zum Beispiel die Beweidung mit Rindern oder Schafen. So wird verhindert, dass die Fläche verbuscht oder verunkrautet und die Wiese wird ausgemagert, was der Artenvielfalt zugutekommt. Durch die Beweidung der Wiese können Samen, die viel Licht zum Keimen brauchen, im nächsten Jahr gut keimen.
Um als Lebensraum attraktiv zu sein, sollte auf die Obstblüte im Frühjahr die Blüte der Krautschicht auf der Wiese folgen. So fühlen sich auch im Sommer viele Insekten wohl, die wiederum Nahrung für andere Tiere, wie zum Beispiel die bedrohten Vogelarten Gartenrotschwanz, Grünspecht oder Steinkauz, sind. Vor allem dem Steinkauz bieten Streuobstwiesen mit kurzrasigem Grünland ein ideales Zuhause. In NRW leben mit 5.400 Brutpaaren circa 75 Prozent des deutschen Steinkauzbestandes. Sie leben in alten Spechthöhlen oder den natürlicherweise vor allem in alten Bäumen vorhandenen Höhlenstrukturen. Diese bieten auch anderen höhlenbrütenden Vögeln, aber auch Säugetieren, wie Gartenschläfern, Siebenschläfern oder Fledermäusen, Unterschlupf.
Tiere profitieren auf Obstwiesen neben den Bäumen und einer artenreichen Wiese auch von faulendem Fallobst, Totholzhaufen, Mahdgut oder den Dunghaufen der Weidetiere. Vor allem alte Bestände mit vielfältiger Baumstruktur können eine Vielzahl an Lebensräumen bieten.

Der Lebensraum „Streuobstwiese“ ist durch den hohen Rückgang der Flächen sowie durch den oftmals schlechten Erhaltungszustand der verbleibenden Flächen stark bedroht. Dem kann nur durch fachgerechte Neuanlage von Obstwiesen, dem Nachpflanzen von Jungbäumen auf geeigneten Flächen, regelmäßigen Schnitt, Pflegemaßnahmen und der Nutzung vorhandener Obstwiesen entgegengewirkt werden.
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Ergebnisse der Kartierung im Rhein-Erft-Kreis
Wie eingangs erwähnt, wurden im Rhein-Erft-Kreis bei der Kartierung 233 Flächen mit insgesamt rund 4.800 Obstbäumen aufgenommen. Etwa die Hälfte aller aufgenommenen Flächen befindet sich in einem akzeptablen bis sehr guten Zustand. Bei jeder fünften Wiese ist die Lage jedoch sehr kritisch und es werden nur mangelhafte Verhältnisse vorgefunden.
Bei der Grünlandnutzung dominiert die Bewirtschaftungsart „Wiese“ mit 60 Prozent klar vor den Weidenflächen. Neben Schafen, Ziegen und Pferden spielt im Erftkreis auch die Rinderbeweidung noch eine Rolle. Mit über 50 Prozent ist die Beweidung mit Pferden allerdings der klare Favorit bei den Bewirtschaftern.
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(Gerrit Klosterhuis, Biologische Station Bonn/Rhein-Erft e. V., 2018)

Internet
www.biostation-bonn-rheinerft.de: Startseite (abgerufen 18.12.2020)
www.biostation-bonn-rheinerft.de: Obstwiesen-Renaissance rund um die Ville (abgerufen 18.12.2020)
www.biostation-bonn-rheinerft.de: Streuobstwiesen (abgerufen 18.12.2020)

Streuobstwiesen im Rhein-Erft-Kreis

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Fachsichten
Kulturlandschaftspflege, Naturschutz

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Gerrit Klosterhuis, „Streuobstwiesen im Rhein-Erft-Kreis”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-287777 (Abgerufen: 1. März 2024)
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