Judenbüchel in Raderberg

Judenfriedhof am Bonntor, „Am Toten Juden“, „Dude Jüd“

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Ausschnitt der historischen Tranchot-Karte von 1807/08 mit dem als "Todten Juden" bezeichneten jüdischen Friedhof "Judenbüchel" südlich der Stadt Köln

    Ausschnitt der historischen Tranchot-Karte von 1807/08 mit dem als "Todten Juden" bezeichneten jüdischen Friedhof "Judenbüchel" südlich der Stadt Köln

    Copyright-Hinweis:
    GEObasis.nrw
    Fotograf/Urheber:
    GEObasis.nrw
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Großmarkthalle in Köln-Raderberg (2013). Auf dem Gelände befand sich früher der jüdische Friedhof "Judenbüchel".

    Die Großmarkthalle in Köln-Raderberg (2013). Auf dem Gelände befand sich früher der jüdische Friedhof "Judenbüchel".

    Copyright-Hinweis:
    Dornes, Pascal
    Fotograf/Urheber:
    Dornes, Pascal
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Der südlich von Köln gelegene als "am todten Jud" bezeichnete jüdische Friedhof "Judenbüchel" auf einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794-1872).

    Der südlich von Köln gelegene als "am todten Jud" bezeichnete jüdische Friedhof "Judenbüchel" auf einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794-1872).

    Copyright-Hinweis:
    Wikimedia commons / Hannibal21
    Fotograf/Urheber:
    Delkeskamp, Friedrich W.
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Marktstraße im Bereich des Großmarkts in Köln-Raderberg (2013). Auf dem Gelände befand sich früher der jüdische Friedhof "Judenbüchel".

    Die Marktstraße im Bereich des Großmarkts in Köln-Raderberg (2013). Auf dem Gelände befand sich früher der jüdische Friedhof "Judenbüchel".

    Copyright-Hinweis:
    Dornes, Pascal
    Fotograf/Urheber:
    Dornes, Pascal
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Köln-Raderberger Großmarkthalle auf dem Gelände des früheren Jüdischen Friedhofs "Judenbüchel" (2016).

    Die Köln-Raderberger Großmarkthalle auf dem Gelände des früheren Jüdischen Friedhofs "Judenbüchel" (2016).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef / CC-BY-NC-SA 3.0
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Informationstafel des Kulturpfads Rodenkirchen in der Sechtemer Straße in Köln-Raderberg zur Großmarkthalle auf dem Gelände des früheren Jüdischen Friedhofs "Judenbüchel" (2016).

    Informationstafel des Kulturpfads Rodenkirchen in der Sechtemer Straße in Köln-Raderberg zur Großmarkthalle auf dem Gelände des früheren Jüdischen Friedhofs "Judenbüchel" (2016).

    Copyright-Hinweis:
    Knöchel, Franz-Josef / CC-BY-NC-SA 3.0
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Informationen der Synagogen-Gemeinde Köln zum Lapidarium auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd, in dem Grabfragmente vom "Jüdenbüchel" verwahrt werden (PDF-Datei, 1192 kB, 2012)

    Informationen der Synagogen-Gemeinde Köln zum Lapidarium auf dem Jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd, in dem Grabfragmente vom "Jüdenbüchel" verwahrt werden (PDF-Datei, 1192 kB, 2012)

    Copyright-Hinweis:
    Synagogen-Gemeinde Köln
    Fotograf/Urheber:
    Synagogen-Gemeinde Köln
    Medientyp:
    Dokument
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Kartenausschnitt der Preußischen Uraufnahme von 1845 mit den Forts I, II und III und den Bezirk "Am todten Juden" im heutigen Inneren Kölner Grüngürtel.

    Kartenausschnitt der Preußischen Uraufnahme von 1845 mit den Forts I, II und III und den Bezirk "Am todten Juden" im heutigen Inneren Kölner Grüngürtel.

    Copyright-Hinweis:
    Geobasis NRW
    Fotograf/Urheber:
    Geobasis NRW
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Kartenausschnitt "Burgbann von Köln 1789" aus dem Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz (1894).

    Kartenausschnitt "Burgbann von Köln 1789" aus dem Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz (1894).

    Copyright-Hinweis:
    LVR-Redaktion KuLaDig / gemeinfrei
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Im heutigen Stadtteil Raderberg im Süden von Köln befand sich südlich des Severinstors an der Ausgangsstraße in Richtung Bonn der alte Friedhof der Kölner jüdischen Gemeinde. Der Name „Judenbüchel“ geht wohl auf das althochdeutsche Buhil bzw. das mittelhochdeutsche Bühel für „Hügel“ zurück. Der Begräbnisplatz wurde vor Ort auch „Am Toten Juden“ bzw. „Dude Jüd“ genannt.
Aufgrund seiner Lage und Größe wurde das Gelände im Mittelalter auch für größere Veranstaltungen wie Hochzeiten und Turniere sowie als Hinrichtungsstätte genutzt. Ferner wird hier 1463 auch ein Siechenhaus erwähnt, ein spezielles Quarantänehaus für Leprakranke.

Die jüdische Gemeinde Köln und der Judenbüchel
Die Wiederentdeckung des Judenbüchel
Der Judenbüchel in historischen Karten
Aktuelle Situation
Das Willi-Ostermann-Lied „Am dude Jüdd“
Internet

Die jüdische Gemeinde Köln und der Judenbüchel
Eine „nicht ganz kleine“ jüdische Gemeinde in Köln ist bereits für die Kostantinische Zeit im Jahr 321 belegt. Synagoge und Mikwe (Ritualbad) der „bedeutendsten Gemeinde des Reiches nördlich von Mainz“ datieren auf das 8. bzw. 9. Jahrhundert (HbHistSt NRW). Das jüdische Viertel lag nahe dem Rathaus (zeitgenössisch inter Judeos, heutige Judengasse). Im Jahr 1096 erfolgte eine Plünderung des Judenviertels durch Kreuzfahrer, wobei auch die Synagoge zerstört wurde.
Hingegen ist weder der Zeitraum seiner Entstehung noch die genaue Ausdehnung des mittelalterlichen Friedhofs der Kölner Juden verlässlich belegt. Eine erste schriftliche Quelle belegt den neben einer Hofanlage gelegenen Platz für die Mitte des 12. Jahrhunderts, für dessen Nutzung ein jährlicher Pachtzins an das Kölner Severinstift fällig wurde. Weitere Urkunden nennen eine Erweiterung im Jahr 1174 sowie eine Versicherung Erzbischof Engelberts II. von 1266, der den Juden „gerechte Behandlung und die ungestörte Benutzung ihres Friedhofes“ zusagte.

Im Zuge der Judenverfolgungen infolge der Pest von 1348/49, für die auch in Köln die Juden mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung verantwortlich gemacht wurden, kam es zu zahlreichen Pogromen. Diese führten in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1349 zur erneuten Stürmung des Judenviertels, welches dabei verwüstet und geplündert wurde, zahlreiche Juden wurden ermordet. Auch der Judenbüchel wurde geschändet und dortige Grabsteine als Baumaterial weiter verwendet – solche finden sich zweckentfremdet auf Burg Lechenich, auf Burg Hülchrath sowie im Hansa-Saal des Kölner historischen Rathauses vermauert.
Erst zwanzig Jahre nach der Pogromwelle von 1349 kamen Juden nach Köln zurück. Der neuen jüdischen Gemeinde wurde der Friedhof 1372 erneut übergeben. Nach der endgültigen Ausweisung up ewige tzyden („auf alle Zeiten“) aus Köln 1424 siedelten viele Juden in den rechtsrheinischen Raum um – unter anderem nach Deutz, wo allerdings erst Ende des 17. Jahrhunderts eine eigene Begräbnisstätte entstand. Der linksrheinische Judenbüchel wurde bis dahin auch von Deutz aus genutzt.
Die Zerstörung des jüdischen Friedhofs bei der Belagerung Kölns durch Karl von Burgund im Jahr 1474 unterbrach möglicherweise die Belegung des Judenbüchel, doch verzeichnet das um 1580 angelegte Deutzer Memorbuch für die Jahre 1597 bis 1696 wiederum eine Vielzahl von Beerdigungen von Deutzer Juden auf dem Friedhof „auf der Seite von Köln“ (Jellinek 1881, S. 18f.).
„Nach 1700 scheint der Friedhof in Vergessenheit geraten zu sein.“ (www.uni-heidelberg.de)
nach oben

Die Wiederentdeckung des Judenbüchel
Erst bei Bauarbeiten am Güterbahnhof im Jahr 1922 wurde der Friedhof wiederentdeckt und freigelegt, wobei auch einige Umbettungen erfolgten. Hierbei wurden auch Skelette von Hingerichteten gefunden, was darauf schließen lässt, dass der Judenbüchel vor 1266 und dann wieder nach 1474 – nun durch das Gericht der Stadt Brühl – als öffentliche Hinrichtungsstätte genutzt wurde.
Bereits vor der NS-Zeit begannen Friedhofsschändungen, die sich über die Jahre 1928 bis 1934 zogen. 1936 wurde schließlich die Enteignung und Schließung des Begräbnisplatzes verfügt. Zahlreiche Grabstätten samt Gebeinen und Grabsteinen des mittelalterlichen „Judenbüchel“ wurden umgebettet und werden in dem 1936 erbauten Lapidarium („Steinhaus“) auf dem neuen jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd verwahrt.
Noch im gleichen Jahr – und seitens der NS-Machthaber möglicherweise als bewusste Provokation gegenüber der jüdischen Tradition eines Friedhofs als „ewigem Haus“ gedacht – begann man auf dem Gelände des Judenbüchels mit dem Bau der Kölner Großmarkthalle.
Am Zugang zum Großmarkt in der Sechterner Straße befindet sich heute eine Informationstafel des Kulturpfades Rodenkirchen zum Großmarkt auf der Fläche des ehemaligen jüdischen Friedhofs.
nach oben

Der Judenbüchel in historischen Karten
Die Lage und der Name des früheren jüdischen Begräbnisplatzes ist auf verschiedenen historischen Karten verzeichnet. Da der „Judenbüchel“ zum Zeitpunkt von deren Erarbeitung allerdings längst untergegangen war, ist er jedoch flächenmäßig nicht eindeutig als jüdischer Friedhof abgegrenzt, so etwa in der Topographischen Aufnahme der Rheinlande von Tranchot / von Müffling (1807/08). Die hiesige Objektgeometrie folgt dem Eintrag eines preußischen Exerzierplatzes im inneren Kölner Grüngürtel, der als „Ex. Pl. Todtenjuden“ in der historischen Karte der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) verzeichnet ist (vgl. Kartenansicht und Mediengalerie).
nach oben

Aktuelle Situation
Außer der Informationstafel gibt es keine Hinweise auf die ehemalige Nutzung des Geländes. Man kann den Großmarkt zwar besuchen, aber aufgrund seines Alters und des bevorstehenden Abrisses (geplant für 2020) ist das gesamte Gelände in keinem einladenden Zustand (Taubenkot, Ratten, Müll, Gestank und großer Anlieferverkehr) (Begehung Juni 2013).
nach oben

Das Willi-Ostermann-Lied „Am dude Jüdd“
Der Friedhof ist heute noch – zumindest ein wenig – über ein durch den Volkssänger und Karnevalisten Willi Ostermann (1876-1936) bekannt gewordenes Lied im Kölner Gedächtnis lebendig geblieben. Ostermann schrieb einen kölschen Text zu dem populären französischen Chanson von 1906 über eine kleine Tokanese-Katze „La petite Tonkinoise“ (Musik Vincent Scotto, Texte von Georges Villard und Henri Marius Christiné), der vor allem über eine Interpretation von Josephine Baker (1906-1975) um 1930 bekannt wurde.
Ostermanns Version „Am dude Jüdd / De lila lila Söckcher“ – das Copyright wurde erst posthum 1937 eingetragen – erzählt von einem Tanzlokal „zum Dude Jüdd“, in dem neben vielen anderen auch „das rothaarige Julchen mit den lila, lila Söckchen“ tanzt: „Will man lachen – sich vermachen, muss zum “Dude Jüdd„ man gehen …“

Eine Version des Lieds wurde 1985 von der Kölner Band Bläck Fööss auf dem Album „Em richtije Veedel – De Bläck Fööss singe Leeder vum Willi Ostermann“ eingespielt. Laut Aussage des Bläck Fööss-Bassissten Hartmut Priess bezieht sich der Text auf ein Tanzlokal gegenüber eines Judenfriedhofs in der Kölner Südstadt – offenbar dem „Judenbüchel“. Ob der Wirt aber tatsächlich, so wie im Video dargestellt (youtube.com), Jude war, geht aus Ostermanns Text nicht eindeutig hervor.

(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2012/2016 / Pascal Dornes, Geographisches Institut der Universität zu Köln, 2013 / freundliche Hinweise von Frau Dr. Monika Grübel, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte Bonn, 2015 / freundliche Hinweise zum Willi-Ostermann-Lied von Herrn Jost Dockter, Bonn, 2015)
nach oben

Internet
www.uni-heidelberg.de: Köln, mittelalterlicher Friedhof (abgerufen 16.04.2012)
de.wikipedia.org: Judenbüchel (abgerufen 16.04.2012)
de.wikipedia.org: Jüdische Geschichte in Köln (abgerufen 16.04.2012)
www.rheinische-geschichte.lvr.de: Lepra und Leprosorien in den Rheinlanden (abgerufen 29.02.2016)
www.koelsch-akademie.de: Kölsche Lieder-Sammlung, Text „Am dude Jüdd / De lila lila Söckcher“ (abgerufen 23.04.2015, Inhalt nicht mehr verfügbar 15.02.2018, recherchierbar über ebd. www.koelsch-akademie.de/liedersammlung
www.youtube.com: „Am Dude Jüdd“ in einer Version der Bläck Fööss mit King Size Dick, vermutlich 1980er Jahre (abgerufen 23.04.2015)
nach oben

Literatur

Groten, Manfred; Johanek, Peter; Reininghaus, Wilfried; Wensky, Margret / Landschaftsverband Rheinland; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.) (2006)
Handbuch der Historischen Stätten Nordrhein-Westfalen. HbHistSt NRW, Kröners Taschenausgabe, Band 273, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. S. 567ff, Stuttgart.
Reuter, Ursula (2007)
Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, VIII.8.) S. 56, Bonn.

Judenbüchel in Raderberg

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Bonner Straße
Ort
50968 Köln - Raderberg
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1150, Ende 1922 bis 1936
Koordinate WGS84
50° 54′ 51,53″ N, 6° 57′ 38,87″ O / 50.91431°, 6.9608°
Koordinate UTM
32U 356652.66 5642276.69
Koordinate Gauss/Krüger
2567612.66 5642554.13

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Judenbüchel in Raderberg”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-46402-20120416-2 (Abgerufen: 23. Februar 2018)
Seitenanfang