Grabstätte der Familie Straus auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Gedenkstein für Dr. Luise Straus-Ernst

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 58′ 13,94″ N: 6° 52′ 18,81″ O 50,97054°N: 6,87189°O
Koordinate UTM 32.350.584,07 m: 5.648.704,67 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.561.286,59 m: 5.648.731,16 m
  • Frontansicht der Grabstätte der Familie Straus auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Der Vater Jakob Straus war Hutfabrikant. Seine erste Ehefrau Charlotte, die Mutter seiner zwei Kinder, starb bereits 1919. Die ältere Tochter Dr. Luise Straus-Ernst war die erste Ehefrau des Künstlers Max Ernst und wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Für sie befindet sich eine Gedenkinschrift auf dem Grabstein. Der jüngere Sohn Richard beging 1933 Suizid.

    Frontansicht der Grabstätte der Familie Straus auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Der Vater Jakob Straus war Hutfabrikant. Seine erste Ehefrau Charlotte, die Mutter seiner zwei Kinder, starb bereits 1919. Die ältere Tochter Dr. Luise Straus-Ernst war die erste Ehefrau des Künstlers Max Ernst und wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Für sie befindet sich eine Gedenkinschrift auf dem Grabstein. Der jüngere Sohn Richard beging 1933 Suizid.

    Copyright-Hinweis:
    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Antonia Frinken
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  • Frontansicht der Grabstätte der Familie Straus auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Charlotte Straus (1871-1919), Jakob Straus (1859-1936) sowie ihr Sohn Richard Straus (1899-1933) sind hier bestattet. Für die Tochter Dr. Luise Straus-Ernst (1893-1944) wurde 2017 eine Gedenkinschrift angebracht.

    Frontansicht der Grabstätte der Familie Straus auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Charlotte Straus (1871-1919), Jakob Straus (1859-1936) sowie ihr Sohn Richard Straus (1899-1933) sind hier bestattet. Für die Tochter Dr. Luise Straus-Ernst (1893-1944) wurde 2017 eine Gedenkinschrift angebracht.

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    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
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Die Grabstätte der Familie Straus befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd in Köln-Vogelsang auf Flur 8 zur rechten Seite des Eingangsportals.

Gestaltung der Grabstätte und Aufschluss über den Status der Familie
Es handelt sich um einen schlichten Grabstein, dessen Gestaltung den Geschmack der Zeit und die sozio-religiösen Hintergründe der Familie erkennen lässt: Auf einem zweistufigen Sockel stehen zwei Inschriftentafeln - links stehen die Namen und Lebensdaten Charlotte und Jakob Straus', rechts die Richard Straus' und Luise Straus-Ernsts. Zwischen den beiden Tafeln sowie links und rechts davon steht jeweils eine eckige Säule. Das Grab schließt oben mit einem dreieckigen Giebel ab, in dessen Mitte ein Davidstern eingemeißelt ist.
Die Inschriften lauten:

Charlotte Straus
Geb. Meyer
Geb. 4. Februar 1871
Gest. 31. Januar 1919

Jakob Straus
Geb. 5. Oktober 1859
Gest. 26. Oktober 1936

Richard Straus
Geb. 24. Mai 1899
Gest. 7. Juli 1933

Dr. Luise Straus-Ernst
Geb. 2.12.1893 in Köln
Ermordet 1944 in Auschwitz

Im Zuge der Haskalah (auch Haskala, ab 1831 auch als „jüdische Aufklärung“ bezeichnet) verfolgte ein Teil der jüdischen Bevölkerung in Zentraleuropa, insbesondere im heutigen Deutschland, den Erhalt von Bürger*innenrechten und eine gesellschaftliche Integration in die Mehrheitsgesellschaft unter Erhalt der eigenen jüdischen Identität. Dabei bildeten sich verschiedene religiöse Strömungen heraus (Reichwald 2016).
Diese Entwicklungen sind heute noch auf Friedhöfen sichtbar: Liberal ausgerichtete jüdische Personen errichteten zunehmend Familiengräber anstelle der traditionellen Einzelgräber und reduzierten den Umfang der hebräischen zugunsten einer deutschen Inschrift oder verlegten die hebräische Inschrift auf die Rückseite des Grabsteins. Ab dem frühen 20. Jahrhundert wurde teilweise - wie im Fall der Familie Straus - gänzlich auf eine hebräische Inschrift verzichtet. Die Gestaltung der Grabstätte lässt Richard und Charlotte Straus' Verbindung zum liberalen Judentum und ihre Etablierung im bürgerlichen Milieu Kölns erkennen.
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Dr. Luise Straus-Ernst
Luise Straus (auch Louise, genannt Lou) wurde am 2. Dezember 1893 in Köln geboren. Ihr Vater Jakob war Hutfabrikant. 1899 kam ihr jüngerer Bruder Richard zur Welt. Nach dem Abitur studierte Luise Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Bonn. 1913 lernte sie den freischaffenden Maler Max Ernst (1891-1976) kennen, den sie 1918 im Rahmen einer Kriegstrauung heiratete. Da er aus einer streng katholischen Familie kam, hatten beide Familien Bedenken gegen die Ehe. 1920 wurde der gemeinsame Sohn Hans Ulrich geboren.
Bereits 1917 hatte Luise ihr Studium mit einer Doktorarbeit zum Thema „Die Entwicklung des zeichnerischen Stils in der Cölner Goldschmiedekunst des 12. Jahrhunderts“ bei Paul Clemen abgeschlossen - damit war sie eine der ersten Frauen, die an der Universität Bonn einen Doktortitel erwarben. Im Anschluss arbeitete sie als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“ am Wallraf-Richartz-Museum, wo sie Ausstellungen kuratierte und 1919 für ein Jahr die kommissarische Leitung übernahm. Um die angespannte finanzielle Situation ihrer Familie zu lindern, übernahm Luise Straus-Ernst Schreibarbeiten für Antiquariate und verkaufte Strümpfe im Kölner Kaufhaus Tietz.
Die Wohnung des Ehepaars Straus-Ernst am Kaiser-Wilhelm-Ring wurde einer der Treffpunkte neuer Kunstbewegungen, darunter Dada. An deren frühen Ausstellungen beteiligte sich Luise mit Collagen und anderen Werken. 1922 trennte sich Max Ernst von seiner Ehefrau und zog nach Paris, um mit Paul und Gala Éluard in einer Ménage à trois zu leben. 1926 wurde die Ehe mit Luise Strauß-Ernst in seiner Abwesenheit geschieden.

Luise Strauß-Ernst nahm verschiedene Gelegenheitsjobs an, kuratierte Ausstellungen, katalogisierte Sammlungen und schrieb zahlreiche Artikel für verschiedene Zeitschriften, unter anderem über den Serienmörder Peter Kürten sowie die queere Szene in Köln, die im von 1921 bis zum Verbot durch die NSDAP 1936 publizierten Berliner Magazin „Der Querschnitt“ erschienen. So war sie als Alleinverdienerin in der Lage, sich, ihren Sohn und das Kindermädchen Maja Aretz zu versorgen. In der Kölner Kunst- und Theaterszene war sie weiterhin sehr gut vernetzt und stand auch in Kontakt mit dem damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer.
Nach dessen Absetzung durchsuchte die SA 1933 Luise Straus-Ernsts Wohnung in der Emmastraße. Daraufhin floh sie nach Paris und ließ ihren Sohn zunächst bei ihrem Vater Jakob und dessen zweiter Ehefrau Karoline. Luises Mutter Charlotte war bereits 1919 verstorben. Der Bruder Richard Straus nahm sich am 7. Juli 1933 das Leben.
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Luises Sohn Hans-Ulrich Ernst konnte 1938 über Le Havre nach New York emigrieren und versuchte, seine Mutter von der Notwendigkeit der Emigration aus Frankreich zu überzeugen. Er nannte sich später Jimmy Ernst und machte sich in den USA als expressionistischer Maler einen Namen. Sein Vater Max Ernst folgte ihm 1941 mit Peggy Guggenheim (1898-1979), die später seine dritte Ehefrau wurde.
Luise Straus-Ernst hatte ebenfalls ein Visum für die USA erhalten, das allerdings im letzten Moment von der damaligen First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika, Eleanor Roosevelt, persönlich zurückgezogen wurde - eventuell, weil es mit den Namen von Max und Luise Ernst auf sie selbst und ihren Exmann ausgestellt war, wodurch der Eindruck entstand, dass sie noch verheiratet seien.
1940 wurde Luise Straus-Ernst kurzzeitig im Internierungslager Camp de Gurs in Südwestfrankreich festgehalten und dann auf Betreiben ihres Lebensgefährten Fritz Neugass freigelassen. Das Paar lebte zusammen in Südfrankreich, bis Neugass 1941 in die USA emigrierte. Luise bemühte sich vergeblich um eine Emigration, bis die Gestapo im September 1943 ihren Wohnort Manosque besetzte. Da sie schwer erkrankt war, musste sie Luise in dieser Zeit operieren lassen. Am 28. April wurde sie festgenommen und am 30. Juni 1944 nach Auschwitz deportiert. Hier wurde Dr. Luise Straus-Ernst an einem unbekannten Datum ermordet.

Nach ihrem Tod gerieten sie und ihre Leistungen lange Zeit in Vergessenheit, bis ihr Sohn Jimmy 1985 das Erinnerungsbuch „Nicht gerade ein Stilleben. Erinnerungen an meinen Vater Max Ernst“ veröffentlichte. Luise Straus-Ernsts eigene Biografie „Nomadengut“, die sie im französischen Exil schrieb und an ihre Agentin Ella Picard in der Schweiz schickte, wurde 1999 auf Initiative Ulrich Krempels, seinerzeit Direktor am Museum Sprengel in Hannover, veröffentlicht.
Am Standort ihrer letzten Kölner Wohnung in der Emmastraße 27 in Sülz wurde ein Stolperstein zum Gedenken an Luise Straus-Ernst verlegt. 2018 wurde im Kölner Stadtteil Deutz die Luise-Straus-Ernst-Straße nach ihr benannt. Der seit 2014 alle zwei Jahre vergebene Frauenkulturpreis des Landschaftsverbandes Rheinland wurde 2019 in Luise-Straus-Preis umbenannt. Die Preisträgerinnen erhalten ein Preisgeld von 5.000 Euro und eine eigene Ausstellung in einem der LVR-Museen.

(Antonia Frinken, LVR-Abteilung Digitales Kulturerbe, 2026)

Internet
www.rheinische-geschichte.lvr.de: Luise Straus-Ernst, Kunsthistorikerin und Journalistin (Text Jürgen Pech, abgerufen 08.04.2026)
de.wikipedia.org: Luise Straus-Ernst (abgerufen 08.04.2026)
de.wikipedia.org: Haskala (abgerufen 09.04.2026)
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Literatur

Reichwald, Anika (2016)
Haskala – die frühe jüdische Aufklärung. In: Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, S. 45-59. Köln. Online verfügbar: www.jstor.org, Haskala 2016
Straus-Ernst, Louise (1999)
Nomadengut. (Irgendsowas: Materialien zur Kunst des 20. Jahrhunderts.) Hannover.

Grabstätte der Familie Straus auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Venloer Straße 1152
Ort
50829 Köln - Vogelsang / Nordrhein-Westfalen
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Vor Ort Dokumentation, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1919

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„Grabstätte der Familie Straus auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360046 (Abgerufen: 9. April 2026)
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