Wohnsiedlung für Sinti und Lalleri in Weidenpesch

„Zigeunersiedlung“ auf dem Ginsterberg

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 59′ 11,37″ N: 6° 55′ 16,83″ O 50,98649°N: 6,92134°O
Koordinate UTM 32.354.105,70 m: 5.650.379,52 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.564.737,77 m: 5.650.548,21 m
  • Blick über das Landschaftsschutzgebiet "Nordfriedhof und Ginsterpfad-Gelände" und das Naturschutzgebiet "Am Ginsterpfad" in Köln-Weidenpesch (Drohnenaufnahme 2019). Im Bildhintergrund die Sykline von Köln.

    Blick über das Landschaftsschutzgebiet "Nordfriedhof und Ginsterpfad-Gelände" und das Naturschutzgebiet "Am Ginsterpfad" in Köln-Weidenpesch (Drohnenaufnahme 2019). Im Bildhintergrund die Sykline von Köln.

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In Weidenpesch entstand 1977/78 eine Wohnsiedlung für Sinti und Lalleri. Die so genannte „Zigeunersiedlung“ mit festen Häusern ersetzte hier eine Wohnanlage aus einfachen Steinbaracken, die bereits seit den 1950er-Jahren von Obdachlosen und ab 1967 auch von Roma bewohnt wurde.

Die Vorgängersiedlung der 1950er-Jahre
Die neue Siedlung ab 1977/78
Aktuelle Situation
Internet, Literatur

Sinti und Lalleri sind Teilgruppen der europäischen Gesamtminderheit der Roma. In Köln entstand bereits 1974/75 unter ähnlichen Voraussetzungen wie nur wenig später in Weidenpesch eine Wohnsiedlung für Sinti in Roggendorf/Thenhoven (vgl. dort ausführlicher zu der Fremdbezeichnung „Zigeuner“ und dem inzwischen allgemein gebräuchlichen Wortpaar „Sinti und Roma“ für die Volksgruppe).

Die Vorgängersiedlung der 1950er-Jahre
Auf dem bereits in den 1950ern für Obdachlose angelegten Areal auf dem Ginsterberg lebten bereits seit 1967 Angehörige der Roma-Gruppe Lalleri (tschechische Sinti), die von Seiten der Stadt Köln von ihrem ursprünglichen Lagerplatz in Zollstock hierhin verwiesen worden waren.
Teile der Gruppe hatten zuvor im so genannten „Zigeunerlager Bickendorf“ (dem vormaligen „Schwarz-Weiß-Platz“) gelebt und nach dessen Räumung 1958 auf dem „Eisenbahnwagenplatz“ an der Sinnersdorfer Straße, der von der vorab genannten Wohnsiedlung in Roggendorf/Thenhoven abgelöst wurde.
Betreut wurden die in Köln lebenden Roma und Sinti von dem seit 1902 in der sozialen Arbeit in Köln tätigen Sozialdienst Katholischer Männer (SKM), für den die seinerzeit so genannte „Zigeunerarbeit“ einen besonderen Schwerpunkt bildete (www.skm-koeln.de). Die Mehrheit der Sinti ist katholisch.
Im Zuge einer kritischen Betrachtung der damaligen Lebensumstände in den beiden „Zigeunersiedlungen“ in der Domstadt, sollte erwähnt werden, dass auch der heutige Stadtteil Lindweiler auf Notunterkünfte einer provisorischen Steinbaracken-Wohnkolonie der beiden Nachkriegszeiten zurückgeht.

Die fünf einfachen Steinbaracken der Weidenpescher Siedlung wurden im Jahr 1967 von 152 Sinti und Lalleri bewohnt, und der Platz zeitweise von durchreisenden Teilen der Volksgruppe als Winterquartier genutzt. In einem mehrstöckigen Wohnhaus waren zugleich 176 Obdachlosenfamilien untergebracht (Kemmerling 2008, S. 52 u. www.ksta.de, 2019).
Die Lebens- und Wohnbedingungen vor Ort galten als unzumutbar-schlecht bis katastrophal: Die sanitären Anlagen waren vor allem für die häufig kinderreichen Familien unzulänglich, die Bausubstanz verfiel zusehends und die Verkehrsanbindung in die Einbahnstraße war mehr als problematisch - eine Bus- oder Straßenbahnanbindung gab es nicht.
Aufgrund der schlechten Verhältnisse hatten 1974 sechs Familien die Siedlung verlassen. Unter der Auflage, nicht mehr zurückzuziehen, wurden ihnen von der Stadt Wohnungen bereitgestellt. Die auf den Ginsterberg zurückgebliebenen Bewohner gaben jedoch an, hier weiter zusammenleben zu wollen, wünschten sich aber eine Verbesserung der Wohnsituation im Einklang mit ihrer Lebensweise (Kemmerling 2008, S. 53-54).
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Die neue Siedlung ab 1977/78
Ab Anfang 1975 wurde seitens des Kölner Stadtrats der Plan verfolgt, die Siedlung am Ginsterberg grundlegend zu einem Wagenplatz mit festen Zentralgebäuden umzugestalten, so dass auch durchreisende Gruppen das Lager nutzen könnten. Das Vorhaben wurde auch als Wiedergutmachung für die Verfolgung der Sinti und Roma während der NS-Diktatur angesehen.
Wie bereits zuvor in Roggendorf/Thenhoven wurden die Bewohner auch hier in die Planung der Siedlung mit einbezogen. Bereits im April 1976 wurden die hier lebenden obdachlosen Deutschen auf andere Unterkünfte im Stadtgebiet verteilt.
„Das Modell für die zukünftige Siedlung wurde im Januar 1977 vom Hochbauamt vorgestellt und im März des gleichen Jahres vom Rat der Stadt Köln beschlossen. Die Steinbaracken waren schon im Februar… abgerissen worden.“ (Kemmerling 2008, S. 55)

Zum 15. Oktober 1977 wurde mit dem Neubau der Siedlung begonnen. Es entstanden insgesamt 15 Einfamilienhäuser, davon sieben eingeschossige Wohnhäuser mit 84 m2 Wohnfläche und acht 1,5-geschossige Häuser mit 115 m2 Wohnfläche, an die jeweils ein Schuppen angebaut war. Daneben wurde auch das bestehende mehrstöckige Wohnhaus umgebaut und ein abschließbarer Stellplatz für Wohnwagen errichtet.
Der Rohbau der Siedlung, deren Gesamtkosten knapp 3,5 Millionen DM betrug, konnte im Mai 1978 abgeschlossen werden und Mitte Dezember des Jahres erfolgte die Schlüsselübergabe an die zukünftigen Bewohner. Zum Zeitpunkt des Einzug waren dies insgesamt 106 Personen, davon 42 Kinder unter 15 Jahren (ebd., S. 56).
Zur offiziellen Einweihung der Siedlung am 1. März 1979 erklärte der damalige Bürgermeister Heribert Blens (*1936), dass mit der Errichtung der beiden Siedlungen Roggendorf/Thenhoven und Weidenpesch die „Phase der Kölner Zigeunerkonzeption“ abgeschlossen sei.
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Aktuelle Situation
Die Wohnsituation wurde durch den Neubau im Vergleich zu den unhaltbaren Zuständen zuvor „grundsätzlich verbessert“; als problematisch gilt jedoch bis heute die Beheizung der Häuser mit zentralen Kohleöfen (Kemmerling 2008, S. 57).
Da die Gruppe der Bewohner in Weidenpesch keine gefestigte Sippe mit gemeinsamer Verwandtschaft und Vergangenheit ist (und damit deutlich heterogener aufgestellt ist, als etwa die in Roggendorf/Thenhoven), ist deren Beteiligung und Vertretung gegenüber der Verwaltung schwieriger. Erschwerend zeigt sich dabei auch, dass die Bewohner formal keine Mieter mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten sind, sondern ihnen der Wohnraum lediglich formal per Nutzungsverfügung „zur Verhinderung von Obdachlosigkeit“ zugewiesen wurde.

Für die inzwischen aufgrund von Baumängeln in weiten Teilen marode Siedlung besteht seit langem dringender Renovierungsbedarf. Seitens der Stadt wurde bereits 2011 eine umfassende Sanierung beschlossen; später wurde sogar ein vollständiger Neubau diskutiert, der sich aber seit nunmehr einigen Jahren verzögert.
Als problematisch stellt sich dabei die planerische Grundlage dar, da die Häuser neben einem 1988 begründeten Pferdeschutzhof „eigentlich nicht erlaubt“ in einem Landschaftsschutzgebiet stehen [Anm.: So der Kölner Stadt-Anzeiger 2019; korrekt wäre „unmittelbar daneben“, vgl. die Lage des LSG-5007-0008 „Nordfriedhof und Ginsterpfad-Gelände“ in der Kartenansicht Schutzgebiete NRW, Verf.], während bei der Stadt keine Unterlagen mehr über die Immobilien vorhanden sind. Für eine „Wieder-Legalisierung“ der Siedlung müsste zuvor eine Änderung des Flächennutzungsplans sowie des Regionalplans durch die Bezirksregierung Köln erfolgen.
Umstritten ist auch die Beteiligung der hier noch beheimateten Sinti, Lalleri und Roma. Da sich immer mehr Familien dazu entschieden hatten, nicht mehr in einer Enklave, sondern inmitten der Stadtgesellschaft zu leben, bewohnten Sinti 2019 nur noch drei der 15 Wohnhäuser (www.ksta.de).

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2023)

Internet
sintiundroma-nrw.de: Landesverband deutscher Sinti und Roma NRW, Düsseldorf (abgerufen 11.04.2023)
romev.de: Vereinigung für die Verständigung von Rom (Roma und Sinti) und Nicht-Rom, Rom e.V., Köln (abgerufen 11.04.2023)
www.ksta.de: Stadt sucht Lösung. Kleine Siedlung in Köln-Weidenpesch verfällt allmählich (Text Bernd Schöneck, Kölner Stadt-Anzeiger vom 15.01.2019, abgerufen 11.04.2023)
www.dw.com: Zu Besuch bei kölschen Sinti (Text Philipp Jedicke, Deutsche Welle Kultur vom 11.10.2012, abgerufen 11.04.2023)
www.skm-koeln.de: Sozialdienst Katholischer Männer (SKM Köln e.V.), Geschichte (abgerufen 12.04.2023)
de.wikipedia.org: Liste der Landschaftsschutzgebiete in Köln (abgerufen 12.04.2023)
nsg.naturschutzinformationen.nrw.de: Naturschutzgebiet Am Ginsterpfad (K-015) (abgerufen 12.04.2023)
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Literatur

Fings, Karola; Sparing, Frank (1991)
Das Zigeunerlager in Köln-Bickendorf 1935-1958. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 3/1991, S. 11-40. o. O.
Irsigler, Franz; Lassotta, Arnold (2010)
Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt, Köln 1300-1600. (dtv., 30075.) S. 167-178, München.
Kemmerling, Svenja (2008)
Die Entwicklung der Wohnsituation der Sinti und Roma in Köln seit 1945. Diplomarbeit am Geographischen Institut der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. o. O. Online verfügbar: gypsy-research.org, Kemmerling 2008

Wohnsiedlung für Sinti und Lalleri in Weidenpesch

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Auf dem Ginsterberg
Ort
50667 Köln - Weidenpesch
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1977 bis 1979

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„Wohnsiedlung für Sinti und Lalleri in Weidenpesch”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-345301 (Abgerufen: 3. März 2024)
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