Luftwaffenmunitionsanstalt 2/VI in der Hees

Luftmunitionsanstalt 2/VI, Muna Xanten

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie
Gemeinde(n): Xanten
Kreis(e): Wesel
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Die Luftwaffenmunitionsanstalt 2/VI (kurz Muna: Anlage 2 im Luftgau VI in Münster) liegt südlich der Stadt Xanten auf den Höhen der Hees, einem waldbestandenen Ausläufer einer Endmoräne der vorletzten Kaltzeit. Mit dem Bau wurde 1938 begonnen, sie wurde bis 1944 betrieben. Große Teile der Gebäude und Einrichtungen sind heute noch im Wald als Ruinen erhalten.

Vorgeschichte
Aufgaben und Einrichtungen der Muna
Luftwaffenmunitionsanstalt Xanten
Unglück vom 20. November 1942
Eisenbahnanschluss
Munitionslager / Ende der Anstalt
Das Gelände nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
Hinweise
Internet / Literatur

Vorgeschichte
In seiner Denkschrift zum Vierteljahresplan 1936 hatte Adolf Hitler bestimmt, dass die deutsche Wirtschaft innerhalb von vier Jahren kriegsbereit sein sollte. In der Folge kam es zu einer Militarisierung der Wirtschaft, die Aufrüstung hatte Auswirkungen bis in alle Lebensbereiche hinein. Im Jahr 1939 erhöhte sich die Munitionserzeugung massiv, da Hitler die Verdreifachung der Produktion gefordert hatte.
Munitionsproduktion, deren Fertigung und Lagerung waren wesentliche Voraussetzungen zur Vorbereitung und Führung eines Krieges. Dabei waren die privaten Rüstungsunternehmen für die Produktion der Munition verantwortlich. Für die Forschung weiterer Waffensysteme sowie für die Lagerung der Munition war die Wehrmacht zuständig. Zu den von ihr betriebenen Anlagen gehörten die Munitionsanstalten. In einer Schätzung von 1995 soll es 171 Heeresmunitionsanstalten, 52 Luftwaffenmunitionsanstalten und 19 Marinemunitionsanstalten im Reich gegeben haben (nach Trost, S. 316).
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Aufgaben und Einrichtungen der Muna
Diese Munitionsanstalten hatten vielfältige Aufgaben, die je nach Anlage und Auftrag wechselten. Es waren staatliche Rüstungsbetriebe, deren Grund- und Anlagevermögen dem Reich gehörten und den jeweiligen Heereseinheiten unterstanden. Hier wurden Munitionen und andere Kampfmittel zusammengesetzt bzw. zugelieferte Teile weiterverarbeitet. Sie dienten auch als Lagerorte für fertig gestellte Kampfmittel wie Bomben, Granaten, Minen, Patronen usw. Des Weiteren waren sie verantwortlich für die Kontrolle der Munitionen sowie für die Bergung, Analyse und Entschärfung feindlicher Munitionen.
In den Füllanalgen wurden Bomben und Granaten mit Sprengstoff gefüllt. Erst danach wurden sie mit Zündern und Zündladungen versehen. Für die Lagerung des Sprengstoffes waren Einrichtungen für Lagerung, Trockenhaltung und Verfüllung erforderlich. Da solche Gebäude in Xanten nicht nachgewiesen sind, ist davon auszugehen, dass bereits verfüllte Bomben und Granaten nach Xanten geliefert wurden und diese dort mit den Zündern versehen wurden.
Die einzelnen Teile wurden auf dem Gelände in getrennten Bunkern zwischengelagert und in den Arbeitshäusern miteinander vereint. Somit waren die vier Arbeitshäuser in der Mitte der Anlage die gefährdetsten Teile. Hier wurden die Zünder, die Sprengkapseln, Leitwerke und Kompasswellen eingesetzt und eingestellt, verpackt und die Munition einsatzfähig gemacht.
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Luftwaffenmunitionsanstalt Xanten
Der Baubeginn in Xanten war Mitte 1939. Errichtet wurden in den nächsten Jahren Verwaltungs- und Wohngebäude, vier KFZ-Hallen, Werkstätten, ein Lagerhaus für feuergefährliche Stoffe, ein Löthaus, vier Munitionsarbeitshäusern, ein Lagerhaus für Geräte, 110 Munitionsbunkern für je 30 Tonnen-Bomben, zwölf Zündlagerhäusern, zwei massive Munitionsbehälter sowie Feuerlöscheinrichtungen. In der Anlage in Xanten gab es rund 25 Kilometer Straßentrassen und rund zwei Kilometer Bahntrassen.
Mit Fertigstellung des Eisenbahnanschlusses am 27. Juli 1942 konnten die Bauarbeiten im Herbst 1942 beendet werden.
Die Muna war auch zuständig für das Entschärfen von feindlicher Munition, hauptsächlich der bei den Fliegerangriffen abgeworfenen Bomben bzw. die bei abgeschossenen Fliegern geborgenen Munition. Bei den zahlreichen Fliegerangriffen auf den Niederrhein im Jahr 1942 bargen die Mitarbeiter der Muna die nicht explodierte Munition und halfen bei den Löscharbeiten vor Ort.

Während der Bauphase arbeiteten bis zu 1.000 Menschen in der Muna. Dazu gehörten das Stammpersonal sowie Militärpersonal, Reichsarbeitsdienstler und Zivilarbeiter. Das Stammpersonal deckte alle Verwaltungsbereiche und die Arbeitsbereiche ab. Das militärische Personal stellte den Leiter und Standortältesten, es gab ständig insgesamt fünf Offiziere, 42 Unteroffiziere und 123 Mannschaften.
Die Anzahl der in der Muna Beschäftigten schwankte natürlich stark, genaue Zahlen sind nicht überliefert. In den Kriegstagebüchern werden zwischen 1076 und 1225 Frauen und Männern gezählt, sowohl Soldaten als auch Zivilisten. Nach Fertigstellung der Anlage reduzierte sich das Personal auf den notwendigen Bestand.
In Xanten wurden schwere Seeminen gefertigt, die von Flugzeugen abgeworfen wurden und feindliche Flüsse und Häfen verminen sollten. Die Luftwaffe hatte nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse zu beachten, sondern auch den Anforderungen anderer Heeresteile zu entsprechen. Genaue Angaben über die Mengen der verarbeiteten Munition existieren natürlich nicht. Für den September 1942 gibt es die Angaben von 495 Eisenbahnwaggons, die be- und entladen wurden; dies war der Monat mit dem höchsten Waggonumschlag.

Die Muna war in Xanten wichtigster kommunaler Arbeitgeber und oberste militärische Dienststelle im Umkreis. Aber man wollte sich auch in der Bevölkerung repräsentieren, die Mannschaften und Offiziere nahmen an zahlreichen Veranstaltungen der Stadt wie Vorträgen, Gedenktagen, Sammlungen, Unterhaltungsveranstaltungen usw. aktiv teil.
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Unglück vom 20. November 1942
Im November 1942 war die Luftwaffenmunitionsanstalt Xanten zur leitenden Anstalt zur Fertigung der Bombenmine 1.000 I geworden. Diese hatte ein Gewicht von 1.000 Tonnen und sollte nach Abwurf in einer Tiefe von rund 35 Metern unter Wasser treiben. Sie wurde zur Verminung von Häfen eingesetzt.
Am 20. November 1942 sollten solche Bombenminen im Arbeitshaus 4 fertig gestellt werden. Eingesetzt waren 25 Vor- und Munitionsarbeiter und zwei Munitionsarbeiterinnen. Kurz nach 12 Uhr kam es zu einer Explosion, die das Arbeitshaus 4 vollständig vernichtete und alle darin und außerhalb befindlichen Arbeitskräfte tötete, insgesamt 42 Personen. Zusätzlich wurden weitere Personen verletzt. Zahlreiche Gebäude und Einrichtungen in der Umgebung waren „vorerst nicht gebrauchsfähig“. Auch in Xanten und bis nach Haffen, Uedem, Issum, Wesel und Bislich auf der rechten Rheinseite gingen Fensterscheiben zu Bruch.
Die Ursache der Explosion wurde zwar untersucht, es gab aber kein abschließendes Ergebnis. Nach einer Woche begannen die Aufräumarbeiten.
Eine offizielle Trauerfeier gab es am 25. November 1942 auf dem Marktplatz. Noch 1942 wurde in der Hees nahe dem Arbeitshaus 4 ein Denkmal errichtet. Auf der Gedenkplatte steht der Satz: „Zum Gedächtnis der am 20.11.1942 im Arbeitshaus 4 tödlich verunglückten Arbeitskameraden“. Auf den drei anderen Tafeln stehen die Namen der 42 Verunglückten.
Das Denkmal wurde von 1975 bis 1991 von der Xantener Helena-Bruderschaft gepflegt; 1991 ging diese auf die Victor-Bruderschaft über.
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Eisenbahnanschluss
Die Muna war über die beiden Bahnhöfe in Winnenthal (an der Strecke von Duisburg nach Kleve) und Birten (an der Boxteler Bahn) angebunden. Bis hierher wurden die Waggons mit einer eigenen Diesellokomotive transportiert und ab dem 15.7.1942 an andere Güterzüge angehängt.
Vor Ort war eine Diesellokomotive eingesetzt, bei des sich um eine 80 PS starke Lokomotive handelte. Die diente dem Verschub zwischen den Lagerbunkern, den Arbeitshäusern und den Übergabe-Bahnhöfen.
Für Lastkraftwagen und wohl auch die Diesellokomotive gab es im Lager eine Tankstelle.
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Munitionslager / Ende der Anstalt
Im Laufe des Jahres 1944 wurde die Luftwaffenmunitionsanstalt nach Martinroda in Thüringen verlegt, es begann der Abtransport der Munition aus dem Lager Xanten. Dieses sollte in ein Munitionslager umgewandelt werden.
Noch Anfang Oktober 1944 hielten sich Soldaten dort auf, da bei einer Explosion infolge eines Fliegerangriffes am 6. Oktober 1944 hier 35 Soldaten um Leben kamen. In dieser Zeit gab es heftige Fliegerangriffe, die Front der Alliierten näherte sich immer mehr auch dem Xantener Raum. Die umfangreichen Bestände versenkte man bis Anfang 1945 unterhalb des Heesweges im Bislicher Altarm des Rheins.
Die Hees und der Fürstenberg wurden in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1945 von den kanadischen Truppen besetzt.
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Das Gelände nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lagen die Anlagen brach, wurden von den Alliierten übernommen. 1948 wurden die Anlagen in der Hees durch die Alliierten vollständig zerstört. Später übernahm die Bundeswehr das Gelände und nutzte die Gebäude zur Verwaltung des Fernleitungsvertriebs. Von hier aus wurde die NATO-Pipeline für Kerosin betreut.
Ungefähr neun Hektar des Geländes sind heute umzäunt, der Zugang komplett verboten. Das Gelände gehört dem Bund und wird vom Bundesforstbetrieb Rhein-Weser verwaltet. Die Anlagen wurden bis 2016 genutzt und stehen nun leer.
In das ehemalige, umgebaute und erweiterte Verwaltungsgebäude der Muna im Norden der Anlage zog 1956 das Sankt Josef Hospital ein. Seitdem ist das Krankenhaus ständig erweitert und vergrößert worden.
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Hinweise
Da die Überreste noch nicht vollständig beseitigt sind, ist nur das Betreten der Wege freigegeben. Das Betreten des Waldes ist verboten und lebensgefährlich!
Die Luftwaffenmunitionsanstalt 2/VI in der Hees ist wertgebendes Merkmal des Kulturlandschaftsbereichs „Die Hees / Birten“ (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Ruhr 011).

(Claus Weber, LVR-Redaktion KuLaDig, 2018)

Internet
de.wikipedia.org: Luftwaffenmunitionsanstalt Xanten (Abgerufen: 28.10.2018)
rp-online.de: Rheinische Post online, Bericht vom 20. November 2007 zur Erinnerung an das Unglück vom 20. November 1942 (Abgerufen: 01.11.2018)
nrwbahnarchiv.bplaced.net: NRW-Bahnarchiv von André Joost, Karte Haltepunkt Birten (Abgerufen: 01.11.2018)
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Literatur

Lehmann, Michael (1997)
Die Luftwaffenmunitionsanstalt in der Hees. In: Kreis Wesel Jahrbuch 1998, S. 123-127. Wesel.
Trost, Ralph (2004)
Eine gänzlich zerstörte Stadt. Nationalsozialismus, Krieg und Kriegsende in Xanten. In: Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas 11, S. 315-342, Münster.
Wegener, Wolfgang (2010)
Die Luftmunitionsanstalt Xanten. In: Archäologie im Rheinland 2009, S. 191-193. Stuttgart.

Luftwaffenmunitionsanstalt 2/VI in der Hees

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Heeser Weg
Ort
46509 Xanten
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Bodendenkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1939, Ende 1944
Koordinate WGS84
51° 38′ 16,94″ N, 6° 27′ 5,01″ O / 51.63804°, 6.45139°
Koordinate UTM
32U 323642.45 5723857.59
Koordinate Gauss/Krüger
2531293.21 5722727.07

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Luftwaffenmunitionsanstalt 2/VI in der Hees”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-287932 (Abgerufen: 20. Mai 2019)
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