Als mit der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert die außeragrarischen Erwerbsmöglichkeiten in den Fabriken und Steinbrüchen des Siebengebirges zunehmen, wird der Obstbau häufig im Nebenerwerb betrieben. Dabei hatte das sogenannte Krautkochen (dick eingekochter und dadurch haltbar gemachter Saft) in der traditionellen Lebensmittelproduktion eine große Bedeutung und spiegelt sich in den dafür bevorzugten Obstsorten, wie Rhein- oder Ölligsbirnen, wider. Auch gewerbsmäßig erlangten die Krautkocherei und Süßmostherstellung eine große Bedeutung. Darüber hinaus wurde Obst getrocknet, in Gebäck verarbeitet, zu Schnaps gebrannt oder zu Wein vergoren. Tafelobst, wie wir es heute kennen, spielte früher nur eine geringe Rolle.
Deswegen können die Sortenzusammensetzungen auf Streuobstwiesen heute noch Hinweise auf die ursprüngliche Intention der Pflanzungen geben. So sind völlig unterschiedliche Sorten auf kleiner Fläche, die die ganz verschiedenen Verwendungszwecke abdecken, eher ein Hinweis auf einen bäuerlichen Nebenerwerb bzw. Selbstversorgung. Die Reduzierung auf wenige Sorten steht dagegen für einen ambitionierten Erwerbsobstbau. Diese steht oft im Zusammenhang mit der seit den 1920er Jahren im Siebengebirge gegründeten Obstverwertungsgenossenschaft. Eine große Vielfalt auch für die Region untypischer Sorten ist wiederum Indiz für einen ehemaligen Villengarten, der von interessierten Pomologen angelegt wurde.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte der Erwerbsobstbau überwiegend in Hochstammanlagen. Danach setzen sich neue Erziehungssysteme und Sorten für den Niederstammbau durch und verdrängen die arbeitsintensiveren Hochstämme. Anfang der 1970er Jahre wurden von der EU mitfinanzierte Rodungsprämien für Hochstämme gezahlt, denen viele Bestände zum Opfer fielen. Im Siebengebirgsraum behinderte wahrscheinlich die kleinparzellierte Besitzstruktur ein großflächigeres Roden der Streuobstwiesen. Trotzdem gehen viele Bestände durch Bebauung verloren bzw. verbuschen, überwuchern und vergreisen. Das Wissen um die traditionell im Hochstammanbau verwendeten Sorten ist vielfach verloren gegangen und verschiedenen Wirtschaftssorten, die z.B. für die Apfelkrautherstellung genutzt wurden, können keinen Sortenbezeichnungen mehr zugeordnet werden.
Seit den 1980er Jahren gibt es wieder erste Ansätze Streuobstwiesen zu bewirtschaften. Wichtige Akteure sind am Siebengebirge die Bürgerinitiative Naturschutz Siebengebirge e.V., die Biologische Station im Rhein-Sieg-Kreis e.V. und das Naturschutzprojekt „Chance 7“.
Streuobstwiesen stellen heute sehr hochwertige wichtige Biotope mit einer großen Artenvielfalt dar. Zahlreiche bedrohte Vogel- und Käferarten finden hier Rückzugsgebiete, und seltene gewordene Pflanzen profitieren von der extensiven Bewirtschaftung. Die hohe regionale Vielfalt teils rar gewordener Obstbaumsorten stellt innerhalb des intensiven gewerblichen Obstanbaus, der von wenigen Sorten dominiert wird, einen wichtigen Genpool für die Zukunft dar.
Im Rahmen des LVR Projektes „Zeugen der Landschaftsgeschichte“ (Bouillon, Kling, Lamberty 2019) erfolgte eine Bestandsaufnahme und Sortenbestimmung von fast zwanzig verschiedenen Streuobstwiesen am Petersberg durch die Botanikerin und Pomologin Barbara Bouillon.
(Jörn Kling, 2025)
Quellen
- StAKW-OK-635, Obstbaumzählung 1913
Internet
www.biostation-rhein-sieg.de: Obstwiesen und Obstsorten (abgerufen 24.04.2026)
www.natuerlich-streuobst.de: Natürlich Streuobst! Über Streuobstwiesen (abgerufen 24.04.2026)
www.chance7.org: chance7 - Unsere Projekte (abgerufen 24.04.2026)