Streuobstwiese Kissel am Petersberg mit Aussichtspunkt Josephshöhe

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Königswinter
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 41′ 5,86″ N: 7° 11′ 48,71″ O 50,68496°N: 7,19686°O
Koordinate UTM 32.372.623,95 m: 5.616.343,36 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.584.627,19 m: 5.617.284,20 m
  • Streuobstwiese am Kissel (2017).

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  • Streuobstwiese am Kissel (2024).

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Während die ehemals ausgedehnten Streuobstwiesenflächen um die Ortschaften und Dörfer des Rheintals meist dem Siedlungsdruck zum Opfer gefallen sind und überbaut wurden, haben sich am Nordwestrand des Petersberges mehrere große Bestände erhalten. So am Schnitzenbusch bei Oberdollendorf, am Mausoleum von Haus Heisterbergs (heute Jufa), am Waldfriedhof Oberdollendorf und am Kissel östlich von Königswinter. In einigen Fällen handelt es sich um ehemalige Weinberge, die mit der Krise des Weinbaus im 19. Jahrhundert durch Zollpolitik, Konkurrenzdruck und vor allem Schädlingsbefall für den Obstanbau umgenutzt wurden. Zugleich wurde verstärkt seit den 1870er Jahren der Erwerbsobstbau gefördert und ausgebaut und um bislang fehlende Verwertungs- und Absatzmöglichkeiten erweitert.

Obstanbau im Siebengebirge im 19. / 20. Jahrhundert
Streuobstwiese Kissel am Petersberg
Aussichtspunkt Josephshöhe

Obstanbau im Siebengebirge im 19. / 20. Jahrhundert
Als mit der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert die außeragrarischen Erwerbsmöglichkeiten in den Fabriken und Steinbrüchen des Siebengebirges zunehmen, wird der Obstbau häufig im Nebenerwerb betrieben. Dabei hatte das sogenannte Krautkochen (dick eingekochter und dadurch haltbar gemachter Saft) in der traditionellen Lebensmittelproduktion eine große Bedeutung und spiegelt sich in den dafür bevorzugten Obstsorten wie Rhein- oder Ölligsbirnen wider. Auch gewerbsmäßig erlangte die Krautkocherei und Süßmostherstellung eine große Bedeutung. Darüber hinaus wurde Obst getrocknet, in Gebäck verarbeitet, zu Schnaps gebrannt oder zu Wein vergoren. Tafelobst wie wir es heute kennen spielte früher nur eine geringe Rolle.

Deswegen können die Sortenzusammensetzungen auf Streuobstwiesen heute noch Hinweise auf die ursprüngliche Intention der Pflanzungen geben. So sind völlig unterschiedliche Sorten auf kleiner Fläche, die die ganz verschiedenen Verwendungszwecke abdeckten, eher ein Hinweis auf einen bäuerlichen Nebenerwerb beziehungsweise Selbstversorgung. Die Reduzierung auf wenige Sorten steht dagegen für einen ambitionierten Erwerbsobstbau. Dieser steht oft im Zusammenhang mit der seit den 1920er Jahren im Siebengebirge gegründeten Obstverwertungsgenossenschaft. Eine große Vielfalt auch für die Region untypischer Sorten ist wiederum Indiz für einen ehemaligen Villengarten, der von interessierten Pomologen angelegt wurde.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte der Erwerbsobstbau überwiegend in Hochstammanlagen. Danach setzen sich neue Erziehungssysteme und Sorten für den Niederstammbau durch und verdrängen die arbeitsintensiveren Hochstämme. Anfang der 1970er Jahre wurden von der EU mitfinanzierte Rodungsprämien für Hochstämme gezahlt, denen viele Bestände zum Opfer fielen. Im Siebengebirgsraum behinderte wahrscheinlich die kleinparzellierte Besitzstruktur ein großflächigeres Roden der Streuobstwiesen. Trotzdem gehen viele Bestände durch Bebauung verloren beziehungsweise verbuschen, überwuchern und vergreisen. Das Wissen um die traditionell im Hochstammanbau verwendeten Sorten ist vielfach verloren gegangen und verschiedenen Wirtschaftssorten, die zum Beispiel für die Apfelkrautherstellung genutzt wurden, können keinen Sortenbezeichnungen mehr zugeordnet werden.

Seit den 1980er Jahren gibt es wieder erste Ansätze Streuobstwiesen zu bewirtschaften. Wichtige Akteure im Siebengebirge sind die Bürgerinitiative Naturschutz Siebengebirge e.V., die Biologische Station im Rhein-Sieg-Kreis e.V. und das Naturschutzprojekt „Chance 7“.

Streuobstwiesen stellen heute sehr hochwertige Biotope mit einer großen Artenvielfalt dar. Zahlreiche bedrohte Vogel- und Käferarten finden hier Rückzugsgebiete, und seltene gewordene Pflanzen profitieren von der extensiven Bewirtschaftung. Die hohe regionale Vielfalt teils selten gewordener Obstbaumsorten stellt innerhalb des intensiven gewerblichen Obstanbaus, der von wenigen Sorten dominiert wird, einen wichtigen Genpool für die Zukunft dar.

Im Rahmen des LVR Projektes „Zeugen der Landschaftsgeschichte“ (Bouillon, Kling, Lamberty 2019) erfolgte eine Bestandsaufnahme und Sortenbestimmung von fast zwanzig verschiedenen Streuobstwiesen am Petersberg durch die Botanikerin und Pomologin Barbara Bouillon.
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Streuobstwiese Kissel am Petersberg
Die rund 3 Hektar große westexponierte Streuobstwiese liegt am Unterhang des Petersberges und gehörte ehemals zu der westlich im Tal liegenden Villa Heisterfeld (Kisselgut). Nur eine kleinere Fläche ist dem weiter nördlich liegenden Haus Heisterberg zuzuordnen. Die Besitzverhältnisse unterscheiden sich damit deutlich von der stark zersplitterten Parzellenstruktur der Streuobstwiesen am Schnitzenbusch bei Oberdollendorf.

Von dem ehemals deutlich größeren Baumbestand - ein Teil der damaligen Fläche wird heute von einer Kleingartenanlage eingenommen - sind heute noch 64 Apfel- und 9 Birnbäume erhalten. Letztere befinden sich wohl aufgrund der sonst ungünstigen Standortbedingungen alle im unteren Drittel der Wiese. Nach Bouillon (2019) gab es Ende der 1950er Jahre noch einen höheren Anteil an Kernobst und Birnbäumen, die inzwischen abgängig sind. Bei den Birnen handelt es sich bis auf ein unbestimmtes Exemplar ausschließlich um die regionale Rheinbirne, die bevorzugt zum Krautkochen genutzt wurde.

Die Apfelsorten zeigen eine erstaunliche Vielfalt, die sich deutlich von einem reinen Erwerbsanbau unterscheidet. Zwar sind mit 15 Bäumen Rheinischer Bohnapfel und 9 Bäumen Rheinischer Winterrambur klassische Wirtschaftssorten stark vertreten, doch die weiteren Sorten zeigen eine große Vielfalt und stammen zum Teil eher aus anderen Regionen. Hier ist anzunehmen, dass der Pächter von Haus Heisterfeld oder gar der Hausherr selbst eine gewisse Liebhaberei betrieben und Sorten gesammelt hat.

Aussichtspunkt Josephshöhe
Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Obstwiese nicht nur dem Erwerb gedient hat sondern auch als Teil einer „schönen Landschaft“ gesehen wurde, ist der am oberen Rand der Wiese gelegene Aussichtspunkt „Josephshöhe“. Die Errichtung im Jahr 1893 mit vormals freiem Blick nach Westen geht zurück auf Peter Joseph Bachem, dem Eigner von Haus Heisterfeld. Der Platz wurde parkähnlich mit einer Blutbuche, Winterlinden und Eichen bepflanzt. Ein Zeitzeuge erklärte, der Platz von etwa 5 x 3 Metern sei zur Kaffee- beziehungsweise Teezeit genutzt worden. Personal hätte hier oben serviert (Archiv HVS-Ko 7.2-5). Der mittlerweile von dichtem Brombeergestrüpp überwucherte Platz ist heute kaum wiederzufinden. Nur anhand eines niedrigen Pfeilers aus Basaltlava wird die Lage ersichtlich. Die stattliche Blutbuche ist vor wenigen Jahren abgestorben und ragt als abgebrochener Stumpf aus dem Gestrüpp. Die anderen Bäume sind von dem heranrückenden Wald verschluckt worden.

Ein weiterer Aussichtspunkt lag 140 Meter südlich inmitten der Streuobstwiese und bestand aus einem im Halbrund angeschütteten Hügel von rund 2 Metern Höhe. Über die Obstbäume hinweg konnte man von hier aus den Rhein mit dem Drachenfels sehen. Eine Anlage im Zuge der allgemeinen Rheinromantik des 19. Jahrhunderts sowie dem (Aus-)Bau der benachbarten herrschaftlichen Anwesen, wie Haus Heisterberg oder Haus Heisterfeld, liegt nahe. Es könnte sich auch um eine ältere Vorläuferanlage handeln, die vor dem Bau der Josephshöhe entstand. Dies bleibt jedoch Spekulation - Quellen fehlen.

Nach dem Ende der wirtschaftlichen Nutzung ist die Wiese offenbar lange Zeit beweidet worden und so der Verbuschung entgangen.

Heute betreut die Biologische Station des Rhein-Sieg-Kreises e.V. die Fläche, führt regelmäßig Pflegemaßnahmen durch und ersetzt abgängige Bäume durch Neupflanzungen. Der Bestand zeigt mittlerweile deutliche Anzeichen von Trockenstress, Pilze und Überalterung. Die Bäume sind im Schnitt um die 100 Jahre alt.
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Zugang
Die Wiese liegt abseits des offiziellen Wegenetzes im Naturschutzgebiet.

Hinweis
Das Objekt „Streuobstwiese Kissel am Petersberg mit Aussichtspunkt Josephshöhe“ ist Element des historischen Kulturlandschaftsbereiches Siebengebirge (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 446).

(Jörn Kling, 2025)

Quellen
  • Archiv des Heimatverein Siebengebirge: Die Josephshöhe am Petersberg, o. D., Archiv HVS-Ko 7.2-5.

Literatur

Bouillon, Barbara; Kling, Joern; Lamberty, Christiane (2019)
Zeugen der Landschaftsgeschichte im Siebengebirge. Historische Nutzungen und ihre Auswirkungen auf die Landschaft. (Kulturlandschaftspflege im Rheinland, Band 2.) Köln.

Streuobstwiese Kissel am Petersberg mit Aussichtspunkt Josephshöhe

Schlagwörter
Ort
53639 Königswinter / Deutschland
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1900

Empfohlene Zitierweise

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Jörn Kling: „Streuobstwiese Kissel am Petersberg mit Aussichtspunkt Josephshöhe”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356781 (Abgerufen: 9. Juli 2026)
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