Historische Rebsorten im Rheingau

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
  • Verwilderte Weinreben wachsen an einer alten Weinbergsmauer eines brachgefallenen Weinbergs oberhalb von Lorch, fotografiert entlang des "In Vino Veritas-Wisper-Trail"-Wanderwegs (2020).

    Verwilderte Weinreben wachsen an einer alten Weinbergsmauer eines brachgefallenen Weinbergs oberhalb von Lorch, fotografiert entlang des "In Vino Veritas-Wisper-Trail"-Wanderwegs (2020).

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    Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Barbara Bernard / CC-BY
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„Heunische“ und „frentsche“ Sorten
Noch bevor Riesling und Spätburgunder ihren Siegeszug durch den Rheingau antraten, gab es zahlreiche andere Rebsorten, die in den Rheingauer Weinbergen verbreitet waren. Welche Rebsorten bereits zu Beginn des urkundlich belegten Weinanbaus ab dem 8. Jahrhundert im Rheingau angebaut wurden, kann dabei nicht mit Sicherheit gesagt werden. Erbgutanalysen heutiger Standardrebsorten lassen jedoch den Schluss zu, dass es sich bei den Elternsorten meist um die sehr alten Sorten Heunisch, Traminer oder Pinot handelt, sowie um deren Abkömmlinge.

Das Rebsortenspektrum des Hoch- und Spätmittelalters war breiter als dies heute der Fall ist, wobei fast ausschließlich weiße Sorten angebaut wurden. Bei ihnen wurde zwischen „frentschen“ Reben (fränkische, gemeint ist jedoch „aus Frankreich stammend“) und „heunischen“ Reben (hunnische, jedoch nicht vom Volk der Hunnen, sondern aus der pannonischen Ebene stammend) Reben unterschieden. Bereits Hildegard von Bingen (1098 – 1179) unterschied in ihrer „Physica“ zwischen „frentschem“ und „heunischem“ Wein. Ihren Empfehlungen nach solle ersterer mit Wasser verdünnt werden, da er der stärkere sei. Generell wurde den älteren, vor längerer Zeit eingeführten „heunischen“ Sorten eine geringere Qualität zugesprochen als den „frentschen“ Sorten.
Erst im 15. Jahrhundert wurden Namen von Rebsorten explizit genannt. So zum Beispiel im Jahre 1435 die erste Nennung des Rieslings im deutschsprachigen Raum im nahegelegenen Rüsselsheim am Main.

Riesling und Spätburgunder: noch heute weit verbreitete historische Rebsorten
Der Riesling wurde vermutlich aus dem Trierer Raum eingeführt und im Rheingau erstmals am 13. März 1435 in einer Kellerrechnung des Verwalters Klaus Kleinfisch des Grafen Johann IV von Katzenelnbogen in der Rüsselsheimer Burg erwähnt: Für 22 Schilling hatte Kleinfisch Setzreben dieser neuen Sorte gekauft. Diese Kellerrechnung ist die erste Erwähnung des Rieslings im deutschsprachigen Raum.

Von nun an verbreitete sich der Riesling aufgrund seiner hohen geschmacklichen Qualität und seiner Frostbeständigkeit zunehmend erfolgreich im ganzen Rheingau. 1601 verfügte das Mainzer St. Stephans-Stift, dass seine freien oder noch zu bestellenden Weinberge in Schierstein mit Riesling bepflanzt werden. 70 Jahre später ließ das Mainzer St. Klarakloster die Rotweinreben seiner Geisenheimer Güter durch Riesling ersetzen. Seit 1720 wird auf Schloss Johannisberg bis heute ausschließlich Riesling angebaut.
In Rüsselsheim selbst wurde nur bis zum Ersten Weltkrieg Weinbau betrieben, heute erinnert in der Nähe der Festung ein Erinnerungsweinberg mit 275 Rieslingreben an den Ort der ersten Erwähnung des Rieslings im Rheingau. Auf rund 78 % der Anbaufläche des Rheingaus werden heute Rieslingreben kultiviert. Die über Jahrhunderte erfolgte zunehmende Spezialisierung auf den Anbau von Riesling hat wesentlich zu der weltweiten Berühmtheit des Rheingaus beigetragen.

Der Spätburgunder wurde im Rheingau erstmals im Jahr 1470 in der Gemarkung Hattenheim erwähnt. Die damals noch Klebroth (oder Clebroit) genannte Sorte kam ursprünglich aus dem Burgund und es ist wahrscheinlich, dass die Zisterziensermönche ihn von dort nach Kloster Eberbach mitbrachten. Der Anbau von Spätburgunder fand bald darauf jedoch lange Zeit ausschließlich in Assmannshausen und Lorch statt.
Heute sind 12 % der Anbaufläche des Rheingaus mit Spätburgunder bestockt. Er ist damit nach dem Riesling die wichtigste hiesige Rebsorte.

Weitere, heute seltene historische Rebsorten
Mit der Zunahme von Handelsbeziehungen wurden ab dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit Rebsorten mehr und mehr in Europa verbreitet. Ab etwa der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Rebsorten aus Weinbaugebieten Frankreichs, Italiens und Österreich-Ungarns in das Gebiet des heutigen Deutschlands eingeführt und erweiterten das hiesige Rebsortenspektrum. Je nach Region setzten sich manche Sorten eher durch als andere.

Aus den Veröffentlichungen von Franz Carl Anton von Vorster (1705-1796), Johann Philipp Bronner (1792-1864) und Johann Baptist Heckler (1776-1860) lässt sich ablesen, welche Rebsorten in früheren Jahrhunderten im Rheingau kultiviert wurden. Die Gelehrten erlangten durch ihre Werke über den Weinbau im Rheingau bereits zu Lebzeiten Bekanntheit. In ihren Büchern zur Weinbaulehre und zum Rheingauer Weinbau werden die folgenden als die wichtigsten Rebsorten genannt, wobei nicht jede Sorte in allen drei Werken aufgeführt wird:

  • Riesling
  • Orleans
  • Spätburgunder (Klebroth)
  • Elbling (Kleinberger)
  • Lamberttraube (Hammelschwarz)
  • Ruländer
  • Trollinger (Fleischtraube)
  • Traminer
  • Silvaner (Oesterreicher)
  • Veltliner (Feldliner)
  • Muskateller
  • Ortlieber
  • Fräntschtraube (Gutedel?)
  • Gutedel
  • Räuschling (Reischling)
  • Frühburgunder
  • Heunisch

In diesem Artikel werden, entsprechend der Definition des Vereins Historischer Weinbau im Rheingau e.V., Rebsorten dann als „historisch“ bezeichnet, wenn sie vor dem Jahr 1900 im Rheingau verbreitet waren. Ab ungefähr diesem Zeitpunkt ist eine deutliche Veränderung und Verkleinerung des Rebsortenspektrums festzustellen.

Gründe für den Rückgang historischer Rebsorten
Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu unterschiedlichen Veränderungen in den Weinbergen, die dazu führten, dass heute nur noch ein Bruchteil der ursprünglich kultivierten Sorten angebaut wird.
Zunächst setzte sich ab Ende des 18. Jahrhunderts mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass die bisherige Anbauweise im gemischten Satz (das heißt, die Pflanzung verschiedener Rebsorten auf der gleichen Fläche – siehe: Historischer Rebensatz im Rheingau) im Vergleich zum sortenreinen Anbau qualitative Nachteile mit sich bringt. Dies führte zu ersten Veränderungen in den Weinbergen – sie wurden zunehmend im „reinen Satz“ bestockt. Sorten, die zwar hohe Erträge lieferten, aber von geringerer Qualität waren, verschwanden langsam aus den Weinbergen.

Dann ereilten den europäischen Weinbau mehrere Schicksalsschläge: Die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeschleppten Pilzkrankheiten Echter und Falscher Mehltau, sowie die im Jahre 1863 auf den europäischen Kontinent eingeschleppte Reblaus vernichteten den überwiegenden Teil des europäischen Rebbestandes. Da insbesondere gegen die Reblaus kein Gegenmittel gefunden werden konnte, mussten ab 1870 ganze Anbaugebiete gerodet werden.
Um die Gefahr der Reblaus zu bannen, wurden die Weinberge sukzessive mit Propfreben bestockt, die über reblausresistente Unterlagensorten (Wurzelstöcke) verfügten. Das Reichsrebensortiment von 1935 empfahl den Anbau von lediglich elf weißen und acht roten Sorten. Ordnungspolitische Maßnahmen schränkten die Vermehrung von Rebsorten weiter ein.
Letztlich waren es die Flurbereinigungen der 1960er bis 1980er Jahre, die die Weinberge umstrukturierten und ihnen ein anderes Gesicht gaben: Weinberge wurden so gestaltet und zugeschnitten, dass sie einfacher maschinell zu bewirtschaften waren, Terrassen wurden weitgehend entfernt. Bei der Wahl der Rebsorten setzten sich die heutigen Qualitätssorten und Leistungsklone im „reinen Satz“ durch.

Bedeutung des Erhalts historischer Rebsorten
Historische Rebsorten sind ein wichtiges kulturelles Erbe von Landschaften und Teil der europäischen Weinkulturgeschichte. Warum ihre Vielfalt erhalten werden sollte, hat unterschiedliche Gründe:
Zum einen erlaubt der Anbau von historischen Rebsorten einen Blick in die Geschichte des Weinbaus und bietet die Möglichkeit, Geschichte sensorisch zu erleben.
Zum anderen ist in einer Zeit des fortschreitenden Biodiversitätsverlusts der Erhalt der genetischen Vielfalt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dies ist auch vor dem Hintergrund des Klimawandels wichtig, der den Weinbau aktuell und in Zukunft vor große Herausforderungen stellt: Wassermangel in der Wachstumsperiode und steigende Temperaturen sind die wesentlichen Probleme, mit denen Winzerinnen und Winzer auch im Rheingau bereits seit ein paar Jahren konfrontiert sind. Durch den Erhalt eines breiten Repertoires an Sorten, die mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen zurechtkommen, kann ein Beitrag geleistet werden, den Weinbau an die klimatischen Veränderungen anzupassen.

(Barbara Bernard, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2020)

Internet
www.historischer-weinbau.de: Projekt Historischer Rebensatz (abgerufen 21.12.2020)
www.schloss-johannisberg.de : 1200 Jahre Weinbaugeschichte (abgerufen 09.10.2020)
www.winzerfreunde-ruesselsheim.de : Riesling seit 1435 – Weinbau in Rüsselsheim (abgerufen 09.10.2020)

Literatur

Booß, Andreas (2020)
Alte Rebsorten - neu entdeckt. In: Rheingau Forum - Zeitschrift für Wein, Geschichte, Kultur, S. 20-23. Mainz.
Burggraaff, Peter; Büttner, Thomas; Kleefeld, Klaus-Dieter; Recker, Udo (2011)
KuLaKomm – Kulturlandschaftsschutz auf kommunaler Eberne: Teilprojekt Rheingau-Taunus-Kreis. In: Koblenzer Geographisches Kolloquium 33, S. 19-40. Koblenz.
Claus, Paul; Staab, Josef (2000)
Rheingauer Weinkultur - Zeugnisse aus zwei Jahrzehnten. In: Beiträge zur Weinkultur, Oestrich-Winkel (Hallgarten).
Heinen, Winfried (1981)
Rheingau und Hessische Bergstraße. In: Gesamtwerk Deutscher Wein, Essen.
Kalinke, Helmut / Gesellschaft für Geschichte des Weines (Hrsg.) (1969)
Der Rheingau, Weinkulturzentrum gestern, heute und morgen. (Schriften zur Weingeschichte Nr. 20.) Wiesbaden.
Konrad, Hubert (2014)
Reben, Sorten und Pflanzgut. Das Produktionsmittel Rebe. In: Journal Culinaire (19), S. 14-21. o. O.
Konrad, Hubert (2013)
Gelber Orleans und Roter Riesling. Zwei historische Rebsorten in Hessen. In: Deutsches Weinbau-Jahrbuch, S. 157-162. Stuttgart.
von Vorster, Carl Anton (1756)
Der Rheingauer Weinbau, aus selbst-eigener Erfahrung und nach der Natur-Lehre systematisch beschrieben. Faksimiledruck nach dem Original von 1756. In: Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. (Hrsg.), (Schriften zur Weingeschichte Nr. 121 (1997).) Wiesbaden.

Historische Rebsorten im Rheingau

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(Barbara Bernard, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2020), „Historische Rebsorten im Rheingau”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-323053 (Abgerufen: 22. September 2021)
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