Historische Rebsorten im Rheingau

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
  • Verwilderte Weinreben wachsen an einer alten Weinbergsmauer eines brachgefallenen Weinbergs oberhalb von Lorch, fotografiert entlang des "In Vino Veritas-Wisper-Trail"-Wanderwegs (2020).

    Verwilderte Weinreben wachsen an einer alten Weinbergsmauer eines brachgefallenen Weinbergs oberhalb von Lorch, fotografiert entlang des "In Vino Veritas-Wisper-Trail"-Wanderwegs (2020).

    Copyright-Hinweis:
    Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Barbara Bernard / CC-BY
    Fotograf/Urheber:
    Barbara Bernard
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht

Riesling und Spätburgunder
Die Anbaufläche im Rheingau ist heute mit rund 78 % Riesling und ca. 12 % Spätburgunder bestockt. Bei beiden handelt es sich um sehr alte, weit verbreitete Rebsorten. Die über Jahrhunderte erfolgte, zunehmende Spezialisierung auf den Anbau von Riesling hat wesentlich zu der weltweiten Berühmtheit des Rheingaus beigetragen.
Der Riesling wurde vermutlich aus dem Trierer Raum eingeführt und im Rheingau erstmals am 13. März 1435 in einer Kellerrechnung des Verwalters Klaus Kleinfisch des Grafen Johann IV von Katzenelnbogen in der Rüsselsheimer Burg erwähnt: Für 22 Schilling hatte Kleinfisch Setzreben dieser neuen Sorte gekauft. Diese Kellerrechnung ist die erste Erwähnung des Rieslings im deutschsprachigen Raum. Ab diesem Zeitpunkt verbreitete sich der Riesling aufgrund seiner hohen geschmacklichen Qualität und seiner Frostbeständigkeit zunehmend erfolgreich im ganzen Rheingau. 1601 verfügt das Mainzer St. Stephansstift, dass seine freien oder noch zu bestellenden Weinberge in Schierstein mit Riesling bepflanzt werden. 70 Jahre später ließ das Mainzer St. Klarakloster die Rotweinreben seiner Geisenheimer Güter durch Riesling ersetzen. Seit 1720 wird auf Schloss Johannisberg bis heute ausschließlich Riesling angebaut. In Rüsselsheim selbst wurde nur bis zum 1. Weltkrieg Weinbau betrieben, heute erinnert in der Nähe der Festung ein Erinnerungsweinberg mit 275 Rieslingreben an den Ort der ersten Erwähnung des Rieslings im Rheingau.
Auch der heute ebenfalls weit verbreitete Spätburgunder (oder Pinot noir) ist eine historische Rebsorte. Seine erste Erwähnung im Rheingau erfolgte im Jahr 1470 in der Gemarkung Hattenheim. Die damals noch Klebroth (oder Clebroit) genannte Sorte kam ursprünglich aus dem Burgund und es ist wahrscheinlich, dass die Zisterziensermönche ihn von dort nach Kloster Eberbach mitbrachten. Der Anbau von Spätburgunder fand bald darauf jedoch lange Zeit ausschließlich in Assmannshausen und Lorch statt.

Weitere historische Rebsorten
Noch bevor jedoch Riesling und Spätburgunder kultiviert wurden und sich ihre Flächenanteile zunehmend vergrößerten, waren andere Rebsorten weit verbreitet, die inzwischen (fast) in Vergessenheit geraten sind. Das Rebsortenspektrum des Hoch- und Spätmittelalters war breiter als dies heute der Fall ist. Es wurden fast ausschließlich weiße Sorten angebaut, bei denen zwischen „frentschen“ (fränkische, gemeint ist jedoch „aus Frankreich stammend“) und „heunischen“ (hunnische, jedoch nicht vom Volk der Hunnen, sondern aus der pannonischen Ebene stammend) Reben unterschieden wurde. Generell wurde den älteren, vor längerer Zeit eingeführten „heunischen“ Sorten eine mindere Qualität zugesprochen als den „frentschen“ Sorten.
Durch die Umstellung vom gemischten Satz auf sortenreine Bestände, staatliche Eingriffe und Vorgaben, klimatische Einflüsse sowie Veränderungen der geschmacklichen und qualitativen Präferenzen, sind viele dieser Sorten heute nicht mehr oder nur noch selten vorhanden. Zahlreiche früher weit verbreitete Sorten des Rheingaus wurden sukzessive vor allem durch den Fokus auf den Anbau von Riesling verdrängt. So beschreibt Franz Carl Anton von Vorster in seinem 1765 erschienenen Werk „Der Rheingauer Weinbau, aus selbsteigener Erfahrung und nach der Natur-Lehre systematisch beschrieben“ die präferierte Sortenwahl je nach Standort, in Form von Fragen und Antworten: „Frage: Welche Weintrauben sind durch das ganze Land allgemein? Antwort: Es hat zwar der kleine sogenannte Rißling durchaus den Vorzug, doch ist an allen Orten auch etwas von sogenannten Kleinbergeren untermenget (…) Frage: Welche Gattung ist nur in einigen Orten zum Pflanzen üblich? Antwort: Die berühmten Orleanzer Trauben, der sogenannte Klebroth oder rothe Burgunder, und die Trauben, Lambert genannt. Frage: Welche Gattungen werden in denen Gärten gepflanzt? Antwort: Unter vielerlen Sorten haben die Kleinberger und Muscateller den Vorzug.“ (von Vorster 1765: 109f).

Franz Carl Anton von Vorster (1705-1796), Johann Philipp Bronner (1792-1864) und Johann Baptist Heckler (1776-1860) erlangten durch ihre Werke über den Weinbau im Rheingau bereits zu Lebzeiten Bekanntheit. Aus ihren Veröffentlichungen lässt sich ablesen, welche Rebsorten in früheren Jahrhunderten im Rheingau kultiviert wurden. In ihren Büchern zur Weinbaulehre und zum Rheingauer Weinbau werden die folgenden als die wichtigsten Rebsorten genannt, wobei nicht jede Sorte in allen drei Werken aufgeführt wird:

  • Riesling
  • Orleans
  • Spätburgunder (Klebroth)
  • Elbling (Kleinberger)
  • Lamberttraube (Hammelschwarz)
  • Ruländer
  • Trollinger (Fleischtraube)
  • Traminer
  • Silvaner (Oesterreicher)
  • Veltliner (Feldliner)
  • Muskateller
  • Ortlieber
  • Fräntschtraube (Gutedel?)
  • Gutedel
  • Räuschling (Reischling)
  • Frühburgunder
  • Heunisch
Anhand von DNA-Analysen kann davon ausgegangen werden, dass die meisten dieser Rebsorten auf drei Elternsorten zurückgehen: Heunisch, Traminer und Spätburgunder sowie deren Abkömmlinge. Diese Sorten wurden vermutlich bereits im Mittelalter angebaut.

(Barbara Bernard, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2020)

Internet:
www.schloss-johannisberg.de : 1200 Jahre Weinbaugeschichte (abgerufen 09.10.2020)
www.winzerfreunde-ruesselsheim.de : Riesling seit 1435 – Weinbau in Rüsselsheim (abgerufen 09.10.2020)
www.traubenshow.de : Gelber Orleans und Roter Riesling. Vortrag von Hubert Konrad, FA Geisenheim, 2011 (aufgerufen 09.10.2020)

Literatur

Claus, Paul; Staab, Josef (2000)
Rheingauer Weinkultur - Zeugnisse aus zwei Jahrzehnten. In: Beiträge zur Weinkultur, Oestrich-Winkel (Hallgarten).
von Vorster, Carl Anton (1756)
Der Rheingauer Weinbau, aus selbst-eigener Erfahrung und nach der Natur-Lehre systematisch beschrieben. Faksimiledruck nach dem Original von 1756. In: Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. (Hrsg.), (Schriften zur Weingeschichte Nr. 121 (1997).) Wiesbaden.

Historische Rebsorten im Rheingau

Schlagwörter
Fachsichten
Kulturlandschaftspflege

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
(Barbara Bernard, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2020), „Historische Rebsorten im Rheingau”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-323053 (Abgerufen: 5. Dezember 2020)
Wir verwenden Cookies, um die Nutzbarkeit unserer Seiten zu optimieren. Falls Sie mit der Speicherung von Cookies nicht einverstanden sind, finden Sie weitere Informationen auf unserer Internetseite.
Seitenanfang