Parken für die Ewigkeit - Vostells „Ruhender Verkehr“
„Autogerechte Städte“ waren Anfang der 1960er-Jahre das Maß aller Dinge. Die Stadtarchitektur vieler deutschen Städte war vollständig an den Interessen des motorisierten Individualverkehrs orientiert. Ein wesentlicher Wegbereiter dieser Idee war der Architekt Hans Bernhard Reichow (1899-1974), der 1959 das Buch „Die autogerechte Stadt - Ein Weg aus dem Verkehrs-Chaos“ veröffentlicht hat.
Man kann also sagen, dass Reichow auch ein Teil der Verantwortung dafür trägt, dass die Stadtplanung unserer Stadt maßgeblich an den Bedürfnissen der Autofahrer ausgerichtet ist. Ein berüchtigtes Beispiel dafür ist der Bau der Nord-Süd-Fahrt, welche nach zehnjähriger Bauzeit 1974 fertiggestellt wurde.
Der ruhende Verkehr nervt
In Köln sind heute etwa 550.000 Kraftfahrzeuge zugelassen, darunter etwa 496.000 PKW (zum Vergleich: im Jahr 1909 gab es erst 640 Kraftfahrzeuge in der Domstadt, vgl. altes-koeln.de). Und diese vielen Autos müssen auch irgendwo abgestellt werden. In der Fachsprache ist das der „ruhende Verkehr“. Und dieser ruhende Verkehr nervt:
- Alles ist zugeparkt, Gehwege werden zu Schneisen zwischen den Autos, Fahrradfahrer zu Slalom-Fahrern.
- Die Feuerwehr hat regelmäßig Probleme, an im Parkverbot geparkten Autos vorbeizukommen.
- Und wenn man selber Teil des ruhenden Verkehrs werden will, dreht man ewig lang seine Runden um den Block bei der Suche nach einem Parkplatz.
Alles nicht neu! Den Ärger um den „ruhenden Verkehr“ gibt es bereits seit Ewigkeiten.
Ein einbetonierter Opel Kapitän
Den kreativsten Umgang damit zeigte der Künstler Wolf Vostell (1932-1998). Vostell war Maler, Bildhauer und Happeningkünstler. Ein wesentliches Merkmal seiner Werke war das Einbetonieren. Und so staunten die Kölner nicht schlecht, als Vostell am 4. Oktober 1969 mit seinem Opel Kapitän - einem Modell P 2,6 aus dem Baujahr 1960, amtliches Kennzeichen K-HM 175 - auf der Domstraße vorfuhr und das Auto mit laufendem Motor und angeschaltetem Radio einbetonierte.
Ein großer Betonmischer kippte tonnenweise Frischbeton in die vorbereite Verschalung über das Auto. Ein Dokumentarfilm zeigt diese Aktion und auch die Aufregung der Passanten (youtu.be).
Ein Mann, mit hörbar kölschen Einschlag in der Stimme, meint in dem Film dazu:
„Ich würde sagen, grober Unfug ist noch zu glimpflich ausgedrückt. Stell dir vor, das würde jeder machen, der ein paar Mark in der Tasche hat … wie es in einem Jahr in Köln aussähe.“
Vostell hatte sein Ziel erreicht: Der „Ruhende Verkehr“, so der Name des Kunstwerks, war mit einem Schlag mitten in der Diskussion.
Doch der Künstler hatte die Rechnung ohne die Stadt Köln gemacht. Die zweckentfremdete Nutzung von Parkraum wurde von Ordnungsamt geahndet und das tonnenschwere Kunstwerk nach etwa drei Wochen in der Domstraße auf den Neumarkt verfrachtet. Dort sollte ein (nie realisierter) Skulpturenpark aufgebaut werden. Doch die Reise des einbetonierten Autos war noch lange nicht vorbei. Der Betonklotz, der rudimentär die ursprüngliche Form des einbetonierten Autos zeigt, wurde in Paris und in Berlin ausgestellt.
Mittelstreifen statt regulärer Parkplatz
Mittlerweile steht der „Ruhende Verkehr“ auf dem Mittelstreifen des Hohenzollernrings. Ein äußerst schlechter Platz, denn Vostell wollte ausdrücklich einen Parkplatz besetzen. „Das eingefrorene Auto“, so Vostell, „mitten zwischen anderen, noch verkehrstüchtigen Autos.“ Doch jetzt umflutet der Verkehr den Betonklotz.
Aber im März 2022 ist Bewegung in diese Diskussion gekommen. Die Bezirksvertretung Innenstadt hat auf Initiative der Grünen-Fraktion beschlossen, die Plastik auf einen Parkplatz unweit des aktuellen Standorts zu versetzen (www.express.de). Genau, wie Vostell es mit dem „Ruhenden Verkehr“ ausdrücken wollte. Doch seit Dezember 2023 ist klar, dass das Kunstwerk an seinem Standort mitten auf den Ringen verbleiben wird: Der geplante Parkplatz auf der Hahnstraße sei schlicht zu schmal.
Ävver mer sin in Kölle. Also mal abwarten …
Ähnliche Werke
- Ein zeitlich nahes und thematisch verwandtes Werk ist Wolf Vostells 16,2 Tonnen schwere Plastik Concrete Traffic. Die im Kern aus einem einbetonierten 1957er Cadillac Sedan de Ville (Series 62) bestehende Skulptur entstand 1970 und befindet sich seit 2016 auf einer regulären Parkfläche in einem öffentlichen Parkhaus der Universität Chicago in den USA (Campus North Parking Garage 5525 S Ellis Ave).
- Im Garten des Vostell gewidmeten Museo Vostell im spanischen Malpartida de Cáceres befindet sich die 1996 von Vostell geschaffene Skulptur Warum dauerte der Prozess zwischen Pilatus und Jesus nur zwei Minuten?, die neben gleich zwei Automobilen noch aus dem Rumpf eines russischen MiG-21-Kampfflugzeugs sowie Computermonitoren und drei Klavieren besteht.
- Ferner steht unweit des Museo Vostell in der Felsenlandschaft des Naturmonuments Los Barruecos Vostells 1976 geschaffene Skulptur VOAEX (Viaje de (H)ormigon por la Alta Extremadura, dt. „Betonreise durch die Obere Extremadura“), die im Kern ebenfalls aus einem einbetonierten Fahrzeug besteht.
- Deutlich näher zum hier behandelten „Ruhenden Verkehr“ in der Domstadt betonierte der Kölner Künstler Cornel Wachter (*1961) als Hommage an Wolf Vostell anlässlich dessen 75. Geburtstags im Jahr 2007 vor dem LVR-LandesMuseum Bonn seine Mercedes A-Klasse ein.
- Von April 1991 bis August 2026 stand der Goldene Vogel (umgangssprachlich auch Flügelauto) des Aktionskünstlers HA Schult (*1938) auf dem Dach Kölner Zeughauses - ein vergoldeter Ford FIesta aus der Automobilität-kritischen Aktion Fetisch Auto von 1989.
(Uli Kievernagel, Köln, 2026 / Ergänzungen zu den ähnlichen Werken von Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)
Internet
www.koeln-lotse.de: Parken für die Ewigkeit - Vostells „Ruhender Verkehr“ (Uli, der Köln-Lotse vom 09.09.2026, abgerufen 17.09.2026)
koelnding.podigee.io: Das Köln Ding der Woche - Der ruhende Verkehr (Podcast Folge 112, 12:45 min, abgerufen 17.09.2026)
youtu.be: Video „Wolf Vostell, Ruhender Verkehr, Köln, 1969“, Ausschnitt aus dem Film von Paul Karalus „Vostell und andere oder Lippenstifte für Vietnam“ (4:02 min, abgerufen 17.09.2026)
www.express.de: Kölner Ringe. Wirbel um bekanntes Betonauto - jetzt steht fest, was damit passiert (Kölner Express vom 21.03.2022, abgerufen 17.09.2026)
de.wikipedia.org: Wolf Vostell (abgerufen 17.09.2026)
de.wikipedia.org: Ruhender Verkehr (Plastik) (abgerufen 17.09.2026)
de.wikipedia.org: Museo Vostell Malpartida (abgerufen 17.09.2026)
publicart.uchicago.edu: Concrete Traffic (abgerufen 17.09.2026)
altes-koeln.de: Kölner Kraftfahrzeugbesitzer 1909 (abgerufen 17.09.2026)