Im Nordwesten des heutigen Stadtteils Niehl wurde 1957 auf dem Gebiet der dafür abgerissenen einstigen Gutshöfe Klein-Lachem und Groß-Lachem (diese waren Besitzungen eines der großen Kölner Stifte; Stiens 2017) eine Raffinerie des Mineralölunternehmens Esso errichtet.
In einer Raffinerie werden aus dem Rohstoff Erdöl bzw. Rohöl durch physikalische und chemische Verfahren höherwertige Produkte wie Otto- und Dieselkraftstoff, Heizöl oder Kerosin industriell erzeugt.
Gleichzeitig entstanden Ende der 1950er-Jahre im Süden von Merkenich etwa 1,5 Kilometer entfernt der Esso-Hafen für chemische Flüssiggüter am Rhein (heute Ölhafen Köln-Niehl II) und das anfänglich noch mit Schweröl befeuerte Heizkraftwerk Köln-Merkenich. Das 2005 umfassend erneuerte Kraftwerk ist heute der zentrale Erzeuger von Fernwärme für den Kölner Norden des Energieversorgungsunternehmens RheinEnergie.
Der Hafen, das Kraftwerk und die Raffinerie nahmen 1958 ihren Betrieb auf. Bei der feierlichen Einweihung der Esso-Raffinerie war der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1897-1977) anwesend.
Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) und ESSO
Das Mineralölunternehmen Esso war am 25. Februar 1890 in Bremen von den deutschen Kaufleuten Franz Ernst Schütte (1836-1911), Carl Schütte (1839-1917) und Wilhelm Anton Riedemann (1832-1920) als Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft (DAPG) gegründet worden. Beteiligt war dabei auch maßgeblich der US-Amerikaner John D. Rockefeller (1839-1937). Der als erster Milliardär der Weltgeschichte geltende Rockefeller wollte über die DAPG das Petroleumgeschäft seiner Standard Oil Company in Deutschland betreiben. 1904 hatte die Standard Oil die Hälfte der Anteile an der DAPG übernommen und verlegte den Sitz der Gesellschaft nach Hamburg. In den USA wurde das Rockefeller-Firmenimperium aufgrund seiner Marktmacht 1911 in 34 einzelne Gesellschaften zerschlagen.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kraftstoffe der DAPG zunächst unter den Markenamen DAPOL / DAPOLIN verkauft und mit der seinerzeit typischen Darstellung eines nordamerikanischen Indigenen beworben, dem so genannten „Indianerkopf“-Logo (vgl. Abb.). In den 1920ern wurde dann ESSO als Markenname registriert und nachfolgend für die Kraftstoffe verwendet. Das Kunstwort steht für die „Ess-O“ gesprochenen Anfangsbuchstaben von Standard Oil.
Die seinerzeit zunehmende Verbreitung des Automobils ließen den Bedarf an Öl in zuvor unvorstellbare Dimensionen steigen - um 1925 gab es in Deutschland rund 1.000 DAPG-Tankstellen. Um das Jahr 1969 gab es alleine auf dem auf dem damaligen Kölner Stadtgebiet 1969 mindestens acht ESSO-Tankstellen (Georgino 2015).
1950 war die DAPG zur Esso AG umfirmiert worden, 1999 wurde das Unternehmen in die Esso Deutschland GmbH umgewandelt, die als Tochtergesellschaft zu dem US-amerikanischen Konzern ExxonMobil gehört, der als ein direkter Nachfolger der Standard Oil Company gilt.
Ende der Raffinierie, Spuren
Nachdem noch im Jahr 1977 rund eine halbe Milliarde DM in das Werk investiert worden war - mit einem modernen „Steamcracker“ konnte man nun Benzin zu Kunststoffvorprodukten umwandeln - wurde bereits im Folgejahr eine Stilllegung der Raffinerie durch die Esso geprüft. Bedingt durch Überkapazitäten im Raffineriesektor bei zugleich sinkenden Verbräuchen, entschloss sich der Konzern schließlich, die zuletzt 5,7 Millionen Tonnen jährlich umfassende Rohölverarbeitung in Köln einzustellen. Das Betriebsende datiert auf den 30. August 1982.
Obgleich der seinerzeitige deutsche Unternehmensvorstand noch im September 1981 den Weiterbetrieb des Steamcrackers zugesagt hatte, wurde auch dieser 1985 stillgelegt und durch eine Anlage in Schottland ersetzt. Nach dem Ende der Treibstoffherstellung wurden in Niehl noch andere Erdölprodukte hergestellt und die Anlage zu einem Werk des Konzernzweigs Exxon-Chemicals.
Das frühere Raffineriegelände ist heute ein Teil des Industrieparks Köln-Nord, der überwiegend von Logistik-Unternehmen genutzt wird. An die Großraffinerie erinnern noch verbliebene (Gas-) Tanklager, ein Firmensitz der Deutsche Infineum GmbH & Co. KG (ein 1999 gegründetes Joint Venture von ExxonMobil und Shell) und jenseits der Neusser Landstraße bzw. Bundesstraße B 9 eine großflächige Industriebrache im Wald nordwestlich des Trümmerbergs Longerich (Kurm 2026).
Historische Karten, Objektgeometrie
Die eingangs genannten Hofgüter Groß Lachem und Klein Lachem - historisch auch als Groß- und Klein-Lauchhof bezeichnet - sind auf den Karten der Topographischen Aufnahme der Rheinlande (1801-1828) als Gros Lachem und Klein Lachem eingezeichnet, ebenso jeweils mit Gr. Lachem und Kl. Lachem auf der nur wenig jüngeren, zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme, der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) und den topographischen Karten TK 1936-1945.
Die Niehler Raffinerie ist ohne Benennung mit etwa 130 Hektar Fläche (1,3 Quadratkilometer) in den Topographischen Karten L 4906 Neuß/Neuss deutlich auszumachen. Auf diesen Karten basiert auch die hier eingezeichnete Objektgeometrie. Die dort ebenfalls unbenannte, rund 7 Hektar große Parzelle jenseits der Bundestraße 9 wird 1967 lediglich als „umzäunte Fläche“ ausgewiesen, 1978 dann mit einer „Böschung, künstlich“ in ihrem nördlichen Teil. Die digitalen Orthophotos lassen diese Anlage ab 1974 erkennen, 1981 ist diese jedoch schon wieder überdeckt (www.bezreg-koeln.nrw.de und Hinweise Kurm 2026). Welcher Betriebsteil der Raffinerie sich auf diesem noch heute als Industrieruine erkennbaren Bereich befand, ist unklar - ergänzende Hinweise dazu sind willkommen!
(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)
Quellen
- Topographische Karte 1:50000, L 4906 Neuß/Neuss, hrsg. vom Landesvermessungsamt Nordrhein-Westfalen 1961 (hier: 2. Auflage 1967 und 4. Auflage 1978).
- Rechercheergebnisse von Herrn Markus Georgino zu Tankstellen-Standorten in Köln um 1969, Köln 2015.
- Unveröffentlichte Angaben zu den Hofgütern Groß-Lachem und Klein-Lachem von Frau Jutta Stiens, Köln 2017.
- Freundliche Hinweise von Herrn Christopher Kurm, Köln 2026.
Internet
de.wikipedia.org: Esso-Raffinerie Köln (abgerufen 21.07.2026)
de.wikipedia.org: Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft (abgerufen 21.07.2026)
www.bezreg-koeln.nrw.de: Bezirksregierung Köln, Geoportal, Digitale Orthophotos (abgerufen 21.07.2026)