Die „Thon- und Steingutfabrik H.E. Sticker“ in Frechen (1852-1857)
Die Tongruben des Heinrich Eduard Sticker in Frechen
Heutiger Zustand und kulturhistorische Bedeutung
Quellen
Die „Thon- und Steingutfabrik H.E. Sticker“ in Frechen (1852-1857)
1852 pachtete Sticker die Fabrikräume der Familie Schaaf im Weyerhof in der „Breitegasse“. Wie er und die Töpferfamilie Schaaf zueinander fanden, ist bisher nicht bekannt. Vielleicht hatten sie sich im Zuge des Torf- und Tonabbaus kennengelernt, denn auch Christian Schaaf betrieb eine Tongrube. Vielleicht kamen auch finanzielle Gründe hinzu, denn laut seiner Vita (Göbels 1971) war der Töpfer Christian Schaaf schon alt und sein Sohn, der Kannenbäcker Theodor Schaaf arm und nicht sehr erfolgreich mit seinem Töpfereibetrieb. Sticker gründete in Christian Schaafs Töpferei die Steinzeugfabrik „Thon- und Steingutfabrik H.E. Sticker“ (Ostermann 1967, S. 43) und stellte die erste handbetriebene Presse („Röhrenmaschine“) zur Produktion von nun genormten Tonröhren auf. Damit begann die mechanisierte Herstellung von Tonröhren in Frechen und es schlug die Geburtsstunde eines neuen Wirtschaftszweiges (Stadtarchiv Frechen 2002, S. 6). „Jetzt mit der Aufstellung der Röhrenmaschine in Frechen, welche der Departementstierarzt Karl Sticker auf einer Londoner Ausstellung gesehen und gekauft hatte, trat eine völlige Änderung in der Beschäftigung der Frechener Tonindustrie ein. Im Anfang wurde viel gespöttelt über die Kölner Herren. Der Versuch gelang jedoch in jeder Beziehung und bald kamen auch Maschinen für die Plättchenfabrikation in Verwendung. Statt der Kannenbäcker erwuchsen allenthalben Röhrenbäcker“ (Kölner Tageblatt vom 17. September 1894, Nr. 215 / Stadtarchiv Frechen).
Am 11. August 1854 unterrichtete Bürgermeister Kügelgen den Landrat über die Steinzeugfabrik Sticker (zitiert nach Dörner 1953, S. 65):
„(Die) … Röhren und Fuß- oder Flurplatten werden alleine und vollständig durch die aufgestellte Maschine hervorgebracht (…). Etwaige Vollendungsarbeiten, welche an einigen Röhren und Töpfen angebracht werden, werden mit der Hand gemacht. Die Maschine wird von drei Mann in Betrieb gesetzt, die kann täglich 3-5 Karren (etwa 3-5 t) Thon verarbeiten und täglich z. B. 5.000 Stck 4zöllige (etwa 8-10cm) Fußplatten oder etwa 200-300 Fuß (etwa 70-100m) 8 zöllige … Röhren hervorbringen. Es sind wohl 10 Mann in oder an der Fabrik beschäftigt, theils zum Ausbeuten des Thons aus der Grube, zur Anfuhr desselben, zum Bereiten desselben, zum Betrieb der Maschine, zur Vollendung der Fabrikate, zum Einstellen in den Ofen, zum Heizen und zuletzt zum Herausnehmen und Ordnen der Waaren. Die Arbeiter sind außer den Handlangern gelernte Töpferarbeiter und der alte Christian Schaaf dabei als Meister.“ (…) „Die Maschine ist nicht täglich im Gange. Der Umfang der Arbeit richtet sich nach den Nachfragen und Bestellungen.“
Der Töpfer Christian Schaaf bzw. dessen Witwe, und Eduard Sticker werden in einer Liste zur Gründung einer Töpferinnung 1856 unter derselben Adresse in Haus Nr. 498 (StaF Akt. 187/21) geführt. Nach Christian Schaafs Tod im Jahr 1855 führte seine 80-jährige Witwe den Betrieb in der Maschinenfabrik weiter.
Aus dem Bürgermeisterbericht wird das anfängliche Verhältnis zwischen den Frechener Töpfern und dem Betrieb Sticker deutlich: „Schließlich bemerke ich noch, daß die Beschwerde der hiesigen Töpfer in der Absicht ergangen ist, den Maschinenbetrieb des Sticker, welcher durch seine besseren und billigeren Fabrikate ihnen schadet, aufhören zu machen. Ich habe ihnen früher bemerkt, daß sie eher hätten darauf bedacht sein müssen, sich in ihrem Gewerbe mehr zu vervollkommnen und selbst Maschinen aufzustellen, wodurch sie die Konkurrenz eines Fremden vermieden haben würden“ (Bürgermeisterbericht Kügelgen vom 11. August 1854, zitiert in Dörner 1953, S. 66). Gleichsam ist dem Bericht zu entnehmen, dass die Steinzeugröhrenindustrie nicht als kontinuierliche Weiterentwicklung des Töpferhandwerkes betrachtet werden kann, sondern dass es eines innovativen Unternehmers wie Sticker bedurfte, neue technische Wege zu gehen.
Am 23.03.1856 ließ Sticker in der Kölnischen Zeitung seine Fabrik und Produkte in Frechen bewerben und informierte zugleich, dass es Exemplare zur Ansicht in der Streitzeuggasse 16 in Köln gebe und dort auch Bestellungen getätigt werden könnten.
Vermutlich waren der Tod der Witwe Schaaf im Dezember 1856 und der darauffolgende Erbprozess Auslöser dafür, dass Sticker für seinen Betrieb in Frechen keine Zukunft mehr sah und bereits im März 1857 die Konzession für die Errichtung einer Töpfrei mit Maschinenbetrieb in Lindenthal einreichte (LA NRW R 8865). In der Kölnischen Zeitung vom 16.07.1857 wurde eine Liquidations-Anzeige inseriert, in der der Verkauf des Weyerhofs, der sowohl der Familie Schaaf als auch Eduard Sticker gehörte, angekündigt wurde. Dieser Verkauf geschah wohl nicht einvernehmlich, da hierzu am 26. Juni 1857 ein Urteil gefällt wurde (Kölnische Zeitung vom 16.07.1857). 1857 eröffnete Sticker seine Tonröhrenproduktion in Köln-Lindenthal.
Die Tongruben des Heinrich Eduard Sticker in Frechen
Bevor Heinrich Eduard Sticker mit der Tonröhrenproduktion in Frechen begann, gehörte ihm hier bereits die Konzession auf eine Torfkaule. „Mit der Aufnahme der Röhrenproduktion im Jahre 1852 trat H.E. Sticker gleichzeitig als Tongrubenbesitzer auf“ (Dörner 1953, S. 23). Möglicherweise bezog Sticker seinen Ton aus der Grube des Christian Schaaf und auch aus einer eigenen Torfkaule. Sticker war der erste Röhrenproduzent mit angegliederter Tongrube. Im Jahr 1876 bezog Sticker seinen Ton aus der Gemeindekiesgrube Frechen (StAF 195/56), bei der es sich möglicherweise um die in Heeg beschriebene Gemeindesandgrube an der Rosmarstraße (Grube Nr. 8) handelt, die von 1840 an als Torfgrube geführt und im Umschlagverfahren betrieben wurde (Heeg 1972, S. 12). Hier förderte Sticker Ton in Kaulen (Göbels 1971, S. 39).
Heutiger Zustand und kulturhistorische Bedeutung
Von dem Weyerhof, der Töpferei Schaaf sowie der Fabrik sind heute keine obertägigen Reste mehr vorhanden. Möglicherweise sind noch Ofenreste unterirdisch vorhanden; zumindest wurde 1994 ein Ofen an der Othmarstraße gefunden, bei dem es sich um den in der Verkaufsannonce der Kölnischen Zeitung genannten „Kannenofen“ auf dem Flurstück 251/2 handeln muss (Kölnische Zeitung vom 16.07.1857). Als erster Steinzeugfabrik Frechens kommt der Gründung der Steinzeugfabrik des Kölner Kaufmanns Heinrich Eduard Sticker im Jahr 1852 eine besondere Bedeutung zu. Er gilt gleichsam der Begründer der Frechener Steinzeugindustrie (Dörner 1953, S. 62) inmitten des vom Niedergang gezeichneten Töpferhandwerkes. Es ist davon auszugehen, dass die Sticker'sche Anlage eine Art Keimzelle für weitere Fabrikgründungen war, wie vermutlich der von Albert Meier. Durch die Grundsteuerfortschreibungsprotokolle des Urkatasters ist belegt, dass die Grundstücke nachfolgend dem Töpfer Peter Weiden, dem späteren Eigentümer der Fabrik Weiden & Schaaf, und danach zur benachbarten Tonröhrenfabrik Adolph Bauer gehörten.
(Nicole Schmitz, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege, 2025)
Quellen
Zeitungen
- Kölnische Zeitung vom 23.01.1853 (abgerufen am 19.09.2025)
- Kölnische Zeitung vom 23.03.1856 (abgerufen am 19.09.2025)
- Kölnische Zeitung vom 16.07.1857 (abgerufen am 19.09.2025)
- Stadtarchiv Frechen, Akte 187/21
- Stadtarchiv Frechen, Akte 195/56
- Ortsarchiv der LVR-Bodendenkmalpflege, NW 1994/128, 1124050
- Historisches Archiv Köln: Sterbeurkunde des Heinrich Eduard Sticker
(abgerufen am 16.06.2026)