„Das letzte Rohr“ der Steinzeugfabrik Cremer und Breuer (Tunnelofen IV)

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Frechen
Kreis(e): Rhein-Erft-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 54′ 36,37″ N: 6° 49′ 44,15″ O 50,9101°N: 6,82893°O
Koordinate UTM 32.347.370,11 m: 5.642.073,14 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.558.344,44 m: 5.641.973,38 m
Am 03.07.1998 wurde der letzte Brand von Steinzeugröhren im Tunnelofen IV der Steinzeugfabrik Cremer & Breuer vor der endgültigen Werksschließung gefahren. Auf einem dieser Steinzeugrohre wurden die Namen der Brenner, die den Tunnelofen IV fuhren, eingeritzt.

Nach der Werksschließung fanden zur Vorbereitung der Jubiläumsschrift „150 Jahre Frechener Steinzeugindustrie“ (Stadtarchiv Frechen 2002) mehrere Begehungen auf dem Werksgelände von Cremer & Breuer durch das Autorenteam statt. Dabei wurde auch das „letzte Rohr“ von Tunnelofen IV gefunden und dokumentiert. Es stand damals zwischen dem Tunnelofengebäude IV und dem Labor.

Im Zuge der Abrissarbeiten der Firma Cremer & Breuer zwischen Juli 2003 bis August 2007 wurde das gesamte Werksgelände leergeräumt. Dabei wurde auch das Rohr geborgen und auf das Gelände des Werkes Steinzeug Keramo GmbH gebracht. Dort verfiel es an seinem Standort am Werkszaun unter einem Kastanienbaum in einen Dornröschenschlaf.

Rund 20 Jahre später wurde das Rohr während einer Werksbegehung - diesmal zur Dokumentation der Steinzeugfabrik Steinzeug Keramo GmbH - wiederentdeckt.

Der Geländeeigentümer wurde über den Fund und seine Bedeutung informiert und gebeten, das Rohr nach Möglichkeit zu erhalten, denn: Der nächste Werksabriss stand in naher Zukunft bevor und das Rohr konnte dort nicht bleiben. Zum einen wurde es nicht in die Planungen für das zukünftige Gelände integriert, zum anderen drangen vermehrt Unbefugte auf das Gelände ein und zerstörten sowohl Gebäude als auch Ausstattung - hier war auch das Rohr durch Vandalismus gefährdet. Daher war eine zeitnahe Bergung des Steinzeugrohres angezeigt. Das Museum Stiftung Keramion erklärte sich bereit, dem Rohr im Skulpturengarten seinen endgültigen Standort zu geben.

Am Freitag, den 13.09.2024 wurde der Umzug des zerbrechlichen Steinzeugrohres umgesetzt. Die auf dem Werksgelände tätige Firma Herzog Abbruch KG besorgte die Verladung des tonnenschweren Rohres auf einen Tieflader, mit dem es, gut gesichert, zum Keramion transportiert wurde. Auf dem dortigen Parkplatz übernahm ein wendigerer Teleskopstapler die kostbare Fracht und brachte sie langsam, Zentimeter für Zentimeter zum vorbereiteten Standort. Dort angekommen, waren nochmals das Fingerspitzengefühl des Fahrzeugführers und die Muskelkraft des Bergungsteams gefragt, um das wertvolle Stück haargenau und vorsichtig und (ganz wichtig!) mit den Namen der Brenner nach oben auf dem vorgesehenen Kiesbett zu platzieren und abzuladen. Nach rund zwei Stunden war das Rohr unversehrt an seinem Ziel angekommen und wird dort auch hoffentlich für immer bleiben.

Informationen und Zahlen zum „letzten Rohr“:
Es handelt sich um eine Sonderanfertigung einer Reihe von Vortriebsrohren (VRT), welche extra für den Bau des Schweizer Glattstollens produziert und mit der Bahn in die Schweiz transportiert wurden. Als letztes für diese Produktionsreihe und auf Tunnelofen IV überhaupt gepresstes Rohr erhielt es die Inschrift „1998, Das letzte Rohr, Cremer + Breuer, Frechen“, die Namen der Belegschaft an Tunnelofen IV, sowie den Zusatz „UND DIE STÜZEN DER FIRMA - DIE BRENNER“. Eingeritzt sind zudem die Datierungen 03.06.1998 (Glasur und Inschriften) und 03.07.1998 (Brand).

Seine Maße lauten:
Höhe bzw. Länge: 2,17 m
Umfang: ca. 4 m
Durchmesser innen: 1,1 m (11er-Rohr)
Durchmesser außen: 1,25 m
Wandung: 8,3 cm
Gewicht (geschätzt): ca. 2-3t
Stempel innen: VSW 27 - 5 - 98 10 („Vereinigte Steinzeugwerke“ und Datum der Formgebung an Presse 10)
Stempel außen: EN295 - 1* *GSG*RN*27-05-98*DN110*F*FN60*

Kulturhistorische Bedeutung
Das Rohr ist eines der letzten wenigen Zeugnisse des für Frechen und für die Steinzeugindustrie auf internationaler Ebene insgesamt so bedeutenden Steinzeugwerkes Cremer & Breuer. Gleichzeitig vermittelt es durch die „Inschrift“ den engen Bezug der Mitarbeiterschaft zu ihrem Werk. Die Tatsache, dass beim Abriss des Werkes Cremer & Breuer das Rohr nicht entsorgt, sondern zum Nachbarwerk transportiert wurde, zeugt ebenfalls für den hohen ideellen, identitätsstiftenden und gesellschaftlichen Wert dieses damals so alltäglichen Produktes „Steinzeugrohr“ aus Frechen. Auch wenn es stumm ist, vermag es von der Verbundenheit der Belegschaft mit ihrem Werk zu erzählen und führt Besucherinnen und Besuchern des Keramions die letzten Momente für die Mitarbeitenden kurz vor der Werksschließung des Steinzeugwerks Cremer und Breuer vor Augen, als ihre Namen im Vorfeld des Brandes eingeritzt wurden.

Seit Ende 2018 sind die Öfen in Frechen endgültig aus und die Zeugnisse der über 500 Jahre währenden Keramikgeschichte gehören nun zum historischen kulturellen Erbe der Stadt.

(Nicole Schmitz, LVR-Abteilung Kulturlandschaftspflege, 2024)

Literatur

Plück, Christian; Mayerhofer, Bernd; Madsack, Werner; Schumacher, Reinhard / Stadtarchiv Frechen (Hrsg.) (2002)
150 Jahre Frechener Steinzeugindustrie. Frechen.

„Das letzte Rohr“ der Steinzeugfabrik Cremer und Breuer (Tunnelofen IV)

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Bonnstraße
Ort
50226 Frechen
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Geländebegehung/-kartierung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1998

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Nicole Schmitz (2024): „„Das letzte Rohr“ der Steinzeugfabrik Cremer und Breuer (Tunnelofen IV)”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-355645 (Abgerufen: 14. September 2026)
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