Bing-Haus am Neumarkt

Geschäftshaus der Firma Gebr. Bing Söhne, NS-„Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“, heute Gesundheitsamt Köln

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 56′ 7,29″ N: 6° 56′ 54,19″ O 50,93536°N: 6,94838°O
Koordinate UTM 32.355.845,36 m: 5.644.640,77 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.566.709,75 m: 5.644.883,90 m
  • Das Bing-Haus am Kölner Neumarkt Nr. 15-21 (2019), einstiges Geschäftshaus und heute Sitz des Gesundheitsamts Köln.

    Das Bing-Haus am Kölner Neumarkt Nr. 15-21 (2019), einstiges Geschäftshaus und heute Sitz des Gesundheitsamts Köln.

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  • Teil der Fassade des Bing-Hauses am Kölner Neumarkt über dem einstigen Eingang zum früheren Geschäftshaus und heutigen Sitz des Gesundheitsamts (2019).

    Teil der Fassade des Bing-Hauses am Kölner Neumarkt über dem einstigen Eingang zum früheren Geschäftshaus und heutigen Sitz des Gesundheitsamts (2019).

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  • Blick aus östlicher Richtung auf die Fassade des Bing-Hauses am Kölner Neumarkt Nr. 15-21 (2019), einst Geschäftshaus und heute Sitz des Gesundheitsamts.

    Blick aus östlicher Richtung auf die Fassade des Bing-Hauses am Kölner Neumarkt Nr. 15-21 (2019), einst Geschäftshaus und heute Sitz des Gesundheitsamts.

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  • Blick von der Cäcilienstraße auf die Häuserzeile südlich des Kölner Neumarkts in Altstadt-Süd, u.a. mit dem Haubrichforum links und dem Bing-Haus rechts im Bild (2019).

    Blick von der Cäcilienstraße auf die Häuserzeile südlich des Kölner Neumarkts in Altstadt-Süd, u.a. mit dem Haubrichforum links und dem Bing-Haus rechts im Bild (2019).

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Was hat dieses Haus nicht alles erlebt! Ein glänzender Konsumtempel vor dem Ersten Weltkrieg, von den Nazis enteignet und als „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“ missbraucht, heute Gesundheitsamt der Stadt. Das Bing-Haus am Neumarkt hat wirklich eine bewegte Geschichte hinter sich.

Das Haus einer jüdischen Kaufmannsfamilie
Die namensgebende Familie Bing stammte aus Bingen am Rhein. Schon im 19. Jahrhundert liefen die Geschäfte der Firma „Gebrüder Bing & Söhne, Großhandel für Bänder, Mode und Seidenstoffe“ mit Sitz an der Ecke Neumarkt/Schildergasse hervorragend. Um neue und repräsentativere Verkaufsräume zu schaffen, wurde 1908/09 der renommierte Architekt Heinrich Müller-Erkelenz (1878-1945) beauftragt, ein Kaufhaus im Monumentalstil der Reformarchitektur zu errichten. Dieser Stil betont die sachlichen und schlichten Formen. So ist das Bing-Haus – bis auf drei hervorspringende Erker – klar gegliedert. Ein Symbol für die Sachlichkeit der in dem Haus tätigen Händler.
Die Firma findet sich in Greven’s Adreßbuch von 1915 mit dem folgenden Eintrag (II. Teil, S. 47):

Gebr. Bing Söhne
(Otto Götz u. Fritz Bing, hier, Alfr. Götz in Berlin u. Otto Bing, Berlin-Wilmersdorf)
(E) Samt- u. Seidenwarengrßhdlg., Neumarkt 15-19.

Die Geschäfte der Händler liefen prächtig. Köln war vor dem Ersten Weltkrieg die wichtigste Stadt im Westen des Reiches. Die starke Befestigung durch den doppelten preußischen Verteidigungsring machte Köln faktisch uneinnehmbar. Diese Stärke fand ihren Ausdruck in regelmäßigen Militärparaden auf dem Neumarkt. Die Offiziere verkehrten im nahegelegenen Offizierskasino und bescherten den Bings satte Umsätze – das Geschäft prosperierte. Zumindest bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit dem ersten Schuss auf den Schlachtfeldern brachen die wichtigen Absatz- und Beschaffungsmärkte wie England oder Frankreich weg. Erst nach dem Krieg ging es wieder bergauf – zumindest bis zur Inflation. Diese zwang die Eigentümer-Familie dazu, Flächen im Bing-Haus zu vermieten.

Ein direkter Nachbar des Bing-Hauses war am Neumarkt Nr. 33 kein geringerer als der Volkssänger und Karnevalist Willi Ostermann (1876-1936).

Faktische Enteignung durch die Nazis
In den 1930er Jahren litten die jüdischen Eigentümer zunehmend unter den Repressalien der Nazis. Diese machten auch in Köln gute Geschäfte – regelmäßig zu Lasten enteigneter jüdischer Mitbürger. So auch beim Bing-Haus. Fritz und Otto Bing verlangten im Jahr 1939 von der Stadt 1,2 Mio. Reichsmark für das Haus. Gezahlt wurden nur 500.000 Reichsmark. Und selbst davon bekam die Familie Bing nur die Hälfte, die andere Hälfte wurde auf ein Sperrkonto überwiesen. Übrigens kein Einzelschicksal: Mehr als 700 Immobilien jüdischer Eigentümer gingen oft für einen lächerlich geringen Betrag in den Besitz der Stadt über.
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Umsetzung der Nürnberger Rassengesetze
Das Haus wurde zum städtischen „Gesundheitsamt“. Allerdings ist dieser Begriff im „Dritten Reich“ etwas anders zu verstehen als heute. Ab März 1940 residierte hier die „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“. Diese Behörde war unter anderem auch für die Bescheinigungen zur „Ehetauglichkeit“ zuständig – die konkrete Umsetzung des in den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 festgeschriebenen „Blutschutzgesetz“, welches Eheschließungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“ verbot. Hunderte Menschen wurden als „minderwertig“ beurteilt. Die Folge: Die gewünschte Ehe wurde schlichtweg verboten.

Auch erstellten Ärzte in diesem „Gesundheitsamt“ Gutachten zu Erbkrankheiten. Auf Basis dieser Einschätzung wurden mehr als 4.000 Menschen als „erbkrank“ eingestuft und zwangssterilisiert. Der leitende Stadtarzt Franz Vonessen (1892-1970) stellte sich gegen diese Praxis – und wurde prompt von den Nazis gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt. Späte Genugtuung für Vonessen: Die Amerikanische Militärregierung setzte ihn 1945 als Leiter des städtischen Gesundheitsamts ein.

Diskussion um Drogenkonsumraum
Dieses Gesundheitsamt fand dann wieder seinen Platz im Bing-Haus und residiert dort bis heute. Aktuell wird diskutiert, ob nicht direkt im Gesundheitsamt ein Drogenkonsumraum eingerichtet werden sollte. Die „Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt“ hat ein solches Hilfsangebot angeregt, um den massiven Problemen des offenen Drogenkonsums auf dem Neumarkt entgegen zu wirken. Die Stadtverwaltung sieht diesen Vorschlag positiv. Und ein solcher Drogenkonsumraum könnte ein neues, positives Kapitel in der bewegten Geschichte des Bing-Hauses darstellen.

Maria Herz, geborene Bing: Kölns fast vergessene Komponistin
Maria Herz, geborene Bing (19. August 1878 - 22. Oktober 1950), stammte aus der Kaufmannsfamilie Bing mit dem großen Warenhaus am Neumarkt. Schon früh erhielt sie eine fundierte musikalische Ausbildung in Klavier, Violine und Komposition. Nach ihrer Heirat mit dem Chemiker Albert Herz zog sie zunächst nach Großbritannien. Als die Familie 1914 während eines Besuchs in Köln vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht wurde, blieb sie unfreiwillig in der Domstadt. Nach dem frühen Tod ihres Mannes fand Maria Herz hier zu ihrer größten schöpferischen Kraft: Mehr als 30 Werke entstanden, ihre Konzerte wurden begeistert aufgenommen. Ab 1926 veröffentlichte sie ihre Kompositionen unter dem Namen „Albert Maria Herz“ - wohl auch, um sich in der damals stark von Männern dominierten Musikwelt besser behaupten zu können.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete ihre erfolgreiche Karriere abrupt. Als jüdische Komponistin erhielt sie Aufführungsverbot und emigrierte 1935 nach Großbritannien, später nach New York, wo sie 1950 starb. Ihr musikalisches Werk geriet jahrzehntelang in Vergessenheit, bis ein Enkel den Nachlass in den 1990er-Jahren wiederentdeckte.
Auch in Köln wird Maria Herz inzwischen wieder gewürdigt. Das Gürzenich-Orchester brachte bereits 1929 ihre „Vier kurzen Orchesterstücke“ zur Uraufführung, und 2024 erklang erneut Musik von ihr beim Shalom-Musikfestival. Ein Stolperstein in Sülz erinnert an ihr Schicksal. Maria Herz steht damit beispielhaft für viele jüdische Künstlerinnen und Künstler, deren Lebenswerk erst heute nach und nach seinen verdienten Platz in der Kölner Stadtgeschichte zurückerhält.
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Baudenkmal
Das Objekt „Gesundheitsamt“ ist mit Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Köln ein Baudenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes (Eintragung vom 01.07.1980, lfd. Nr. 101, www.stadt-koeln.de, dort unter der Anschrift Neumarkt 15-19 in Altstadt/Süd geführt).
Die Baubeschreibung im Kölner Denkmalkatalog unter www.bilderbuch-koeln.de lautet:
„errichtet 1908, ehemaliges Haus Bing, Architekt: Heinrich Müller-Erkelenz (1878-1945), vier Geschosse, sieben Achsen, drei Runderker in der 3. bis 5. Achse, zweigeschossig mit Balkon (der mittlere verändert), Werksteinfassade mit Gliederungen, EG verändert, Dach verändert, Fenster erneuert.
Nach dem Kriege wurde auf dem mittleren Erker eine verglaste Kabine eingerichtet. In dieser saß ein Mitarbeiter der Kölner Verkehrs Betriebe und sagte von dort, wie auf einem richtigen Bahnhof, die von der Südseite des Neumarkts abfahrenden Vorortbahnen an. Heute wieder im Originalzustand (Balkon mit Werksteinbalustrade).“


(Uli Kievernagel, Köln, 2019/2026)

Internet
www.koeln-lotse.de: „Ein Gebäude mit bewegter Geschichte: Das Bing-Haus am Neumarkt“ (Uli, der Köln-Lotse vom 23.11.2019, abgerufen 25.11.2019 und 21.07.2026)
www.stadt-koeln.de: Interaktive Denkmalkarte Köln (abgerufen 18.01.2024)
www.rheinische-geschichte.lvr.de: Willi Ostermann, Volkssänger und Karnevalist (abgerufen 25.11.2019)
www.rheinische-geschichte.lvr.de: Franz Vonessen, NS-kritischer Arzt (abgerufen 25.11.2019)
de.wikipedia.org: Heinrich Müller-Erkelenz (abgerufen 25.11.2019)
www.bilderbuch-koeln.de: Gesundheitsamt (abgerufen 21.11.2019, Inhalt nicht mehr verfügbar 20.10.2020)
www.stadt-koeln.de: Suche in der Denkmalliste (abgerufen 21.11.2019, Inhalt nicht mehr verfügbar 18.01.2024)
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Literatur

Greven's Kölner Adreßbuch-Verlag (Hrsg.) (1915)
Greven's Adreßbuch 1915 für Köln und Umgegend, 61. Jahrgang. Köln. Online verfügbar: Greven's Adressbuch Köln 1915
Wilhelm, Jürgen (Hrsg.) (2008)
Das große Köln-Lexikon. S. 172, Köln (2. Auflage).

Bing-Haus am Neumarkt

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Neumarkt 15-21
Ort
50667 Köln - Altstadt-Süd
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank
Historischer Zeitraum
Beginn 1908 bis 1909

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Bing-Haus am Neumarkt”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-302170 (Abgerufen: 26. Juli 2026)
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