Haus Carstanjen

ehemals Auerhof

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Haus Carstanjen, Martin-Luther-King-Straße 8 in Bonn, Ansicht von Süden (2016)

    Haus Carstanjen, Martin-Luther-King-Straße 8 in Bonn, Ansicht von Süden (2016)

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    Gildenhard, Felicitas / Landschaftsverband Rheinland
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    Felicitas Gildenhard
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Kurzbeschreibung des LVR-Amtes für Denkmalpflege im Rheinland

3-geschossiger reich gegliederter Baukörper in Werkstein mit hohen Schieferdächern und Türmen.
Rheinfront flankiert von 3- bzw. 5-geschossigen Ecktürmen. 5-geschossiger südlicher Wohnturm mit angebautem zinnenbekröntem polygonalem Treppenturm und auskragendem polygonalem 4. Obergeschoss. Im Erdgeschoss Portal mit gestufter Verdachung; im 1. Obergeschoss nach Osten und Süden ein Austritt. Zwischentrakt mit zwei leicht vorkragenden Zwerchhäusern und offener Loggia im 2. Obergeschoss. Säulen der Loggia mit Knospenkapitellen. In der Mittelachse des Traktes Balkon im 1. Obergeschoss mit darunter liegender Brunnennische. Fassade nach Süden: 2 vorspringende 3-geschossige Baukörper mit moderner Verbindungsbrücke vor dem zurückliegenden Altbau. Größerer Baukörper mit Krüppelwalmdach über hohem Sockelgeschoss; im 1. Obergeschoss 3 Zwillingsfenster bzw. Doppeltür in der Mittelachse mit steinernem Kreuzstock; im 2. Obergeschoss 6 gekoppelte Kreuzstockfenster.
Kleinerer Baukörper mit Eckquaderung und Walmdach; leicht abgesetzter 4-geschossiger fast quadratischer Eckturm. Fenster im 1. Obergeschoss mit Kreuzstock. Im Gebäudeinneren im wesentlichen nur das große Treppenhaus aus der Umbauphase 1895/97 erhalten.


Geschichte
Im Jahre 1197 wurde von Andreas von Speier für die Abtei Heisterbach in Plittersdorf ein Anwesen gekauft. Durch den Zukauf benachbarter Güter vergrößerte sich die Besitzung, die bis um 1200 noch unter der Vogteischaft des Heinrich von Friesdorf stand, schnell. Der Hof, der zunächst wohl noch von den Mönchen der Abtei Heisterbach oder von angestellten Tagelöhnern bewirtschaftet wurde, wurde ab dem 14. Jahrhundert verpachtet. Um 1670 umfasste das Hofareal schließlich 190 Morgen Land. Im Rahmen der Säkularisation wurde der Besitz des Klosters Heisterbach eingezogen. Der Auerhof mit den propsteilichen Ländereien in Poppelsdorf und verschiedene Höfe in Friesdorf, Endenich, Kessenich sowie das Kloster Mariaforst wurden an den Bruder Napoleons verpachtet.

Nach dem Abzug der Franzosen und dem Übergang dieser Grundstücke in das Eigentum des preußischen Staates wurde der Auerhof an den Kölner Bankier Abraham Schaafhausen verkauft. 1824, nach dem Tod des Bankiers, ging das Anwesen auf seine Tochter Sibylle über. Sie war seit 1816 mit Herrn Merten verheiratet, der 1835 auch den Petersberg aus dem ehemaligen Heisterbacher Besitz kaufte. Der Auerhof entwickelte sich schnell zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt. Besucher und Freunde des Hauses Schaafhausen, wie Wallraf, De Noel, Anette von Droste-Hülshoff oder auch Johann und Adele Schoppenhauer, hielten sich hier für längere oder kürzere Besuche auf. Neben der gastfreundlichen Atmosphäre wirkte die landschaftlich reizvolle Lage des Gutes gegenüber dem Siebengebirge am Rhein anziehend auf die romantischen Gemüter dieser Zeit. Um den landschaftlichen Reiz noch zu erhöhen, entschloss sich die Familie Schaafhausen-Merten, auf dem südlich anschließenden Grundstück den heute noch bestehenden 14 Morgen großen Park anzulegen.

Nachdem Sibylle Merten aus gesundheitlichen Gründen nach Italien übersiedeln musste, wurde der Auerhof an Barthold Suermondt aus Aachen verkauft. Unter dem neuen Besitzer wurde das Gut mit dem benachbarten Stinzerhof zusammengelegt, so dass das Gesamtareal ca. 500 Morgen betrug.
Nachdem der Hof zeitweilig im Eigentum des sächsischen Fabrikanten J. A. Solf war, wurde er am 3. Oktober 1882 an Herrn Adolf von Carstanjen verkauft.
Die Hofanlage blieb bis ins Jahr 1941 im Besitz der Familie. Am 11.08.1941 wurde ein Kaufvertrag zwischen der Witwe des Herrn Robert von Carstanjen und der Finanzverwaltung des 3. Reiches, die die Hofanlage für das Heer aufkaufte, abgeschlossen.
Bis zum Kriegsende wurde in den Gebäuden eine Heeres-Lehrer-Akademie betrieben.

Die Gebäude der Hofanlage waren im Laufe ihrer Geschichte zahlreichen Veränderungen unterworfen. Als ältester datierbarer Bauteil der geschlossenen Hofanlage wird erstmals das sogenannte alte Haus fassbar. Der zweigeschossige Bau mit zehn Achsen und geschiefertem Dach besaß über dem Portal eine Nische mit der Figur des hl. Bernards und der Inschrift: „Sancte Bernarde ara pro nobis 1716“.
Durch einen Brand im Jahre 1784 wurde anscheinend der gesamte Hof eingeäschert. Lediglich das wohl steinerne Herrenhaus wurde wieder hergestellt. Die neuerbauten Ökonomiegebäude brannten 1858 wiederum ab.
Großangelegte Anbauten an dem Ost- und Südflügel wurden ab Mai 1895 durch den Architekten Josef Kleefisch durchgeführt. Neben einem neuen Küchen- und Turmtrakt wurde im Zuge dieser Baumaßnahme der gesamte rheinseitige Flügel der Anlage überformt. Die Rohbauarbeiten konnten im Februar 1896 fertiggestellt werden. Wieweit während der Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch Baumaßnahmen durchgeführt wurden, kann im einzelnen nicht mehr festgestellt werden.
Nach der Einnahme Banns beschlagnahmten die Amerikaner das Gut und brachten hier Verwaltungsorgane ihrer Besatzungszone unter.
Ab etwa 1950 wurde das Gebäude als Sitz des Bundesministers für den Marschallplan hergerichtet. Im Zuge dieser Nutzung wurde 1952 das nördliche Stallgebäude für Bürozwecke und als Kantine ausgebaut.
Nach dem Auslaufen des Marschallplans bezog am 20.11.1957 das damalige Bundesschatzministerium die freiwerdenden Gebäude. Zur Beseitigung der Raumnot wurde Mitte der 1960er Jahre ein großzügiger Neubau geplant, der 1967/68 realisiert wurde. Für diesen Neubau wurden die ehemaligen Stall- und Scheunengebäude abgerissen. Erhalten und mit dem Neubau verbunden wurde lediglich das ehemalige Herrenhaus in der Fassung des Umbaus von Josef Kleefisch.

Denkmalrechtliche Wertung
Als letztes historisches Zeugnis einer über 1.000-jährigen kontinuierlichen Siedlungstätigkeit ist dieser Bauteil bedeutend für die Geschichte der Menschen und der heutigen Stadt Bonn. Gleichzeitig dokumentiert das Gebäude den Wandel einer landwirtschaftlich geprägten Anlage zu einem Herrensitz. Ausgelöst durch die Entdeckung der landschaftlichen Schönheiten scheint diese Entwicklung (vgl. auch Gut Deichmanns Aue) im 19. Jahrhundert typisch für die großen Güter zwischen Bonn und Mehlem zu sein. Das Gebäude ist als Zeugnis dieser Entwicklung bedeutend für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsbedingungen.
Darüber hinaus dokumentiert das Gebäude und der umgebende Park die großbürgerliche Lebens- und Wohnweise im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Hierzu gehören auch die Salons der Damen mit ihrem hohen literarischen und künstlerischen Anspruch, der durch die Gäste (Droste-Hülshoff, Wallraf u.a.) dokumentiert wird.
Nicht zuletzt ist der historische Gebäudeteil ein bedeutendes Zeugnis der Villenarchitektur am Rhein.
An seiner Erhaltung und Nutzung besteht daher aus wissenschaftlichen (ortsgeschichtlichen und architekturgeschichtlichen) und städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse.

(Angelika Schyma, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, 2005)

Das Objekt „Ehemalige Villa “Carstanjen„ mit Park“ ist ein eingetragenes Baudenkmal (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Nr. 40604 / Denkmalliste der Stadt Bonn, laufende Nr. A 1654).

Internet
www.rheinische-geschichte.lvr.de: Familie Carstanjen, Unternehmer (Abgerufen: 19.04.2013)

Haus Carstanjen

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Martin-Luther-King-Straße 8
Ort
Bonn
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1895
Koordinate WGS84
50° 42′ 15,79″ N, 7° 09′ 46,98″ O / 50.70439°, 7.16305°
Koordinate UTM
32U 370288.97 5618561.73
Koordinate Gauss/Krüger
2582203.57 5619406.74

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„Haus Carstanjen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-49306-20120605-8 (Abgerufen: 19. November 2018)
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