Grabstätte Josef Schlüchterers auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Gedenkstein für Dr. Lilli Jahn

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 58′ 16,56″ N: 6° 52′ 22,08″ O 50,97127°N: 6,8728°O
Koordinate UTM 32.350.650,13 m: 5.648.783,74 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.561.349,38 m: 5.648.812,87 m
  • Grabstein Josef Schlüchterers auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Josef Schlüchterer (1863-1932) war der Vater der Ärztin Dr. Lilli Jahn, der auf dem Grabstein ebenfalls gedacht wird: In Erinnerung an seine Tochter, unsere Mutter, Dr. Lilli Jahn, geb. Schlüchterer. 5.3.1900 in Köln. Ermordet im Juni 1944 in Auschwitz.

    Grabstein Josef Schlüchterers auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026). Josef Schlüchterer (1863-1932) war der Vater der Ärztin Dr. Lilli Jahn, der auf dem Grabstein ebenfalls gedacht wird: In Erinnerung an seine Tochter, unsere Mutter, Dr. Lilli Jahn, geb. Schlüchterer. 5.3.1900 in Köln. Ermordet im Juni 1944 in Auschwitz.

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    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Antonia Frinken
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Die schlichte Grabstätte befindet sich auf Flur 1 rechts der mittig gelegenen Sichtachse und steht direkt vor der Friedhofsmauer. Da Josef Schlüchterers Name weit oben auf dem Grabstein angebracht wurde und er bereits 1932 verstarb, kann angenommen werden, dass die Grabstätte ursprünglich auch weiteren Mitgliedern der Familie für die letzte Ruhe zur Verfügung stehen sollte.
Dies wurde jedoch durch die Shoah verhindert.

Die Inschriften lauten:
Josef Schlüchterer
5.7.1863 - 12.1.1932

In Erinnerung an seine Tochter, unsere Mutter
Dr. Lilli Jahn
Geb. Schlüchterer
5.3.1900 in Köln
Ermordet im Juni 1944 in Auschwitz

Die Gestaltung des Grabsteins gibt Aufschluss über den gesellschaftlichen Stand der Familie Schlüchterer. Im Zuge der Haskalah (auch Haskala, ab 1831 auch als „jüdische Aufklärung“ bezeichnet) suchte ein Teil der jüdischen Bevölkerung in Zentraleuropa, insbesondere in Deutschland, Anschluss an die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen jüdischen Identitäten. Dabei entstand die heute noch gebräuchliche Unterscheidung jüdischer Gemeinden in liberal und orthodox.
Diese Entwicklungen zeigen sich auch in der Gestaltung der Grabsteine: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten sich neben den seit dem Mittelalter vorherrschenden Einzelgräbern auch Familiengräber sowie teilweise Gruften und Mausoleen. Besonders im liberalen Umfeld wurden hebräische Inschriften zugunsten deutscher Epitaphe im Umfang reduziert oder verschwanden gänzlich.
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Josef und Paula Schlüchterer
Josef Schlüchterer wurde am 5. Juli 1863 im fränkischen Zeitlofs geboren. Sein Vater Anselm war Herrenschneider, sein Urgroßvater war vor Ort Rabbiner gewesen. Josef Schlüchterer absolvierte eine kaufmännische Lehre in Stuttgart und arbeitete im Anschluss sehr erfolgreich in Kaufhäusern in London und Paris. Im Alter von 30 Jahren gründete er mit zwei Geschäftspartnern und von seinem Vater zur Verfügung gestelltem Startkapital eine eigene Firma für Haushaltsbürsten und Rasenmäher in Solingen.
1897 heiratete Josef Schlüchterer die 1875 im oberfränkischen Lauringen geborene Paula Schloß. Sie war das sechste von acht überlebenden Kindern des erfolgreichen Viehhändlers Moritz Schloß und seiner Frau Ellen Elise. 1887 zog die Familie nach Halle an der Saale. Paula erhielt eine für bürgerliche Töchter typische Erziehung mit enger Bindung an jüdische Traditionen.
Josef Schlüchterer wohnte bereits bei der Gründung seines Unternehmens in Köln und besuchte hier die Gottesdienste der liberalen jüdischen Gemeinde. Das Paar bekam zwei Töchter: Lilli, geboren am 5. März 1900, und Elsa, geboren am 2. Juni 1901.
Die Familie bewohnte eine geräumige Wohnung in der Bismarckstraße, nahm regelmäßig an kulturellen Veranstaltungen teil und war im liberalen assimilierten jüdischen Milieu der Stadt etabliert. Die Töchter erhielten eine für die Zeit fortschrittliche Ausbildung: Lilli studierte Medizin und Elsa Chemie.
Joseph Schlüchterer starb bereits 1932. Seine Ehefrau Paula emigrierte 1939 nach Birmingham, wo bereits die jüngere Tochter Elsa lebte.
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Dr. Lilli Jahn
Lilli Schlüchterer wurde am 5. März 1900 geboren und wuchs gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Elsa in Köln auf. Ihr Medizinstudium, das sie in Würzburg, Halle an der Saale und Freiburg im Breisgau absolvierte, schloss sie 1924 in Köln mit einer Promotion zum Thema „Über den Gesamtschwefelgehalt des Blutes, insbesondere der roten Blutzellen“ ab. Danach arbeitete sie zunächst in verschiedenen Praxen sowie im Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache in Köln-Ehrenfeld.
Während des Studiums lernte Lilli 1923 den evangelischen Ernst Jahn kennen, den sie 1926 gegen die Einwände ihrer Eltern heiratete. Das Paar zog ins hessische Immenhausen nahe Kassel, betrieb eine Arztpraxis und bekam einen Sohn und vier Töchter: Gerhard (*1927), Ilse (*1929), Johanna (*1930), Eva (*1933) und Dorothea (*1940). Die Kinder wurden evangelisch getauft und erzogen, während Lilli regelmäßig die Synagoge in Kassel besuchte.
Zum Beginn der NS-Zeit erhielt Lilli Berufsverbot und war im Ort zunehmend isoliert. Sie schrieb zahlreiche Briefe an Freund*innen und berichtete darin von ihrer Situation. Da sie mit einem nicht-jüdischen Mann verheiratet war, musste sie aber 1939 zunächst nicht den gelben Stern tragen.

1942 bekam Ernst Jahn ein Kind mit seiner Geliebten, einer jungen, nicht-jüdischen Ärztin, die im Haus der Jahns lebte. Im Oktober desselben Jahres willigte Lilli in die Scheidung ein, entgegen der Empfehlung ihrer Freund*innen. Ernst Jahn heiratete bereits im November 1942 seine Geliebte, die mit dem gemeinsamen Kind eine andere Wohnung bezog. Er blieb zunächst bei seiner ersten Frau und den gemeinsamen Kindern.
1943 veranlasste der Immenhausener Bürgermeister Karl Groß die Vertreibung Lillis. Sie zog mit ihren Kindern in eine Mietwohnung nach Kassel. Auf dem Klingelschild führte sie unerlaubterweise ihren Doktortitel, nicht aber den jüdischen Frauen aufgezwungenen zweiten Vornamen Sarah. Sie wurde denunziert, verhaftet und in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Guxhagen (heute Schwalm-Eder-Kreis) verschleppt.
Lilli Jahn wurde als Zwangsarbeiterin bei der Pharmafabrik B. Braun in Melsungen (heute Schwalm-Eder-Kreis) eingesetzt. In dieser Zeit schrieb sie regelmäßig an ihre Kinder, die nach Immenhausen zurückgekehrt und dort zunehmender Diskriminierung ausgesetzt waren.
Der ältesten Tochter Ilse gelang es, ihre Mutter einmal im Arbeitserziehungslager zu besuchen. Freund*innen Lillis, die Mitglieder der Bekennenden Kirche waren, bemühten sich erfolglos um ihre Rettung. Ob Ernst Jahn sich für sie einsetzte, ist unbekannt.

Im März 1944, sieben Monate nach der Inhaftierung im Arbeitserziehungslager, wurde Lilli Jahn über Dresden nach Auschwitz deportiert. Zuvor schmuggelte sie ihre Briefe aus Breitenau zu ihrem Sohn Gerhard. Am 17. oder 19. Juni wurde Lilli in Auschwitz ermordet. Die Todesursache ist bis heute unbekannt. Die Sterbeurkunde wurde am 28.September 1944 ausgestellt und der Familie postalisch zugesandt.

Gerhard Jahn (1927-1998) bewahrte die Briefe seiner Mutter bis zu seinem Tod auf. Er trat der SPD bei und war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Auswärtigen sowie zwischen 1969 und 1974 Bundesminister der Justiz. Nach seinem Tod wurden Lilli Jahns Briefe im Nachlass ihres Sohnes entdeckt. Seine Schwestern wusste bis dahin nicht, dass die Schriftstücke erhalten geblieben waren. Ilses Sohn, der Journalist und Autor Martin Doerry (*1955), veröffentlichte die Briefe als Teil der Biografie seiner Großmutter 2002 unter dem Titel „Mein verwundetes Herz“ - Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944.

(Antonia Frinken, LVR-Abteilung Digitales Kulturerbe, 2026)

Internet
de.wikipedia.org: Haskala (abgerufen 09.04.2026)
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Literatur

Doerry, Martin (2002)
"Mein verwundetes Herz". Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944. München.
Reichwald, Anika (2016)
Haskala – die frühe jüdische Aufklärung. In: Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, S. 45-59. Köln. Online verfügbar: www.jstor.org, Haskala 2016

Grabstätte Josef Schlüchterers auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Venloer Straße 1152
Ort
50829 Köln - Vogelsang / Nordrhein-Westfalen
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Vor Ort Dokumentation, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1932

Empfohlene Zitierweise

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„Grabstätte Josef Schlüchterers auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360045 (Abgerufen: 9. April 2026)
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