Rheinische Dynamitfabrik Opladen

Kölner Dynamitfabrik Küppersteg

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Leverkusen
Kreis(e): Leverkusen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 03′ 23,3″ N: 6° 59′ 48,72″ O 51,05647°N: 6,99687°O
Koordinate UTM 32.359.617,52 m: 5.658.013,75 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.569.935,31 m: 5.658.402,02 m
Die Rheinische Dynamitfabrik Opladen nahm zum 5. März 1873 ihren Betrieb auf dem Heidegelände zwischen Opladen und Bürrig auf. Im Jahr 1901 wurde das Werk in Kölner Dynamitfabrik, Küppersteg bei Köln umbenannt. Die Fabrik wurde 1926 geschlossen.

Die Entdeckung des revolutionären Explosivstoffs Dynamit durch Alfred Nobel (1833-1896) im Jahr 1866 hatte weltweit einen regelrechten Boom um Sprengstoffe ausgelöst und veränderte in der Zeit der Industrialisierung ganze Industrie- und Wirtschaftsbereiche nachhaltig, darunter auch die Montanindustrie im Bergischen Land und im Ruhrgebiet. Ferner wurden Sprengstoffe in großem Umfang auch militärisch verwendet. Im Rheinland entstanden zahlreiche neue Sprengstofffabriken, die an dem Erfolg teilhaben wollten und die vielfältigen Bedarfe an Dynamit und anderen Sprengmitteln bedienten. Insbesondere das Areal zwischen Opladen/Leverkusen, Schlebusch und Köln-Dünnwald entwickelte sich über die Ansiedlung einiger Zündstoff- und Sprengstofffabriken damals in mehrfacher Hinsicht „explosiv“.

Die Rheinische Dynamitfabrik in der Bürriger Heide
Kölner Dynamitfabrik, Küppersteg bei Köln
Nach dem Ersten Weltkrieg, Schließung 1926 und Spuren
Lage, historische Karten und Objektgeometrie
Internet, Literatur

Die Rheinische Dynamitfabrik in der Bürriger Heide
Den umfassenden und hier grundlegenden Recherchen des Leichlinger Sprengstoffexperten Friedrich Trimborn zufolge, geht die Errichtung der Fabrik auf Daniel Emil Müller und Max von Förster zurück. Beide waren als Pioniere während des Frankreichfeldzugs 1871 mit der Anwendung von Dynamit ausgebildet worden und stellten bei der Bezirksregierung den Antrag zur Errichtung einer Dynamitfabrik auf der Bürriger Heide bei Opladen.
Aufgrund von besorgten Einsprüchen, die auch Bezug auf die 1870 nur gut 5 Kilometer entfernt bei einer Explosion mit 15 Toten samt ihres Umfeld vollständig zerstörte Sprengstofffabrik Sternenberg nahmen, verzögerte sich die Genehmigung. Nachdem diese zunächst mit Datum vom 4. Juni 1872 versagt worden war, erging die Erlaubnis zehn Wochen später zum 14. August. Bereit zum 5. März 1873 konnte die Rheinische Dynamitfabrik Opladen ihren Betrieb auf dem Heidegelände zwischen Opladen und Bürrig aufnehmen. Max von Förster war da bereits aus dem Unternehmen ausgeschieden (Trimborn 2002).

Die Einfahrt zum Werk befand sich westlich von diesem an der heutigen Abzweigung der Straße Am Kettnersbusch von der Kölner Straße und war zugleich die Werksmagistrale, d.h. die zentrale Straße entlang der sich über mehrere hundert Meter in die Heide erstreckenden Fabrikanlagen. Der im Süden angrenzende Mühlenweg diente zum Transport der Produkte zu einer Verladestelle am Rhein bei Wiesdorf. Diese gehörte zu der mächtigen und in der Branche allgegenwärtigen Unternehmensgruppe der Alfred Nobel & Co. (später Dynamit AG , DAG), mit der die Opladener Dynamitfabrik zunächst noch in gnadenloser Konkurrenz um Produktionskapazitäten stand und unerbittliche Preiskämpfe ausfocht. Im Jahr 1884 schlossen sich schließlich die größten deutschen Produzenten unter Führung der DAG zu einem Kartell zusammen, das den Wettbewerb untereinander unterband (zu diesem „Pulverkartell“ vgl. hier).

Bereits im ersten Betriebsjahr 1873 wurde die Dynamitfabrik Opladen durch eine Explosion massiv zerstört, ging aber bereits im Folgejahr wieder in Produktion. Zahlreiche weitere Explosionsunglücke bis 1881 waren immer wieder Gegenstand von Eingaben aus der Bevölkerung mit dem Ziel, die gefährliche und nur einen Kilometer vom Opladener Ortskern entfernt gelegene Fabrik möge geschlossen werden. 1877 gründete sich sogar eine Bürgerinitiative (Trimborn 2002, Bauschen 2002).
Trotz alledem war das Werk als Arbeitgeber beliebt, da es extrem hohe Tagelöhne von über 4 Goldmark zahlte (um 1870/75 betrug der durchschnittliche Jahresverdienst eines Industriearbeiters etwa 500-650 Goldmark). 1876 waren in Opladen 80 Personen beschäftigt, darunter „eine Anzahl erwachsener Mädchen“, die jährlich 400 bis 500 Tonnen Dynamit herstellten (Trimborn 2002).

1876/78 wurde der Betrieb zur Wupper hin nach Nordwesten erweitert, wo Anlagen für die Herstellung von Säuren und eine Düngerfabrik entstanden (vgl. auch nachfolgend zur Objektgeometrie). Mit einer Normalstärke von nun etwa 100 Beschäftigten wurde das Werk um 1890 erneut erweitert und 1896 auf den Betrieb mit elektrischen Strom umgestellt, der von einer eigenen Dampfkraftanlage erzeugt wurde. 1900 erfolgte der Gleisanschluss an den Bahnhof Opladen.
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Kölner Dynamitfabrik, Küppersteg bei Köln
Aufgrund zahlreicher Verflechtungen der Sprengstoffproduzenten durch gegenseitige Beteiligungen, zahlreichen (sowohl erfolgten wie auch gescheiterten) Fusionen und Firmenübernahmen, damit einhergehenden Umbenennungen sowie dem Aufgehen vieler Unternehmen im Syndikat einer Deutschen Union bzw. später im Nobel-Trust, wird auch die Geschichte der Opladener Dynamitfabrik ab der Wende zum 20. Jahrhundert unübersichtlich.

Nicht nur die räumliche Nähe zu den in Küppersteg gegründeten Werken der später fusionierten Sprengkapselfabrik F. Paulus und Zündhütchenfabrik Schmitt & Co. lässt Trimborn annehmen, dass deren Gründungen 1876 bzw. 1897 bereits auf die Fabrik elektrischer Zünder GmbH (FEZ) zurückgehen. Die FEZ war eine Tochter der Rheinisch Westfälische Sprengstoff AG (RWS), die wiederum mit der Opladener Dynamitfabrik eng verbunden war.
Wohl bereits seit 1876 stand der Betrieb der Dynamitfabrik Gebr. Krebs & Cie. in Porz-Eil als Kölner Dynamitfabrik Küppersteg unter Leitung der Opladener Dynamitfabrik. Trimborn zufolge wurde das Eiler Werk zum 18. September 1901 von Opladen aus außerbetrieb gesetzt.
Einhergehend mit der Verlegung des Firmensitzes nach Köln (möglicherweise nach Kalk) wurde die Opladener Fabrik zum 11. November 1901 in Kölner Dynamitfabrik, Küppersteg bei Köln umbenannt und das Unternehmen noch im gleichen Jahr intern in eine Produktionsgesellschaft Rheinische Dynamitfabrik Köln für Werke in Opladen und Mansfeld und eine Vermögensgesellschaft Kölner Dynamitfabrik, Köln aufgeteilt, die Liegenschaften in Kalk, Eil und Bommern (heute ein Stadtteil von Witten) verwaltete.
Trimborn führt für das Opladener Werk an, dass dieses 1903 modernisiert und nochmals auf nunmehr 20 Hektar Betriebsfläche vergrößert wurde. Die Fertigung umfasste inzwischen Sprenggelatine, Dynamite, Ammongelite, Ammonite und Perchloratsprengstoffe, ab 1907 folgten als neue Produkte „Hebelanzünder“, Zündschnüre, elektrische Zünder und Sprengkapseln, deren Produktion offenbar arbeitsteilig zwischen Bürrig, Küppersteg und Troisdorf erfolgte. „Wahrscheinlich begann spätestens damals auch der Austausch von Dynamitlieferungen mit dem DAG-Werk Schlebusch.“

Während des Ersten Weltkriegs wurde in dem eigentlich nur gewerbliche, d.h. nicht-militärische Sprengstoffe erzeugenden Werk auf „dringenden Wunsch des Reichs“ im „Hindenburgprogramm“ ab dem 21. November 1916 auch wöchentlich etwa 75 Tonnen Pulverrohmasse produziert und eine Granaten-Füllstelle eingerichtet, für die wahrscheinlich die benachbarte Chemische Fabrik Gierlichs Pikrinsäure lieferte. 1917 waren bei der Rheinischen Dynamitfabrik etwa 500 vorwiegend weibliche Beschäftige tätig, die Mehrzahl davon im Werk Opladen.
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Nach dem Ersten Weltkrieg, Schließung 1926 und Spuren
Nach Kriegsende waren die zivile Sprengstoffe für den Bergbau herstellende Werke – darunter Opladen – voll auslastet, während militärische Produktionen über die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Friedensvertrags weitgehend zum Erliegen kamen und Werke teils demontiert wurden.
Einzig die Dynamit AG überlebte diese Phase und in Opladen wurden zwischen 1919 und 1921 mehr als 300 Tonnen Dynamit für das DAG-Werk Schlebusch produziert.

Nach Jahren der Ruhe ereigneten sich in der Dynamitfabrik Opladen dann 1918/19 erneut Explosionsunglücke mit Todesopfern, woraufhin 2.000 Opladener Bürger in einer Petition die Stilllegung des Werks forderten – wieder erfolglos (Trimborn 2002).
Während 1924 in Opladen noch 743 Tonnen Sprengstoff von 104 Beschäftigten produziert wurden, brach der Betrieb im Krisenjahr 1925 ein. Im Dezember kam der Betrieb mit nun nur noch 38 Arbeitern zum Erliegen und wurde im Juni 1926 offiziell eingestellt. Abwicklungsarbeiten und die Auslieferung der verbliebenen Produktion zogen sich noch bis zum Jahresende, als mit Datum vom 31. Dezember 1926 das Werk endgültig geschlossen wurde.

Das Werk war 1926 von der DAG übernommen worden, deren Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor Dr. Paul Müller war – des Sohn des Opladener Werksgründers Daniel Emil Müller. Wohl auch deswegen hoffte man zeitweise auf eine Wiederinbetriebnahme, die DAG konzentrierte sich jedoch auf ihre beiden Werke in Schlebusch.
Anfang 1931 fusionierte die DAG mit weiteren Dynamit- und Sprengstoffunternehmen, darunter auch die Rheinische Dynamitfabrik Opladen zur „neuen“ Dynamit AG mit Firmensitz in Troisdorf.

Die Opladener Gebäude und Anlagen waren zuvor bereits zwischen 1928 und 1930 abgerissen und das Areal verkauft worden. Auf den früheren Flächen der Dynamitfabrik Opladen befinden sich heute teils (Bayer-) Wohnsiedlungen, der Bürriger Friedhof und das Erholungsgebiet Reuschenberger Wald sowie im Bereich der einstigen Düngerfabrik der Sportplatz Birkenberg. An der Straße Am Kettnersbusch haben sich das Pförtnerhäuschen und hinter diesem ein Verwaltungs- und Direktorenhaus erhalten, in denen heute eine Kindertagesstätte „Lummerland“ residert.

Lage, historische Karten und Objektgeometrie
Auf den Kartenblättern der zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme ist das Areal der Bürriger Heide zwischen Reuschenberg und Fixheide noch vollständig unbebaut.
Auf der wenige Jahrzehnte jüngeren Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) findet sich dann der Eintrag einer gut 5 Hektar Grundfläche einnehmenden „Dynamit-Fbr.“ im Bereich der heutigen Bonner Straße / Bundesstraße B 8; dieser Darstellung folgt auch die hier eingezeichnete Objektgeometrie. Die Größe der Betriebsflächen ist wie bei anderen Werken nur bedingt zu bestimmen, da viele Sprengstofffabriken auch den sie umgebenden Wald mitnutzten, wo aus Sicherheitsgründen die sogenannten „Patronenbuden“ in abgelegener Lage betrieben wurden. Ferner nutzte die Dynamitfabrik Opladen im Westen Areale über dem heutigen Bürriger Friedhof bis in den Reuschenberger Busch hin als Lagerbereich (Trimborn 2002).
Die zeitlich nachfolgenden topographischen Karten der TK 1936-1945 lassen die 1926 geschlossenen Firmenanlagen dann bereits nicht mehr erkennen (vgl. Kartensichten). Spuren des vorab genannten Dynamithafens in Wiesdorf finden sich in den Karten nicht – ergänzende Hinweise zu dessen Lage sind willkommen!

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)

Internet
koeln-muelheim.de: Eine Historie mit viel Zündstoff (Text Matthias Bauschen, Kölner Stadt-Anzeiger vom 25.01.2002, abgerufen 05.02.2026)
stadtgeschichte-lev.de: „Leverkusen explosiv. Geschichte der Sprengstoffproduktion“, Gemeinschaftsausstellung des Bergischen Geschichtsvereins und der Stadtgeschichtlichen Vereinigung, 16. Juni bis 25. August 2024 (abgerufen 05.02.2026)
de.wikipedia.org: Dynamit Nobel (abgerufen 24.02.2022)
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Literatur

Gartz, Jochen (2007)
Vom Griechischen Feuer zum Dynamit – Eine Kulturgeschichte der Explosivstoffe. Hamburg, Berlin und Bonn.
Junkers, Günter (2017)
Brisante Sprengstoffe aus Leverkusen. In: Niederwupper 28, S. 133-140. o. O.
Trimborn, Friedrich (2002)
Explosivstoffabriken in Deutschland. Ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Explosivstoffindustrie (2. völlig überarbeitete Auflage der Ausgabe von 1995). S. 176-178, Köln.

Rheinische Dynamitfabrik Opladen

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Kettnersbusch / Bonner Straße
Ort
51379 Leverkusen - Opladen / Deutschland
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Kein
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1873, Ende 1926

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Rheinische Dynamitfabrik Opladen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356901 (Abgerufen: 5. April 2026)
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