Steinbruch am Stüss in Königswinter-Thomasberg

Am Steinenstüß

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Königswinter
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 41′ 29,87″ N: 7° 14′ 49,23″ O 50,69163°N: 7,24701°O
Koordinate UTM 32.376.183,54 m: 5.616.999,83 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.588.158,30 m: 5.618.084,57 m
Der Stüss ist ein kleiner Basaltsteinbruch an der Nordflanke des Ölbergs, ungefähr 800 Meter vor dem Gipfel. Die Informationen zu dem mitten im Wald liegenden Bruch sind etwas widersprüchlich. Schon 1866/67 sollen hier durch den zur Oberkasseler Steinbruchfamilie Adrian gehörenden Unternehmer Karl Adrian Pflastersteine für den Bau der Pleistalstraße gebrochen worden sein. Dafür beschäftigt er am Stüss vier Pflastersteinschläger. Weitere fünfzehn Arbeiter setzt er dazu außerdem in seinem großen Bruch am Limperichsberg ein. Den Bruch am Limperichsberg, den er bei einer Vermögensteilung übernommen hat, betreibt er seit 1856. Er veräußert den Bruch am Limperichsberg 1881 innerhalb der Familie und damit wohl auch den Abbau am Stüss. Während der Limperichsberg ab 1886 von J.G. Adrian (jun.) betrieben wird, kommt der Stüss zwischenzeitlich in die Hände eines Jakob Arenz. Über Arenz ist wenig bekannt. 1887 streitet er sich mit der Gemeinde Oberpleis vor Gericht, da er durch den Abbau einen Gemeindeweg unterbrochen haben soll. Es ist jedoch nicht sicher, ob es sich dabei um den Bruch am Stüss oder am benachbarten kleinen Ölberg handelt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Bruch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine große Bedeutung besessen hat und das Material wohl nur lokal Verwendung fand. So findet er zum Beispiel auch in der Karte des Markscheiders A. Schneider (1881) keine Darstellung.

Dies ändert sich ab 1900 mit der Übernahme durch den Unternehmer Albert Meyer. Meyer ist schon seit einer Weile im Steinbruchgeschäft tätig. So betreibt er von 1889 bis 1902 den großen Steinbruch an der Ostseite des Petersbergs (siehe Steinbrüche am Petersberg, Nord und Ost), und 1894 eröffnet er einen neuen Basaltsteinbruch am unweit gelegenen Steinringer Berg (siehe Steinbruch am Steinringer Berg).

Voraussetzung dafür ist die Erschließung des Hinterlandes am Siebengebirge durch die Heisterbacher Talbahn ab 1891. Bereits im selben Jahr beginnt der Oberkassler Unternehmer J.G. Adrian mit der industriellen Ausbeutung des Limperichsberg, 1894 eröffnet er einen weiteren Bruch am großen Scharfenberg (siehe Steinbruch Limperichsberg und Steinbruch großer Scharfenberg).

Die weitere Erschließung des Stüss hängt eng mit dem Basaltabbau am benachbarten Steinringer Berg zusammen. Zur Erschließung des dortigen Bruchs lässt Meyer 1894 eine 2,1 Kilometer lange Pferdebahn bauen. Sie zweigt etwa 400 Meter vor Grengelsbitze von der Oberdollendorfer Hauptstraße ab und folgt dem Verlauf der Wiesenstraße auf der Westseite des Limperichsberg. Die Strecke verläuft weiter über den Weiler Wiese nach Bennert und biegt dort ab um den Steinringer Berg auf seiner Nordseite zu erreichen. Da die Pferdebahn nicht leistungsfähig genug ist, stellt Meyers bereits ein Jahr später den Transport auf Dampflokbetrieb um. Von den Bewohnern der Region wird die Feldbahn „et Flitschbähnche“ oder auch „Rappelkiste“ genannt.
Am 3. Februar 1900 erhält Meyers von der Gemeinde dann die Genehmigung zur Erweiterung der Feldbahn mit einer gut 500 Meter langen Zweigstrecke zum Stüss. Sie zweigt am Weiler Bennert von der Steinringer Stecke ab und endet am Fuße der großen Halden des Stüss, wo eine Laderampe bestanden haben muss.

Ebenso wie bei den verschiedenen Brüchen der Umgebung gab es auch am Stüss einen Tunnel zur Erschließung des Bruchs. Der Tunnelausgang lag an der Nordostseite des Geländes. Die mit dem Rohmaterial beladenen Loren wurden mithilfe einer Motorwinde aus dem Bruch gezogen. Die Zurichtung der Pflaster-, Bord-, und Randsteine erfolgte auf den stetig wachsenden Halden am Tunnelausgang, die von sogenannten Kippern in großen Mengen von Hand zugeschlagen wurden. Gegen die Witterung schützten einfache dreieckige Holzverschläge, die sogenannten Kipperhütten. Außerdem exportierte man Stangenbasalt für den Deich- und Kanalbau sowie Uferbefestigungen. 1904 sind am Stüss 40 Arbeiter beschäftigt (StAB, A 679 VVS-Depositum).

Die Fertigprodukte genau wie das dafür unbrauchbare Material wurden anschließend mit der Feldbahn bis an die Oberdollendorfer Straße gefahren, wo eine Laderampe zum Umschlag auf die Heisterbacher Talbahn bestand. Das unbrauchbare Material wurde zuvor in dem gemeinsam mit dem Bruch des Steininger Bergs betriebenen Brechwerk zu Schotter und Split verarbeitet, begehrtes Material für den Bahn- und Straßenbau. Das Brechwerk lag an der Oberdollendorfer Straße am Abzweig der Wiesenstraße, nur 300 Meter hinter dem Brechwerk des Limperichbergs.

Ein historisches Foto zeigt ein langgestrecktes Backsteingebäude über einer hohen Laderampe aus Basaltstangen mit einer kleinen turmartigen Erweiterung, in der sich ein Backenbrecher befindet. Ein gemauerter Damm führt auf das Gebäude zu und erlaubt die Beschickung des dampfbetriebenen Brechers über die aus dem Bruch kommenden Loren von oben. Verarbeitet wird in der Regel Gestein, welches für die Herstellung von Pflastersteinen o.ä. ungeeignet war. Die Sortierung des zerkleinerten Materials in Schotter, Kleinschlag und Split erfolgt durch ein Trommelsieb und kann danach in kleine, darunter verlaufende Loren geschüttet werden, die auf der Laderampe verkehren. Mittels Blechschütten können die hölzernen Kastenwagen der unterhalb vorbeilaufenden Heisterbacher Talbahn befüllt werden.

Spätestens 1906 kommt der Stüss in den Besitz der Gebrüder Uhrmacher aus Oberkassel. Sie übernehmen vom Albert Meyers außerdem den Bruch am kleinen Ölberg, 250 Meter weiter südlich, sowie den großen Bruch am Steinringer Berg. Die Familie Uhrmacher prägt über längere Zeit den Abbau in der Region, der ab 1921 von Christian Uhrmacher & Söhne fortgeführt wird. 1928 veräußern die Uhrmachers ihren Besitz an die Gewerkschaft Fritz aus Andernach. Der Abbau am Stüss liegt bereits seit 1925 still und auch der Abbau am Steinringer Berg scheint sich nicht mehr zu lohnen und wird 1930 eingestellt.

Eine Nutzung des Steinbruchtunnels am Stüss während des Zweiten Weltkriegs wie in den umliegenden Brüchen ist nicht bekannt, wahrscheinlich eignete er sich aufgrund seiner schräg abfallenden Anlage nicht als Schutzraum.

Nach der Einstellung des Betriebs errichtet der TuS Thomasberg 1931 seinen ersten Sportplatz auf der unteren Abraumhalde. Der Verein war für seinen Feldhandball bekannt. Bereits 1947 gibt man den Platz zugunsten einer größeren Anlage am Limperichsberg auf.

Der wassergefüllte ovale Bruchkessel nimmt heute eine Fläche von rund 115 x 60 Metern ein. Die Felswände ragen bis zu 20 Meter hoch über dem Teich auf. Die Sohle des Abbaus kann noch deutlich tiefer liegen. Durch die Lage mitten im Wald wirkt die Wasserfläche sehr dunkel und lässt nichts erkennen.

An der Nordostseite des Abbaus liegen die Abraumhalden des Bruchs. Es handelt sich um zwei langgestreckte, übereinander gestaffelte Haldenkomplexe. Der obere mit einer Länge von 130 Meter ist dicht bewaldet, besitzt eine Breite von 20 bis 30 Metern und eine Höhe von bis zu 9 Metern. Die untere - hier lag der Sportplatz des TuS Thomasberg - ist gut 100 Meter lang und 55 Meter breit. Durch die Lage am Hang erreicht sie oberhalb der Siebengebirgsstraße eine Höhe von über 10 Metern. Die Böschungen sind bewaldet, die Fläche des ehemaligen Sportplatzes wurde später mit Einfamilienhäusern bebaut.

Der Steinbruchkessel selbst und die obere Halde liegen heute im Naturschutzgebiet Siebengebirge.

Datierung
1866/67, 1887, 1900 bis 1925

Zugang
Die Halden und auch der Bruchkessel können von öffentlichen Wegen aus eingesehen werden. Der Steinbruch selbst ist nicht zugänglich.

Hinweis
Das Objekt „Steinbruch am Stüss in Königswinter-Thomasberg“ ist Element des historischen Kulturlandschaftsbereiches Siebengebirge (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 446).

(Jörn Kling, 2025)

Quellen
Echo des Siebengebirges: 20.2.1899.
Schneider, A. (1881): Karte des Siebengebirges, angefertigt unter Benutzung des amtlichen Materiales, Verlag von Simon Schropp. Verlag Henry, Bonn.
StAB, A 679 VVS-Depositum

Literatur

Berres, Frieder / Heimatverein Siebengebirge (Hrsg.) (1996)
Gesteine des Siebengebirges. Entstehung - Gewinnung - Verwendung. Siegburg.
Ludwig, Jan (2006)
Basaltabbau im Siebengebirge. Konflikt zwischen Basaltgewinnung und Naturschutz (1871-1914), Königswinter in Geschichte und Gegenwart. Königswinter.
Schmidt, Willi (1993)
Die Strüch. Eine Chronik von Thomasberg. Hrsg. Bürgerverein Thomasberg. Thomasberg. Königswinter.
Sprötge, Gerd; Görres, Winfried; Müller, Friederich (1986)
Alt Hesprott in Bild und Wort. Hrsg. Heimatverein Heisterbacherrott. Heisterbacherrott.

Steinbruch am Stüss in Königswinter-Thomasberg

Schlagwörter
Ort
53639 Königswinter - Thomasberg-Heisterbacherrott / Deutschland
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn vor 1866, Ende 1925 bis 1931

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Jörn Kling: „Steinbruch am Stüss in Königswinter-Thomasberg”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356815 (Abgerufen: 14. März 2026)
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