Katholische Pfarrkirche Sankt Johann Baptist in Sievernich

Kirche zum heiligen Johannes dem Täufer mit Fátima-Kapelle

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Vettweiß
Kreis(e): Düren
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 43′ 41,23″ N: 6° 39′ 54,68″ O / 50,72812°N: 6,66519°O
Koordinate UTM 32.335.220,56 m: 5.622.191,38 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.547.010,63 m: 5.621.612,49 m
  • Blick auf die katholische Pfarrkirche Sankt Johann Baptist in Vettweiß-Sievernich (2006).

    Blick auf die katholische Pfarrkirche Sankt Johann Baptist in Vettweiß-Sievernich (2006).

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  • Das "Prager Jesuskind" in der Kirche Maria vom Siege in Prag (2015).

    Das "Prager Jesuskind" in der Kirche Maria vom Siege in Prag (2015).

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  • Der Kölner Architekt und Diözesanbaumeister Vincenz Statz (1819-1898), zeitgenössische Aufnahme von 1899.

    Der Kölner Architekt und Diözesanbaumeister Vincenz Statz (1819-1898), zeitgenössische Aufnahme von 1899.

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Die Kirche St. Johann Baptist ist die römisch-katholische Filialkirche des rund 440 Einwohner großen Ortsteils Vettweiß-Sievernich im Kreis Düren. Das Kirchengebäude ist als Baudenkmal in die Denkmalliste der Gemeinde eingetragen. Seit 2000 soll es hier Erscheinungen der Gottesmutter Maria geben.

Pfarr- und Baugeschichte
Baudenkmal
Pfarrer Alexander Heinrich Alef (1885-1945)
Angebliche Marienerscheinungen in Sievernich
Quellen, Internet, Literatur

Pfarr- und Baugeschichte
Sievernich gehörte mit seiner Kapelle zur Pfarrei St. Martin im Dorf Mersburden bei Zülpich, das im Jahr 1285 in die nunmehr ummauerte Stadt Zülpich umsiedelte. Bereits im Jahr 1208 kam die alte Sievernicher Kapelle, über deren Bau nichts weiter bekannt ist, an das Kloster Steinfeld bei Kall und dortige Chorherren übten die hiesige Seelsorge aus.
Um 1450 gehörte der Ort zum Dekanat Zülpich der Erzdiözese Köln und damit zum Archidiakonat des Propstes von St. Cassius in Bonn (Becker 2008). Im Jahr 1550 verfügte die Sievernicher Kapelle über alle Pfarrechte mit Ausnahme des Rechts zur Taufspendung, welches sie erst 1725 erhielt.
Während des von 1802 bis 1825 bestehenden und anschließend in das Erzbistum Köln eingegliederten „ersten“ Bistums Aachen kam Sievernich zur Pfarre Disternich, 1854 erfolgte die Erhebung zur eigenständigen Pfarre (www.st-marien-vettweiss.de). Heute gehört die Pfarrei zum am 13. August 1930 errichteten Bistum Aachen. Seit 2010 ist St. Johann Baptist in Sievernich keine eigenständige Pfarrgemeinde mehr, nachdem diese mit weiteren ehemaligen Pfarreien zur Pfarre St. Marien Vettweiß fusioniert wurde.

Mit Baubeginn 1869 trat an die Stelle der alten Kapelle die am 7. Juli 1873 geweihte heutige Kirche im neugotischen Stil. Die Bauausführung beruht auf Plänen des Kölner Diözesanbaumeisters Vincenz Statz (1819-1898) mit Überarbeitungen der Architekten Heinrich Nagelschmidt (1822-1902) und August Carl Lange (1834-1884). Die dreischiffige Hallenkirche verfügt über vier Gewölbeabschnitte (Joche), im Querschiff befindet sich die Sakristei, dem Bau vorgesetzt ist ein Westturm.
Nach 1945 wurde die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche nach Plänen des Architekten Wilhelm Ernst (1886-1946) wieder aufgebaut. In den Jahren von 1955 bis 1958 erfolgte eine Renovierung, bei der auch eine Fátima-Kapelle eingerichtet wurde (ebd.).
In den 1980er Jahren gelangte der gotische Schnitzaltar aus St. Matthäus im früheren Ort Pattern (bei Aldenhoven) nach Sievernich, als Kirche und Dorf infolge des voranschreitenden Braunkohle-Tagebaus „Inden I“ abgebaggert wurden.
Die örtliche Heiligenverehrung gilt neben Johannes dem Täufer als Pfarrpatron der Marienerscheinung im portugiesischen Fátima, einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche. Hier war die Gottesmutter Maria im Jahr 1917 angeblich drei Hirtenkindern erschienen, von denen zwei am 13. Mai 2017 durch Papst Franziskus heiliggesprochen wurden: Jacinta Marto (1910-1920) und Francisco Marto (1908-1919).
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Baudenkmal
Mit der Eintragung in die Denkmalliste zum 30. September 1986 unter der Nr. Sie-5 ist die katholische Pfarrkirche St. Johann Baptist Baudenkmal. Die Denkmalbeschreibung lautet (zitiert nach www.limburg-bernd.de):
„1869-77 Plan v. Vincenz Statz, Ausführung durch August Lange und Heinrich Nagelschmidt; neugotische 3-schiffige Backsteinhallenkirche; Langhaus zu 4 Jochen, 1-jochiges Altarhaus mit 5/8-Schluß; eingezogener 4-geschossiger Westturm; spitzbogiges Portal, darüber breitbahniges Backsteinfries; im Langhaus breitbahnige spitzbogige Fenster mit Vierpässen; im Inneren Reste der neugotischen Ausstattung, reich geschnitzte Kanzel; Kirche nach Kriegszerstörung erneuert.
Angebaut im Süden Eingangsvorhalle, im Norden kleine Kapelle. Zugehöriger Friedhof, darin barocke Grabkreuze aus Sandstein, 18. Jh., Friedhofskreuz (vermutlich früheres Wegekreuz) d. 18. Jh..
Bedeutend für die Geschichte des Menschen, erhaltenswert aus künstlerischen, wissenschaftlichen, besonders ortsgeschichtlichen Gründen.“
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Pfarrer Alexander Heinrich Alef (1885-1945)
Zum 21. Oktober 1960 wurde von der Sievernicher Gemeindevertretung die bisherige Kirchstraße in Pfarrer-Alef-Straße umbenannt.
Der 2. Februar 1885 in Bonn geborene Alexander Heinrich Alef wurde 1909 zum katholischen Priester geweiht. Obgleich schon 1925 aus gesundheitlichen Gründen in den zeitweiligen Ruhestand versetzt, wurde Alef zum 20. Oktober 1930 als Pfarrer in Sievernich eingesetzt. Seine offene Opposition zum nationalsozialistischen Regime brachte den Kirchenmann ab 1933 wiederholt in ernsthafte Schwierigkeiten, so wurde ihm aufgrund von Denunziationen und Anklagen 1935 die Zulassung zum Religionsunterricht entzogen.
Im Februar 1944 wurde Pfarrer Alef von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und nach Haft im Aachener Gefängnis Anfang September in das Deutzer Messelager nach Köln verbracht. Von dort wurde er am 16. September 1944 zunächst in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und am 6. Januar 1945 weiter in das KZ Dachau, wo er am 16. Februar 1945 vermutlich an Krankheitsfolgen der Haft verstarb.
Pfarrer Alexander Heinrich Alef wurde als einer von neun Diözesanpriestern im Bistum Aachen als „Blutzeuge aus der Zeit des Nationalsozialismus“ in die seit 1999 von der katholischen Kirche geführte Dokumentation des „Deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen (thema.erzbistum-koeln.de).
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Angebliche Marienerscheinungen in Sievernich
Der Ort Sievernich und die Kirche St. Johannes Baptist stehen wiederholt im Fokus der Öffentlichkeit, seit hier – erstmals im Zeitraum von Juni 2000 bis Oktober 2005 – einer Frau angebliche Erscheinungen der Gottesmutter Maria widerfahren sind. Auch aktuell finden noch regelmäßig Veranstaltungen in Form von monatlichen Gebetstreffen statt, bei denen die aus dem Nachbarort Düren-Gürzenich kommende „Seherin“ Manuela S. von Marienvisionen und Erscheinungen des „Prager Jesuskindes“ berichtet (vgl. www.maria-die-makellose.de, dort u.a. Termine am 5. November 2018, 7. Januar 2019 und 4. Februar 2019).
Das vermutlich im 16. Jahrhundert in Spanien angefertigte „Prager Jesulein“ ist eine Jesus als Kind im Alter von etwa drei Jahren darstellende ca. 45 Zentimeter große Wachsfigur, die weltweit als eines der bekanntesten wundertätigen Gnadenbilder gilt. Das Pražské Jezulátko befindet sich in der Kirche Kostel Panny Marie Vítězné (Maria vom Siege) des Karmelitenklosters in der tschechischen Hauptstadt Prag.
Die in Sievernich von der Gottesmutter Maria und dem Jesuskind übermittelten Botschaften sollen Aufforderungen „zum Gebet, zur Buße, zum Frieden, zur Nächstenliebe und zur Papsttreue“ zum Inhalt haben (ebd.).

Die Amtskirche hält sich aus sicher nachvollziehbaren Gründen hinsichtlich einer offiziellen Bewertung der vermeintlichen Erscheinungen zurück. Der zuständige Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff (*1940, Bischof von Aachen 1994 bis 2015) äußerte sich auf Nachfrage 2002 nicht zur „Echtheit“ der Visionen, zumal deren kirchliche Überprüfung „erfahrungsgemäß viele Jahre dauern“ könne (PUR magazin 2002). Auch aktuell äußert sich das Bistum nicht zu den Geschehnissen in Sievernich (www.bistum-aachen.de, Nachrichten).

Nicht nur die zeitliche Nähe zu den angeblichen Marienerscheinungen von 1999 in Marpingen (Landkreis St. Wendel, Saarland) ist auffällig. Im dortigen Härtelwald soll die „allerseligste Jungfrau Maria“ zunächst 1876/1877 drei achtjährigen Mädchen erschienen sein und erneut drei Frauen insgesamt 13 mal zwischen Mai und Oktober 1999. Die Folgen waren beachtlich: Pilgerten am 8. August 1999 bereits rund 20.000 Menschen zur dortigen Marienkapelle um dem (jeweils vorab angekündigten) Geschehen „live“ beizuwohnen, waren es zur letzten Erscheinung am 17. Oktober 1999 rund 40.000 Besucher!
Die theologische Bewertung des damals zuständigen Trierer Bischofs Reinhard Marx (*1953, Bischof von Trier 2002-2008, seit 2008 Kardinal und Erzbischof von München und Freising) war eindeutig: „Es steht nicht fest, dass den Ereignissen in Marpingen aus den Jahren 1876 und 1999 ein übernatürlicher Charakter zukommt.“ (Kirchliches Amtsblatt 2006)
Gleichwohl besuchen seitdem immer noch bis zu 40.000 Pilger jährlich die Marpinger „Orte der Marienverehrung“ – und dies sicher nicht zum Schaden der 10.000 Einwohner großen Gemeinde, die in Anlehnung an den bedeutenden Wallfahrtsort in Frankreich mit ihrem Ruf als „deutsches Lourdes“ wirbt (marpingen.de).

Ob die weitere Entwicklung in Sievernich letztlich ein „deutsches Fátima“ oder ein „Klein-Lourdes“ zur Folge haben wird, bleibt abzuwarten. Vor Ort werden jedenfalls bereits eine Vielfalt religiöser Devotionalien, darunter „Öl aus der Lampe des gnadenreichen Jesuskindes“, Literatur, Medaillen und CDs angeboten, die „gegen eine erbetene Spende“ abgegeben werden.
Aktuell plant der „Förderverein Gebets- und Begegnungsstätte e.V.“ den Bau eines „Pilgerhauses Jerusalem“ in Sievernich, der voraussichtliche Baubeginn ist auf März 2019 terminiert. Da „die Bausteine des Hauses Jerusalem aus Gebet und Spenden“ bestehen, gilt natürlich auch für dieses Vorhaben ein mit drei Ausrufezeichen nachdrücklich formulierter „Dringender Spendenaufruf!!!“ (www.maria-die-makellose.de)

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2019)
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Quellen
  • PUR magazin (unabhängiges, katholisch orientiertes Nachrichtenmagazin), Nr. 11 vom November 2002.
  • Kirchliches Amtsblatt des Bistums Trier, Erlasse des Bischofs, Sonntag, 1. Januar 2006, Jahrgang 150, Artikel 2: Dekret des Bischofs zu den behaupteten Erscheinungen in Marpingen von 1876 und 1999.

Internet
www.st-marien-vettweiss.de: Kirche St. Johann Baptist Sievernich (abgerufen 07.02.2019)
www.limburg-bernd.de: Denkmale in der Gemeinde Vettweiß (abgerufen 07.02.2019)
www.bistum-aachen.de: Büro der Regionen Düren und Eifel (abgerufen 07.02.2019)
www.bistum-aachen.de: Nachrichten für die Region Düren (abgerufen 07.02.2019)
de.wikipedia.org: St. Johann Baptist Sievernich (abgerufen 08.02.2019)
de.wikipedia.org: Alexander Heinrich Alef (abgerufen 07.02.2019)
thema.erzbistum-koeln.de: Deutsches Martyrologium, Bistum Aachen (abgerufen 07.02.2019)
www.maria-die-makellose.de: Von der „Seherin“ betriebene Homepage zum „Erscheinungsort Sievernich“ (abgerufen 07.02.2019)
marpingen.de: Gemeinde Marpingen, Pilgern (abgerufen 07.02.2019)
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Literatur

Becker, Thomas P. (2008)
Bistümer, Archidiakonate und Landdekanate um 1450. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, IX.4.) Bonn.
Wolf-Dahm, Barbara (1996)
Vincent Statz in Westpreußen - auf den Spuren des Kölner Baumeisters. In: Westpreußen-Jahrbuch, aus dem Land an der unteren Weichsel, S. 72-80. o. O.

Katholische Pfarrkirche Sankt Johann Baptist in Sievernich

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Pfarrer-Alef-Straße 6
Ort
52391 Vettweiß - Sievernich
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1869 bis 1873

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Katholische Pfarrkirche Sankt Johann Baptist in Sievernich”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-290274 (Abgerufen: 8. Dezember 2019)
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