Wohnhochhaus Zum Renngraben 8 in Neu-Liblar

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Erftstadt
Kreis(e): Rhein-Erft-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 48′ 24,1″ N: 6° 49′ 17,01″ O / 50,8067°N: 6,82139°O
Koordinate UTM 32.346.501,05 m: 5.630.591,28 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.557.942,37 m: 5.630.464,03 m
  • Wohnhochhäuser in Erftstadt-Liblar (2018), rechts im Bild das Gebäude Theodor-Heuss-Straße 20, links Zum Renngraben 8.

    Wohnhochhäuser in Erftstadt-Liblar (2018), rechts im Bild das Gebäude Theodor-Heuss-Straße 20, links Zum Renngraben 8.

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    Müller, Dorothee
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  • Wohnhochhäuser in Erftstadt-Liblar (2017), rechts im Bild das Gebäude Theodor-Heuss-Straße 20, links Zum Renngraben 8.

    Wohnhochhäuser in Erftstadt-Liblar (2017), rechts im Bild das Gebäude Theodor-Heuss-Straße 20, links Zum Renngraben 8.

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  • Fahndungsplakat "Anarchistische Gewalttäter - Baader/Meinhof-Bande" aus der Zeit der ersten Generation der RAF (1970/72).

    Fahndungsplakat "Anarchistische Gewalttäter - Baader/Meinhof-Bande" aus der Zeit der ersten Generation der RAF (1970/72).

    Copyright-Hinweis:
    Urheber unbekannt / Bundesarchiv, Plakat 006-001058, 1970/72
    Fotograf/Urheber:
    unbekannt / Bundesarchiv
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Im Süden des Erftstädter Stadtteils Liblar entstand ab dem Ende der 1960er Jahre ein moderner Wohnpark „Neu-Liblar“. Eines der Wohnhochhäuser wurde während des „Deutschen Herbstes“ 1977 für zehn Tage als Versteck für Hanns Martin Schleyer genutzt, den von der linksterroristischen Roten Armee Fraktion entführten Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Der Wohnpark „Neu-Liblar“
RAF-Versteck während der Schleyer-Entführung 1977
Fahndungspannen
Internet, Literatur

Der Wohnpark „Neu-Liblar“
Östlicher der Liblarer Bliesheimer Straße entstandenen seit 1967 in mehreren Bauabschnitten moderne Wohnparks um weiteren Wohnraum im seit den 1950er Jahren rasant wachsenden Stadtteil zu schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl Liblars beträchtlich von rund 4.300 im Jahr 1959 auf deutlich über 13.000 an (13.214 in 2006 nach HbHistSt NRW 2006 bzw. 13.315 in 2018 nach de.wikipedia.org, Liblar). Die zahlreichen Neubürger arbeiteten überwiegend im etwa 20 Kilometer entfernten Köln oder der Umgebung der Rheinmetropole.

Platz für das Vorhaben war im Süden des alten Liblar reichlich vorhanden: Die alten Karten der Topographischen Aufnahme der Rheinlande (1801-1828) zeigen den Bereich südöstlich vom Liblarer Schloss Gracht als große Freiflächen „Ziegelacker“ und „Grosser Renngraben“. Auch in den Karten der zwischen 1836 und 1850 erarbeiteten Preußischen Uraufnahme und der Preußischen Neuaufnahme (1891-1912) ist der Bereich des heutigen Neu-Liblar noch völlig unbebaut (vgl. die historischen Karten in der Kartenansicht).
Die neuen Siedlungen wurden in gemischter Bauweise mit Hochhäusern – darunter das in Terrassen pyramidenförmig erbaute „Hügelhaus“ von 1975 (Im Spürkergarten) –, Zeilenhäusern und mehrgeschossigen freistehenden Ein- und Mehrfamilienhäusern oder Bungalows angelegt. Für einen zeitgemäßen Wohnkomfort sorgten neben einer großzügigen Begrünung ein Bürgerplatz an der Theodor-Heuss-Straße sowie ein 1978 erbautes Dienstleistungs- und Einkaufszentrum (am Holzdamm, westlich der Bliesheimer Straße). Ebendort entstand 1988/89 auch das neue Rathaus der Stadt Erftstadt.
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RAF-Versteck während der Schleyer-Entführung 1977
Eines der für Erftstadt-Liblar markanten Wohnhochhäuser erlangte während des „Deutschen Herbstes“ 1977 als Versteck des von der linksterroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) entführten Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Hanns Martin Schleyer (1915-1977), traurige Bekanntheit. Ziel der sechswöchigen Geiselnahme Schleyers war die Freipressung zahlreicher inhaftierter RAF-Mitglieder aus deutschen Gefängnissen. Palästinensische Terroristen unterstützten dieses Vorhaben später mit der Entführung des Lufthansa-Passagierflugzeugs „Landshut“ am 13. Oktober 1977.

Bereits im Juni/Juli 1977 erfolgte die Anmietung eines Appartements im 15-geschossigen Wohnhochaus Zum Renngraben 8 zum 1. August. Die 78 Quadratmeter große Wohnung Nr. 104 im dritten Stock links wurde durch eine „junge Frau mit Kopftuch“ angemietet, die sich als „Annelore Lottmann-Bückelers“ ausgab; später identifizierte man diese als RAF-Terroristin Monika Helbing (*1953, seit 1981 Freifrau von Seckendorff-Gudent).
Am 5. September 1977 entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten in der Köln-Braunsfelder Vincenz-Statz-Straße. Innerhalb von etwa zwei Minuten fielen dabei 130 Schüsse und Schleyers Chauffeur Heinz Marcisz (41) und die drei als Personenschützer begleitenden Polizisten Reinhold Brändle (41), Roland Pieler (20) und Helmut Ulmer (24) wurden dabei kaltblütig erschossen. In unmittelbarer Nähe zum Ort der Ereignisse erinnert heute eine Gedenkstätte an das Attentat.
Den betäubten Schleyer verbrachte das RAF-Kommando von Köln nach Liblar, wo er in einem als Zelle hergerichteten Wandschrank von 160 x 71 x 250 cm Größe für zehn Tage gefangen gehalten wurde. Das dortige „Volksgefängnis“ – so der Jargon der RAF, die Schleyer intern zynisch „Spindy“ nannten – war als Unterschlupf und Versteck für die konspirativ agierenden Terroristen perfekt geeignet: In dem anonymen Hochhaus führte ein Aufzug von der Tiefgarage bis zur Wohnung und die nahegelegenen Bundesautobahnen A 1/61 und 4 ermöglichen eine rasche Flucht (Aust 1985, S. 468 und Winkler 2007, S. 309).
Um dem wachsenden Fahndungsdruck zu entgehen, wurde Schleyer in der Nacht vom 19. auf den 20. September 1977 in eine Wohnung im Bezirk Sint-Pieters-Woluwe in die belgische Hauptstadt Brüssel verbracht.
Nach der erfolgreichen Befreiung der entführten „Landshut“ im Somalischen Mogadischu und dem Suizid der prominenten RAF-Gefangenen in Stuttgart-Stammheim am frühen 18. Oktober 1977 wurde Schleyer im Grenzgebiet von Frankreich zu Belgien erschossen. Seine Leiche wurde am Folgetag im Kofferraum eines PKW in der Rue Charles Peguy im Elsässischen Mulhouse (Mülhausen) aufgefunden.
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Fahndungspannen
Eine besondere Tragik um das Liblarer Versteck wurde erst nach dem „Deutschen Herbst“ offenbar, als sich herausstellte, dass „Schleyer vielleicht noch leben könnte, wenn da im Polizei-Apparat nicht geschlampt worden wäre“, wie hohe Sicherheitsexperten wenig später intern einräumten (www.spiegel.de).
Bereits während der ersten Tage der Entführung gaben Bürger mehrfach Hinweise zu einem möglichen Schleyer-Versteck in Liblar an die Polizei. Diese Meldungen erreichten jedoch zu spät bzw. teils gar nicht das die Fahndung zentral koordinierende Bundeskriminalamt (BKA), so dass ihnen nicht nachgegangen wurde.
Aufgrund der für die RAF typischen Kriterien wies ein örtlicher Polizist sogar dezidiert auf das Haus Zum Renngraben 8 hin, doch auch diesem Hinweis wurde beim zuständigen Krisenstab in Köln nicht nachgegangen. Ein Beamter hatte das Fernschreiben mit der Nummer 827 in eine falsche Ablage gelegt, wodurch es in Vergessenheit geriet (ebd. und Aust 2008, S. 681).
Überzeugt von ihrer heißen Spur klingelte die örtliche Polizei schließlich sogar an der Wohnungstür Nr. 104, wo das RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock (*1951) Schleyer bewachte. Boock zischte dem Entführten zu: „Du bleibst ganz ruhig. Sonst gibt es hier Tote. (...) Er machte keinen Mucks. Und der Polizist ging wieder.“ (www.sueddeutsche.de)

Als das BKA schließlich am 9. November 1977 das Versteck entdeckte, fanden die Fahnder das verlassene Appartement so gründlich gereinigt vor, dass sich kein einziger verwertbarer Fingerabdruck sichern ließ.
Wie zum Hohn meldete sich im Januar 1978 nochmals „Annelore Lottmann-Bückelers“ per Brief bei dem Vermieter und teilte mit, dass sie nun „Johnson“ heiße und seit neuestem im australischen Melbourne lebe – die Wohnung könne also wieder anderweitig vermietet werden (www.spiegel.de).

(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2018)

Internet
de.wikipedia.org: Liblar (abgerufen 22.10.2018)
de.wikipedia.org: Schleyer-Entführung (abgerufen 22.10.2018)
www.spiegel.de: Einfach untergegangen (Der Spiegel 10/1978 vom 06.03.1978, abgerufen 22.10.2018)
www.spiegel.de: Nacktes Chaos (Der Spiegel 11/1978 vom 13.03.1978, abgerufen 22.10.2018)
www.sueddeutsche.de: „Du bleibst ganz ruhig. Sonst gibt es hier Tote“ (Süddeutsche Zeitung vom 07.09.2017, abgerufen 07.11.2018)
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Literatur

Aust, Stefan (2008)
Der Baader-Meinhof-Komplex. völlig überarbeitete und ergänzte Neuausgabe. Hamburg.
Aust, Stefan (1985)
Der Baader-Meinhof-Komplex. S. 457 ff., Hamburg.
Groten, Manfred; Johanek, Peter; Reininghaus, Wilfried; Wensky, Margret / Landschaftsverband Rheinland; Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hrsg.) (2006)
Handbuch der Historischen Stätten Nordrhein-Westfalen. HbHistSt NRW, Kröners Taschenausgabe, Band 273, 3. völlig neu bearbeitete Auflage. S. 321-322, Stuttgart.
Winkler, Willi (2007)
Die Geschichte der RAF. S. 308 ff., Reinbeck.

Wohnhochhaus Zum Renngraben 8 in Neu-Liblar

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Zum Renngraben 8
Ort
50374 Erftstadt - Liblar
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung
Historischer Zeitraum
Beginn 1967 bis 1977

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„Wohnhochhaus Zum Renngraben 8 in Neu-Liblar”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-287728 (Abgerufen: 24. August 2019)
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