1874 wurde die Brücke von der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft als damals längste Eisenbahnbrücke Europas eröffnet. Ihr Bau (Baubeginn: 1871) erfolgte in sehr massiver Ausführung, denn es mussten besondere Auflagen der preußischen Militärverwaltung zur Sicherung der Festung Wesel beachtet werden. So waren an beiden Uferpfeilern insgesamt 4 Wehrtürme mit 1,5 Meter dickem Ziegelmauerwerk und ca. 2,50 Meter Höhe zu errichten. Zur Sicherung des Brückenkopfes wurde linksrheinisch das Fort I erbaut, das sich heute, wie auch die Brücke, in Privatbesitz befindet.
Bei einem Umbau wurden im Jahr 1927 die Befestigungsbauwerke abgebrochen. Die Eisenbahnbrücke war zum Ende des Zweiten Weltkrieges die letzte Verbindung über den Rhein. Um die Alliierten an einer Rheinüberquerung zu hindern, wurde sie am 10.03.1945 gesprengt. Von der Stahlbaukonstruktion, die den Rhein überspannte, ist heute nichts mehr übrig.
Auf der rechten Rheinseite werden heute die ehemaligen Viadukte als Hangar für Segelflugzeuge und für die Gastronomie genutzt. Auf dem Landpfeiler befindet sich eine Aussichtsplattform, an deren Stahlgittern Paare symbolisch zahlreiche „Liebesschlösser“ aufgehängt haben, ähnlich wie auf der Hohenzollernbrücke in Köln. Auf der linken Rheinseite befindet sich das Bauwerk im Naturschutzgebiet „Rheinaue zwischen Büderich und Perrich“. Die umliegenden Flächen werden als Wiesen- und Weidegrünland genutzt. Das Betreten der Brücke ist verboten, lediglich die Seitenflanken sind von einem Wirtschaftsweg aus zu besichtigen. Das Brückenbauwerk reicht zudem an den über den Deich verlaufenden Radweg heran, wo mehrere Hinweistafeln mehr Information geben: Der Heimatverein Büderich und Gest e.V. beschreibt den Werdegang der Brücke und ihre Einbindung in die Festungsstadt Wesel mit historischen Fotos und Kartenmaterial. Mit Mitteln aus einem Interreg-Projekt wurde eine weitere Hinweistafel aufgestellt, auf der ihre Bedeutung für den überregionalen Verkehr (Boxteler Bahn) hervor gehoben wird.
Die Brücke als Lebensraum für Pflanzen und Tiere Die Brücke stellt für viele Tiere und Pflanzen einen Lebensraum mit besonderen Bedingungen dar. Ökologisch gleicht sie in ihren Standortbedingungen in Teilen einer Felslandschaft. Sie bietet Bewohnern einen Lebensraum, die einen starken Wechsel ihrer Lebensverhältnisse ertragen. Die Verhältnisse sind zudem räumlich unterschiedlich verteilt: je nach Ausrichtung zur Sonne gibt es eher heiße, bodentrockene Standorte mit extremer Sonneneinstrahlung, oder eher schattige und feuchtere Plätze, an denen ablaufendes Wasser das Vorkommen von Farnen bis zu Sträuchern und Bäumen ermöglicht.
Die Brücke ist flächig mit einer recht dünnen Schicht Feinboden bedeckt. In den 1990er Jahren wurden dort noch Reste der Stromtal-Trockenrasen-Gesellschaft der Rheinwiesen festgestellt, so z.B. Wiesen-Salbei, Wiesen-Margerite und nicht so geläufige Arten wie Zierliche Kammschmiele und Mittlerer Wegerich. Mauerabbrüche legen ab und an neues Substrat frei. Auch die typischen Pflanzen der Rohböden sind auf der Brücke zu finden, wie z.B. Reseda-Arten oder Echtes Leinkraut. Tierische Bewohner bringen noch eine andere Komponente ein: Nährstoffe aus Nistmaterial, Kot oder verendeten Tieren sorgen kleinräumig für das Pflanzenwachstum. Frischluftzufuhr und hinreichend Luftfeuchtigkeit aus der Aue ergänzen die guten Bedingungen für das Wachstum von Flechten auf dem Mauerwerk. Tierische Besiedler sind vor allem Höhlennutzer wie die Fledermäuse, so wurden Fransenfledermaus, Wasserfledermaus und das Braune Langohr hier nachgewiesen. Steinkauz und Turmfalke wurden ebenso wie Rostgans und Hohltaube brütend hier beobachet. Für einige Insektenarten bietet die Brücke einen einmaligen Lebensraum. Neben Heuschreckenarten wurde in den 1990er Jahren noch die Mauerbiene Osmia adunca nachgewiesen, die direkt abhängig ist von den Pollen des auf der Brücke vorkommenden Echten Natternkopfes.
Aus Sicht des Natur- und Artenschutzes ist zu wünschen, dass dieser vielfältige Sonderlebensraum noch lange erhalten bleibt. Eine Liste aller vorgefundenen Arten befindet sich als pdf-Datei in der Medienleiste.
(Biologische Station im Kreis Wesel e.V., erstellt 2014 im Zuge des Projektes „Kulturlandschaft am Niederrhein“. Ein Projekt im Rahmen des LVR Netzwerks Umwelt und Ergänzungen 2022 im Rahmen des Projektes „KuLaDig-Natur“. Ein Projekt im Rahmen des LVR-Netzwerks Kulturlandschaft)
Kulturlandschaftsbereich und Baudenkmal Die Eisenbahnbrücke Wesel ist wertgebendes Merkmal des Kulturlandschaftsbereichs „Rheinbrücke Wesel“ (Regionalplan Ruhr 016). Die Relikte der Weseler Eisenbahnbrücke sind eingetragene Baudenkmäler (Ruine des rechtsrheinischen Brückenkopfes, LVR-ADR-ObjNr. 31017; Artillerieraum Eisenbahnbrücke - Hohlraum zwischen Brückenpfeilern, LVR-ADR-ObjNr. 30742, Ruine des linksrheinischen Brückenkopfes, LVR-ADR-ObjNr. 30820, Stadt Wesel, UDB-Nr. 076).
Literatur
Barthels, Thomas; Möller, Armin; Barthels, Klaus (2007)
Bahnen am Niederrhein. Eine Bestandsaufnahme der Eisenbahnen am Niederrhein zwischen Arnhem und Rommerskirchen, Venlo und Oberhausen. S. 80, Mönchengladbach.
Höpfner, Haus-Paul (1986)
Eisenbahnen. Ihre Geschichte am Niederrhein. S. 70-73, Duisburg.
Illmer, Jürgen (2000)
Die ehemalige Weseler Eisenbahnbrücke. Zufluchtsort für Pflanzen und Tiere. In: Kreis Wesel Jahrbuch 2001, S. 135-144. Duisburg.
Swoboda, Rolf (2010)
Die Venloer Bahn. Von Haltern über Wesel nach Venlo. Berlin.
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