Judenfriedhof Rauental

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Koblenz
Kreis(e): Koblenz
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 50° 21′ 43,42″ N: 7° 35′ 7,3″ O 50,36206°N: 7,58536°O
Koordinate UTM 32.399.382,37 m: 5.579.844,17 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.399.417,23 m: 5.581.636,39 m
  • Gräberreihe auf dem Judenfriedhof in Koblenz-Rauental (2006)

    Gräberreihe auf dem Judenfriedhof in Koblenz-Rauental (2006)

    Copyright-Hinweis:
    Hahn, Joachim / Alemannia Judaica
    Fotograf/Urheber:
    Joachim Hahn
    Medientyp:
    Bild
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  • Eine Reihe von Gräbern auf dem Judenfriedhof in Koblenz-Rauental (2006).

    Eine Reihe von Gräbern auf dem Judenfriedhof in Koblenz-Rauental (2006).

    Copyright-Hinweis:
    Hahn, Joachim / Alemannia Judaica
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Lage und erste Erwähnungen
Laut Huyer gab es in Koblenz bereits im Mittelalter einen älteren jüdischen Friedhof im Flurstück „Im Ruslauyt“ (alemannia-judaica.de, Huyer 2006). Reuter (2007) führt dazu an „Zwei mittelalterliche Friedhöfe sind bezeugt; in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein neuer Friedhof angelegt.“
Hinweisen von Herrn Offerhaus zufolge, handelte es sich bei dem vorab genannten älteren Flurstück „Im Ruslauyf“ (= Roßlauf) jedoch nicht um einen eingefassten Friedhof, sondern ein steiniges, für Landwirtschaft nicht nutzbares Gelände am Hang der Karthause, auf dem verstorbene Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in Koblenz bestattet wurden:
„Vermutlich war dieser 1293 erwähnte 'Judenkirchhof' nicht mehr als eine Ansammlung von einzelnen Gräbern. Das Gräberfeld gehörte zu einer kleinen Gemeinde jüdischer Kaufleute in Koblenz, die in dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden Reisebericht des Benjamin von Tudela erwähnt sind.“ (Offerhaus 2024; ebenso nachfolgende Zitate)
Ferner wird im Martyrologium des Nürnberger Memorbuchs erwähnt, „dass am 2. April 1265 in Koblenz etwa zwanzig Juden samt Frauen und Kindern ermordet wurden ... Wenn die Ermordeten nicht irgendwo verscharrt wurden, wurden sie möglicherweise in einem Sammelgrab auf dem jüdischen Begräbnisplatz in der Roßlauf bestattet.“

Es gab demnach nur den einen Friedhof, der im Jahr 1303 von der jüdischen Gemeinde außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer in der Weinbergslage Ruendale / Rauendal erworben und angelegt wurde.
„Die Kaufurkunde besagt, dass Siegfried von Montabaur und seine Frau Mechthildis am 4. November 1303 der Koblenzer Judengemeinde für 51 Mark einen halben Morgen Weingarten in der Flur Mulde verkauften.“
Das Wort „Mulde“, das sich hier von Molde / Mohle für einen Erdhügel ableitet (vergleiche auch den Maulwurf, eigentlich Moldertier), bezeichnet hier die leichte Erhöhung im natürlichen Geländeprofil bei Rauental. Die nachfolgend urkundlich meist als cimiterium Judeorum bezeichnete Begräbnisstätte in der „Mulde“ wurde nachfolgend mehrfach aufgehoben und zerstört (die heutige Anlage stammt aus dem 19. Jahrhundert). Im 15. und 16. Jahrhundert hielten sich dann landläufige Bezeichnungen wie ioden kirchoff („Judenkirchhof“) als Flurname, etwa bei Immobiliengeschäften.
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Weitere Geschichte
Nach der Vertreibung der Juden aus dem Erzstift Trier 1418 setzte deren Rückkehr erst im Jahr 1592 ein, als diese über ein landesherrliches Edikt zugleich das Recht erhielten, einen Begräbnisplatz zu erwerben. Von 1592 bis 1657 beerdigten die Koblenzer Juden ihre Toten offenbar (auch) in der näheren Umgebung von Koblenz während auf dem Koblenzer Friedhof auch Juden aus Dieblich, Kobern und anderen Orten ihre Toten beerdigten.
„Unbekannt ist, wo Juden nach Zulassung ihrer Wiederansiedlung ab 1512 bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts ihre Toten bestattet haben – vermutlich auf kleinen Friedhöfen in der Umgebung von Koblenz wie in Metternich, Horchheim oder Arzheim, wo weitab vom jeweiligen Ortszentrum alte Flurbezeichnungen wie Auf bzw. Hinter dem Judenkirchhof oder Juden kirchhoff existieren.“ (Offerhaus 2024)

Der Stein des Coblenz Simeon, Sohn des Saul Benjamin, weist als jüdisches Sterbedatum den 24. Adar 5417 aus, was dem Jahr 1657 unserer Zeitrechnung entspricht:
„Möglicherweise war es Simon Koblenz, seinerzeit der führende Kopf der jüdischen Gemeinde, der in Verhandlungen mit der Pächterin des Lehens erreicht hatte, dass Juden ihre Toten – gegen ein entsprechendes Entgelt – auf dem Friedhof bestatten durften. Als er 1657 verstarb, war er einer der ersten, die hier beigesetzt wurden. ... Er verschied am Tag 6, am Vorabend des heiligen Schabbat, 24. Adar 417 der kleinen Zählung [= 9. März 1657], und wurde begraben an eben jenem Tag mit großer Ehre … Genannt von jedermann Herr Schimon Koblenz.“ (ebd.)

Im 17. Jahrhundert erhielten Juden dann das Recht, ihre verstorbenen Gemeindeglieder auf dem alten jüdischen Friedhof zu bestatten - allerdings gegen eine Gebühr. Erst 1822 - in preußischer Zeit nach dem dann gültigen Zivilrecht - erhielt die Gemeinde das Eigentumsrecht an ihrem alten Friedhof zurück (Hinweise Herr Offerhaus, 2026).
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20. Jahrhundert und NS-Zeit
„1904 stellte die Synagogengemeinde fest, dass 'der jüdische Begräbnisplatz demnächst seine volle Belegungsfähigkeit erreicht' haben werde. Weil das ohnehin beengte Friedhofsareal 1904 wegen der Anlage der Schwerzstraße um einen Geländestreifen verkleinert werden musste, beschlossen
Vorstand und Repräsentanten-Versammlung am 25. Februar 1905 den Ankauf eines Grundstücks am Wallersheimer Weg in Neuendorf, um dort einen neuen Friedhof anzulegen. Jedoch wurde der hier projektierte jüdische Friedhof nie realisiert.“
(Offerhaus 2024)

Am 14. Oktober 1920 wurde von der Jüdischen Gemeinde auf dem Friedhof ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges feierlich enthüllt, die Planungen hierzu hatten bereits im Mai 1920 begonnen. Das Monument enthielt zwei Tafeln und unter einem Davidstern die Widmungsinschrift „in dankbarem Andenken an ihre im Weltkrieg gefallenen Heldensöhne – Die Synagogengemeinde Koblenz“ sowie eine Liste von 23 namentlich genannten Soldaten, die der jüdischen Gemeinde angehörten und im Krieg gefallen waren.
Das Ehrenmal wurde zwischen 1940 und 1945 vollständig zerstört. Vermutlich wurde es demontiert und das Material zur Wiederverwendung an anderer Stelle abtransportiert.
Im Jahr 1947 wurde es durch einen Gedenkstein ersetzt. Auf der Stele aus Muschelkalk mit abschließendem Blattkranz steht unter einem Davidstern zu lesen (nach de.wikipedia.org):
„Den Toten zur Erinnerung, den Lebenden zur Mahnung! Gedenket unserer 6 Millionen Brüder u. Schwestern, die ein Opfer des Rassenwahns wurden. Von 500 Koblenzer Juden leben noch 22.“

Während der NS-Zeit war es bereits vor der Pogromnacht im November 1938 zu Schändungen des Friedhofs und mehreren weiteren mutwilligen Zerstörungen auf dem Gräberfeld gekommen. Auf zahlreichen Grabsteinen wurden dabei die Tafeln mit den Namen und Lebensdaten der Verstorbenen systematisch herausgebrochen und zertrümmert. Herausgerissene Grabsteine wurden zunächst auf dem Lützeler Moselufer abgekippt und erst einige Jahre später zur Erneuerung einer älteren maroden Treppe auf dem ansteigenden Gelände eines Kindergartens der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) als Treppenstufen verlegt.
Seinerzeit konkret bestehende Pläne, auf dem als „dem Deutschen Reich verfallenes herrenloses Gut“ angesehenen Friedhofsgelände den Neubau des Koblenzer Finanzamts zu errichten, konnten wegen der herrschenden Kriegsbedingungen nicht realisiert werden.
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Erst im Jahr 1951 wurde das Eigentumsrecht am Friedhof von der Finanzverwaltung an die Jüdische Kultusgemeinde Koblenz zurück übertragen. Heute sind auf dem 8.590 Quadratmeter Fläche einnehmenden Begräbnisplatz noch etwa etwa 706 Grabstätten (Stand 2009) und 400 Grabsteine erhalten, die ältesten erhaltenen Steine stammen von 1657, 1677/78 und 1729/30 (alemannia-judaica.de, de.wikipedia).
„Die alten Grabsteine begrenzten bis ungefähr 1941 die Kastanienallee im Mittelteil des Totenhofes. Diese Grabsteine verarbeite man zum Teil während der NS-Zeit zu Treppenstufen für das Nationalsozialistische Mütterheim in Koblenz. Auf Befehl der französischen Besatzungsmacht wurden die noch sichtbar beschriebenen Steine nach 1945 aus den Treppenstufen herausgelöst und auf den Friedhof zurückgebracht.“ (alemannia-judaica.de).

Insgesamt acht Inschriften von älteren Grabsteinen an der Liebfrauenkirche in Koblenz (1290-1330) sind über die epigraphische Datenbank epidat des Essener Salomon Ludwig Steinheim-Instituts (1290-1330) dokumentiert (www.steinheim-institut.de).

Denkmalzone
Der Jüdische Friedhof steht als „Denkmalzone Jüdischer Friedhof“ unter Denkmalschutz.

(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2013/2026)

Quelle
Freundliche Hinweise von Herrn Ulrich Offerhaus, 2026.

Internet
www.alemannia-judaica.de: Friedhof Koblenz (abgerufen 24.09.2013)
www.alemannia-judaica.de: PDF-Dokumentation „Der jüdische Friedhof in Koblenz“ von Dieter Peters, 2009 (PDF-Datei, 780 kB, 20 Seiten, abgerufen 24.09.2013)
www.steinheim-institut.de: epidat, Datenbank zur jüdischen Grabsteinepigraphik, Koblenz, 8 Inschriften an der Liebfrauenkirche in Koblenz (1290-1330) (abgerufen 17.09.2024)
de.wikipedia.org: Jüdischer Friedhof Koblenz (abgerufen 24.09.2013, 17.03.2014 und 07.10.2026)
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Literatur

Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.) (2023)
Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreisfreie Stadt Koblenz. Denkmalverzeichnis kreisfreie Stadt Koblenz, 2. Juni 2023. S. 28, Mainz. Online verfügbar: denkmallisten.gdke-rlp.de/Koblenz, abgerufen am 16.06.2023
Huyer, Michael / Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Hrsg.) (2006)
Zur Geschichte der Juden am Mittelrhein: Jüdische Friedhöfe. (Wegweiser Mittelrhein Band 13.2.) Koblenz.
Offerhaus, Ulrich (2024)
Der jüdische Friedhof Koblenz im Streit zwischen Feudalrecht und Privatrecht. korrigierte und erweiterte Fassung von „Wechselvolle Geschichte des jüdischen Friedhofs in Koblenz“ (2021); ergänzt um die Transkription einer Handschrift von Adolf Lewin, „Die Geschichte des Judenkirchhofs zu Coblenz“ von 1885. o.O..
Offerhaus, Ulrich (2021)
Wechselvolle Geschichte des jüdischen Friedhofs in Koblenz. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 47, hrsg. von der Landesarchivverwaltung, S. 259-290. Koblenz.
Reuter, Ursula (2007)
Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, VIII.8.) S. 56, Bonn.

Judenfriedhof Rauental

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Schwerzstraße / Schlachthofstraße
Ort
56073 Koblenz - Rauental
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1840 bis 1860

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„Judenfriedhof Rauental”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-74997-20130924-4 (Abgerufen: 28. Oktober 2026)
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