Neue Synagoge Bonn

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Die Neue Synagoge Bonn in der Tempelstraße (2013).

    Die Neue Synagoge Bonn in der Tempelstraße (2013).

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Die jüdische Gemeinde seit dem frühen 19. Jahrhundert:
In Bonn befand sich die wichtigste und größte jüdische Gemeinde Kurkölns. 1811 wurde Bonn Sitz des Israelitischen Konsistoriums für das Rhein-Mosel-Département. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs die jüdische Gemeinde kontinuierlich an. 1875 trennten sich die liberale Bonner Gemeinde und die orthodoxeren Umlandgemeinden Beuel (Vilich), Poppelsdorf und Bad Godesberg. Nach 1945 wurde eine neue jüdische Gemeinde begründet.
Gemeindegröße um 1815: 747 (1828), um 1880: 685 (1885), 1932: 1167 / 1268 (1933), 2006: 910.

Bethaus / Synagoge: Mitte des 18. Jahrhunderts wurde eine Synagoge in dem 1715 eingerichteten Ghetto erbaut. 1879 wurde ein Synagogenneubau eingeweiht. Seit 1932 gab es auch einen „ostjüdischen“ Betsaal. Die Synagoge wurde 1938 zerstört und später abgerissen. Seit 1947 bestand ein Betsaal für die Nachkriegsgemeinde, 1959 wurde eine neue Synagoge eingeweiht. (vorstehende Angaben alle nach Reuter 2007)

Das Objekt „Synagoge, Tempelstraße 2-4“ ist ein eingetragenes Baudenkmal (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Nr. 34455 / Denkmalliste der Stadt Bonn, laufende Nr. A 3672).

(LVR-Redaktion KuLaDig, 2011)


Architekt: Helmut Goldschmidt/Köln
Bauherr: Synagogengemeinde Bonn-Stadt und Land
Baujahr: 1956 (Pläne), 1958-59

Lage und Umfang des Baudenkmals
Die Bonner Synagoge steht in der früheren Wörthstraße (seit 1978 Tempelstraße), einer Verbindungsstraße zwischen Adenauerallee und Rhein südlich des Auswärtigen Amtes.
Der Schutzumfang umfasst den Ursprungsbau von 1958 ohne die spätere Erweiterung nach Westen (1966) und den Küchenaufbau von 1985

Baugeschichte
Die alte Bonner Synagoge (1879) stand in der früheren Tempelstraße am Rheinufer (heute Erzberger Ufer) und wurde in der Reichsprogromnacht vom 9./10. November 1938 zerstört.
Am 3. November 1945 konstituierte sich eine neue jüdische Kultusgemeinde, die 1947 einen provisorischen Betsaal in der Quantiusstr. 4 erhielt.
Der Grundstein für den Neubau der Synagoge wurde 1958 gelegt, die Einweihung fand am 26. Mai 1959 statt. Als Architekt zeichnete Helmut Goldschmidt, der zur gleichen Zeit mit dem Wiederaufbau der Kölner Synagoge befasst war. 1966 erhielt die Synagoge einen Erweiterungsbau nach Westen von B. Wagner mit offenen Einstellplätzen für Autos und einem Gemeindesaal im Obergeschoss. 1985 wurde der Verwaltungstrakt um einen Küchenaufbau aufgestockt. Das gesamte Gebäude ist eine Stahlbetonkonstruktion mit Verplattung zur Tempelstraße und Außenputz an der Rückseite.

Das Gemeindezentrum zeigt sich zur Tempelstraße als langgestreckter Baukörper, durch den verglasten Eingang mit der zweigeschossigen Halle deutlich in Synagoge und Verwaltungstrakt geschieden. Der Eingang ist durch großflächige Buntbleiverglasung hervorgehoben, deren Zentrum über der zweiflügeligen Tür der Davidstern einnimmt. Die seitlichen verplätteten Mauerflächen schmücken bronzene siebenarmige Leuchter (Meneroth-Leuchter). Der rechts anschließende Verwaltungstrakt ist in beiden Geschossen durch ein jeweils raumhohes Rechteckfenster akzentuiert. Daran schließt sich der geständerte Anbau mit verglaster Halle im Obergeschoss als kubische Erweiterung von 1966 an.
Demgegenüber zeichnet sich die Synagoge durch rhythmische Gliederung der Fassaden aus. Der nach Osten gerichtete Saalbau ist symmetrisch angelegt auf gefächertem Grundriss mit halbrunder Apsis, die in eine die ganze Wand einnehmende Buntverglasung als verputztes Halbrund eingestellt ist. Die Seitenwände bestehen aus schräggestellten verplätteten Stahlbetonscheiben, die durch schmale Fensterschlitze verbunden sind. Das flache Dach steigt leicht gegen Osten an.
Im Inneren trennt die Eingangshalle mit rückwärtigem Treppenhaus die Synagoge vom Verwaltungstrakt. Zur Rechten ein schlichter Büroraum, daran anschließend ein Gesellschaftsraum. Das Treppenhaus wirkt licht und leicht und ist nach dem schon bekannten Prinzip von Zusammenwirken von Fensterfläche und Wand gestaltet. Die durchgehende großflächige Befensterung flankiert die Treppenläufe, im Unterschied zu Eingang und Synagoge hier jedoch mit hellem Glas und in Querstreifen angeordnet. Vom Obergeschoss aus hat man Zugang zur Frauenempore und zum später erbauten Gemeindesaal.
Das Innere der Synagoge ist mit den Sitzreihen auf die erhöhte Apsis mit dem Aron HaKodesch (Heilige Lade) ausgerichtet. Davor steht der Al-Memor (Vorlesetisch). Die Seitenwände sind holzverschalt, die Buntfenster schaffen gedämpftes Licht. Im Westen hängt die Frauenempore mit geschweifter Brüstung frei in den Raum hinein. Ihr Boden ist leicht abfallend, während die Decke von Westen nach Osten leicht ansteigt. Die schlichte hölzerne Ausstattung in Nußbaum und Ahorn ist weitgehend zeitgenössisch.

Begründung des Denkmalwertes gem. § 2 DSchG NW
Die Synagoge in Bonn ist bedeutend für die Geschichte des Menschen als Zeugnis jüdischer Kultur, hier insbesondere für den Neubeginn jüdischen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland.

Das Objekt ist bedeutend für die Stadt Bonn, als Zeugnis der Geschichte der Juden in Bonn und der Neuorganisation der jüdischen Gemeinde im Nachkriegsdeutschland. Als Gemeindezentrum dient der Bau gleichermaßen religiösen und kulturellen Zwecken. Der Standort am Sitz der Bundesregierung in Bonn verleiht der Synagogengemeinde auch politisch einen besonderen Status.
Für seine Erhaltung und Nutzung liegen architekturgeschichtliche Gründe vor. Die Anlage in Form eines Gemeindezentrums ist typisch für Synagogenneubauten im Nachkriegsdeutschland. Mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und vielfach ihrer kulturellen und baulichen Hinterlassenschaften existierten keine Zentren jüdischen Lebens mehr, so dass die neuen Gemeindezentren auch aus wirtschaftlichen Aspekten einer Vielzahl von Funktionen nachkamen bei kleinen Mitgliedszahlen.

Wie vor 1933 kein spezifischer Synagogentyp entwickelt wurde, so ist auch für die Nachkriegsbauten kein einheitlicher Kanon vorhanden. Lediglich charakteristische Elemente wie die Frauenempore, der Thoraschrein, das Vorlesepult, Leuchter und Symbole verweisen auf die Tradition. In der Bonner Synagoge finden sich daher Architekturformen, die sich vom modernen christlichen Kirchenbau nicht unterscheiden, wieder. Die Verwendung von Stahlbeton und großen Glasflächen ist dabei typisch. Die Bonner Synagoge zeigt eine gelungene Synthese von glatten kubischen und rhythmischen Formen, bei denen die Eingangshalle gleichsam einen Scharniercharakter einnimmt. Als Randerscheinung der modernen Architektur in der Bundesrepublik kommt der Bonner Synagoge eine besondere Bedeutung zu. Zwischen 1950 und 1967 wurden in der Bundesrepublik 18 neue Synagogen gebaut. Dabei zählt Helmut Goldschmidt neben Hermann Guttmann und Karl Gerle zu den bedeutendsten Synagogenbaumeistern in der Bundesrepublik.
Weiter liegen ortsgeschichtliche Gründe vor. Im Kultur- und Wirtschaftsleben haben die Juden in Bonn vor allem im 19. und 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. Die Universität wies eine Vielzahl jüdischer Professoren auf. Die Bonner Synagoge ist ein bauliches Zeugnis für die Wiederaufbauphase der jüdischen Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg, die den Rhein-Sieg-Kreis miteinschließt. Im Jahr der Grundsteinlegung umfasste die Gemeinde 175 Mitglieder.

Religionsgeschichtliche Gründe liegen vor, weil die Synagoge in Bonn ein Dokument jüdischer Religionsausübung darstellt, wobei Goldschmidt dem liberalen Ritus den Vorzug gibt, indem er den Almemor nicht in die Raummitte, sondern unmittelbar vor die heilige Lade postiert, wodurch das Gespräch mit der Gemeinde gefördert wird. Der Betraum ist somit auf die Ostwand mit dem Aron HaKodesch ausgerichtet. Die Lage der Synagoge in Nähe des Rheins entspricht der Bauvorschrift aus Thora und Talmud beim Synagogenbau besondere Reinheitsgesetze zu beachten.
Städtebaulich fügt sich der Synagogenbau als geglückte Verbindung von historischer und moderner Architektur in den Straßenzug ein.
Als Zeugnis der politischen Geschichte ist die Lage der Synagoge im Regierungsviertel in unmittelbarer Nachbarschaft von Bundespräsident und Bundeskanzler hervorzuheben, die wichtige Ansprechpartner der Synagogengemeinde waren. Mit der Entscheidung, Bonn zur provisorischen Bundeshauptstadt zu ernennen, fiel der Synagogengemeinde Bonn eine besondere Aufgabe zu. Nähe und Kontakte zum Kontrollrat der Alliierten, den Militärbehörden, den Bundesbehörden und der Stadt waren für die Einbindung von Bedeutung. Hinzu kam die Bereicherung durch die diplomatischen Vertretungen, durch deren jüdische Botschaftsangehörige die Synagogengemeinde Zulauf und Unterstützung erhielt. Als Gemeinde in der Bundeshauptstadt war die Synagogengemeinde auch Anlaufstelle für in- und ausländische Organisationen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Synagoge/Gemeindezentrum in der Tempelstrasse bedeutend ist für die Geschichte des Menschen und der Stadt Bonn. Für ihre Erhaltung und Nutzung liegen architektur-, orts- und religionsgeschichtliche, städtebauliche sowie Gründe der politischen Geschichte vor.

(Angelika Schyma, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, 2000)

Literatur

Flink, Klaus (1978)
Bonn (2. verbesserte und ergänzte Auflage). (Rheinischer Städteatlas, Lieferung I, Nr. 6.) Köln.
Heid, Ludger (Hrsg.) (1992)
Wegweiser durch das jüdische Rheinland. (Eine Publikation des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts für Deutsch-Jüdische Geschichte.) Berlin.
Linn, Heinrich (Hrsg.) (1984)
Juden an Rhein und Sieg (2. Auflage). Ausstellung des Archivs des Rhein-Sieg-Kreises, Mai-September 1983. Siegburg.
Pracht, Elfi (1997)
Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln. (Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland 34.1.) S. 467-479, Köln.
Reuter, Ursula (2007)
Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, VIII.8.) S. 30, Bonn.
Schwarz, Hans-Peter; Hammer-Schenk, Harold / Deutsches Architekturmuseum (Hrsg.) (1988)
Die Architektur der Synagoge. Deutsches Architekurmuseum, 11. Nov. 1988 - 12. Febr. 1989. Frankfurt a. M..
Zänker, Ursel (1969)
Bauen im Bonner Raum 49-69: Versuch einer Bestandsaufnahme. (Kunst und Altertum am Rhein 21.) S. 183, Düsseldorf.
(1999)
Die Synagogen der jüdischen Gemeinden Nordrhein-Westfalen. In: Brocke, Michael (Hrsg.): Feuer an Dein Heiligtum gelegt. Zerstörte Synagogen 1938 (Beilage), S. 5, Bochum.

Neue Synagoge Bonn

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Tempelstraße 2-4
Ort
53113 Bonn
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung, Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1959
Koordinate WGS84
50° 43′ 30,26″ N, 7° 06′ 46,6″ O / 50.72507°, 7.11294°
Koordinate UTM
32U 366809.79 5620950.72
Koordinate Gauss/Krüger
2578629.5 5621653.35

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„Neue Synagoge Bonn”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-12237-20110614-8 (Abgerufen: 24. September 2017)
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