Grabstätte der Familie Tietz auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 58′ 14,06″ N: 6° 52′ 21,36″ O 50,97057°N: 6,8726°O
Koordinate UTM 32.350.633,87 m: 5.648.706,84 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.561.336,26 m: 5.648.735,36 m
  • Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Antonia Frinken
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Antonia Frinken
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Die Grabstätte der Unternehmensfamilie Tietz auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd (2026).

    Copyright-Hinweis:
    Antonia Frinken, LVR / CC BY 4.0
    Fotograf/Urheber:
    Antonia Frinken
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Das Grab der Familie Tietz auf dem jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd (2017). Auf Leonhard Tietz (1849-1914) geht das gleichnamige Warenhaus-Unternehmen zurück, das während der NS-Zeit "arisiert" und zu "Kaufhof" umgewandelt wurde.

    Das Grab der Familie Tietz auf dem jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd (2017). Auf Leonhard Tietz (1849-1914) geht das gleichnamige Warenhaus-Unternehmen zurück, das während der NS-Zeit "arisiert" und zu "Kaufhof" umgewandelt wurde.

    Copyright-Hinweis:
    Superbass, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
    Fotograf/Urheber:
    Superbass
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Die Grabstätte der Warenhaus-Unternehmerfamilie Tietz befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd (heute Stadtteil Köln-Vogelsang) auf Flur 1. Mehrere Generationen der Familie fanden hier ihre letzte Ruhe oder erhielten Gedenkinschriften.

Gestaltung der Grabstätte
Einordnung in die historischen Kontexte
Eine kurze Geschichte der Familie Tietz
Internet

Gestaltung der Grabstätte
Die annähernd quadratische, gekieste Grabfläche von etwa 3 mal 3 Metern ist leicht erhöht vom davor verlaufenden Weg abgesetzt und über zwei niedrige Stufen zugänglich. Das Familiengrab besteht aus mehreren, durch niedrige Fassungen aus Stein abgegrenzten Einzelgräbern mit jeweils eigenem Pultstein, die in zwei Reihen angeordnet sind.

In der hinteren Reihe liegen von links nach rechts:

Heinrich Tietz
Geb. 20.8.1880
Gest. 9.6.1891

Flora Tietz
Geb. Baumann
Geb. 20.5.1855
Gest. 18.8.1943

Leonhard Tietz
Geb. 3.3.1849
Gest. 15.11.1914

Albert Dzialoszynski
Geb. 17.8.1857
Gest. 30.3.1921

In der vorderen Reihe befindet sich ganz links ein Gedenkstein für jene Familienmitglieder, die nicht vor Ort bestattet werden konnten. Seine Inschrift lautet:

Im Gedenken
Alfred Leonhard Tietz
Geb. 8.9.1893
Gest. Jerusalem 4.7.1941

Margarete C. Tietz
Geb. Dzialoszynski
Geb 31.8.1887
Gest. London 26.2.1972

Albert U. Tietz
Geb. X.X.1920
Gest. New York 6.11.2011
nach oben

Im Grab rechts daneben wurden zwei Personen bestattet:

Gerhard Leonhard Tietz
Geb. 16.11.1894
Gest. 9.2.1978

Bella Tietz
Geb. Schuty
Geb. 10.1.1902
Gest. 30.1.1980

Rechts davon befand sich 2017 noch eine Lücke. Bis 2026 wurde hier ein weiterer Gedenkstein installiert:

Im Gedenken
Tamara H. Miles
Geb. Tietz
Geb. 8.7.1933
Gest. London 30.1.1983

Vera L. Peck
Geb. Tietz
Geb. 21.9.1955

Tamara Miles wurde ursprünglich auf dem älteren Gedenkstein ganz links in der vorderen Reihe gedacht, wie auf dem Foto aus 2017 zu erkennen ist. Für Vera L. Peck findet sich auf dem neuen Gedenkstein kein Todesdatum. Wahrscheinlich wurden ihre Lebensdaten vorsorglich angebracht.

Ganz rechts in der vorderen Reihe befindet sich ein weiteres Grab:

Emma Dzialoszynski
Geb. Meyermann
Geb. 23.9.1859
Gest. 31.3.1933

Am Kopfende schließt das Grab mit einem flachen, rechteckigen Stein von etwa einem Meter Höhe ab. Die Metalltafel darauf trägt einen schlichten Davidstern und die Inschrift „Familie Leonhard Tietz“.
nach oben

Einordnung in die historischen Kontexte
Die Gestaltung als Familiengrabstätte mit gleichmäßigen Einzelgräbern (beziehungsweise Gedenktafeln) und die Abwesenheit hebräischer Inschriften zeigen die liberale Ausrichtung der Familie Tietz auf religiöser Ebene sowie ihren großbürgerlichen Hintergrund vor Enteignung in der NS-Zeit.
Im Zuge der Haskalah (auch Haskala, ab 1831 auch als „jüdische Aufklärung“ bezeichnet) fanden grundlegende Umwälzungen des jüdischen Lebens in Zentraleuropa statt, die sich auch in der Bestattungskultur niederschlugen. Während jüdische Menschen in den Staaten des Deutschen Bundes und später im Kaiserreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts endlich Bürger*innenrechte erhielten, unterschieden sich die Gemeinden - auch in Köln - zunehmend in liberal und orthodox. Mit der Emanzipation der jüdischen Bevölkerung ging für einen Teil auch eine zunehmende Assimilation und Etablierung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft einher. Anderen jüdischen Menschen - vor allem vor den Pogromen im Zarenreich geflüchtete sogenannte „Ostjuden“ - blieb dieser Anschluss jedoch verwehrt.
In diesem Zuge wurde auch in der Bestattungskultur zunehmend an Praktiken der Mehrheitsgesellschaft angeknüpft. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten Familiengräber vor allem im liberalen Milieu das seit dem Mittelalter vorherrschende Einzelgrab ab. Zugunsten deutscher Inschriften wurden hebräische Epitaphe reduziert oder ganz weggelassen - so auch vielfach auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd. Meist weist lediglich ein Davidstern im Giebel des Grabsteins darauf hin, dass es sich hier um die Grabstätte jüdischer Menschen handelt.
nach oben

Eine kurze Geschichte der Familie Tietz
Die Brüder Leonhard (1849-1914) und Oscar Tietz (1858-1923) stammten aus Birnbaum in der Provinz Posen (heute Miedzychód in Polen) und begründeten jeweils mit ihrer eigenen Warenhauskette die Tradition moderner Kaufhäuser in Deutschland.
Der jüngere Bruder Oscar eröffnete am 1. März 1882 ein Textil- und Kurzwarengeschäft in Gera. Dazu erhielt er finanzielle Unterstützung von seinem Onkel Hermann Tietz, nach dem er sein Unternehmen benannte. Es folgten zahlreiche Niederlassungen und 1900 die Eröffnung des Warenhauses Tietz in der Leipziger Straße in Berlin. 1933 wurden Oscar Tietz Nachkommen enteignet. Die Warenhauskette erhielt in dieser Zeit den Namen Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH.
Leonhard Tietz eröffnete am 14. August 1879 auf 25 Quadratmetern ein Textilgeschäft in Stralsund. Der Eröffnung der ersten Filiale in Elberfeld (heute Wuppertal) folgte eine langanhaltende Blütezeit: In Elberfeld / Barmen eröffnete Leonhard 1885 sein erstes Mehrsparten-Warenhaus und setzte dieses Modell auch in rheinischen Großstädten wie Aachen, Köln und Düsseldorf sehr erfolgreich um. 1893 zog der Firmensitz von Elberfeld nach Köln und 1905 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft. Der Sohn Alfred Leonhard Tietz führte das Geschäft nach dem Tod des Vaters 1914 weiter. Zu Beginn der 1930er Jahre hatte das Unternehmen 15.000 Mitarbeitende an 43 Standorten.

Ab 1933 wurden die Geschäftsführer Gerhard und Alfred Leonhard Tietz zunehmend aus dem Familienunternehmen gedrängt: Der Umbenennung in Westdeutsche Kaufhof AG (vorm. Leonhard Tietz AG) folgte 1936 der Wegfall des Familiennamens. Die Familienmitglieder mussten ihre Anteile weit unter Wert verkaufen und emigrierten. Aus dem Familienunternehmen wurde die Galeria Kaufhof GmbH. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die überlebenden Angehörigen der Familie Tietz mit lediglich 5 Millionen Deutsche Mark „entschädigt“.
Die Warenhäuser der Gebrüder Tietz revolutionierten den Einzelhandel in Deutschland durch den Import französischer Konzepte: Anstelle lediglich einer bestimmten Warengruppe fand man hier auf mehreren Etagen ein diverses Angebot. Es gab Festpreise und ein Umtausch- beziehungsweise Rückgaberecht. Bis dahin waren kleine Geschäfte auf bestimmte Waren festgelegt. Der Preis wurde an der Kasse ausgehandelt und die Produkte konnten meist nicht zurückgegeben werden.
Leonhard und Oscar Tietz kamen sich mit ihren Unternehmen nicht in die Quere, da sie in unterschiedlichen Regionen aktiv waren.

(Antonia Frinken, LVR-Abteilung Digitales Kulturerbe, 2026)

Internet
de.wikipedia.org: Leonhard Tietz (abgerufen 31.03.2026)
de.wikipedia.org: Warenhaus Tietz in Aachen (abgerufen 31.03.2026)
de.wikipedia.org: Haskala (abgerufen 09.04.2026)
nach oben

Literatur

Reichwald, Anika (2016)
Haskala – die frühe jüdische Aufklärung. In: Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, S. 45-59. Köln. Online verfügbar: www.jstor.org, Haskala 2016

Grabstätte der Familie Tietz auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Venloer Straße 1152
Ort
50829 Köln - Vogelsang / Nordrhein-Westfalen
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Vor Ort Dokumentation, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1891

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt steht unter der freien Lizenz CC BY 4.0 (Namensnennung). Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Grabstätte der Familie Tietz auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-360047 (Abgerufen: 9. April 2026)
Seitenanfang