Tankkioske der 1920er-Jahre
Der Bauhistoriker Joachim Kleinmanns führt zur Einrichtung der seinerzeit neuartigen Tankkioske aus (2002):
„Nachdem in Deutschland mit Beginn des Jahres 1921 die kriegsbedingte Zwangsbewirtschaftung von Benzin aufgehoben worden war, begann als erste Mineralölgesellschaft die Olex – die heutige BP – im Winter 1922/23 mit der Errichtung einer Art Tankstelle.“
Die 1904 in Wien gegründete und verkürzt nach Petrolexport benannte österreichische Mineralölunternehmen OLEX, Aktiengesellschaft für österreichische und ungarische Mineralölprodukte war eine der Vorläuferfirmen der deutschen BP Benzin- und Petroleum-Gesellschaft mbH, der späteren Deutsche BP Aktiengesellschaft (heute Teil des Konzerns British Petroleum BP public limited company mit Sitz in London).
In den Zeiten zuvor spielte sich das Tankgeschäft noch vorwiegend auf Hinterhöfen ab – üblich waren (und dies teils noch bis in die 1950er-Jahre) so genannte „Fasstankstellen“ ohne Zapfsäulen, an denen das Benzin umständlich mit Kanistern nachgefüllt werden musste.
Die ersten Tankstationen des neuen Kiosk-Typs errichtete die Olex im Winter 1922/23 in der Mühlenstraße in Berlin-Schöneberg und mit einem expressionistischen Kiosk vor dem ehemaligen Justizpalast am Raschplatz in Hannover. Der mit einem spitzen Zeltdach versehene Bau in der Kölner Sudermanstraße folgte nur kurz darauf.
Die gesamte technische Einrichtung dieser Tankstellen mit Tank, Messvorrichtungen und einer Förderanlage mit Kohlensäure-Druckgas-Kompessor befand sich im Inneren der kioskähnlichen Häuschen, so dass außen einzig die Tankschläuche zu sehen waren. Die Betankung mit Druckgas statt über Pumpen hatte Sicherheitsgründe – das Druckgas diente zugleich als Schutzgas und eine entsprechende Be- und Entlüftung verhinderte die Bildung eines explosiven Kraftstoff-Luft-Gemischs.
Ortsfremde Automobilisten mussten nun endlich nicht mehr umständlich nach einer Hinterhof-Tankstelle suchen. Gleichwohl gab es auch Widerstände gegen die neuen „Benzinabgabestellen“, wobei Geruchs- und Lärmbelästigungen und eine mögliche Explosionsgefahr als Argumente angeführt wurden. Sein Unverständnis für die Pläne der Olex äußerte selbst der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, er könne „sich nicht denken, dass das Heil des Volkes davon abhängt, ob ich vom Rudolfplatz im Auto zwei Minuten schneller oder weniger schnell fahre“ (zitiert nach Kleinmanns 2002).
Doch was kümmerte den OB Adenauer der Bau von Tankstellen? Nun: Eine Besonderheit der ersten Tankstellen neuen Typs war, dass diese nicht durchweg auf Privatgelände, sondern häufig auch auf öffentlichem Grund errichtet wurden und die Kommunen nicht nur Gebühren für deren Genehmigung erhoben, sondern sogar Gewinnbeteiligungen erhielten (z.B. 100-150 Reichsmark pro Quartal oder Gewinnsätze von 3 bis 4 Promille des Umsatzes).
Wohl auch aus finanziellen Gründen räumten Kommunen den Benzingesellschaften teils sogar Vorzugsrechte oder gar Monopole ein – so im Fall der Olex bis 1928 u.a. in Aachen, Barmen, Berlin, Breslau, Dresden, Düsseldorf, Hannover, Karlsruhe, Köln und Stettin. Diese Praxis stieß bei Automobilclubs im Sinne eines Wettbewerbs um die besten Betriebsstoffe auf Kritik, etwa 1926 in Aachen.
Zum Ende der nur kurze Zeit andauernden Ära der Tankkioske berichtet Kleinmanns:
„Der Bau war kostspielig und der Tankvorgang umständlich. Mit der Übernahme der Olex durch BP im Jahr 1926 verschwanden die Tankkioske langsam wieder.“
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten setzten sich schließlich andere Bauarten durch, vor allem Stationen mit überdachten Zapfsäulen und einem Kassenhäuschen. Im Jahr 1909 waren es lediglich rund 2.500 Drogerien, Kolonialwarenhändler, Fahrradhandlungen, Hotels und Gaststätten, die Benzin für die noch wenigen Automobilisten in Deutschland bereithielten - in Köln gab es 1909 gerade einmal 640 Kraftfahrzeuge bei einer Bevölkerung von mehr als 470.000. Während der Zeit der „Goldenen Zwanziger“ stieg die Zahl der nunmehrigen „echten“ Tankstellen über rund 30.000 im Jahr 1928 bis zur Mitte der 1930er auf insgesamt knapp 56.000 an. Parallel dazu stieg der Fahrzeugbestand von 32.000 im Jahr 1920 auf 501.000 1930 (Zahlen nach Vahrenkamp 2017 und altes-koeln.de).
Standort und Spuren
Ob nun Zufall oder nicht, befand sich der Olex-Tankkiosk unmittelbar am Wohnort des Ingenieurs und Bauunternehmers Wilhelm Heinrich Werth sen., der über die Handelsgesellschaft Granrath & Werth im Kölner Immobilienmarkt tätig war und sein Baugeschäft im Haus Sudermanstraße 2 führte. Seit den 1920ern war die Familie mit Gebrüder Werth auch im Garagen- und Tankstellengeschäft tätig, so auch bei der von hier nur 150 Meter entfernten, 1929 im Agnesviertel erbauten späteren Maybach Garage.
Den Recherchen des Kölner Automobil- und Oldtimer-Enthusiasten Markus Georgino zufolge, der alleine im Gebiet der Stadt Köln 240 Tankstellen um 1969 lokalisiert hat, befand sich zu diesem Zeitpunkt unter der Anschrift Sudermanplatz 2 noch eine Tankstelle (ohne Angabe einer Marke). Das Gebäude ist mittlerweile verschwunden – ergänzende Hinweise dazu sind willkommen!
Etwa am gleichen Standort des Olex-Tankkiosks der 1920er-Jahre befindet sich heute das kleine „King-Georg“-Kaffeebüdchen, das in einem offensichtlich älteren Kioskbau residiert.
(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2026)
Quellen
- Freundliche Hinweise von Herrn Markus Georgino und dessen Rechercheergebnisse von 2015 zu Tankstellen-Standorten in Köln um 1969, Köln 2023.
- Freundliche Hinweise und Materialien von Herrn Dr. Marco Kieser, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, 2026.
Internet
de.wikipedia.org: OLEX (abgerufen 18.03.2026)
altes-koeln.de: Kölner Kraftfahrzeugbesitzer 1909 (abgerufen 18.03.2026)
www.zwookaffee.de: zwoo Kaffeebüdchen, Ebertplatz (abgerufen 18.03.2026)