Schon seit der Antike wird Kalk gebrannt, um ihn als Kalkmörtel, zum Verputzen oder als Tünche nutzen zu können. Bis zur Einführung moderner Portlandzemente gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum Alternativen.
Beim Brennen bei Temperaturen ab 950 °C wird der Kalkstein (Calciumcarbonat CaCO3) chemisch in gebrannten Kalk (Calciumoxid CaO) umgewandelt. Dabei werden enorme Mengen CO2 aus dem Kalkstein frei, wodurch die Steine 44 % ihres Gewichts verlieren. 100 kg Kalkstein entsprechen damit 56 kg Branntkalk. Dadurch, dass man den gebrannten Kalk mit Wasser versetzt (Ablöschen), wird aus dem Branntkalk ein sogenannter Löschkalk (Calciumhydroxid Ca(OH)2), wobei Hitze frei wird. Erst danach ist dieser alkalische Kalkbrei als Bindemittel für Mörtel, Putze oder Farben nutzbar. Durch die erneute Aufnahme von CO2 aus der Umgebungsluft härtet der Kalk aus und wird sozusagen wieder zu Kalkstein.
Kleine lokale Kalkbrennöfen waren ehemals weit verbreitet, jedoch in der Regel an das Vorhandensein der benötigten Rohstoffe vor Ort gebunden, also Kalkstein und Kohle beziehungsweise Holzkohle für den Brennvorgang. Oder es standen alternativ günstige Transportwege zur Verfügung, wie der Rhein beziehungsweise im Laufe des 19. Jahrhundert ein Eisenbahnanschluss.
Das erklärt die Lage des Kalkofens zwischen Rhöndorf und Honnef unmittelbar am Rhein. Rohstoffe konnten so leicht angeliefert werden. Aber auch der Absatz des fertigen Kalkes war gesichert: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren selbst die Ebenen des Rheintals mit großen Rebflächen bestellt. Der potentiell große Absatzmarkt des gebrannten Kalks als Düngemittel im Weinbau wird die Motivationen zum Bau des Kalkofens bei Rhöndorf gewesen ein.
Seit dem frühen 19. Jahrhundert setzt man Kalk zunehmend zur Bodenverbesserung ein. Eine Kalkung der Böden wirkt der Bodenversauerung entgegen, verbessert die Bodenstruktur und stellt wichtige Nährstoffe zur Verfügung. Außerdem stärkt ausreichend freies Kalzium die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge. Je nach Wassergehalt des Bodens kann gelöschter oder ungelöschter Kalk benutzt werden. Besonders im Weinbau ist eine ausreichende Kalkversorgung unabdingbar. In Honnef setzte sich vor allem Philipp Joseph Lenné, Weingutsbesitzer in Honnef (und Bruder des Gartenarchitekten), als Vorsitzender der Sektion Weinbau des „Landwirthschaftlichen Vereins von Rheinpreußen“ für die Anwendung von Kalk ein. Dabei verweist er auf die Neuanlage von Kalköfen unter anderem in Honnef und Rheinbreitbach. Bislang kam der Kalkstein aus der Nähe von Mainz. Lenné schrieb deswegen 1834 einen Preis für die Erschließung eines Kalksteinvorkommens im Umkreis von 10 Schiffsstunden von Honnef aus. (Köln. Ztg., 18.7.1834; Lenné 1835). Nicht ganz uneigennützig, besaß er doch selbst eine Kalkbrennerei - es ist allerdings unklar, ob es sich dabei um die hier beschriebene Anlage handelt. Immerhin aber besaß Lenné dort nicht näher definiertes Land (Köln. Ztg., 20.3.1842).
Sowohl die leichte Zufuhr an Rohstoffen als auch der Absatz werden in einer frühen Anzeige aufgegriffen. 1833 wirbt eine Kalkbrennerei zwischen Rhöndorf und Honnef mit „vorzüglichen oberländischen Kalksteinen“, aus denen der Kalk gewonnen werde. Es gäbe täglich frische Ware „welche besonders zur landwirtschaftlichen Cultur der Umgegend empfohlen“ wurde. Der sogenannte Landkalk kostet 6 1/2 Silbergroschen, der Bau oder Mauerkalk 9 Silbergroschen, „per Berliner Scheffel frei Fuhre oder per Schiff geliefert“. (Bonner Wochenblatt, 28.7.1833). Schon 1835, erneut 1839 allerdings steht der Kalkofen zum Verkauf, bzw. zur Pacht. Mit dabei sämtliche Gerätschaften, ein Kohlenschuppen und Räume für die Material-Vorräte (Bonner Wochenblatt 22.4.1835).
1843 übernimmt der 1815 geborene Unternehmer Rings den Kalkofen und erweitert sein ursprüngliches Schiffergeschäft außerdem um eine Ziegelei und eine Sandgrube (HVZ, 14.7.1962). Rings stammt aus einer alteingesessenen Rhöndorfer Schifferfamilie, die Anfang des 19. Jahrhunderts damit begonnen hatte, Kohle aus dem Ruhrgebiet zu importieren. Eine Fahrt rheinaufwärts dauerte 14 Tage bis drei Wochen. Zweifellos kann er dadurch, dass er die benötigten Kalksteine und Kohlen selber importiert, ein entsprechend gutes Geschäft machen.
Letzter Betreiber des Kalkofens ist sein Enkel, der 1938 verstorbene Kaufmann Heinrich Rings, der bei Rhöndorf neben einem Kohlenhandel außerdem mehrere Kies- und Sandgruben sowie eine Ziegelei besaß (HVZ 26.8.1938). Bis wann genau der Kalkofen von ihm genutzt wurde ist nicht bekannt. Es kann vermutet werden, dass mit dem Ausbau des rechtsrheinischen Schienennetzes ab 1871 und den so importierten günstigeren Konkurrenzprodukten der Betrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts unrentabel wurde. Dank der neuen Bahnverbindungen werden die Massenkalke des Bergischen Lands Basis für eine exportorientierte industrielle Kalkbrennerei (Brüche im Neandertal) und selbst bei Bonn-Oberkassel entsteht 1856 eine große Zementfabrik.
Die zeitgenössischen Abbildungen des Kalkofens zeigen zwei kleine, nebeneinanderliegende Schachtöfen. Diese wurden in Wechsellage mit Kohle und Kalkstein befüllt und danach angezündet. Der fertig gebrannte Kalk konnte an der Basis des Ofens seitlich entnommen werden. Danach musste der Ofen neu befüllt werden. Dieses kleingewerbliche periodische Betriebssystem war auf Dauer gegen die modernen, kontinuierlich betriebenen Ringöfen nicht konkurrenzfähig.
Im 20. Jahrhundert ist nur noch von dem „alten Kalkofen“ bei Rhöndorf die Rede. 1924, nachdem Königswinter bereits seit 1913 mit der elektrischen Siebengebirgsbahn an Bonn angeschlossen war, entschließt sich auch Bad Honnef nach zähem Ringen dazu, die Bahn verlängern zu lassen. Aus Kostengründen wird die Variante entlang des Rheinufers gewählt. Der alte Kalkofen befindet sich mitten auf der geplanten Trasse und wird daher Ende 1924 abgerissen. Die Steine nutzt man zum Anschütten des neuen Damms der Straßenbahn (HVZ, 29.7.1924; 20.10.1924).
Damit ist die Geschichte des Ofens beendet, der zwischenzeitlich eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Regelmäßig kommt es dort zu tödlichen Badeunfällen, denn die wilden Sandstrände am Kalkofen sind bei der örtlichen Jugend und auch den Touristen beliebt. In der lokalen Presse heißt es, dass die Stelle als gefährlich bekannt sei und schon öfters davor gewarnt wurde, dort zu baden (HVZ, 25.8.1911). Der Ofen scheint das Unglück regelrecht anzuziehen. An einem nahegelegenen Bahnübergang kommt es immer wieder zu Unfällen und selbst mehrere Mordfälle sind überliefert (HVZ, 2.3.1897; Echo, 7.1.1899, 1.6.1930).
Dabei soll der Kalkofen gar keinen finsteren Charakter gehabt haben: „…im Gegenteil, in Form und Farbe füge er sich derart in die Honnefer Landschaft, daß er oft bedeutenden Künstlern als Motiv diente, und so gibt es gerade vom alten Kalkofen noch heute einige Ölbilder, Federzeichnungen und Aquarelle die geradezu entzückend sind.“ (HVZ, 6.1.1938) Bekannt ist ein Aquarell des Professors Heinrich Reifferscheid, der eine Zeitlang an der Kunsthochschule Düsseldorf unterrichtete. Reifferscheid war ein Enkel von Karl Simrock und bis zur Veräußerung des Anwesen 1908 wegen eines Rufs an die Berliner Kunstschule auch Bewohner des Simrock Hauses in Honnef-Menzenberg (HVZ, 17.12.1955).
Die genaue Lage des ehemaligen Kalkofens ist nur mit Hilfe alter Karten zu rekonstruieren. So zeigt die preußische Uraufnahme einen Kalkofen zwischen Rhöndorf und Honnef, dieser muss jedoch zu einer weiteren, südlicher gelegenen Kalkbrennerei gehört haben. Fundamentreste sollen 1938 noch in dem sogenannten „Lepperschen Garten“ bestanden haben (HVZ 6.1.1938).
Der von Rings betriebene Kalkofen wird erstmals 1881 in der Übersichtskarte von Adolf Schneider dargestellt und befand sich etwa 520 Meter südlich von Rhöndorf, im Überschwemmungsgebiet bei Stromkilometer 642,4. Auch die späteren topographischen Karten zeigen bis zum Bau der Straßenbahn dort ein Gebäude, welches fälschlicherweise als Ziegelei deklariert wird. Diese lag auf der anderen Seite der Bahnstrecke.
Heute erinnert nichts mehr an das alte Gewerbe des Kalkbrennens. Die Straßenbahngleise verlaufen mitten durch den ehemaligen Standort. Hunderte von Spaziergängern und Radfahrern kommen hier an den Wochenenden vorbei.
Zugang frei
Hinweis Das Objekt „Kalkofen bei Rhöndorf in Bad Honnef“ ist Element des historischen Kulturlandschaftsbereiches Siebengebirge (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 446).
Medien Alltagskulturen im Rheinland - Bäuerliche Kalkbrennerei: Teil 1: www.youtube.com: Bäuerliche Kalkbrennerei. Teil 1: Setzen des Feuergewölbes und Füllen des Ofens (LVR, Alltagskulturen im Rheinland, abgerufen 23.01.2026) Teil 2: www.youtube.com: Bäuerliche Kalkbrennerei. Teil 2: Brennen des Kalks und Austragen des Ofens (LVR, Alltagskulturen im Rheinland, abgerufen 23.01.2026)
Quellen Schneider, Adolf (1881): Karte des Siebengebirges, angefertigt unter Benutzung des amtlichen Materials, Bonn. Bonner Wochenblatt Kölnische Zeitung Honnefer Volkszeitung
Literatur
Bundesverband der Kalkindustrie e.V. (2013)
Bodenverbesserung, Bodenverfestigung mit Kalk. Köln.
Lenné, Philipp Joseph (1835)
Kalk als Dung- und Erhaltungsmittel […]. In: Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den Königlich preußischen Staaten, Band 11, S. 118-125. Berlin.
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