Hutungen am Broderkronsberg in Bad Honnef

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Bad Honnef
Kreis(e): Rhein-Sieg-Kreis
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 38′ 40,99″ N: 7° 17′ 12,29″ O 50,64472°N: 7,28675°O
Koordinate UTM 32.378.869,51 m: 5.611.718,06 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.591.056,88 m: 5.612.914,31 m
Das Hochplateau des südlichen Siebengebirges besteht in erster Linie aus devonischen Schiefern des Rheinischen Schiefergebirges. Sie werden von mehreren vulkanischen Erhebungen durchbrochen, wie Himmerich, Leyberg und Broderkonsberg, die als kleine Kegel und Rücken 50 bis 60 Meter aus der Hochfläche herausragen.

Auf den devonischen Schiefern der Hochfläche haben sich in erster Linie saure, zu Staunässe neigende, lehmige Verwitterungsböden entwickelt. Diese sind ohne aufwendige Drainagen und Düngungen als Ackerland kaum nutzbar und stellen daher im Siebengebirge einen typischen Waldstandort dar.

Doch reicht ein Blick auf ein Luftbild, um festzustellen, dass dies nur bedingt stimmt und sich im Honnefer Stadtwald größere, isolierte Wiesenflächen inmitten des Waldes befinden, beispielsweise kurz vor der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz im „Schwarzen Bruch“, nördlich des Asbergs im „Ravensbruch“ und am Nordrand des Broderkonsbergs.

Nimmt man nun ältere Karten zur Hand, stellt man fest, dass sich ehemals zahlreiche kleinere und größere Wiesen- oder Heideflächen über die Hochfläche erstreckten. Die oft sehr unregelmäßig ausgebildeten Lichtungen lagen vor allem auf den östlichen Höhen, an der Grenze zwischen Honnef und Ittenbach beziehungsweise Aegidienberg. Heute sind von ihnen nur noch einzelne Restflächen vorhanden. Ganz offensichtlich wurde ein Großteil mit Nadelholz aufgeforstet oder ist im Laufe der Zeit verbuscht und zu Wald durchgewachsen.

Ein Blick in das Urkataster von 1826 zeigt, dass diese Flächen, meist weit abseits der nächsten Siedlungen, schon seit langem bestanden haben müssen. Akribisch wurden deren Umrisse festgehalten. Es handelt sich dabei um ehemalige Hutewiesen beziehungsweise Hutungen, ursprünglich gemeinschaftlich genutztes Gemeindeland, andernorts auch Allmende genannt. Dieses Land durften alle Gemeindemitglieder eines Ortes nutzen. Hauptsächlich machten die an Land ärmeren Einwohner davon Gebrauch, die so die Versorgung des für den Haushalt nötigen Viehs sicherstellen konnten. Zur Aufsicht des Viehs an den ortsfernen Lagen beauftragte man häufig Gemeindehirten. Aber auch Ältere und Kinder der Familien übernahmen diese Aufgabe.

Im Siebengebirge lagen diese Hutewiesen innerhalb der Wälder und müssen deshalb zuvor gerodet worden sein. Bereits Nosthoffen verzeichnet 1722 in seiner „Karte des Amtes Lewenberg“ größere Offenlandflächen innerhalb des Waldes, und Flurbezeichnungen wie „In der Perlsgroth“, „gerotteter Wald“ weisen auf eine Rodung hin.

Durch die regelmäßige Beweidung konnte kein Baumwuchs aufkommen und es entstand im Laufe der Zeit eine parkähnliche Landschaft mit einzelnen, großen Mastbäumen aus Eichen und Buchen. Solche Bäume waren vor allem für die Schweinemast im Herbst von Bedeutung. Ein schönes Beispiel dafür ist noch heute die Mondscheinwiese am Petersberg.

Die Besitzverhältnisse ändern sich Anfang des 19. Jahrhunderts. Wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Einführung des neuen Katasterwesens 1826 (Urkataster) wird das bis dahin gemeinschaftliche genutzte Huteland Honnefs gleichmäßig auf alle Gemeindemitglieder aufgeteilt. Die wirtschaftliche Bedeutung und das Interesse an dem abgelegenen Huteland mit den nassen Wiesen ließ schon im Laufe des 19. Jahrhunderts nach. Nur selten finden sich neue Eigentümer und bald werden erste Parzellen mit Fichten aufgeforstet oder verbuschen.

Ab 1933 geraten die Wald- und Huteflächen rund um Himmerich und Broderkonsberg in den Blick der Nationalsozialisten. Bereits 1933 entsteht eine neue Fahrstraße ab der Honnef-Asbacher Landstraße bis an den Himmerich, wo ein Denkmal zur Erinnerung an die Separatisten-Abwehrschlacht von 1926 errichtet werden soll. Eine zweite Fahrstraße bis an den Himmerich führt ab Honnef durch das Mucherwiesental und wird 1934 fertiggestellt.

Auch die bislang schlecht zugänglichen Waldgebiete um den Broderkonsberg sollen nun erschlossen werden. Nach ersten Planungen Mitte 1934 entsteht im Oktober 1934 im Rahmen der staatlich geförderten Notstandsarbeiten im Schmelztal ein Holzbarackenlager des Reichsarbeitsdienstes. Ein weiteres ist bei Aegidienberg geplant. Aufgabe der Arbeiter ist neben der Durchführung von Rodungen, Neuanpflanzungen und Drainagen im Honnefer Stadtwald die Anlage neuer Wege. Im Januar 1935 wird der Bau zweier Wirtschaftswege ab der Servatiuskapelle mit einer Gesamtlänge von insgesamt 2 Kilometern beantragt. Das dafür benötigte Material sollte unter anderem am Broderkronsberg und am Mittelberg entnommen werden (StABoH-83-1-3).

Die Stadt Honnef hat noch Größeres im Sinn und beantragt im Juni 1935 Fördergelder um: „…aus dem sumpfigen Wiesengelände im Stadtwald hochwertiges Ackerland zu erzielen. Es wird die Möglichkeit geschaffen einen Siedlungs-Bauernhof zu schaffen“. Dies stellte eine Art landwirtschaftlicher Musterbetrieb dar und ist vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Autarkiepolitik zu sehen, die den Ausbau der deutschen Landwirtschaft fördern wollte (StABHo-83-1-3). Dafür sollten insgesamt 12 Hektar Wiesen am Broderkonsberg in 70 Zentimetern Tiefe mit Drainagerohren durchzogen und der Boden 50 bis 60 Zentimeter tief umgegraben und eingeebnet werden. Außerdem war die Rodung und Kultivierung von weiteren 3 Hektar Waldland geplant. Doch offensichtlich war das Projekt eher politisch motiviert und wird im März 1936 von dem zuständigen landwirtschaftlichen Gutachter als unrealistisch zurückgewiesen: „Aufgrund der unwirtschaftlichen Lage und der Lage mitten im Wald muss von der Durchführung des Projekts dringend abgeraten und Aufforstung empfohlen werden.“ (StABaH-83-1-4). Doch wird nur die südlich des Broderkronsbergs liegende Projektfläche im Brandenbusch neu bestockt, die ehemaligen Hutewiesen am Nordrand bleiben Offenland.

Abrupt und steil ragt heute die dunkele Silhouette des Broderkronsbergs aus einer flachen Waldwiesenlandschaft heraus, die eher an norddeutsche Niederungen als an ein Mittelgebirge erinnert. Die ehemaligen Hutungen am Broderkronsberg sind ein rar gewordenes Relikt einer im südlichen Siebengebirge zuvor weit verbreiteten Offenlandnutzung und besitzen heute als Standort von Pfeifengraswiesen einen hohen ökologischen Wert. Im Rahmen eines 2023 mit der Stadt Bad Honnef abgeschlossenen Vertrags wird die Fläche von rund 3 Hektar am Broderkronsberg nun durch das Naturschutzgroßprojekt Chance 7 betreut und mittels Pflegemaßnahmen wieder vernässt.

Datierung
Mittelalter bis ca. 1950

Zugang
Die Wiesen liegen abseits der Wege im Naturschutzgebiet Siebengebirge und sind nicht zugänglich.

Hinweis
Das Objekt „Hutungen am Broderkronsberg in Bad Honnef“ ist Element des historischen Kulturlandschaftsbereiches Siebengebirge (Kulturlandschaftsbereich Regionalplan Köln 446).

(Jörn Kling, 2025)

Internet
de.wikipedia.org: Hutweide (abgerufen 20.01.2026)
www.zeno.org: Hutung (in: Pierer's Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 647, abgerufen 20.01.2026)
www.chance7.org: chance7 geht in die Verlängerung (abgerufen 20.01.2026)

Quellen
Echo des Siebengebirges
Kölnische Rundschau 26.7.2023
General-Anzeiger-Bonn 27.6.1933; 17.10.1933.
StABHo 83-1-3, 83-1-4

Hutungen am Broderkronsberg in Bad Honnef

Schlagwörter
Ort
53604 Bad Honnef - Broderskronberg / Deutschland
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Archivauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 450 bis 1500, Ende 1950

Empfohlene Zitierweise

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Jörn Kling: „Hutungen am Broderkronsberg in Bad Honnef”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356777 (Abgerufen: 14. März 2026)
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