Rheinisches Braunkohlen-Syndikat in Altstadt-Nord

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Gemeinde(n): Köln
Kreis(e): Köln
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 56′ 13,34″ N: 6° 56′ 38,21″ O 50,93704°N: 6,94395°O
Koordinate UTM 32.355.538,71 m: 5.644.836,24 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.566.395,35 m: 5.645.066,77 m
  • Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (2020)

    Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (2020)

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  • Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (2020)

    Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (2020)

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  • Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (1927)

    Rheinisches Braunkohlen-Syndikat (1927)

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Gründung des rheinischen Braunkohlen-Syndikats
Das Braunkohlen-Syndikat ging aus dem 1899 gegründeten Verkaufsverein der Rheinischen Braunkohlen-Brikettwerke hervor. Die am 1. April 1899 hervorgebrachte gemeinsame Brikettmarke „Union“ wurde bis 1904 von allen 19 Gründungswerken übernommen. Dieses sogenannte Verkaufskartell folgte dem Vorbild ähnlicher Gründungen im Steinkohlenbergbau, insbesondere dem 1893 in Essen etablierten Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat (RWKS). Im Mitteldeutschen und Lausitzer („Ostelbischen“) Revier entstanden ähnliche Vereinigungen. Die Syndikate organisierten nicht nur den Absatz, sondern sorgten auch für Preisstabilität durch Festlegung von Förder- bzw. Herstellungsquoten der einzelnen Mitglieder. Außerdem übernahmen sie schnell die Absatzförderung durch Reklame, Beteiligung an Messen, populäre Druckschriften und ständige Ausstellungen in ihren Niederlassungen.

Zu Beginn der Weimarer Republik wurden aus den freiwilligen Wirtschaftsvereinigungen staatlich regulierte Zwangsverbindungen. Der damit verbundene Bedeutungs- und Rangzuwachs wirkte sich auch auf die Selbstdarstellung aus. Dem heimischen Energieträger Braunkohle kam, basierend auf den Erfahrungen und Entwicklungen während des Ersten Weltkrieges, zudem eine besondere Rolle zu. Die Braunkohle entwickelte sich zu einer bedeutenden Grundlage der Wirtschaft wie auch der regionalen Energieversorgung.

Eine zentrale Rolle spielte hier Paul Silverberg (1876-1959), Leiter der RAG (Rheinische AG für Braunkohleindustrie und Brikettfabrikation) und seit 1914 Aufsichtsratsvorsitzendes des Syndikats. Als einer der einflussreichsten Industriellen der Weimarer Zeit war Silverberg Anfang der 1930er Jahre Präsident der IHK Köln und stellvertretender Vorsitzender des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, bevor er 1934 als Jude in die Schweiz emigrieren musste.

Architektur und unterschiedliche Bauphasen des ehem. Verwaltungsgebäude
Unter diesen Voraussetzungen erschien es erforderlich, dass die bisher eher im Verborgenen wirkende und nicht systematisch ausgebaute Einrichtung des Braunkohlensyndikats einen deutlich sichtbaren und ihrer neuen Bedeutung angemessenen Unternehmenssitz erhielt. Als Ausgangsbasis dafür bot sich ein von dem Industriellen Guilleaume kurz vor dem Ersten Weltkrieg unweit des Kölner Neumarkts neben der Apostelnkirche errichtetes, spätkaiserzeitliches Palais an. Mit seiner regelmäßigen, längsrechteckig in den Baublock eingreifenden Vierflügelform spielte es auf die damals noch häufiger vorhandenen Kölner spätbarocken Palais an, die in ihrer blockhaften, durch Mansarddächer ringsum abgerundeten Form verbreitete bürgerlich-europäische Vorbilder aufnahmen. Das vermutlich von dem Kölner Architekten Hermann Pflaume d. Jüngeren gestaltete Palais, dessen Hauptfront zum Apostelnkloster wohl ein Geschoss höher als die drei Hofflügel war, stand etwas zurückgesetzt von der Straßenflucht. Nach Aussage der erhaltenen Fassadenteile der Rückfront dürfte auch die Straßenfassade zur Apostelnkirche eine Gliederung mit leicht vorspringenden Risaliten und regelmäßigen Fensterachsen besessen haben, in die das nicht überlieferte Portal eingebunden war (vgl. den gleichzeitigen Bau Pflaumes für die Kölnische Rück, Vogts 1927, S. 43).

An diesen durch das Syndikat erworbenen „Alt-“Bau fügte Martin Elsässer 1922-23 nach Westen, ebenfalls zurückgesetzt, einen durch einen Zwischenbau abgesetzten Neubauflügel an, der einen schlichten, querrechteckigen Grundriss erhielt. Die sechs Fensterachsen sind gleichmäßig verteilt; eine Mittelbetonung fehlt und kennzeichnet den Neubau dadurch eindeutig als untergeordnet. Die fünf Geschosse unter Walmdach sind unterschiedlich hoch; vermutlich in Korrespondenz zum Altbau, dessen Fassade nicht bekannt ist. Es folgte auf ein niedriges Sockelgeschoss ein sechs Meter hohes Hauptgeschoss, dessen Fenster durch eine gemeinsame Balustrade und Blindrahmen zwischen den Fenstern zusammengefasst sind. Die beiden oberen Geschosse sind, ablesbar an der abnehmenden Höhe ihrer hochrechteckigen Fenster, schrittweise in der Etagenhöhe verringert. Alle Fenster besitzen kantige Werksteinrahmungen; die größeren sind mehrfach, die kleineren einfach durch Sprossenfenster geschlossen. In jeder Fensterachse weist das Walmdach rundbogig geschlossene (heute erneuerte) Gauben auf.

Dieser Baubestand überlebte auch den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise gut. Wachsende Platzbedürfnisse sowie freigewordene Trümmergrundstücke in der Umgebung veranlassten das nun „Vereinigungsgesellschaft“ genannte Syndikat dann, den Bau von Elsässer zu beiden Seiten durch nun in der Straßenflucht liegende Neubauten 1954-55 rahmend zu ergänzen. Die mehrgeschossige Rasterfassade, auf der Westseite sechs, der Ostseite sogar 16 Achsen umfassend, gestaltete dabei der junge Theodor Kelter, der in Köln unter anderem als Entwerfer vieler Sparkassenfilialen bekannt werden sollte. Das Erdgeschoss vor dem Elsässer-Bau wurde durch eine nur leicht zurückgesetzte, offene Wandelhalle geschlossen, die zu beiden Seiten von Ladenlokalen entlang der Straße flankiert wurde. Die fensterlosen Seitenwände der Nachkriegsbauten beiderseits der alten Hauptfassade wurden zum einen mit einer überlebensgroßen Statue der Bergbau-Patronin Barbara, zum anderen mit einer als Relief ausgeführten Braunkohle-Werbung ausgefüllt.

Umbauten fanden auch im ersten Obergeschoss des Elsässer-Baus statt: die überhohe „Beletage“ wurde in zwei Geschosse unterteilt; eine weitere Nebentreppe wurde eingefügt. Die Fenster des ersten Obergeschosses wurden dabei (unter Wegfall der bisherigen Tondi mit Tierskulpturen) nach oben verlängert, die Fenster selbst durch einfache Querriegel auf die beiden neuen Etagen aufgeteilt.

Auch wenn Kartelle im klassischen Sinne spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg als wettbewerbswidrig betrachtet und entsprechend verfolgt wurden, so erfüllte das Braunkohlensyndikat als gemeinsame Verkaufs- und Beratungseinrichtung der nun weitgehend zusammengeführten Braunkohlenindustrie weiterhin eine zentrale Funktion. Sie wurde in der Zeit des Wiederaufbaus nochmals wesentlich gefestigt, bis Öl und Gas als häusliche Heizmaterialien in den Vordergrund traten, und die Braunkohlenwirtschaft sich auf die Versorgung der eigenen und fremder Kraftwerke mit Heizmaterial konzentrierte.

Spätestens mit der Verlagerung der Rheinbraun-Verwaltung nach Junkersdorf siedelten auch die verbliebenen Vertriebsorganisationen dorthin über, und der Baukomplex am Neumarkt stand zur Disposition.

Für seine Wiederbelebung sorgte der von den Architekten Herbert Gruhl und Daniela Gerling (beide aus Kölner Unternehmerfamilien stammend) in den Jahren 1981/82 umgesetzte Umbau des verschachtelten Komplexes in ein überdachtes Einkaufszentrum im Erdgeschoss und in Gewerbe- und Wohneinheiten in den Obergeschossen. Die Zugangssituationen und Aufteilung im Erdgeschoss wurden dabei entsprechend der Laden- und Restaurantnutzung weitgehend verändert. Westlich des Altbaus von 1914 bzw. hinter dem Elsässer-Bau entstand durch Überdachung mit einer weiß beschichteten Stahl-Glas-Konstruktion ein überdachter Innenhof, in dem sich, umgeben von Läden, ganzjährig Außengastronomie ansiedeln konnte. In Köln wurde damit ein Startpunkt für den Bau zahlreicher – nicht immer erfolgreicher – kommerzieller Erschließungen von Innenbereichen gesetzt, die häufig den Namen „Galerie“ oder „Passage“ erhielten. Als Bestandteil einer – bewusst auch kleinteilig strukturierter – Neubelebung der Innenstädte parallel zur Neubewertung Urbanen Wohnens muss das Projekt „Bazaar de Cologne“ als wichtige städtebauliche und soziale Innovation betrachtet und bewertet werden. Beachtlich ist auch die weitgehende Übernahme des Baubestandes, sicherlich auch aus Kostengründen, die aber dadurch bis heute die spannende Baugeschichte des Komplexes materiell wie gestalterisch nachvollziehbar erhält.

Im Rahmen einer transnationalen Welterbe-Bewerbung wird der „Kartellsitz“ heute als eigenständige Bautengruppe der Wirtschaftsgeschichte zwischen etwa 1870 und 1945 definiert und neben die Verwaltungssitze großer Konzerne gestellt.

Der Baukomplex Mittelstraße 12-14 (Bauteile bis 1955) wurde 1989 unter Denkmalschutz gestellt.

(Alexander Kierdorf, Institut. Industrie – Kultur – Geschichte – Landschaft, 2020)

Literatur

Buschmann, Walter; Gilson, Norbert; Rinn, Barbara / Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen in Verbindung mit dem Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.) (2008)
Braunkohlenbergbau im Rheinland. (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Nordrhein-Westfalen 1, Rheinland.) S. 62-79, 137-140, 249-251, 418-424, Worms.
Deutscher Stahlbau-Verband (1984)
Stahlbauten in Köln und Umgebung. S. 35, 112, Köln.
Gehlen, Boris (2007)
Paul Silverberg (1876-1959): ein Unternehmer (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beiheft 194). Stuttgart.
Herzog, Christian Wolf (1921)
Das rheinische Braunkohlen-Syndikat. Köln.
Herzog, Günter (1989)
Köln – Architektur der 80er Jahre. S. 33-51, Köln.
Kleinebeckel, Arno (1986)
Unternehmen Braunkohle. Geschichte eines Rohstoffs, eines Reviers, einer Industrie im Rheinland. S. 115-117, 148-150, 184-186, 216-219, Köln.

Rheinisches Braunkohlen-Syndikat in Altstadt-Nord

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Mittelstraße 12-14
Ort
50672 Köln - Altstadt-Nord
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Denkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1870 bis 1945

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Alexander Kierdorf, 2020: „Rheinisches Braunkohlen-Syndikat in Altstadt-Nord”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-327327 (Abgerufen: 5. Februar 2023)
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