Paul-Bäumer-Flugplatz in Neuenkamp

zeitweise auch Militärflugplatz

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Duisburg
Kreis(e): Duisburg
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 51° 26′ 20,17″ N: 6° 43′ 52,13″ O / 51,43894°N: 6,73115°O
Koordinate UTM 32.342.311,40 m: 5.701.080,02 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.550.881,84 m: 5.700.732,66 m
  • Luftaufnahme vom Rhein bei Duisburg-Homberg (2008), links im Bild die Ruhrmündung zwischen Ruhrort und Neuenkamp.

    Luftaufnahme vom Rhein bei Duisburg-Homberg (2008), links im Bild die Ruhrmündung zwischen Ruhrort und Neuenkamp.

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An den von um 1910/12 bis zur Mitte die 1950er Jahre betriebenen Sportflugplatz im Duisburger Stadtteil Neuenkamp, der während des Zweiten Weltkriegs zeitweise auch Militärflugplatz war, erinnert noch der heutige Straßenname Am Alten Flugplatz nördlich der Autobahnabfahrt Duisburg-Häfen der A 40.

Übungsflugfeld der Gebrüder Strack und früher Sport- und Übungsflugplatz
Flugplatz der Duisburger Vereinsflieger
Paul-Bäumer-Flugplatz
NS- und Vorkriegszeit, Zweiter Weltkrieg
Nachkriegszeit und Ende des Flugplatzes
Heutige Situation, Lokalisierung und Objektgeometrie
Internet

Übungsflugfeld der Gebrüder Strack und früher Sport- und Übungsflugplatz
Der einstige Flugplatz Neuenkamp geht auf die Duisburger Brüder und Flugpioniere Karl und Peter Strack zurück, die die hier zuvor offene Fläche für ihre Flugversuche nutzten (vgl. etwa die historischen Karten der Preußischen Neuaufnahme von 1891-1912 in der Kartenansicht, die das Areal noch völlig ungenutzt zeigen). Am 8. Juni 1910 vollführte Karl Strack mit seinem selbst gebauten Eindecker „Strack I“ erste Motorflüge über Strecken von etwa 50 Metern mit einer Flughöhe von immerhin etwa 3 Metern. Diese Pioniertaten fanden allerdings in der Duisburger Stadtmitte auf dem damaligen Wiesenhügel am Pulverweg statt (im Bereich des heutigen Stadttheaters und Stadthauses, wo eine Gedenktafel an diese Flüge erinnert).

Im Jahr 1911 konnten die Brüder Strack das Neuenkamper Gelände erwerben und begründeten dort ihre Strack-Flugzeug-Werke Duisburg. Neben dem Bau und der Erprobung ihrer nun in Serie gebauten Flugzeuge gründeten und betrieben Sie auf dem Flugsportplatz auch eine Pilotenschule – dies allerdings „gegen den erbitterten Widerstand der Deutschen Jagdgesellschaft, die das Gelände um Kasslerfeld und Neuenkamp als bestes Jagdgebiet schätzte.“ (www.waz.de).
Mit den immer höher und weiter fliegenden Flugmaschinen gelang es Karl Strack schließlich sogar, das Duisburger Kaiserdenkmal in 200 Metern Höhe zu umkreisen.
Auch auf dem Flugplatz Holten im Holtener Bruch im heutigen Oberhausen – dem bereits 1909 entstandenen ältesten Flugplatz im Ruhrgebiet – waren die Stracks mit einer Flugzeugfabrikation und einer Flugschule engagiert.
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Flugplatz der Duisburger Vereinsflieger
Nicht nur aufgrund der Strack‘schen Heldentaten gab es in Duisburg eine große Begeisterung für die Fliegerei: Ein erster Ballonaufstieg über Duisburg war bereits am 13. August 1905 durch den Luftschiffer Adolph Emil Paul Feller (1866-1954) erfolgt, der seinen Gasballon „Victoria” am Jägerhof an der Monning aufsteigen ließ. Ein weiterer Ballonaufstieg am Pfingstmontag dem 1. Juni 1909 in Meiderich wurde ebenso zu einem Volksfest, wie die erst- und letztmalige Landung eines Luftschiffs auf Duisburger Boden, als am 12. Juli 1911 ein unstarres Prallluftschiff des Typs “Parseval” über der Stadt einschwebte (www.waz.de).
Bereits zuvor hatte sich zum 20. April 1911 eine Vereinigung der Freunde des Flugsportes an Rhein, Ruhr und Lippe gegründet, die die Duisburger Stadtverordneten um die Überlassung eines geeigneten Flugplatzes bat. Ferner wurde am 27. Juni 1912 eine Ortsgruppe Duisburg des Niederrheinischen Vereins für Luftschifffahrt in der Duisburger Tonhalle aus der Taufe gehoben.
„Der Ruf der Flieger fand bei der Stadt Gehör: Schon wenige Tage nach der Gründung [....] wurde der Flugplatz Neuenkamp feierlich eröffnet – mit dem ersten Flugtag am 30. Juni 1912.“ (ebd.)

Während der Verein bei einem zweiten Großflugtag noch erstmals seine Motorflugzeuge einem größeren Publikum vorführen konnte, musste eine für September 1914 geplante dritte Veranstaltung wegen des Ersten Weltkrieges abgesagt werden.
Da die Versailler Verträge den Motorflug in Deutschland nach dem Krieg fast ganz verboten, konnten weitere Aktivitäten erst nach über zehn Jahren aufgenommen werden. Im Jahr 1925 beschlossen flugbegeisterte Duisburger, wieder als Segelflieger aktiv zu werden. Am 6. September 1925, wenige Tage nach dem Abzug der französisch-belgischen Besatzungstruppen, wurde ein Duisburg-Mülheimer Flugsportverein e.V. in der Gruppe West des Deutschen Luftschiffart-Verbands neu gegründet.
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Paul-Bäumer-Flugplatz
Im Jahr 1927 erhielt der Sportflughafen den Namen Paul-Bäumer-Flugplatz, was an den seinerzeit sehr populären Flieger Paul Bäumer (1896-1927) erinnerte. Bäumer stammte aus Meiderich, hatte das Fliegen vor dem Krieg bei den Gebrüdern Strack gelernt und war im Juli des Jahres bei einem Testflug über dem dänischen Öresund tödlich verunglückt (unter www.waz.de fehlerhaft 1928).
Der im Weltkrieg mit 43 Luftsiegen hochdekorierte Jagdpilot – u.a. Träger des Ordens Pour le Mérite –, war seit 1922 in Hamburg als Fluglehrer seiner Bäumer Aero Fliegerschule und als Flugzeugproduzent seiner Bäumer Aero GmbH aktiv sowie nicht zuletzt auch als Kunst- und Rekordflieger bekannt. In seiner Heimatstadt war er noch am 12. September 1926 beim ersten Neuenkamper Nachkriegsflugtag der unumstrittene Star, als er als Kunstflieger mit seiner roten „Flamingo D 296“ sein Können zeigte. Als der Neuenkamper Flugsportverein am 17. Juni 1928 sein erstes Motorflugzeug vom Typ „Raab-Katzenstein RK 2 Pelikan“ anschaffte, wurde der Doppeldecker auf den Namen „Paul Bäumer“ getauft. Später wurde auch die vormalige Brückstraße in seinem Heimatstadtteil Meiderich in Paul-Bäumer-Straße umbenannt.

In Duisburg erlebte in diesen Jahren vor allem die Segelfliegerei einen großen Aufschwung, u.a. wurde im Duisburger Süden bei Bissingheim ein Starthang für den Segelflug mit einem Fliegerheim samt Flugzeughalle am Westhang des Ellenbergs eingeweiht, dessen Reste heute noch am Ligusterweg in Mülheim an der Ruhr erkennbar sind. In Wedau gründete der Segelflieger und Fluglehrer August Wiing 1931 im dortigen Eisenbahn-Ausbesserungswerk eine erste Duisburger Werksfliegergruppe, die sich dem Niederrheinischen Verein für Luftschiffahrt anschloss (www.waz.de).
Auch der Paul-Bäumer-Flugplatz wurde in den 1930er Jahren baulich um eine zusätzliche Halle mit Werkstatt, Casino und Tankstelle erweitert.
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NS- und Vorkriegszeit, Zweiter Weltkrieg
Im Zuge der NS-Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Aktivitäten wurden ab 1933 auch sämtliche Luftsportvereine und -organisationen als „Kräfte der deutschen Luftfahrt“ einheitlich zusammengefasst und galten ab 1937 als Teile des paramiltärischen Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSKF) .
„Der Flugverein Niederrhein besaß bei dieser Gleichschaltung drei Motorflugzeuge, über 20 selbstgebaute Segelflugzeuge, die Flugplatzanlage Duisburg-Neuenkamp sowie die Segelfluggelände in Bissingheim und am Auberg. Gemessen an der Zahl seiner Mitglieder wurde der Verein der zweitgrößte in Deutschland.“ (www.waz.de)

Im Jahr des Kriegsbeginns 1939 wurde für alle Sportflugzeuge ein Startverbot verfügt und der Neuenkamper Flugplatz musste mit allen Anlagen und Geräten der Luftwaffe übergeben werden. Während des Zweiten Weltkriegs diente der Flugplatz zunächst als Ausbildungseinrichtung der Luftwaffe und schließlich auch als Startplatz für deren berüchtigte Sturzkampfbomber (Stukas) vom Typ „Junkers Ju 87“, die von hier während der „Westfeldzüge“ gegen Belgien und die Niederlande erstmals am 10. Mai 1944 zu einem Angriff auf Rotterdam starteten.
Später wurde der Flugplatz Neuenkamp auch für Jagdflugzeuge genutzt, die die Bomber alliierter Luftangriffe gegen die Ruhrgebietsstädte bekämpften. Ein Großteil des Neuenkamper Fluglatzes wurde im Krieg durch Fliegerbomben zerstört.
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Nachkriegszeit und Ende des Flugplatzes
Nach Kriegsende galt durch Auflagen der Alliierten erneut ein weit umfassendes Verbot der Fliegerei in Deutschland.
„Trotz Verbots gründeten überlebende Segel- und Motorflieger am 13. Juli 1950 den ‚Bastelverein Duisburg‘, der im Januar 1951 wieder seinen alten Namen ‚Flugverein Niederrhein‘ annahm. Über 500 Duisburger traten dem Verein bei.“ (www.waz.de)
Die in den Folgejahren wieder gelockerten Verbote gestatteten allmählich wieder den Flugsport, der in Neuenkamp auch wieder für kurze Zeit ausgeübt wurde. Bereits Mitte der 1950er Jahre wurden jedoch auf dem Flugplatzgelände verschiedene Industriebetriebe und später auch ein Tanklager eingerichtet, so dass die Neuenkamper Flieger zunehmend auf ihren am 2. Juli 1955 eingeweihten neuen Flugplatz in Wesel auswichen.

Als die neu angesiedelte Industrie und schließlich auch die benachbarte Wohnbebauung immer mehr zu einem Hindernis für die Segelfliegerei wurde, wurde der Flugplatz 1957 geschlossen.
Der Neuenkamper Flugplatz bestand zumindest zeitweise gleichzeitig mit dem von 1955 bis 1966 betriebenen und von hier etwa 5 Kilometer entfernten Sabena-Hubschrauberflugplatz in Duissern, mit dem er jedoch nicht zu verwechseln ist.
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Heutige Situation, Lokalisierung und Objektgeometrie
Spuren des einstigen Flugplatzes finden sich vor Ort heute keine mehr. Bereits der 1957er Falk-Stadtplan von Duisburg zeigt den Flugplatz nicht mehr, der Bereich zwischen Neuenkamp und Kaßlerfeld wird dort als Industriegelände ausgeweisen – interessanterweise bereits mit dem Straßennamen ‚Am Alten Flugplatz‘ (www.landkartenarchiv.de).
Die hiesige Objektgeometrie folgt der präzisen Darstellung in den topographischen Karten TK 1936-1945 (vgl. Kartenansicht).

(Franz-Josef Knöchel, Digitales Kulturerbe LVR, 2020)

Internet
www.waz.de: 100 Jahre Flugverein Niederrhein. Landeanflug auf Neuenkamp (Text Martin Krampitz, WAZ vom 27.06.2012, abgerufen 28.10.2020)
www.derwesten.de: Aus altem Flughafen wird neuer Wald (Text Willi Mohrs, Der Westen vom 28.03.2013, abgerufen 27.10.2020)
de.wikipedia.org: Geschichte der Luftfahrt im Ruhrgebiet (abgerufen 27.10.2020)
de.wikipedia.org: Neuenkamp und Kaßlerfeld (abgerufen 28.10.2020)
de.wikipedia.org: Paul Bäumer (abgerufen 28.10.2020)
www.landkartenarchiv.de: Falk-Plan Duisburg, 1. Auflage 1957 (abgerufen 28.10.2020)
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Paul-Bäumer-Flugplatz in Neuenkamp

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Alten Flugplatz / Am Schlütershof
Ort
47059 Duisburg - Neuenkamp
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1910 bis 1912, Ende 1957

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Paul-Bäumer-Flugplatz in Neuenkamp”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-324106 (Abgerufen: 18. Januar 2021)
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