Kurfürstliches Paradeschlafzimmer im Buen-Retiro-Flügel

Chambre de parade

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Architekturgeschichte
Gemeinde(n): Bonn
Kreis(e): Bonn
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Koordinate WGS84 50° 43′ 57,91″ N: 7° 06′ 7,5″ O 50,73275°N: 7,10208°O
Koordinate UTM 32.366.065,22 m: 5.621.824,40 m
Koordinate Gauss/Krüger 2.577.849,93 m: 5.622.496,34 m
  • Blick in einen der Bibliotheksräume des Kunsthistorischen Instituts der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (2018)

    Blick in einen der Bibliotheksräume des Kunsthistorischen Instituts der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (2018)

    Copyright-Hinweis:
    Ikelle-Matiba, Jean-Luc
    Fotograf/Urheber:
    Jean-Luc Ikelle-Matiba
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Porträt des Kurfürsten Clemens August von Bayern von George Desmarées um 1746

    Porträt des Kurfürsten Clemens August von Bayern von George Desmarées um 1746

    Copyright-Hinweis:
    LVR-LandesMuseum Bonn
    Fotograf/Urheber:
    George Desmarées
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
  • Mit Goldbrokat durchwirkter Gros de Tours-Vorhang mit dem Wappen des Kardinal Marcello Cerscenzi (2013).

    Mit Goldbrokat durchwirkter Gros de Tours-Vorhang mit dem Wappen des Kardinal Marcello Cerscenzi (2013).

    Copyright-Hinweis:
    Sailko / CC BY-SA 3.0
    Fotograf/Urheber:
    Sailko
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Im ersten Obergeschoss des Buen-Retiro-Flügels im Kurfürstlichen Schloss Bonn befindet sich das Kunsthistorische Institut der Universität Bonn. Nicht alle Studierenden, die tagein- tagaus die Institutsräumlichkeiten nutzen wissen, dass sich an diesem Ort früher die kurfürstlichen Gemächer befanden, deren Herzstück ein zu seiner Zeit sehr berühmter Repräsentationsraum darstellte: Der Chambre de parade, eins von zwei Paradeschlafzimmern des Kurfürsten in der Bonner Residenz, dessen Pracht sich durchaus mit der von Repräsentationsräumen in Versailles hatte messen können. Während des großen Feuers im Jahre 1777 wurde auch dieser so prachtvolle Raum ein Raub der Flammen.

Intimer Raum als Ort herrschaftlicher Inszenierung
In der Tat ging auch von Versailles die Mode aus, das eigentlich intime Schlafzimmer zu einem Zentrum des Herrschaftskults zu machen: Interessanterweise galt am französischen Königshof in Versailles der Thron als Herrschaftssymbol sehr wenig und somit auch der Thronsaal als Standort dieses Möbels. Dem Schlafzimmer bzw. dem Bett des Monarchen kam jedoch eine viel größere Bedeutung zu. Das Schlafzimmer wurde zum öffentlichen Raum, zum Raum der Herrschaftsinszenierung (Ottomeyer 2011, S. 103ff.).
Kurfürst Joseph Clemens von Bayern (1671-1723, regierte ab 1688), hatte mehrere Jahre in Frankreich gelebt und somit die Sitten des französischen Hofes kennengelernt. So überrascht es nicht, dass auch er nach seiner Wiederkehr aus Frankreich 1715 der allgemein an europäischen Fürstenhöfen verbreiteten aus Frankreich stammenden Mode der Stilisierung des herrschaftlichen Schlafzimmers folgte. Die Pracht der Räume fand in ihrer Abfolge eine Steigerung, die im Paradeschlafzimmer ihren Höhepunkt erfuhr. Im Gegensatz zum französischen Pendant jedoch war die hiesige Inszenierung abgeschwächt, dienten die beiden Paradeschlafzimmer im Bonner Schloss wahrscheinlich lediglich der Repräsentation. Geschlafen hatte der Kurfürst in diesen Räumen wohl nie, wodurch diese Räume mit der Staffage einer Theaterinszenierung mehr gemein hatten, als mit wirklichen Schlafzimmern (Jumpers 2007, S. 88).

Eine vielbewunderte Sehenswürdigkeit Bonns
Aufgrund seiner Funktion als öffentlicher Raum gibt es für das Paradeschlafzimmer im Buen-Retiro-Flügel vielerlei Beschreibungen, die von der prächtigen Ausstattung des Raumes künden und anhand derer dieser verlorene Raum vor dem inneren Auge wieder auferstehen kann. So beispielsweise die Beschreibung des Ludwig Schiedermair, die sich an älteren Quellen orientiert und die Gestaltung des Zimmers zur Zeit Clemens Augusts wiedergibt:

„Ein glanzvolles, das Pendant der Enfilade [die Rede ist von einer zweiten Chambre de parade, die im zum Hofgarten gelegenen Flügel untergebracht war und in dem sich heute der Hörsaal V befindet; Verf.] weit übertreffendes, von den durchreisenden Fremden viel bestauntes Schaustück stellt dann die Chambre de parade dar. Schwere rote, mit Goldborten und Goldfransen besetze Gros de Tours-Vorhänge überdecken die sechs, teils nach dem Hofgarten, teils nach Poppelsdorf gerichteten Außenfenster, durch deren geschliffene Scheiben das Licht eindringt. Das mit Schnitzereien des Bildhauers [Leopold] Radoux versehene Paradebett im Alkoven ist mit rotem, goldgestickten Samt ausstaffiert, von gleicher Farbe sind die Bettdecke, die Sessel, der von dem vergoldeten Himmel herabfallende Vorhang. Eine Ballustrade durchquert das Zimmer und trennt Bett und Fensterraum. In einer Nische steht eine Muttergottes, vor ihr ein rotsamtener Betstuhl, auf dem Marmorsims des Kamins, den zwei Porträts flankieren, eine Gruppe von elf Figuren. An den Fensterpfeilern sind vier Spiegel eingelassen, vor denen sich Kommoden mit mächtigen Porzellanvasen befinden. Ein heller Poppelsdorfer Fußteppich erstreckt sich vor dem Bett, das Lampenlicht fällt des Abends von 10 emaillierten, mit Porzellanblumen verzierten Wandleuchtern. Eine grelle Farbenflut in Purpurrot und Gold berauscht, wie in katholischen Kirchen des Südens beim Pfingstamt, die Sinne des Beschauers.“ (Schiedermair 1978, S. 19)

Ein Raum mit persönlicher Aussage
Der Raum, das geht aus der Beschreibung hervor, appellierte an die Sinne des Besuchers und war geschaffen, um zu beeindrucken. Das Bett war in einem sogenannten Alkoven, also in einer Wandnische, platziert. Diese Gestaltung entsprach durchaus der Mode der Zeit, betrachtet man Paradebetten in anderen Schlössern. Die vorherrschende Farbe des Raumes im Bonner Buen-Retiro-Flügel war Rot. Möchte man einen Eindruck von den schweren und prächtigen Gros de Tours-Vorhängen gewinnen, die diesen Raum dominierten aber leider nicht erhalten geblieben sind, kann man sich an weiteren Exemplaren in Schlössern und Museen orientieren (siehe die Abbildung in der Mediengalerie). Der Betstuhl, der in unmittelbarer Nähe zu einer Statuette der Mutter Gottes platziert war bezeugt, dass der Kurfürst mit diesem Raum auch eine Aussage zu seiner Person an die Außenwelt vermitteln wollte. Gegenstände im Raum zu installieren, um auf eine persönliche Tugend oder Fähigkeit des Herrschers hinzuweisen, wurde ebenfalls im Sommerappartement des Schlosses unternommen: Dort befand sich ein Konzertflügel zuzüglich Notenmaterial, was dahingehend gedeutet werden konnte, dass der Kurfürst der Musik sehr zugetan gewesen sei (Rees 2006, S. 60). Im Fall des Paradeschlafzimmers können die Gegenstände folgendermaßen gedeutet werden: All dem barocken Prunk zum Trotz ist der Kurfürst immer auch ein Kirchenmann, der viele Stunden in stiller Andacht verbringt. Auf diese Weise wurden Pracht und Frömmigkeit nebeneinander und gleichberechtigt präsentiert. Der Raum avancierte somit zum Träger einer Botschaft, die sowohl das weltliche, als auch das kirchliche Amt des Fürsten zum Ausdruck bringen sollte.

(Florian Weber, LVR-Redaktion KuLaDig, 2018, freundliche Hinweise von Herrn Eric Hartmann)

Literatur

Hartmann, Eric (2007)
Die Baugeschichte von 1723-77. In: Satzinger, Georg (Hrsg.): Das kurfürstliche Schloß in Bonn. Residenz der Kölner Erzbischöfe. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, S. 11-18. München u. Berlin.
Hartmann, Eric (2007)
Ausstattungsprojekte für den Buen-Retiro-Flügel 1715-23. In: Satzinger, Georg (Hrsg.): Das kurfürstliche Schloß in Bonn. Residenz der Kölner Erzbischöfe. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, S. 57-66. München u. Berlin.
Jumpers, Marc (2007)
Die Raumnutzung und Ausstattung vom Tode Kurfüst Joseph Clemens' 1723 bis zum grossen Brand 1777 - Versuch einer Rekonstruktion. In: Satzinger, Georg (Hrsg.): Das kurfürstliche Schloß in Bonn. Residenz der Kölner Erzbischöfe. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, S. 83-97. München u. Berlin.
Ottomeyer, Hans (2011)
Gebrauch und Form von Sitzmöbeln am Hof. In: Möbel als Medien. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge, S. 103-122. Bielefeld.
Rees, Joachim (2006)
Die höfische Gesellschaft unterwegs. Residenzkultur im Spiegel handschriftlicher Reisetagebücher des 18. Jahrhunderts. In: Hofkultur und aufgeklärte Öffentlichkeit : Potsdam im 18. Jahrhundert im europäischen Kontext, S. 47-75. o. O.
Schiedermair, Ludwig (1978)
Der junge Beethoven. Hildesheim.

Kurfürstliches Paradeschlafzimmer im Buen-Retiro-Flügel

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Am Hof 1
Ort
53113 Bonn - Zentrum
Fachsicht(en)
Architekturgeschichte
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Schriften, Geländebegehung/-kartierung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1715 bis 1723, Ende 1777

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Kurfürstliches Paradeschlafzimmer im Buen-Retiro-Flügel”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-290039 (Abgerufen: 15. April 2024)
Seitenanfang