Synagoge Blumenthal

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Landeskunde, Archäologie
Gemeinde(n): Hellenthal
Kreis(e): Euskirchen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal, Blick auf die Gedenkstätte (2016).

    Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal, Blick auf die Gedenkstätte (2016).

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  • Von einem Baum überwachsener Grabstein von Kappel Kaufmann (gest. 1890) auf dem jüdischen Friedhof am Zengselsberg in Blumenthal (2016).

    Von einem Baum überwachsener Grabstein von Kappel Kaufmann (gest. 1890) auf dem jüdischen Friedhof am Zengselsberg in Blumenthal (2016).

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  • Hellenthal-Blumenthal, Gedenkstätte am ehemaligen Standort der Synagoge (2016)

    Hellenthal-Blumenthal, Gedenkstätte am ehemaligen Standort der Synagoge (2016)

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  • Die Gedenkstätte mit zentraler Stele am Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal (2016).

    Die Gedenkstätte mit zentraler Stele am Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal (2016).

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  • Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal. Übersicht über die Gedenkstätte (2016)

    Synagogenstandort in Hellenthal-Blumenthal. Übersicht über die Gedenkstätte (2016)

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Die jüdische Gemeinde Hellenthal seit dem frühen 19. Jahrhundert:
Die Juden in Hellenthal (inklusive Kirschseiffen), Blumenthal und Reifferscheid bildeten im 19. Jahrhundert eine Gemeinde. 1932 angeschlossen an Schleiden.
Gemeindegröße um 1815: –, um 1880: 21 (1872), 1932: 12 (1933), 2006: –.
Bethaus / Synagoge: Zunächst trafen sich die Juden der Umgebung in einem Betraum in Kirschseiffen, ab 1861 in Blumenthal. 1904 konnte ein Synagogenneubau, ebenfalls in Blumenthal, eingeweiht werden, dieser wurde 1938 zerstört (vorstehende Angaben alle nach Reuter 2007).

Nutzungsbeginn: 1904 eingeweiht, Nutzungsende: 10. November 1938; Zerstörungen in der NS-Zeit: Am 10. November 1938 Gebäude in Brand gesetzt; Heutige Nutzung am Standort: Unbebaut; Gedenken am Standort: Gedenktafel (nach synagogen.info)

Die 1904 feierlich geweihte Blumenthaler Synagoge galt als eine der schönsten und größten der Eifel. 1938 fiel sie den Novemberpogromen zum Opfer und ihre Ruine wurde 1942 fast vollständig abgetragen und eingeebnet.

Geschichte der Synagoge
Die ersten Juden siedelten sich in Hellenthal und umliegenden Dörfern gegen Ende des 17. Jahrhunderts bzw. im frühen 18. Jahrhundert an. Der Graf von Salm-Reifferscheid, der in Geldnöten war, hatte den Zuzug gegen Zahlung jährlicher Schutzgelder gestattet. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts lebten im Oberen Oleftal insgesamt allerdings nur vier jüdische Familien. Bis ca. 1800/1810 war der jüdische Bevölkerungsteil ebenfalls noch sehr gering und beschränkte sich auf wenige Familien; er wuchs aber im Laufe des 19. Jahrhunderts deutlich und erreichte um 1900 seinen Höchststand. Die Juden in der Region Hellenthal verdienten ihren Lebensunterhalt vor allem als Viehhändler und Metzger, aber auch als Manufakturwaren- und Textilhändler.
Gottesdienste wurden über viele Jahrzehnte in wechselnden Räumen in Privathäusern abgehalten. „Im Obergeschoß des Hauses von Koppel Kaufmann in Blumenthal diente der Gemeinde ein Raum als Betsaal, bevor 1904 die Synagoge eingeweiht wurde.“ (steinheim-institut.de) Der Grabstein von Kappel Kaufmann (gestorben am 18. Juni 1890) ist auf dem jüdischen Friedhof am Zengselsberg in Blumenthal markant in einen Baum eingewachsen (vgl. Abbildung).

Am 5. August 1904 wurde eine neue Synagoge in Blumenthal eingeweiht; es war das größte Synagogenbauwerk in der Eifel.
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen immer mehr Juden aus der Region weg, da durch die Abtretung der Region Eupen-Malmedy und die schwer zu überwindende Grenze zu Belgien ein Teil der Wirtschaftsgrundlage der jüdischen Viehhändler weggebrochen war. Bereits im Jahre der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 war die Synagoge in Blumenthal Ziel antisemitischer Hetze; so wurden die Außenwände mit NS-Parolen beschmiert und Fensterscheiben eingeworfen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzten Nationalsozialisten, darunter auch der Amtsbürgermeister von Hellenthal, das Blumenthaler Synagogengebäude in Brand.
Alle jüdischen Bewohner Blumenthals und Hellenthals wurden festgenommen und - an den schwelenden Trümmern der Synagoge vorbei - im sog. „Prangermarsch“ ins Bürgermeisteramt geführt; vor dem zerstörten Gotteshaus mussten die festgenommenen Männer den Hut absetzen und sich vor den anwesenden SS- und SA-Männern verneigen! Die meisten jüdischen Männer kamen „in Schutzhaft“ und wurden danach ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.

Nach der Zerstörung verblieb bis zum Jahre 1942 der Bauschutt auf dem Gelände, danach wurde das Grundstück durch die Siedlungsgesellschaft „Rheinische Heim“ übernommen. Da jüdischer Besitz für die Versorgung heimkehrender Soldaten vorgesehen war, konnte das Grundstück zunächst nicht privat verkauft werden. Nach dem Krieg kam es in den Besitz der Reichsbahn bzw. Bundesbahn und wurde nach 1949 veräußert und später zu einem Teil mit einer Scheune überbaut.
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Das Gebäude
Bei der Synagoge handelte es sich um ein 141 Quadratmeter großes Gebäude mit einer Seitenlänge von 15,65 x 8,96 Metern. Die Raumhöhe betrug rund sieben Meter. Der Eingang befand sich an der Westseite.

Die Fundamente wurden aus Bruchsteinen und Kalkmörtel hergestellt. Im Innere fand sich der Eingangflur, der Betraum mit Empore und ein Innenraum an der Ostseite mit Altar und Bühne.
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Die Gedenkstätte
2008 wurde die Gedenkstätte nahe dem ehemaligen Standort der Synagoge von Blumenthal eingeweiht. Das Denkmal besteht aus der zentralen Stele aus zwei aufrecht stehenden Eisenbahnschienen. Zwischen beiden befindet sich eine Glasplatte, auf der ein Gebet der deutsch-jüdischen Autorin Nelly Sachs eingedruckt ist: „Wenn ich nur wüsste“ (Gebete für den toten Bräutigam 1946).
Kaum war es im November 2008 aufgestellt worden, flog der erste Stein dagegen, das Glas zersplitterte. Als das kurz nach der Erneuerung der Platte erneut passierte, entschlossen sich die Initiatoren der Gruppe »JUDIT.H«, die Beschädigung als politisches Zeichen zu erhalten, eine zweite Glasplatte wurde auf die zersplitterte alte aufgeklebt.

JUDIT.H steht für den Arbeitskreis „Geschichte der Juden im Tal, Hellenthal“, der seit 2004 existiert und eng mit dem Heimatverein Rescheid e.V. verbunden ist. Die ehrenamtlichen Mitglieder des Arbeitskreises treffen sich zur Spurensuche, um historische Fakten auszuwerten und die jüdische Geschichte im Schleidener Tal aufzuarbeiten. Menschen, ehemalige Eifeler Bürger und Nachbarn, werden in Erinnerung gebracht und beim Namen genannt.

2008 wurde eine Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ realisiert, und auch das Mahnmal in Blumenthal konnte enthüllt werden. Dazu wurde ein Kunstwettbewerb ausgerichtet. Viele Künstler haben sich beworben, und nach Absprache mit der jüdischen Gemeinde in Aachen wurde die Arbeit von Maggi Töpfer ausgewählt und am 9. November 2008 enthüllt.

Auf der Glastafel stehen folgende Texte:

Vor Ihnen liegt das Gelände der Blumenthaler Synagoge, erbaut 1904 von der Jüdischen Gemeinde

Wenn ich nur wüsste, / Worauf dein letzter Blick ruhte.
War es ein Stein, der schon viele letzte Blicke / Getrunken hatte, bis sie in Blindheit / Auf den Blinden fielen?
Oder war es Erde, / Genug, um einen Schuh zu füllen,
Und schon schwarz geworden / Von soviel Abschied / Und von soviel Tod bereiten?
Oder war es dein letzter Weg, / Der dir das Lebewohl von allen Wegen brachte / Die du gegangen warst?
Eine Wasserlache, ein Stück spiegelndes Metall, / Vielleicht die Gürtelschnalle deines Feindes,
oder irgend ein anderer, kleiner Wahrsager / Des Himmels?
Oder sandte dir diese Erde, / Die keinen ungeliebt von hinnen gehen lässt,
Ein Vogelzeichen durch die Luft, / Erinnernd deine Seele, dass sie zuckte / In ihrem qualverbrannten Leib?

Nelly Sachs 1891-1970

Am 9. November 1938 wurde diese Synagoge unter Beteiligung von Mitbürgern niedergebrannt. / Wenig später begann die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Nachbarn.


Das Gelände der ehemaligen Synagoge in Blumenthal ist eingetragenes Bodendenkmal (Gemeinde Hellenthal, UDB-Nr. B 0029; LVR-ABR Nr. EU 289).
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Der Standort der Synagoge in Blumenthal war Station der Archäologietour Nordeifel 2016.


(LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland / LVR-Redaktion KuLaDig, 2016)

Internet
synagogen.info: Hellenthal, Ortsteil Blumenthal (abgerufen 02.08.2016)
www.untaten-an-unorten.de: Gedenkstätte Synagoge Blumenthal (abgerufen 02.08.2016)
de.wikipedia.org: Blumenthal (Hellenthal) (abgerufen 02.08.2016)
www.jüdische-gemeinden.de: Hellenthal-Blumenthal (abgerufen 17.09.2016)
www.steinheim-institut.de: epidat, Hellenthal-Blumenthal (abgerufen 28.11.2016)

Literatur

Brocke, Michael (1999)
Feuer an Dein Heiligtum gelegt. Zerstörte Synagogen 1938 (Beilage: Die Synagogen der jüdischen Gemeinden Nordrhein-Westfalen). (Gedenkbuch der Synagogen Deutschland 1.) S. 234, Bochum.
Hanf, Walter / Arbeitskreis Judit.H.; Heimatverein Rescheid e.V. (Hrsg.) (2014)
Juden im oberen Oleftal. Düren.
Pracht, Elfi (1997)
Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln. (Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland 34.1.) S. 357 ff., Köln.
Reuter, Ursula (2007)
Jüdische Gemeinden vom frühen 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, VIII.8.) S. 29, Bonn.

Synagoge Blumenthal

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Alte Schulstraße
Ort
53940 Hellenthal - Blumenthal
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Ortsfestes Bodendenkmal gem. § 3 DSchG NW
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Landeskunde, Archäologie
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, Auswertung historischer Karten, Auswertung historischer Fotos, Archäologische Grabung
Historischer Zeitraum
Beginn 1904, Ende 1938
Koordinate WGS84
50° 29′ 50,47″ N, 6° 27′ 36,74″ O / 50.49735°, 6.46021°
Koordinate UTM
32U 319876.25 5597012.28
Koordinate Gauss/Krüger
2532697.22 5595831.88

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Synagoge Blumenthal”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-252590 (Abgerufen: 16. November 2018)
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