Denkmalbereich „Kalkar - Ortskern“

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Kalkar
Kreis(e): Kleve (Nordrhein-Westfalen)
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
  • Windmühle am Hanselaertor in Kalkar (2015), Rückansicht von der Hanselaerstraße aus gesehen.

    Windmühle am Hanselaertor in Kalkar (2015), Rückansicht von der Hanselaerstraße aus gesehen.

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    Hans-Michael Altemüller
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Im Zusammenhang mit der Herausbildung und Festigung mittelalterlicher Territorien am unteren Niederrhein wurde Kalkar 1230 durch Graf Dietrich V. von Kleve (1202-1260) gegründet. Der Ort entstand auf einem bis dahin unbesiedelten, vom römerzeitlichen Rhein angeschwemmten Sandrücken, der Kalkarward, umgeben von breiten Bruchstreifen, die das Rheinbett hinterlassen hatte. Die zuvor östlich des neuen Siedlungsplatzes liegende, seit der Römerzeit bedeutende Rheinuferstraße wurde auf die Kalkarward verlegt und bildete die Nord-Süd-Achse des neuen Ortes. Nach offenbar rascher Besiedlung erhielt Kalkar schon 1242 oder wenig später Stadtrechte.

Der zunächst auf die westliche Hälfte der Kalkarward begrenzte Ort wurde nach 1300 so erweitert, dass nun der ganze, bananenförmig gebogene Werder bebaut wurde. Der vormals als östlicher Grenzfluss dienende Monnebach teilte den Ort nunmehr mittig (Grabenstraße).

Begünstigt durch die gute Verkehrslage am Handelsweg Köln-Niederlande und gewerblich gefördert durch die von der Schafzucht auf der Gocher Weide auflebende Wollweberei, erlebte Kalkar im Mittelalter eine wirtschaftliche Blüte, die im Baugeschehen markant zum Ausdruck kam: Mitte des 14. Jahrhunderts Stadtmauer mit vier Toren, 1438-43 Bau eines neuen, monumentalen Rathauses mit Erweiterung des vorgelagerten Marktplatzes, 1409 bis ca. 1455 Stadtpfarrkirche als Ersatz für einen romanischen Vorgängerbau, 1421 Stadtburg der Klever Grafen am südöstlichen Stadtrand (nicht erhalten), 1455 Dominikanerkloster an der Grabenstraße (nicht erhalten). Im Jahr 1563 hatte Kalkar bei 582 Häusern seine höchste Einwohnerzahl von 3.800 Personen erreicht.

Die trotz dieser Bautätigkeit schon im 15. Jahrhundert zu beobachtende Stagnation wurde durch den 1568 beginnenden achtzigjährigen Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden und durch den Dreißigjährigen Krieg zu einem fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang. Die im Mittelalter bedeutende Handels- und Gewerbestadt degenerierte in nachmittelalterlicher Zeit zu einem unbedeutenden Landstädtchen.

Die gravierendsten Eingriffe in den mittelalterlichen Stadtkörper erfolgten 1656 mit dem Bau einer großen sternförmigen Zitadelle im Süden des Stadtgebietes, die schon 1674 wieder geschliffen wurde. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Stadtmauer und Stadttore abgebrochen. Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten das Dominikanerkloster, die an der Grabenstraße gelegene mittelalterliche Gasthauskapelle und eine Gruppe spätgotischer Bürgerhäuser an der Südseite des Marktes. Die Schäden am Rathaus und an der Stadtpfarrkirche wurden im Zuge des Wiederaufbaus beseitigt.

Weitgehend unverändert überliefert ist der mittelalterliche Stadtgrundriss von Kalkar. Die topographisch bedingte länglich-ovale Stadtfläche wird von einem Straßenkreuz mit einem großen rechteckigen Marktplatz im Mittelpunkt geprägt. Dominierend in Funktion und Bebauung ist der in Nord-Süd-Richtung verlaufende als Teil der Rheinuferstraße zu verstehende Straßenzug Monrestraße/Kesselstraße. Diese beiden, leicht gekrümmten Straßen sind am Marktplatz so gegeneinander versetzt, dass die Platzwände des Marktes in diese Straßen markant als räumliche Abschlüsse hineinwirken. Schmale Straßen (Stege) zweigen rechtwinklig von diesem Hauptstraßenzug ab.

Der Quer zur Nord-Süd-Ausrichtung des Stadtgrundrisses liegende rechteckige Marktplatz entstand in dieser Ausdehnung mit dem Bau des Rathauses 1438-43. Die Zuordnung von Platz und Rathaus mit seinem mittig angeordneten Treppenturm entspricht bereits dem Gedankengut der Renaissance. Mittig auf dem Marktplatz befindet sich die Gerichtslinde. Die historische Pflasterung des Platzes mit großen Rheinkieseln wurde tradiert.

Rathaus und Kirche stehen sich wie die Pole zweier verschiedener Welten gegenüber. Die Kirche ist durch eine ehemals vollständig geschlossene Hauszeile vom Markt getrennt und bildet mit dem umgebenden Kirchhof einen eigenständigen Bereich. Die 1697 geweihte Reformierte Kirche an der Kesselstraße ist von der Straßenflucht weit zurückliegend angeordnet. Sie bekam erst durch den im ausgehenden 19. Jahrhundert errichteten Kirchturm einen größeren Stellenwert für das Stadtbild.

Dank des wirtschaftlichen Abstiegs, den die Stadt in nachmittelalterlicher Zeit erlebte, sind die Wohnhäuser in Zuschnitt und Substanz vielfach noch auf ihren mittelalterlichen Ursprung zurückzuführen Die wenigen erhaltenen großen Giebelhäuser sind heute eingebunden in Hausformen, die unter Nutzung älterer Substanz gekennzeichnet sind durch spätklassizistische Fassaden mit Walmdächern.

In den Hausbreiten spiegelt sich noch der mittelalterliche Parzellenzuschnitt. Nur im Bereich der geschleiften Zitadelle und an der Grabenstraße sind im 19. Jahrhundert Häuser mit breiteren Grundstücken entstanden.

Der historische Stadtkern wird noch vollständig umgürtet durch die weitgehend von Bebauung freigehaltene Wall- und Grabenzone. Im Osten blieb die Stadtansicht von Gewerbe und Wohnsiedlungen frei, so dass sich hier noch einzig eine historisch geprägte Stadtsilhouette präsentiert, in der Kirche, Rathaus und die 1770 erbaute Windmühle dominieren.

Kalkar gehört zu den wenigen mittelalterlichen Gründungsstädten des Rheinlandes, die im 13. Jahrhundert auf freiem Feld entstanden sind (vgl. Lechenich, Goch). Die weitgehend erhaltene städtebauliche Struktur in Verbindung mit den überlieferten Bauten machen Kalkar zu einem hervorragenden Beispiel mittelalterlicher Stadtbaukunst.

Die seit 1977 gültige Gestaltungssatzung wurde 1985 ergänzt durch eine Denkmalbereichssatzung. Einwendungen und Bedenken wurden während der Offenlage nicht erhoben.

(Walter Buschmann, Rheinisches Amt für Denkmalpflege, LVR, aus: Mainzer (Hrsg.) 1996)

Literatur

Clemen, Paul (1892)
Die Kunstdenkmäler des Kreises Kleve. (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz I 4.) Düsseldorf.
Franz Pesch; et al. / Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr (Hrsg.) (1994)
Historische Stadt- und Ortskerne in Nordrhein-Westfalen. Duisburg.
Gorissen, Friedrich (1953)
Kalkar. (Niederrheinischer Städteatlas, 1. Reihe: Klevische Städte, Heft 2 / Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde 51.) Kleve.
Hilger, Hans Peter (1964)
Die Denkmäler des Rheinlandes. Kreis Kleve. Bd. 2: Kalkar. Düsseldorf.
Hilger, Hans Peter / Rheinischer Verein für Denkmalspflege und Landschaftsschutz (Hrsg.) (1979)
Kalkar am Niederrhein. (Rheinische Kunststätten 39.) Neuss.
Klapheck, Richard / Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz (Hrsg.) (1930)
Kalkar am Niederrhein. Düsseldorf.
Mainzer, Udo (Hrsg.) (1996)
Denkmalbereiche im Rheinland. (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege 49.) S. 117-119, Köln.

Denkmalbereich „Kalkar - Ortskern“

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Kesselstraße
Ort
47576 Kalkar
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Denkmalbereich gem. § 5 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1230
Koordinate WGS84
51° 44′ 19,28″ N, 6° 17′ 32,8″ O / 51.73869°, 6.29244°
Koordinate UTM
32U 313060.6 5735444.46
Koordinate Gauss/Krüger
2520244.22 5733869.19

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„Denkmalbereich „Kalkar - Ortskern“”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-27147-05022017-264320 (Abgerufen: 17. August 2018)
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