Siedlung Carl Funke, ehemalig, in Heisingen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Gemeinde(n): Essen (Nordrhein-Westfalen)
Kreis(e): Essen (Nordrhein-Westfalen)
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Die Zechensiedlung Carl Funke wurde in den Jahren 1900/01 durch die Rheinischen Antrazit Kohlenwerke angelegt. Die aus der Gewerkschaft Heisinger Tiefbau hervorgegangene Zechengesellschaft hatte 1899 den Schacht Carl Funke niedergebracht.
Die aus zwanzig Häusern bestehende Siedlung führte direkt auf die neue Schachtanlage zu und gab 92 Bergmannsfamilien Unterkunft. In städtebaulicher Hinsicht folgt die Siedlungsanlage den Formprinzipien des malerisch-romantischen Städtebaus, dessen Zielsetzungen Camillo Sitte 1890 in seinem Buch „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Gesichtspunkten“ Ausdruck verlieh. Die malerische Wirkung wird bei der Zechensiedlung Carl Funke hervorgerufen durch den leicht gebogenen Straßenverlauf, durch die Addition verschiedenartiger Haustypen mit differenzierenden Fassadenausbildungen, durch die alleeartigen Baumpflanzungen im Straßenraum und den vor den zurückspringenden Stallgebäuden liegenden Gartenflächen, sowie durch die geschickt in das Siedlungsbild einbezogene baumbestandene Böschung vor der östlichen Hauszeile. Weiterhin sind die Hauskörper durch vorspringende Treppenhäuser und übergiebelte Risalite differenziert gestaltet, so dass die Addition der Hauskörper malerische Massenkompositionen ergeben. Die gerade Fluchtlinie ist dadurch aufgehoben zugunsten eines vielfältigen Vor- und Rückspringens der betonten Baukörperteile. Schon in der städtebaulichen Anlage zeigt die Siedlung eine bewusste Abkehr von den zu jener Zeit als monoton eingestuften Backsteinzechensiedlungen der voraufgegangenen Entwicklungsphase. Die Zechensiedlung Carl Funke vermag die Gestaltideale des malerisch-romantischen Städtebaus in charakteristischer Weise auszudrücken und ist daher bedeutend für die Geschichte des Städtebaus.

In der architektonischen Ausbildung ist die westliche Hauszeile mit den dort errichteten eineinhalb-geschossigen Haustypen besonders hervorgehoben. Es lassen sich zwei Haustypen unterscheiden.
Der mit einer reichen Fachwerkarchitektur im Drempel- und Giebelbereich ausgestattete Haustyp verweist auf die heimatlich-bodenständig Formziele einer historisierenden Architektur, deren ausgesprochen pädagogische Aufgabe es sein sollte, den Bewohner am Ort zu verwurzeln und damit zur Sesshaftigkeit zu erziehen. Dieser Haustyp ist als Vierhaus mit Kreuzgrundriss ausgebildet. Die von den Giebelseiten jeweils zugänglichen Wohnungen sind geschickt durch die leicht vorspringenden Treppenhäuser zusätzlich voneinander separiert, so dass hier das zu jener Zeit besonders hochrangig gesetzte Ziel zur gegenseitigen Isolation der Kleinfamilien auch gestalterisch prägnant zum Ausdruck gelangt. In der inneren Grundrissdisposition der Wohnungen ist die neutrale Erschließung aller Räume von dem kleinen Vorflur möglich. Insgesamt ist dieser Haustyp eine interessante Weiterentwicklung des bereits seit der Jahrhundertmitte verwendeten Vierhauses mit Kreuzgrundriss.
Der zweite Haustyp in der westlichen Hauszeile ist in der Fassadengestaltung durch einen lebhaften Wechsel zwischen geputzten Wandflächen und rahmenden Ziegelsteinbändern geprägt. Die Wohnungen dieser Vier-Familienhäuser werden über seitlich leicht vorspringende Treppenhäuser erschlossen. Die geschossweise getrennten Wohnungen sind nicht durch Vorflure gegen das Treppenhaus abgetrennt, so dass hier, wie auch bei den anderen Haustypen der östlichen Hauszeile noch eine etwas altertümliche Grundrissgliederung Anwendung fand. Der architekturhistorische Wert dieses Haustyps liegt zweifellos in der lebendigen Fassadengestaltung begründet, die in ihrer Gliederung eine angemessene Ergänzung zu der Fachwerkarchitektur des anderen Haustyps bietet. Beide Haustypen der westlichen Hauszeile wurden nach zeitgenössischer Einstufung im „Villenstil“ errichtet. Durch die Verkleinerung bürgerlicher Architekturformen sollte das Arbeiterwohnhaus nobilitiert werden mit dem sozialhistorisch interessanten Motiv dem Bergarbeiter bürgerliche Tugenden wie Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Mäßigung als Grundpfeiler des sozialen Friedens zu vermitteln.
In deutlicher Trennung von der gestalterisch hervorgehobenen westlichen Hauszeile, wird die östlich Hauszeile hangaufwärts aus einer Reihe zweigeschossiger Mehrfamilienhäuser gebildet. Als Wohnform wurde hier generell die zum Treppenhaus offene Geschoßwohnung gewählt. In der Reichhaltigkeit der architektonischen Gestaltung sind die Häuser der östlichen Zeile gegenüber der direkt an der Zufahrtsstraße zum Zechenzugang gelegenen unteren Hauszeile deutlich zurückgesetzt. Spätere Veränderungen und teilweise Kriegszerstörungen haben zudem das Erscheinungsbild dieser Zeile herabgemindert, so dass nur die städtebaulich äußerst wichtigen Häuser 30 und 32 als stadtbildprägende Objekte Denkmalwert besitzen. Die Häuser der Zechensiedlung Carl Funke vermitteln in ihrer architektonischen Gestaltung ästhetische Leitbilder des 19. Jahrhunderts, die hier im Zusammenhang mit der Bauaufgabe „Arbeitersiedlung“ in Verbindung mit sozialpolitischen Zielsetzungen jener Zeit zu sehen sind. In der Grundrissgestaltung der verschiedenen Haustypen kommen die Lebensverhältnisse der Bergarbeiter und die bürgerlich geprägten Wohnvorstellungen der auftraggebenden Zechenverwaltung zum Ausdruck.

(Walter Buschmann, 2010)

Literatur

Biecker, Johannes / Buschmann, Walter (1985)
Arbeitersiedlungen im 19. Jahrhundert - Historische Entwicklung und Bedeutung. Bochum.
Buschmann, Walter (1995)
Arbeitersiedlungen. Historische Bedeutung und denkmalpflegerisches Erhaltungsinteresse. In: Rheinische Denkmalpflege 32, S. 263-271. Pulheim.
Hundt, Robert / Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund (Hrsg.) (1901)
Arbeiterwohnungen auf den Zechen des Ruhrreviers, Denkschrift zum 8. Allg. deutschen Bergmannstag in Dortmund 1901. Dortmund, Essen.
Kastorff-Viehmann, Renate (1980)
Wohnung, Wohnhaus und Siedlung für Arbeiter-Bevölkerung im Ruhrgebiet in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkrieges, Diss.. Aachen.
Pfläging, Kurt (1987)
Die Wiege des Ruhrkohlenbergbaus. Die Geschichte der Zechen im südlichen Ruhrgebiet (4. mit 2 topographischen Karten erweiterte Auflage). Essen.
Pfläging, Kurt (1973)
Chronik der Seezechen ver. Pörtingsiepen / Carl Funke (unveröffentlichtes Manuskript). o. O.
Stemmrich, Daniel (1981)
Vom Kotten zum Mehrfamilienhaus. Entwicklungsschritte in der Wohnarchitektur, dargestellt an Essener Beispielen des 19. Jahrhunderts. S. 64-98. o. O.
(1915)
Carl Funke und seine Werke. Essen.

Siedlung Carl Funke, ehemalig, in Heisingen

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Geländebegehung/-kartierung, Archivauswertung, Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung
Historischer Zeitraum
Beginn 1900 bis 1901
Koordinate WGS84
51° 24′ 3,73″ N, 7° 03′ 24,23″ O / 51.40103°, 7.05673°
Koordinate UTM
32U 364826.04 5696214.84
Koordinate Gauss/Krüger
2573580.79 5696792.52

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„Siedlung Carl Funke, ehemalig, in Heisingen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/A-KL-20090609-0003 (Abgerufen: 27. Mai 2017)
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