Ortsteil Lorchhausen

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bacharach, Kaub, Lorch (Hessen), Sauerthal
Kreis(e): Mainz-Bingen, Rheingau-Taunus-Kreis, Rhein-Lahn-Kreis
Bundesland: Hessen, Rheinland-Pfalz
Historische Siedlungsentwicklung
Als nördlichste hessische Ufergemeinde im Steiltal des Rheines liegt Lorchhausen zwischen Lorch und der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz. Die kleine Siedlung entstand an der Mündung des Retzbaches, der aus einen engen Taleinschnitt zwischen den Höhen von Engweger Kopf und Nollig hervortritt. Wie schon in früherer Zeit das Rheingauer Gebück verläuft auch die heutige Gemarkungs- und Landesgrenze im Niedertal nördlich von Lorchhausen.

In der schon bestehenden Gemarkung Lorch wurde Lorchhausen im 11. Jahrhundert, vielleicht als Filiale zur Grenzsicherung des Erzstiftes Mainz gegenüber dem kurpfälzischen Gebiet bei Kaub, gegründet. Der Ort diente als Vorwerk in der Befestigung und wurde um 1350 mit einer Mauer umgeben. Die erstmalige Erwähnung als Husen kommt 1211 in Zusammenhang mit einer Weinbergschenkung an das Kloster Eberbach vor; in der Folgezeit ergab sich ein Wandel des Ortsnamens ähnlich wie bei Lorch (1366 Loricherhusen, auch Lorcherhausen). Im Mittelalter war Lorchhausen Sitz etlicher Adelsfamilien und besaß größere wirtschaftliche Bedeutung als in der Folgezeit. Dabei spielte die Nähe zum gegenüber gelegenen Bacharach, dem größten Weinstapelplatz des Mittelrheingebietes, eine wesentliche Rolle. Der alte Name Schrotweg bzw. Schröderweg zum Rhein erinnert an die Weinverladung.
Eine seit 1342 nachgewiesene Kirche oder Kapelle war wohl bereits 1264 vorhanden, als erstmalig ein Pfarrer (plebanus) genannt wird. Da schon um 1400 ein Kaplan und ein Frühmesser für Lorchhausen vorkommen, war der Ort damals vielleicht umfangreicher als zu späterer Zeit. Er gehörte zur Pfarrei Lorch, bis 1551 aufgrund der Stiftung einiger Bürger eine eigene Pfarrei errichtet werden konnte, die jedoch immer unter ihren nur geringen Einkünften litt.

1773 trennten sich die Gemarkungen von Lorch und Lorchhausen. Der Schultheiß von Lorchhausen nahm im 18. Jahrhundert am Lorcher Gericht teil. Der Flurnamen Galgenpfad erinnert an die Richtstätte auf einem Felsen am Ausgang des Niedertales, wo beiderseits der Grenze Kurpfalz/Kurmainz je ein Galgen stand. 1816 erhielt Lorchhausen ein Schrift-, 1866 ein Bildsiegel (St. Bonifatius).

Neben der Hauptkirche des Ortes, besaß Lorchhausen noch eine Katharinenkapelle, die bis etwa 1730 bestand. Kirche und Pfarrhaus wurden mehrfach durch Brand zerstört. Eine Wiederherstellung der Kirche erfolgte 1804 unter Übernahme des Altarsteines aus der Kirche zum Rödchen bei Martinsthal. Die Glocken stammten aus der Markuskapelle in Lorch, der Pfalz zu Kaub und Kloster Nothgottes. Für den Bau der Eisenbahn musste unter anderem das alte Pfarrhaus beseitigt werden. Der danach errichtete Neubau wurde durch Brand 1887 vernichtet, daraufhin 1888 das heutige Pfarrhaus erbaut. Nach einem weiteren Brand der alten Kirche 1872 wurde ein aufwendiger Neubau an anderer Stelle auf dem Bischofsberg 1877 bis 1879 errichtet, 1909 folgte der Bau der hoch über dem Ort gelegenen Clemenskapelle.
Die Einwohner waren überwiegend als Winzer, außerdem als Landwirte und Tagelöhner tätig, betrieben daneben noch Bergbau und Fischerei. Der Weinbau findet heute ausschließlich im Nebenerwerb statt. Von ehemals 90 ha der Weinbergsgemarkung – ausnahmslos Steillagen - werden heute noch etwa 25 ha bewirtschaftet.
Die Einwohnerzahl wuchs nur langsam von etwa 300 Einwohnern zwischen 1730 und 1790 auf wenig über 400 um 1820 und etwa 800 Bewohner 1960; danach setzte eine rückläufige Tendenz auf wenig über 700 Einwohner (1992/1999) ein. Die Erwerbsbevölkerung besteht zu 95% aus Pendlern.

Ortsentwicklung – Ortsbild
Die Ortsbefestigung der sonst wenig bedeutenden Siedlung ergab sich aus ihrer Grenzlage zum kurpfälzischen Territorium. Der Mauerbering umschloss eine gestreckt ovale Fläche, deren Hauptrichtung sich an dem (heute durch den Talweg überbauten) Retzbach, also rechtwinklig zum Rhein, orientierte und durch diesen fast geradlinig begrenzt wurde. Der Verlauf der rheinseitigen Mauer ist an der Baulinie der Häuser an der Rheinstraße zu erkennen. Diese sitzen auf den Resten der jetzt nicht mehr sichtbaren Ortsmauer auf. Nur der spitzbogige Durchgang in einem Mauerstück im Fahnengässchen ist als Fragment erhalten, der weitere Verlauf lässt sich anhand von Parzellengrenzen und zwei Türmen nordöstlich der Pfarrkirche rekonstruieren. Vermutlich war auch der direkt unterhalb eines steilen Berghanges gelegene alte Kirchturm ehemals ein Bestandteil der Ortsbefestigung.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dehnte sich die Rheinfront nach beiden Seiten aus. Das Panorama von 1833 zeigt den noch konzentrierten Ortskern, der trotz zahlreicher Brände eine mittelalterliche Struktur beibehalten hatte. Erst durch die Bahn - sowohl als räumlichem Faktor wie auch als Verkehrsmittel zur Anbindung an weit entfernte Arbeitsplätze - wurde die kleine Siedlung nach Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrer heutigen Erscheinung entscheidend umgeprägt. Der erhöhte Bahndamm durchschnitt den Ortskern im Zentrum und nahm einen Großteil der ohnehin geringen Siedlungsfläche in Anspruch. Die weitere Ortsentwicklung orientierte sich an den Restflächen. Es entstanden lange Reihen einfacher Arbeiterwohnhäuser in überwiegend geschlossener Bauweise parallel zu Fluss und Bahn, so dass sich die Rheinansicht heute als ausgedehntes Siedlungsband darstellt. Eine zusätzliche kurze Bauzeile wurde dem Ortskern um 1900 zwischen Bahndamm und Uferstraße vorgelagert.
Die jüngste Ortsentwicklung wirkt sich sowohl durch die Besetzung der Weinhänge (Am Rebenhang) mit flächenverbrauchender moderner Einzelhausbebauung als auch durch die Tendenz zum Zusammenwachsen mit dem benachbarten Lorch nachteilig auf das historische Siedlungs- und Landschaftsbild aus. Die Abtrennung vom Flussufer wurde durch den dammartig erhöhten Ausbau der Rheinuferstraße noch verstärkt. Wie in Lorch fielen auch hier große Teile der vorgelagerten Gärten den modernen Verkehrsflächen zum Opfer. Eine zusammenhängende Gartenzone aus schmalen Hausgartenparzellen ist jedoch nördlich der Rheinstraße erhalten. Der südlich davon gelegene schmalere Gartenstreifen wird gegenwärtig zunehmend durch Fertiggaragen verbaut.

Die Rheinansicht wird in prägnanter Weise dominiert durch die etwas erhöht gelegene, für die Ortsgröße sehr stattlichen Pfarrkirche, die zusammen mit der im Hintergrund sichtbaren Clemenskapelle und dem Turm der alten Kirche die Silhouette bestimmt. Die Steinsichtigkeit (Bruch- und Backstein) der historischen Bauten bildet zusammen mit den vorhandenen Weinbergs- und Böschungsmauern ein örtliches Charakteristikum, das durch Wohnhausfassaden gleichartigen Materials ergänzt wird. Der Trend zum Verputzen dieser Bauten mit stark kontrastierenden, hellen Anstrichen sowie der zunehmende Einsatz von Ersatzmaterialien lösen die einstige optische Homogenität auf. Der Blick von oben zeigt die gewachsene, durch die Topographie geprägte, gedrängte Baustruktur sowie eine noch einheitlich wirkende Dachlandschaft, auch wenn die früher vorherrschende Schieferdeckung in weiten Bereichen durch Kunstschiefer und ähnliches ersetzt wurde.

Die örtlichen Weinbergslagen wurden die durch die Flurbereinigung im Maßstab verändert, sind jedoch nach wie vor als Bestandteil des Siedlungs- und Landschaftsbildes präsent. Die bewirtschafteten Süd- und Westhänge, jetzt beschränkt auf das Gebiet südlich des Retzbaches, ziehen sich östlich des Ortes um den Ausläufer des Nollig bis in das vordere Retzbachtal. Die Lagen nördlich des Retzbaches zeigen noch die alte kleinteilige Parzellierung und Terrassierung, sind jedoch, da seit längerem brachliegend, verbuscht und zugewachsen.

(Thomas Büttner, 2013)

Literatur

Söder, Dagmar / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) (Hrsg.) (2013)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen: Rheingau-Taunus-Kreis I. (Altkreis Rheingau). Wiesbaden.

Ortsteil Lorchhausen

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung
Historischer Zeitraum
Beginn 1211
Koordinate WGS84
50° 03′ 57,01″ N, 7° 47′ 53,8″ O / 50.06584°, 7.79828°
Koordinate UTM
32U 413994.94 5546642.38
Koordinate Gauss/Krüger
3414035.64 5548421.57

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„Ortsteil Lorchhausen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-CU-20091107-0004 (Abgerufen: 23. September 2017)
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