Rüdesheim, Kernstadt

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Bingen am Rhein, Geisenheim, Rüdesheim am Rhein
Kreis(e): Mainz-Bingen, Rheingau-Taunus-Kreis
Bundesland: Hessen, Rheinland-Pfalz
  • Schematische Darstellung der Stadtsilhouette von Rüdesheim am Rhein auf einer Briefmarke der Serie "Fremdenverkehr" der Deutschen Bundespost von 1973. Auf dem Rhein fährt ein "Loreley" benanntes Ausflugsschiff.

    Schematische Darstellung der Stadtsilhouette von Rüdesheim am Rhein auf einer Briefmarke der Serie "Fremdenverkehr" der Deutschen Bundespost von 1973. Auf dem Rhein fährt ein "Loreley" benanntes Ausflugsschiff.

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Historische Siedlungsentwicklung
Eine Besiedlung der Rüdesheimer Gemarkung ist aufgrund zahlreicher frühgeschichtlicher Stätten seit 1300 v. Chr. anzunehmen; auch die Römer hinterließen, neben der Weinkultur, bauliche Spuren.

Die Siedlung entstand in landschaftlich bevorzugter Situation am Übergang der weiten Terrassenlandschaft des Rheingaues zum engen Durchbruchstal des Rheines am Binger Loch. Die verkehrsgünstige Lage gegenüber der Römerniederlassung Bingen förderte in jedem Fall die weitere Entwicklung. Auch soll hier ein Ausgangspunkt des vielfach erwähnten Kaufmannsweges, eines alten Handelsweges, nach Lorch zu suchen sein. Als weitere alte Verkehrsverbindungen werden in verschiedenen Quellen außerdem der Weibspfad, der Sterzelweg und eine via regia genannt. Jedoch diente der Rhein zu schiffbaren Jahreszeiten – trotz der Stromschnellen des Binger Loches – als bevorzugter Weg des Warenverkehrs.

1074 und 1090 findet der Ort seine frühesten Erwähnungen als Rudenesheim und Ruodinesheim. 1128 ist der erzbischöfliche Salhof in Rüdesheim bezeugt, dessen Wurzeln möglicherweise, als Mittelpunkt einer fränkischen Krongutsverwaltung, in karolingische Zeit zurückreichen. Bereits 1148 amtiert in Rüdesheim der erste im Rheingau erwähnte Schultheiß, 1205 werden Gerichtsschöffen genannt. Zum Gerichtsbezirk gehörten in Kurmainzer Zeit Aulhausen, Eibingen und bis ins 14. Jahrhundert Assmannshausen. 1210 kommt ein Markt (im Namen der Adelsfamilie de foro) vor. 1360 sind zwei Bürgermeister tätig. Im 16. Jahrhundert wird Rüdesheim als Flecken bezeichnet und besitzt einen Mauerring, jedoch keine förmlichen Stadtrechte. 1770-1803 ist es Sitz einer Rheingauer Amtskellerei, 1818 wird es als Amtssitz des Herzogtums Nassau Stadt, 1867 mit dem preußischen Landratsamt Kreisstadt bis 1976, danach siedelt aufgrund der Gebietsreform die Kreisverwaltung nach Bad Schwalbach über.

Vielleicht war die ins 10. Jahrhundert oder früher zurückreichende Niederburg erster Amtssitz erzbischöflicher Ministerialen, aus denen später der verzweigte Ortsadel hervorging, der sich von Rüdesheim nannte und in den drei Adelsburgen des Stadtgebietes niederließ. Zu den Hauptlinien derer von Rüdesheim, die sich nach Wappen (Lilien- und Flügelwappen) unterschieden, gehörten u. a. die Fuchs von Rüdesheim (+ vor 1378), Winter von Rüdesheim (+Anfang 16. Jh.), Kind von Rüdesheim (+1386), vom Markte, vom Hause (13. Jahrhundert), von der Spor (+1479) und verschiedene Zweige der Brömser von Rüdesheim (+1539, 1668). Nach dem Aussterben dieser Familien gingen ihre Besitzungen überwiegend an auswärtigen Adel über. Daneben entstanden Niederlassungen von Klöstern und Sitze begüterter Bürgerfamilien. Die Höfe der Klöster Eberbach, Marienhausen und des Mainzer St. Viktorstiftes stammten als frühe Schenkungen aus dem ehemaligen großen Areal der Niederburg, die um 1220 durch den Bau der Burg Ehrenfels als Zollstelle und Mainzer Landesburg abgelöst wurde. Damit ging die Niederburg als freier Besitz an die Herren von Rüdesheim, wurde aber bereits 1279 wieder als Landeseigentum eingezogen und als Lehen vergeben mit der Auflage, sie wehrfähig zu erhalten.

1197 wird die Kirche St. Jakobus und 1235 ein Pfarrer erstmals genannt. Anstelle der romanischen Jakobuskirche, deren aus dem 12. Jahrhundert stammender Turm erhalten blieb, wurde gegen Ende des 14. Jahrhunderts auf Veranlassung des Vicedomus Johannes Brömser eine gotische Kirche erbaut; auf ihn geht auch die Stiftung von Nothgottes zurück. Außerdem gab es im Ort vier Kapellen: die Nikolauskapelle an der Niederburg, die Katharinenkapelle im Hospital, die Michaelskapelle als Beinhaus und die Magdalenenkapelle, ursprünglich auf Burg Ehrenfels.

Vom wachsenden Verkehr des späten Mittelalters profitierte Rüdesheim, da hier die Landstraße endete und die meisten Waren auf Schiffe umgeladen wurden; als Fracht- und Fährschiffer, Lotsen (durch das Binger Loch) und Floßsteuerleute fanden zahlreiche Einwohner ihr Auskommen. Eine Schifferzunft ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und bestand bis zum Ausbau des Binger Loches 1830. Eine Ferger(Fähr-) gesellschaft besaß das Recht zur Überfahrt nach Bingen mit große Nachen.
Ein Rheinkran ist seit 1390 erwähnt. An das ortsansässige, als Zunft 1444 erstmals genannte Löhergewerbe (Gerber) erinnert der Name der Löhrgasse (Löhrstraße).

Wie in anderen Rheingauorten gab es eine Organisation der Bevölkerung in aus dem Brunnendienst entstandenen Nachbarschaften. 1900 wurden noch 106 – davon 18 öffentliche – Brunnen aufgelistet. 1525 entsprach mit 250 Herdstellen die Bevölkerungzahl etwa der Lorchs, 1666 war sie durch die Pest auf ein Drittel dezimiert. 1700 lag mit 106 Bürgern und 15 Beisassen die Einwohnerzahl zwischen 500 und 600 und stieg nun kontinuierlich auf über 4000 im Jahr 1820 und über 7000 im Jahr 1960 an. Erst in jüngster Zeit macht sich ein gegenläufiger Trend mit Abnahme der Einwohnerzahl bemerkbar; 1988 wurden ca. 6300 Einwohner in der Kernstadt festgestellt, heute leben rund 7500 Einwohner in Rüdesheim und Eibingen.

Weinbau
Bereits die erste Erwähnung von Rüdesheim bezieht sich auf den Weinbau bzw. auf die erzbischöfliche Erlaubnis zur Rodung und Anlage von Weinbergen. In der wichtigsten Weinlage, dem Rüdesheimer Berg zwischen Stadt und Burg Ehrenfels, wurden Riesling- und Orleansreben kultiviert; die kleinteilige Parzellierung und Terrassierung dieser weiten Hänge prägte bis zur 1960-1975 durchgeführten Flurbereinigung das Landschaftsbild. Die Ernte wurde bis 1729 auf einem eigenen Weinmarkt verkauft. Die meisten Bewohner betrieben Weinbau neben einem weiteren Beruf in Handwerk oder Gastgewerbe.
1815 gründete P. F. F. Dilthey die erste von zahlreichen Weinhandlungen, die mit großen Weinlagern die vorherigen saisonbedingten Preisschwankungen ausglichen. Etwa die Hälfte des Weines wurde an Ort und Stelle ausgeschenkt, worauf sich auch der Ruf der weitbekannten Drosselgasse gründete.

Daneben entstanden als weiterverabeitende Gewerbezweige Schaumweinkellereien (1858 Champagner-Fabrik Ewald & Dietrich, seit 1875 Schultz-Grünlack) und Weinbrennereien (Asbach seit 1892), deren Tradition sich bis in die Gegenwart fortgetzt.
Die heutige Anbaufläche liegt bei 386 Hektar (1928: 206 ha, Eibingen 89 ha).

Gastgewerbe und Tourismus
1325 wird von der Stiftung einer Pilgerherberge am Marktplatz berichtet. In neuerer Zeit galten als älteste Gasthäuser das 1606 erwähnte, bis 1850 bestehende Haus Zum großen Nußbaum auf dem Gelände des Fronhofes zwischen Hahnen- und Kirchgasse sowie das 1608 genannte Gasthaus Zum neuen Stern; beide Häuser waren schon weitaus früher in Betrieb. 1614 lag am Markt der Gasthof Zum Grünen Baum. Vom Gasthaus Zur goldenen Traube, Marktstraße 27, wird in der Literatur ein kunstvolles Wirtsschild des 18. Jahrhunderts erwähnt. Das Parkhotel Deutscher Hof entstand aus zwei älteren Häusern, Zum Anker und Zum Schwanen. Wohl seit etwa 1830, mit dem Ausbau der Rheinstraße, siedelten sich die Gasthäuser verstärkt an der Rheinfront an. 1833 kehrte, noch als Student, Bismarck im Weinlokal Alter Sahl in der Rheinstraße ein. 1850 wurden 10 Gasthäuser mit Zimmern und zwei Herbergen für reisende Handwerker und ebenso viele Straußwirtschaften gezählt.

Dominikus Michael Meurer war seit 1813 erster Weinwirt in der Drosselgasse. Um 1852 übernahm sein Schwiegersohn, der Rheinschiffer Johannes Müller, den Ausschank im Drosselhof. Er soll Studenten zum Liedersingen animiert und damit sowohl die Beliebtheit seines Lokals als auch den Ruf der Drosselgasse gesteigert haben, der 1878 mit der Eröffnung eines weiteren Ausschankes durch den Rüdesheimer Winzerverein noch gefestigt wurde. 1928 eröffnete der Lindenwirt seine Gaststätte, 1930 folgte mit dem Umbau der alten Oberförsterei, dem ehemaligen kurmainzischen Amtsgebäude zwischen Stein- und Drosselgasse, das Weinhaus und Hotel Rüdesheimer Schloss. Heute beherrschen 12 Gaststätten und Hotels mit weiteren Einrichtungen des Tourismusbetriebes die kleine Gasse.

Bereits seit dem 18. Jahrhundert war der Niederwald mit seinem von den Grafen Ostein im 18. Jahrhundert angelegten Landschaftspark ein weithin bekannter Anziehungpunkt für Ausflügler und Reisende, von dem auch das benachbarte Assmannshausen profitierte; noch in Osteinischer Zeit wurde im Jagdschloss ein Ausschank eingerichtet.

Die traditionelle Beliebtheit des Niederwaldes gab – neben seiner exponierten Grenzlage und dem Rheinmythos – den Ausschlag für die Standortwahl des nach dem Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 geplanten, 1883 eingeweihten Nationaldenkmals. Zur Bewältigung des nun einsetzenden Besucherandranges wurde 1884-1939 eine Zahnradbahn eingesetzt, die 1954 durch die heute noch vorhandene Seilbahn abgelöst wurde.

Bereits 1813 öffnete die gräfliche Familie von Ingelheim ihren romantisch ausgebauten Wohnsitz in der Brömserburg und bot interessierten Bildungsreisenden Führungen an. Namhafte Künstler, Schriftsteller und Musiker (1814 Goethe) verewigten sich hier in den Gästebüchern.

Ortsentwicklung – Ortsbild
Wie schon die Geschichte Rüdesheims, so ist auch seine bauliche Entwicklung in vieler Hinsicht nur wenig erforscht und gesichert. Erkennbar als frühe Siedlungskerne der Neuzeit sind in erster Linie die drei Burgen des Stadtgebietes, die in Resten erhalten und in ihrem ehemaligen Umfang nachvollziehbar sind. Die Ruine einer weiteren Befestigung Funkenort (fälschlich auch als Weißburg bezeichnet) östlich außerhalb der Stadt im Gebiet auf der Lach, noch 1792 erwähnt, wurde 1959 ergraben; sie soll, wie einige vergleichbare Bauten (Turmburg Niederwalluf) der Sicherung der Rheinlinie gedient haben. Nicht bekannt hingegen ist die zeitliche Abfolge in der Entstehung von Burgen und Siedlung und der tatsächliche Standort frühester Bauten wie dem fränkischen Salhof (vermutet in der Brömserburg oder am Markt) oder dem überlieferten Fronhof.

Der Kern der bürgerlichen Siedlung wird rund um den Marktplatz oder nördlich davon um die etwas erhöht gelegene Pfarrkirche (vielleicht Wehrkirche) angenommen. Die damalige Ortsbebauung grenzte an die durch Mauer und Graben (Kleine Grabenstraße) umwehrte Vorder- oder Marktburg. Wann die Siedlung mit einer ersten Mauer gesichert wurde, ist nicht bekannt. Jedoch scheint sie sich in der Folgezeit stark ausgedehnt zu haben. Zwischen Ortskern und der westlich davon gelegenen Niederburg bestand ein über lange Zeiträume unbebautes Areal. Die Niederburg mit ihrem sehr ausgedehnten, eigene Wirtschafts- und Nebengebäude einschließenden Burgbezirk umfasste das Gebiet des Bienengartens, den westlichen Teils der Obergasse bis zum Rottland sowie den Bereich bis zur Amselgasse.

Im 13. Jahrhundert gingen Teile des Gebietes als Schenkungen an Klöster und Stifte bzw. durch Kauf und Erbschaft an verschiedene Adelsgeschlechter; deren Höfe sich hier hier in seltener Konzentration aufgereiht finden: Im Westen der Metternicher (ehemals Eberbacher) Hof, östlich davon der Frankensteiner (ehemals Marienhäuser) Hof, der Bassenheimer Hof (vorher Stoltz von Bickelheim, Dalberg, Ostein), der Hof der Ritter von Groenesteyn, der Brömserhof, nach Süden der ehemalige Zehnthof (Sickinger Hof), der (nicht erhaltene) Hof des St.Viktorstiftes sowie im Zentrum die Oberburg als Sitz der Füchse von Rüdesheim, später der Boos von Waldeck (Boosenburg) und Schönborn.

Auch die zunächst als Wasserburg errichtete Niederburg selbst wechselte ihre Funktion von der wehrhaften erzbischöflichen Landes- und Zollburg zunächst zum örtlichen Adelssitz, im beginnenden 19. Jahrhundert ausgebaut als romantische Wohnburg durch die Grafen von Ingelheim.

Der oben schon erwähnte, in Umfang und Entstehungszeit nicht eindeutig belegte erste Mauerring soll in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Westen von der Löhrstraße bis zur Oberen Niedergasse erweitert und durch mehrerer Türme verstärkt worden sein, von denen nur der Adlerturm am Rhein als ehemaliger Pulverturm erhalten blieb. Als Tore sind aus der Überlieferung bekannt: das Feldtor (ehemals Oberstraße/Ecke Steingasse, später weiter westlich am Ortsausgang) Eibinger Tor und Kühtor im Norden, das Geisenheimer Tor mit Gefängnisturm, abgebrochen 1847) an der heutigen Hahnenstraße, damals Landstraße nach Geisenheim; das Rheintörlein an der Rheinstraße nördlich des Adlerturmes, das Markttor als Ausgang des Marktes zum Rhein und das Schartor (an der Ecke Obere Niedergasse/Rheinstraße). Angaben über den Verlauf der Befestigung bleiben vielfach etwas vage: „Die Stadtmauer verlief in ihrer größten Ausdehnung im Norden an der Oberstraße, im Osten an der Schmidtstraße, im Süden an der Hahnen- und Kleinen Grabenstraße und im Westen bis zum Feldtor“ (Bretschneider/Breuer, 1979) und bergen bei genauerer Betrachtung einige Widersprüche, auf die hier im einzelnen nicht eingegangen werden kann.

In welchem Verhältnis die Entstehung einer Stadtmauer– und damit die Siedlungsentwicklung – zu den schon vorhandenen Burgen und deren Ringmauern und einzelnen, möglicherweise außerhalb liegenden befestigten Höfen oder Burgsitzen stand, könnte nur durch gezielte Forschungen geklärt werden. Noch sichtbare Mauerreste sind nur im Norden (An der Ringmauer) vorhanden. Weitere, recht eindrucksvolle Reste standen nach der Kriegszerstörung der Stadt noch an der Schifferstraße, sind jedoch nicht erhalten. Im Osten ist der vermutliche Verlauf zwischen Schmidtstraße und Grabenstraße und an der Schifferstraße bis zu dem relativ spät entstandenen Adlerturm anhand der durchgängigen Parzellengrenze relativ sicher anzunehmen. Die Grabenstraße bezeichnet den die Stadt im Osten begrenzenden Graben, in dem der jetzt überwölbte Bach (Engersgraben) zum Rhein fließt. Im Westen dagegen sind keine sichtbaren Reste überkommen; nördlich der Oberstraße ist die genaue Lage der ehemaligen Mauer unklar, da sie vermutlich teilweise im Inneren der dort am Ortsrand gelegenen, später nach außen erweiterten Gebäude verläuft.

Innerhalb der Mauergrenzen entwickelte sich der Flecken in seiner zwar weitgehend durch die Topographie – Fluss und Berghang – vorgegebenen Form, die jedoch nicht die Beengtheit der Steiltalsiedlungen aufweist. Zuletzt wurde der Bereich zwischen Ortskern und Niederburg besiedelt, den damals Freiflächen mit Bleichwiesen einnahmen (die Namen der Amsel- und Drosselgasse sollen daran erinnern); hier entstand eine kleinteilige Wohnbebauung von Fischer- und Schifferfamilien, die später durch die heute vorhandene Tourismusarchitektur ersetzt wurde.

Neben den Residenzen des Ortsadels blieben die Bürgerbauten eher bescheiden. Mit Ausnahme des sog. Klunkhartshofes als bemerkenswerter Fachwerkarchitektur der Zeit um 1450 entstanden nur wenige Bauwerke mit baukünstlerischen Besonderheiten. Eines davon war das auch als Salhof bezeichnete Große Haus am Markt. Auch scheint nach dem Dreißigjährigen Krieg die Wirtschaftskraft der Stadt gering geblieben zu sein, da die Bauten recht schlicht blieben. Dies galt auch für das überwiegend aus dem 18. Jahrhundert stammende alte Rathaus, einen vermutlich über den Resten eines Vorgängerbaues errichteten einfachen Zweckbau, der nach Brand durch einen Neubau von 1929 (Architekten: Krämer & Graf, Frankfurt) ersetzt wurde. Erst im 19. Jahrhundert zeigen Firmen- und Wohngebäude der vor allem auf dem Sektor des Weinhandels und der Weinweiterverarbeitung erfolgreichen Unternehmen ein wieder gestiegenes Repräsentationsbedürfnis.

Schwere Verluste entstanden 1944 durch Bombenschäden. Zwar orientierte sich der Wiederaufbau der Altstadt insgesamt an der historischen Struktur, jedoch wurden bei der Baugestaltung im einzelnen oft weitgehende Zugeständnisse an vermeintliche Anforderungen des Fremdenverkehrs gemacht. Gravierend wirkte sich vor allem der Totalverlust der ehemals reizvollen und harmonisch proportionierten, überwiegend aus verputzten Fachwerk-Bürgerhäusern des 17. und 18. Jahrhunderts bestehenden Marktplatzbebauung einschließlich des gotischen Kirchenschiffes und des Großen Hauses (dessen noch bis zur Traufe aufrecht stehenden Mauern erst 1975 abgebrochen wurden) aus, wenn auch der Wiederaufbau die Platzfassung zum Teil wiedergewann.

Einem vielfachen Wandel war auch die Rheinfront ausgesetzt. Ältere Ansichten (Hollar 1633) zeigen die unmittelbar am Ufer gelegene Häuserzeile als Abfolge spätmittelalterlicher Giebelhäuser, die auf den Ansichten des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts größtenteils durch traufständige, meist zweigeschossige Bauten abgelöst werden, gerahmt von den fast unveränderten Dominanten der Burgen und Türme. Im 19. Jahrhundert brachte die Verkehrstechnik einschneidende Veränderungen. Die um 1830 für den überörtlichen Verkehr ausgebaute Rheinuferstraße erhielt ihre heutige Form durch den Bau der Eisenbahn 1856/57, deren Damm zwecks Hochwasserfreiheit 3 Zoll über den Höchstwasserstand von 1784 (Stein am Adlerturm) aufgeschüttet und später noch weiter erhöht wurde. Je drei Über- und Unterführungen sollten die Verbindung zum Fluss erhalten, der optisch völlig abgeschnitten wurde.

1918 folgte eine Auffüllung der Rheinstraße um ca. 1.50 m. Die meisten Hotelbauten entstanden nach einem Großbrand, der 1883 den westlichen Teil der Rheinfront zerstörte. Die Neubauten waren mit drei - später auch vier - Geschossen wesentlich höher als die alte Bebauung, von der im ehemaligen Haus zum Karpfen (Rheinstraße 8) ein letztes Relikt erhalten ist. Gestalterische Qualitäten der biedermeierlichen und gründerzeitlichen Fassaden wurden durch moderne Veränderungen (Materialaustausch, wenig qualitätvolle Übermalungen) inzwischen stark gemindert. Die zugehörigen Wirtsgärten in Form umfriedeter Lauben, stellenweise durch einen Durchgang von den Häusern getrennt, wurden fast durchweg von modernen, teilweise sehr störende Vorbauten verdrängt, die die Straße einengen und die dahinterliegenden Fassaden verdecken. Auch eine nach 1900 angelegte Baumreihe ist nicht erhalten. Starke Belastungen durch den fahrenden und ruhenden Verkehr führten hier zu einer spürbaren Abwertung der Standortqualität.

Literatur

Söder, Dagmar / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) (Hrsg.) (2013)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen: Rheingau-Taunus-Kreis I. (Altkreis Rheingau). Wiesbaden.

Rüdesheim, Kernstadt

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung
Historischer Zeitraum
Beginn 1074
Koordinate WGS84
50° 00′ 2,11″ N, 7° 54′ 25,4″ O / 50.00059°, 7.90706°
Koordinate UTM
32U 421673.61 5539268.21
Koordinate Gauss/Krüger
3421717.4 5541044.52

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„Rüdesheim, Kernstadt”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-CU-20091104-0005 (Abgerufen: 20. September 2017)
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