Ortschaft Oestrich

Stadtteil von Oestrich-Winkel

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Gemeinde(n): Eltville am Rhein, Geisenheim, Ingelheim am Rhein, Oestrich-Winkel
Kreis(e): Mainz-Bingen, Rheingau-Taunus-Kreis
Bundesland: Hessen, Rheinland-Pfalz
Historische Siedlungsentwicklung
Etwa in der Mitte des Rheingaus liegt Oestrich an der Mündung des Pfingstbaches. Für den Ortsnamen (um 1174-1180 Hostrich, Hosteriche, Hostercho; 1671 Österich) wurde früher ein keltischer Ursprung vermutet; naheliegend ist die Deutung als östlicher Bereich innerhalb der gesamten Winkeler Urmark. Fränkische Gräber wurden im nördlichen Ortsbereich beim Eisenbahnbau gefunden. Oestrich gilt als Mittelpunkt einer karolingischen Krondomäne, zu der auch Winkel und Mittelheim gehörten. In einem Rheingräflichen Lehensverzeichnis wird Oestrich zunächst als Distrikt von Winkel genannt; auch 1189 wird Ostrich noch als Teil der Winkeler Gemarkung erwähnt. Als eigene Ortsbezeichnung tritt Oestrich seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf; eine eigene Gemarkung besitzt es um 1220.

Das Patrozinium des hl. Martin soll für eine frühmittelalterliche Kirchengründung sprechen; möglicherweise entstand hier der erste Kirchenbau der gesamten Landschaft. Die Oestricher Martinskirche war zunächst Pfarrkirche der gesamten Winkeler Urmark. Auf ihre hervorgehobene Bedeutung weist ihre Eigenschaft als Sitz des Erzpriesters (1397 archipresbyter sedis Oestrich) für den Rheingau und als Tagungsort des Rheingauer Landkapitels. Um 1000, vielleicht unter Erzbischof Willigis, gelangte die Kirche in Besitz des Mainzer Viktorstiftes. Grabungen in der heutigen Kirche erbrachten Hinweise auf einen dreischiffigen Vorgängerbau, der älter war als der in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts angefügte romanische Turm.
1254 wird Oestrich als selbständige Gemeinde erwähnt, 1257 besitzt Oestrich ein Gericht, 1259 einen Schultheißen, 1325 besteht ein Schöffengericht. Der Oestricher Rat wird 1407 urkundlich genannt.
Ein eigenes Ortswappen führt Oestrich seit dem frühen 16. Jahrhundert. Seit 1465 bis 1770 war es Sitz des Rheingauer Mittelamtes, zu dem die Orte Winkel, Mittelheim, Hallgarten, Johannisberg und Stephanshausen gehörten. Ein Jahrmarkt wird um die Mitte des 16. Jahrhunderts erwähnt und lebt heute im Dippemarkt fort. Der Oestricher Weinmarkt bestand bis 1726.

Im Dreißigjährigen Krieg (um 1633-35) und in weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen wurde Oestrich als einziger Rheingauort in großem Umfang zerstört. Von 219 Häusern blieben nur 85 verschont (nach anderer Quelle wurden 154 Häuser vernichtet), auch Kirche und Rathaus fielen dem Brand zum Opfer, der besonders das Zentrum um den Marktplatz vernichtete.
In Oestrich war fast kein Adel ansässig; nur in der sogenannten Burg hatte die aus Mainz stammende Familie Zum Jungen ihren Sitz. Der Hof ging um 1450 in geistliche Hand über. Die Abtei Stablo-Malmedy (Belgien) hatte Oestricher Besitzungen, sie übernahm im 17. Jahrhundert den vormaligen Gottesthaler Hof. Die aus Malmedy zugewanderte Familie Cunibert begründete das örtliche Gerbereigewerbe und hatte außerdem zeitweilig das Oberschultheißen- und das Kranmeisteramt inne.

Mit dem seit 1549 erwähnten Oestricher Kran besaß auch das Mittelamt seit der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts Kranrechte, nachdem seit dem Mittelalter bereits in den Amtsbezirken Eltville, Rüdesheim und Lorch Kräne bestanden. Der Oestricher Kran, zunächst als Schiffskran, zuletzt 1744 als Landkran neu errichtet, war von höchster wirtschaftlicher Bedeutung für den Warenhandel. Neben der Verladung der vorwiegend rheinabwärts exportierten Weinfässer u. a. aus Eberbacher Erzeugung diente er auch dem Löschen der Rückladungen, die aus Baumaterial, Nahrungs- und Konsummitteln aller Art bestanden. Verantwortlich für Betrieb und Einnahme der Krangebühren war der Kranmeister mit Amtssitz im Mauthaus auf dem Marktplatz neben dem Rathaus.
Am Pfingstbach sind 1671 vier Mühlen aufgeführt, wovon eine dem Haus Vollrads, die andere dem Kloster Gottesthal, die dritte Heinrich Störzels, die vierte Johann Hupperts gehörte. Die Aue Käsbrett gehörte teils dem hohen Domstift Mainz, teils dem Kloster Eberbach.

Bestimmender wirtschaftlicher Faktor war immer der Weinbau; 1988 gab es noch 79 Weinbaubetriebe im Ortsbereich. Daneben waren als weitere örtliche Gewerbe 1651 u. a. Wollweber und Löher ansässig, daneben auch eine Brauerei. Kleinere Fabriken entstanden seit Ende des 18. Jahrhunderts. 1861 wurde im Gebiet Kläuerchen die Chemische Fabrik Koepp gegründet und entwickelte sich, seit 1880 an ihrem neuem Standort am Rheinufer, zum größten Oestricher Industriebetrieb.

In Oestrich gab es einen Betraum für die jüdischen Bewohner, zuletzt im Hinterhaus von Eduard Rosenthal, Kranenstraße 21. Seit 1840 wurde in Oestrich jüdischer Gottesdienst gehalten, seit 1849 mit obrigkeitlichem Wissen. Das damals genutzte Gebäude soll sich im Hof eines Privathauses befunden haben und Ende der 1920er wegen Baufälligkeit abgebrochen worden sein. Bis etwa 1937 nutzten die Oestricher Juden dann eine angemietete Scheune in der Hallgartener Straße 6. Der Bestand einer Mikwe, die sich nach mündlicher Überlieferung im Haus Markt 15 befunden haben soll, konnte bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Ortsentwicklung - historisches Ortsbild
Die Siedlung entstand dort am Flussufer, wo die Pfingstbachmündung einen Schwemmkegel bildet, dessen am weitesten in den Rhein vorgeschobenen Punkt der Standort des Kranes einnimmt. Der heute aus dem Ortsbild verschwundener Solderbach bildete die östliche Grenze der Bebauung. Im Gegensatz zu den uferparallel weit ausgedehnten Siedlungen Winkel und Mittelheim zeigt Oestrich eine kompakte, sich eher ins Land hinein erstreckende Siedlungsfläche mit relativ kurzer Uferlinie. Diese Ortstruktur mit ihrem zentralen Marktplatz wird in der Literatur als Beleg für eine frühe Entstehung - zumindest vor Winkel und Mittelheim – angesehen, was nicht unwahrscheinlich ist und auch durch das Alter und die Bedeutung der Oestricher Pfarrkirche unterstützt wird. Diese nimmt, ähnlich wie in Eltville, eine zentrale Lage zwischen Marktplatz und ehemaligem Herrenhof (? Burg) ein.

Weitere, teilweise ehemals recht umfangreiche Höfe bilden das Grundgerüst des Ortsgrundrisses mit seinen organisch gewundenen, zum Rhein hin verlaufenden Gassen und den durch den Pfingstbach vorgegebenen Freiräumen und Wegeverläufen. Ein mittelalterlicher Ortsbering mit Befestigung ist nicht mehr eindeutig wahrnehmbar und hat in einheitlicher Form wohl auch nicht bestanden. Dagegen zeigen Höfe und Hausbezirke wie etwa der Kirchhof Reste alter Ummauerungen.
Mittelalterliche Bausubstanz findet sich – wenn auch nur in spärlichsten Resten im Bereich des ehemaligen Stabeloer Hofes – auch nördlich der zentralen Verkehrsachse Rheingaustraße.
Das Ortswachstum nach 1800 bewegte sich nach Norden. 1822 wurde der Friedhof an den nordwestlichen Ortsrand verlegt. Das am Pfingstbach nordwestlich außerhalb des Ortes gelegene erste Fabrikationsgelände der chemischen Fabrik, später Standort des St. Clemenshauses, förderte ein Ortswachstum in diese Richtung. Die Siedlungsfläche dehnte sich zur Bahnlinie von 1856 und darüber hinaus aus, wo in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen den alten, in die Feldgemarkung führenden Wegen Mühlweg und Kuhweg (Römerstraße) eine kleinteilige Blockbebauung mit geradlinigem Straßenraster entstand, von dem ausgehend sich großflächige neuere Wohngebiete in die umgebenden Weinbergslagen ausbreiteten.

Ortsansichten des 19. Jahrhunderts zeigen Oestrich als kompakte Ansiedlung um den dominanten Kirchturm, umrahmt vom üppigen Grün der parkartigen Gartenanlagen der Landsitze Burg und Rheinallee. Im direkten östlichen Anschluss lagerte sich hier nach 1880 das Industriegelände der chemischen Werke Rudolf Koepp an, wodurch bis heute und auch zukünftig diese bevorzugte Rheinuferlage als Gewerbezone ein für alle mal festgelegt erscheint. Nördlich der Fabrik erstreckt sich eine wohl gleichzeitig entstandenes Reihe gleichartiger Arbeiterwohnhäuser entlang der Rheingauer Straße; auch das dahinter gelegene Quartier an der Hallgartener Straße besteht aus kleineren Haus- und Hofformen des späten 19. Jahrhunderts.
Nicht unerhebliche Schäden hinterließ der Zweite Weltkrieg; durch Bombardierung 1945 entstanden im Ortskern, besonders im Bereich Rheingauer Straße, Marktstraße und Zehnthofstraße Verluste.

Die Uferzone, ein der Bebauung vorgelagerter Grünstreifen mit Leinpfad, der wie in den benachbarten Orten als Bleichwiese diente, erlebte durch die Rheinstromregulierung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Veränderungen und wurde danach parkartig mit Baumpflanzungen und Anlagen gestaltet. Eine mächtige Ulme erinnert noch an das Rüsterrech, eine 1692 hergestellte, von mehreren Bäumen bestandene Verteidigungsanlage. Jüngeren Datums ist die Ausweitung der Uferzone für die Durchführung der Rheinuferstraße (B42 neu), die als Barriere nun den Ort vom Fluss abtrennt und damit auch die optisch-räumliche Verbindung zum Rheinkran unterbindet, dem einstigen Garanten wirtschaftlicher Prosperität. Gewissermaßen „auf verlorenem Posten“ fristet dieses Wahrzeichen der Stadt nun jenseits des Verkehrsstroms sein Dasein.

Eine Schwerpunktverlagerung der allerjüngsten Vergangenheit bedeutete die Etablierung eines neuen Rathauses der Gesamtstadt (Bürgerzentrum) am äußersten westlichen Siedlungsrand unmittelbar an den Weinbergslagen, wodurch der alte Ortskern am Marktplatz seiner angestammten Zentrumsfunktion endgültig beraubt wurde.
Nördlich der Siedlung Oestrich zieht sich das Pfingstbachtal mit seiner Mühlenreihe bis zur bewaldeten Höhe. Wohl seit der dortigen Ansiedlung des vormaligen Mittelheimer Klosters St. Ädigius im frühen 12. Jahrhundert führte es den Namen Gottesthal. Neben den teilweise durch das Kloster gegründeten Mühlen prägen als weitere Relikte der einstigen Klosterwirtschaft noch einige alte Weinbergsmauern diesen Distrikt.

Gesamtanlagen nach HDSchG
  • Gesamtanlage Alter Ortskern
  • Gesamtanlage Rheingaustraße

(Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 2013)

Literatur

Söder, Dagmar / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) (Hrsg.) (2013)
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen: Rheingau-Taunus-Kreis I. (Altkreis Rheingau). Wiesbaden.

Ortschaft Oestrich

Schlagwörter
Ort
Oestrich-Winkel - Oestrich
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege, Archäologie, Denkmalpflege, Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten, Literaturauswertung, Geländebegehung/-kartierung, Fernerkundung
Historischer Zeitraum
Beginn 1174
Koordinate WGS84
50° 00′ 20,35″ N, 8° 01′ 45,13″ O / 50.00565°, 8.0292°
Koordinate UTM
32U 430434.64 5539710.81
Koordinate Gauss/Krüger
3430481.91 5541487.33

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„Ortschaft Oestrich”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/P-CU-20091103-0004 (Abgerufen: 23. September 2017)
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